entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 35:
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Theres Flury, *1966 in Zürich. Studium der Germanistik und Theologie in Zürich, 1996 - 97 Lehrauftrag für deutsche Sprache und Literatur in Nowosibirsk, seit 2001 wissenschaftliche Bibliothekarin an der Stiftsbibliothek in St.Gallen. Pendelt mit Kopf, Füssen und Herz (nicht immer koordiniert) zwischen St.Gallen, Zürich und Sibirien.

Theres Flury

Mittelalterliche Schreibfabrik
Werkstattspionage im St.Galler Skriptorium


In illo tempore Maria Magdalena et Maria Iacobi et Salome emerunt aromata ut venientes unguerunt Iesum – Zu Ende und Anfang des liturgischen Jahrkreises wie überhaupt des Christentums steht das Staunen der Marien und Salomes vor dem leeren Grab. Mit Gewürzen und Ölen schickt der Evangelist Markus die Frauen nach Golgatha, den Gekreuzigten zu salben; sie finden jedoch den Stein weggewälzt, das Felsengrab verlassen. In diesem Moment des transzendentalen Angedonnertseins beginnt das große kulturgeschichtliche Warten des Abendlandes. Die Zeit zwischen einem irdischen Jetzt und einem heilsgeschichtlichen Dann, der erhofften Wiederkehr des Erlösers, dehnt sich allerdings und unerwartet so sehr, dass sie zunehmend organisiert und gestaltet sein will. Man beginnt, sich im Warten einzurichten, es zu erzählen, zu deuten, gedanklich zu durchdringen, zu durchzweifeln auch, man behilft sich damit, die lange Weile zu lehren und kunstvoll auszugestalten.

In illo tempore Maria Magdalena lässt 900 Jahre später eine der Zierseiten einer kostbaren St.Galler Klosterhandschrift die österliche Geschichte des furchtsamen Erkennens erneut staunend zu Wort kommen. Kaum scheinen Gold und Silber vornehm genug, den Mariennamen, und sei es auch nur den der Namensvetterin, angemessen zu nennen. Als in sich verflochtenes Monogramm meditieren die Schriftzeichen ihre verweisende Bedeutung: Zwölfköpfig verschlingt und bringt sich der Buchstabe M in rundem Doppelbogen zugleich selber hervor, gestützt und gezwungen in seinem mittleren Abstrich durch eine rankende I-Flechte, die beiden blütentreibenden A symmetrisch bergend und umschließend, das verspielte Blattwerk des R-Buchstabens schließlich eingefügt zwischen die beiden Bogenrundungen wiederum des Ms. In der Seite 55 des nach seiner mutmaßlichen Stifterin benannten Gundis-Evangelistars ist uns eines der zahlreichen Zeugnisse frühmittelalterlicher Initialkunst und klösterlichen Schreibkönnens erhalten geblieben.

Und wie, fragt man sich angesichts solch verspielter Frömmigkeit, solch aufwändiger Kunstfertigkeit und leuchtender Farbenpracht, sollte man nun dazu kommen, im Hintergrund eines Schrifterzeugnisses wie des Marienmonogramms des Gundis-Evangelistars eine «Schreibfabrik» zu denken?

Ach, meine Hand! Dass man sich ein klösterliches Skriptorium im Mittelalter wohl weder in St.Gallen noch anderswo als in erster Linie gemütliche, behagliche Stube vorzustellen hat, bezeugen sparsam überlieferte, dafür umso aufschlussreichere Schreibersprüche, die da und dort den Texträndern beigefügt sind. Da werden raues Pergament und schlechte Tinte gerügt, die der Arbeit ein Ende bereitende Dunkelheit herbeigesehnt, die winterliche Kälte beklagt. Das Handwerk eines Skriptors und die Fron eines Ackergauls erscheinen nicht unähnlich: hart ist es, den Hals zu beugen und die Seiten drei Stunden lang zu pflügen. Ein anonymer Schreiber aus dem 8. Jahrhundert seufzt unmissverständlich: O quam gravis est scriptura! Wer nicht zu schreiben wisse, glaube nicht, dass dies Arbeit sei. Aber: Es trübt die Augen, quetscht die Nieren und bringt allen Gliedern Qual. Drei Finger schreiben, der ganze Körper leidet.

Mit dem Ende der griechisch-römischen Antike setzte im Süden ein kontinuierlicher, im Norden ein abrupter Abbruch der Schriftlichkeit in fast allen Bereichen des Lebens ein, es begann ein Umwälzungsprozess von einer hoch entwickelten Schriftkultur mit für breite Schichten öffentlich zugänglichen Bildungseinrichtungen zur Wissensvermittlung hin zu einer vorwiegend mündlich organisierten Agrargesellschaft. Die weit verbreitete Laienbildung verschwand außerhalb Italiens nahezu vollständig. Im 8. Jahrhundert konnte selbst Karl der Große, der große Förderer der Buchkultur, vermutlich kaum mehr schreiben. Die Schriftlichkeit ging über in die Hände der Geistlichkeit, Klöster wie Fulda, Reichenau oder St.Gallen wurden zu wichtigen Zentren der Schreib- und Malkunst und der Überlieferung christlich-antiker Bildung. Bereits Mitte des 6. Jahrhunderts hatten zwei Klostergründungen in ähnlicher Weise, wenn auch in ganz verschiedener Intention diese Entwicklung kanalisiert. Cassiodor, ein hoch gebildeter römischer Gelehrter, bekleidete unter dem Ostgotenkönig Theoderich hohe Ämter, bevor er sich aus dem Staatsleben in die kalabrische Einsamkeit zurückzog. Mit dem Kloster Vivarium gründete er ganz bewusst einen Ort, an dem durch gezieltes Abschreiben antikes und frühchristliches Schrifterbe gesammelt und vor dem Verdämmern in einer auf anderes rechnenden Zeit bewahrt wurde. Nur wer über wissenschaftliche Bildung verfügt, so Cassiodor, ist imstande, die Heilige Schrift zu deuten. Demgegenüber stand für Benedikt von Nursia, dem Gründer des Benediktinerordens, weniger das Studium als mehr das asketische Leben im Vordergrund. Dennoch sieht auch er für die Mönche in Monte Cassino die kontemplative Lektüre vor. Die Klosterregel bestimmt täglich festgelegte Zeiten für die heilige Lesung, insbesondere während der Fastenzeit ist jeder Mönch gehalten, ein ihm zugewiesenes Buch nach Möglichkeit von Anfang bis Ende ganz durchzulesen. Eine solche Forderung jedoch setzte in den Benediktinerklöstern eine Bibliothek voraus; in einer vorwiegend schrift- und buchlosen Umgebung wiederum bedeutete dies zugleich das Vorhandensein einer klostereigenen Schreibwerkstätte – denn wo hätte man sich die vorgeschriebene Literatur beschaffen können?

Wahren Glauben hat nur, wer die richtige Weisheit besitzt, deren Voraussetzung aber war die korrekte Textform. Diesem Gedanken verpflichtet stellte Karls des Großen Reformprogramm, welches das gesamte staatliche und geistige Leben erfasste, höchste Ansprüche an Abschriften und Übersetzungen. Die Bemühungen richteten sich dabei in erster Linie auf die Reinigung der Texte von Irrtümern und Abschreibfehlern, die sich im Lauf der Zeit eingeschlichen hatten. Mangelhafte Lateinkenntnisse, Unkonzentriertheit während der ermüdenden Abschreibtätigkeit, Unkenntnis der Materie schlugen sich in Unebenheiten und Fehlern nieder. Unter Umständen fädelten sich solche Irrtümer weiter oder potenzierten sich im schlimmeren Fall sogar: Wenn, was nicht selten vorkam, dieselbe oder eine andere Hand den Fehler am Rand vermerkte und kommentierte, ein späterer Kopist jedoch die Glosse kurzerhand in den Lauftext integrierte, war die Verwirrung perfekt. Bis Mitte des 8. Jahrhunderts war zudem eine Vielzahl von Schrifttypen in Gebrauch, von denen durchaus nicht alle lesbar waren. Die karolingische Schriftreform, die nicht zuletzt politische Intention hatte, glättete die regionalen Uneinheitlichkeiten, entwirrte die persönlich geprägten Verkrautungen, wie sie im wilden Schriftbild etwa eines um 760/70 in St.Gallen bezeugten Schreibers Winitharius vorkamen, vereinheitlichte die Verwendung von Abkürzungen und systematisierte den gleichzeitigen Gebrauch verschiedener Schriften in demselben Dokument. Es bildete sich ein gezügelter, ruhiger Schrifttyp heraus, der leicht zu lesen, leicht zu lernen und in seiner runden Klarheit zugleich äußerst dekorativ war. Die disziplinierte Einheitlichkeit der so genannten karolingischen Minuskel forderte vergleichsweise begrenzte kalligraphische Fertigkeiten, was die Anlernung einer breiteren Schicht von Schreibkräften ermöglichte, die in kurzer Zeit eine große Zahl von Büchern herstellen konnten. Umgekehrt gingen der vermehrte Bücherbedarf und die gesteigerte Buchproduktion in karolingischer Zeit aber zugleich einher mit zunehmender Schreibkompetenz und erhöhtem Schreiberniveau, was wiederum eine gezieltere und formalisiertere Skriptorenausbildung in den Klöstern annehmen lässt. Spuren solchen Schreibtrainings finden sich in den mitunter den Kodizes vorgebundenen Federprobenblättern, auf denen der Schreiber Striche, Buchstaben, Silben und schließlich Verse mit allen Buchstaben des Alphabets übte.

Schreiben wurde als Handwerk verstanden, was vielleicht die sonderbare Tatsache erklärt, dass man die beiden Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht als wesensverwandt auffasste: War jemand des Schreibens unkundig, hieß das noch lange nicht, dass er nicht äußerst belesen sein konnte. Genauso wie der Rubrikator und der Illuminator war auch der Skriptor für eine ganz bestimmte Produktionssequenz im Entstehen einer Handschrift verantwortlich.

Wie eine klösterliche Schreibwerkstatt – beispielsweise diejenige in St.Gallen – ausgesehen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, jedoch mit einiger Wahrscheinlichkeit rekonstruieren. Auf dem um 820 entstandenen Idealplan der Klosteranlage, der minutiös sämtliche Gebäude bis hin zum Gänsestall und dem Aderlasshaus verzeichnet und beschriftet, sind Skriptorium und Bibliothek im nordseitigen Winkel zwischen Ostapsis und Querschiff der Basilika vorgesehen. Ob dieser Standort des zweistöckig gedachten Gebäudes der Realität entsprach, wissen wir nicht: Die Unterbringung des Bücherspeichers im Obergeschoss ist sicher sinnvoll, die Lage der Schreibwerkstatt im feuchteren, gegen Norden ausgerichteten Untergeschoss scheint von den Licht- und klimatischen Verhältnissen her weniger komfortabel. Es muss davon ausgegangen werden, dass zur Arbeit in erster Linie das Tageslicht genutzt wurde, der Klosterplan sieht denn auch sieben an die Außenfenster gerückte Schreibpulte vor. Das Arbeiten abends oder nachts bei Öl- oder Talglicht war allerdings nicht immer vermeidbar, dann beispielsweise, wenn eine für die Bibliothek zu kopierende Vorlage nur für kurze Zeit während des Aufenthaltes eines fremden Mönchs im Kloster zur Verfügung stand. Die Schreibpulte waren in starker Schräglage konstruiert, geschrieben wurde, wie mittelalterliche Schreiberbilder nahe legen, in ganz oder halb sitzender, aber auch stehender Haltung. Zu den Utensilien, die ein Skriptor zur Hand haben musste, gehörten Kielfedern, Feder- und Radiermesser, Pinsel, Bimsstein, Tinten- und Farbschälchen, Zirkel und Zeichenstift, diverse Pigmente zum Anrühren von Tinten und Farben, Gummi arabicum, Eiweiß und Eigelb, Honig, Wein oder Essig, Fischleim und Goldstaub. Auf einem großen Tisch, den der Klos-terplan von allen Seiten zugänglich in die Mitte des Raumes rückt, lagen die Schaf-, Ziegen- und Kalbshäute zum Nachschleifen, Zuschneiden und Linieren bereit.

Die Produktionsabläufe waren effizient durchorganisiert: Beschrieben wurden zunächst vorlinierte und rechteckig beschnittene Einzel- oder Doppelblätter, die anschließend zu Lagen geheftet und schließlich zum Buchblock zusammengebunden wurden; so genannte Reklamanten kennzeichneten die Übergänge und verhinderten das falsche Zusammenfügen der Lagen.

Der Schreiber markierte den Titel und die Abschnitthervorhebungen, die der Rubrikator anschließend mit roter Tinte (lat. ruber: rot) nachführte. Einen eigenen Arbeitsgang bildete die Illumination, die kunstvolle Ausschmückung der Initialen, die Beifügung von Miniaturen. Zum Schutz der Pergamentseiten wurde der Buchblock schließlich zwischen zwei Holzdeckel gefügt und verpflöckt. Wenn auch die Vorlagen, die abgeschrieben werden sollten, ausgebunden und in ihre Lagen zerlegt wurden, konnten gleichzeitig mehrere Schreiber an demselben Werk arbeiten; die Abschreibzeit verringerte sich, beziehungsweise die Zahl

der Kopien konnte vermehrfacht werden. Wenn wir die durchschnittliche Tagesproduktion einer Schreiberhand bei vielleicht drei bis maximal fünf Seiten ansetzen, diese – je nach Größe – umrechnen auf die dazu benötigten ein bis zwei Schafe, wertvolle Farbstoffe wie Lapislazuli, Safran, Purpur, Gold und Silber mit berücksichtigen, erhalten wir bei voll besetztem Skriptorium pro Jahr sowohl einen imposanten Ressourcenbedarf als auch einen beachtlichen Buchausstoß, selbst dann, wenn wir längst nicht von 365 Arbeitstagen ausgehen können.

Arbeitsteilung, sequenziell organisierte Produktionseinheiten, rationelle und optimierte Werkabläufe, Klagen über klamme Finger und steife Glieder - wir blicken überrascht in eine Fabrik. Oder doch nicht ganz? Der tayloristische Werkarbeiter des 19. Jahrhunderts ist auf eine Weise in den Arbeitsprozess eingegliedert, dass er die Gesamtproduktionseffizienz maximal steigert, er aber zugleich das Ganze nicht überblicken und dadurch zwangsläufig nicht eigentlich Sinn unmittelbar aus seinem Tun herauslesen kann. Seine Motivation ist extrinsisch über ein Entlöhnungssystem gesteuert, Sanktion und Belohnung hängen mechanistisch mit seiner Arbeitseffizienz zusammen. Nicht so beim mittelalterlichen Skriptor. Er wirkt im buchstäblichen Sinn des Wortes für Gotteslohn, wobei sein Tun an sich sinnbehaftet ist, und sei dieses Tun auch nur das Ausmalen des linken oberen Bogenschwungs im M-Buchstaben des Mariennamens.

Mittelalterliches Schreiben hat Gebets-, Beschwörungs- und Zauberkraft; im klösterlichen Umfeld war es Teil der monastischen Disziplin, Meditatio und Gottesdienst. Cassiodor sah in jedem geschriebenen Wort einen Schlag gegen den Teufel, der spanische Theologe Beatus von Liébana setzte die Buchstaben der Heiligen Schrift mit dem Leib Christi gleich, der im Schreiben, Lesen und Hören gegessen wird. Selbst den einzelnen Buchstaben wird symbolische Bedeutung zugedacht: Die drei Striche des A etwa verweisen auf die Trinität, die doppelte Ansetzung des B steht für den alten und den neuen Bund der beiden Testamente, besondere Schutzfunktion kommt dem kreuzförmigen

T zu. So gesehen ist es verständlich, dass beim Schreiben möglichst keine Fehler unterlaufen durften, sie bargen Gefahr und waren Gotteslästerung.

So gelesen erhält auch die Diebsverwünschung, die häufig einem Buch beigefügt wurde, hohe Wirkkraft. Wer immer, heißt es am Ende eines um 850 in St.Gallen entstandenen Psalteriums, es auch stehlen sollte, werde mit 1000 Geißelhieben bestraft, und durch Gottes Gericht soll ihm die Pest in den Leib fahren.

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