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Marcel Eggler, *1965, lebt in Zürich. Studium der Germanistik und Romanistik in Zürich, Mexico City und Lissabon. Arbeitet als Dozent an der Fachhochschule Winterthur (ZHW).
Marcel Eggler
Die Argumentationsfabrik
Der Präsident eines reichen, mächtigen Landes will, einem Impuls folgend, dem schrecklichen Diktator eines armen und viel weniger mächtigen Landes den Garaus machen. Er könnte den Diktator durch einen seiner Geheimdienste ermorden lassen, aber er besinnt sich auf ein anderes: Er will Krieg gegen den Diktator führen. Oder genauer: Krieg gegen dessen Land und Volk, denn gegen einen Diktator allein kann man ja nicht Krieg führen.
Weshalb der Präsident des reichen Landes diesen Impuls hat, ist unbekannt. Es gibt Leute, die glauben, dass sich der Präsident in seinem Handeln nicht nur von den eigenen Impulsen leiten lasse, sondern maßgeblich auch von denjenigen seiner Berater. Welchen Impulsen diese aber folgen, ist ebenfalls unbekannt, und zwar nicht nur der Weltöffentlichkeit, sondern auch dem Präsidenten und seinen Beratern selbst. Wobei hinzuzufügen ist, dass diese Leute vermutlich schon glauben, sie würden ihre Motive kennen aber spätestens seit Sigmund Freud wissen wir, dass die Menschheit die Rationalität ihres Handelns maßlos überschätzt. Dass der homo sapiens nicht «Herr im eigenen Haus» ist, sondern maßgeblich von seinem Unbewussten gesteuert wird. Wir können wohl davon ausgehen, dass die Einschätzung des Wiener Nervenarztes zutrifft.
Der Präsident und seine Berater, wild zur Schlacht entschlossen, haben nun ein Problem. Sie wissen, dass Kriege gerade wenn eine mächtige Nation sie führt von der Weltöffentlichkeit als etwas Begründungspflichtiges angesehen werden. Dass man der Welt also irgendetwas erzählen muss, wenn man seine Soldaten gegen ein fremdes Land zu Felde ziehen lässt. Dass man Sätze machen muss, die sich grob gesagt auf die logische Form P, weil Q reduzieren lassen. Wobei P für das Begründungspflichtige steht und Q für eine möglichst schlagkräftige Begründung.
Wer andere von etwas überzeugen will, muss Texte produzieren, in denen Aussagen der Art P, weil Q gehäuft vorkommen er muss, wie man im Volksmund sagt, argumentieren, oder etwas elaborierter, er muss einen rationalen Diskurs führen. In solchen Diskursen kämpfen alle Beteiligten
mit gleich langen Spießen, es herrscht der «eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Argumentes» (Habermas 1972: 161). Die Argumentation tritt an die Stelle der nackten Gewalt; am Schluss der Auseinandersetzung ist P auf argumentativem Wege bestätigt oder zurückgewiesen. Und das will die Welt, wenn eine Nation in den Krieg zieht: Sie will wissen, ob der auf P Dieser Krieg ist nötig! erhobene Geltungsanspruch argumentativ einlösbar ist. Die Welt will einen rationalen Diskurs über die Frage: P oder nicht P?
Der Präsident und das weiß im Grunde jeder hat keine große Lust, einen rationalen Diskurs zu führen. Denn er und seine Entourage haben Macht, sehr viel Macht. Und Leute mit Macht betrachten P als gesetzt, sobald in ihren Gehirnen der Impuls,P zu tun, ausgelöst worden ist Q braucht es ihrer Ansicht nach gar nicht. Und eigentlich verabscheut der Präsident auch die intellektuelle Mühsal, welche die Suche nach Argumenten immer bedeutet. Aber er weiß natürlich, dass er schon aus Imagegründen wenigstens so tun muss, als fände ein Diskurs statt; er will nicht den Zorn der ganzen Welt auf sich ziehen, denn das könnte ihm und seinem Land mehr schaden, als man denkt. Also erfindet er einen Diskurs.
Oder besser: Er lässt einen Diskurs erfinden. Er braucht sich natürlich nicht selbst um die Ausarbeitung des Argumentariums zu kümmern. Dafür gibt es die Fabrik. Die Argumentationsfabrik. Diese Fabrik ist eine Fabrik wie jede andere nur dass dort Q hergestellt wird, und zwar in rauen Mengen. Sie besteht aus einer riesigen Haupthalle sowie aus diversen daran angrenzenden Nebenhallen, die untereinander und auch mit der Haupthalle durch zahlreiche Gänge verbunden sind. In der großen Halle wird das Hauptargument hergestellt; wuchtige Maschinen hämmern und stampfen dort vor sich hin und erzeugen pausenlos das Basis-Argument, auf das die Regierung setzt: Q-1.
Was ist Q-1? Q-1 ist ein diskursives Grundmuster und als solches in jeder modernen Argumentationsmaschine fix einprogrammiert. In konkreten Fällen müssen der Anlage lediglich die aktuellen Daten eingespeist werden, und nach wenigen Minuten pumpt die Maschine die auf die Problemlage zugeschnittenen Argumentationsversatzstücke aus. Die Grundformel von Q-1 ist von großer semantischer Weite und lautet: Wenn von zwei Übeln eines das kleinere und das andere das größere ist, dann ist das kleinere Übel dem größeren vorzuziehen. Auf dieser Grundlage kann man alle möglichen Notstands-Argumentationen führen; eine Notlüge lässt sich damit ebenso rechtfertigen wie ein Akt der Notwehr, und auch einen Angriffskrieg kann man als «Notkrieg» verkaufen, mit dessen Hilfe man ein sonst eintretendes größeres Übel von der Menschheit fernzuhalten gedenke.
Q-1 ist ein einigermaßen rationales Argument, welches auf viele Menschen in der Welt sehr überzeugungskräftig wirkt. Jeder, den es nach aggressivem Handeln gelüstet, setzt darauf, auch der Präsident. Niemand nicht einmal der Präsident würde je territorialen Zuwachs, ökono-mische Gewinne oder Rache als Rechtfertigung für einen Krieg anführen. Solche Pfade sind im System blockiert; keine Maschine wäre imstande, sie zu beschreiten. Alle Maschinen in der Haupthalle generieren nur Q-1.
Wer aber auf Q-1 setzt, hat den Diskurs noch lange nicht für sich entschieden. Denn so triftig diese Argumentation erscheinen mag, sie bietet dem Diskursgegner mannigfaltige Angriffsflächen. Dieser kann zum Beispiel kommen und sagen, dass das behauptete größere Übel (die Diktatur) in Wahrheit das kleinere sei und umgekehrt, dass das behauptete kleinere Übel (der Krieg gegen die Diktatur) bei Licht betrachtet das größere sei. Um diesem Gegenargument zuvorzukommen, versucht die Fabrikleitung mit allen Kräften, den so genannten body count für sich zu entscheiden. Sie generiert mit Hochdruck Daten, welche der Welt plausibel machen sollen, dass am Ende der Rechnung die Zahl der Kriegstoten kleiner sein werde als die Zahl der Diktaturopfer. Das ist mit Problemen verbunden, denn dieser Argumentationsgang bewegt sich ganz im Reich des Hypothetischen. Einen realen body count, der Q-1 definitiv stützen würde, kann es aus logischen Gründen gar nicht geben: Stürzt man den Diktator, weiß niemand, wie viele Opfer seine Diktatur noch gefordert hätte; stürzt man ihn nicht, das heißt, führt man keinen Krieg gegen ihn, weiß einleuchtenderweise auch keiner, wie vielen Menschen der Krieg das Leben gekostet hätte. Aber selbst wenn alle Zahlen auf dem Tisch lägen, wäre der body count sinnlos. Er käme zu spät, dann nämlich, wenn die Frage nach Krieg oder Nicht-Krieg bereits entschieden ist und es der Zählerei nicht mehr bedarf. Er wäre ein argumentatives Hysteron-Proteron.
Also bleibt der body count ein hypothetischer body count; er funktioniert auf der Basis von statistischen Daten, aus denen sich per Analogie Prognosen ableiten lassen. Für solche Daten gibt es natürlich im Diskursraum eine gewaltige Nachfrage, deshalb ist in der Fabrik eine Nebenhalle, die so genannte Statistik-Halle, eigens für die Erzeugung dieses Zahlenmaterials reserviert. Zur Produktepalette aus der Halle Q-2 gehören argumentative Bausteine wie: Der Diktator hat in den vergangenen zehn Jahren x-tausend Menschen umgebracht, ergo wird er in den nächsten zehn Jahren wieder x-tausend Menschen umbringen, ergo ist er das größere Übel und muss mittels des kleineren Übels Krieg beseitigt werden. Es gibt Menschen, die man mit solchen Denkmustern zufrieden stellen kann das ist auch manchen Fernsehstationen und Zeitungsredaktionen in aller Welt nicht entgangen. Diese fungieren als eigentliche Zwischenhändler und proliferieren Q-2 in ihren Talkshows und Postillen.
Aber mit Q-2 allein kann man die Theorie vom größeren Übel der Diktatur noch nicht ausreichend stützen; viele halten die statistische Argumentation für zu hypothetisch und zu eindimensional. Der Präsident und seine Manager setzen deshalb auf Produktdiversifizierung, die zukunftsweisende Strategie auch in der diskursiven Marktwirtschaft. Jüngst investierte man in den Bau einer neuen Fabrikhalle, in der Q-3 erzeugt wird. Q-3 ist zwar nicht eigentlich eine Innovation es gab dieses Produkt beispielsweise schon vor zwölf Jahren, als der Vater des Präsidenten gegen denselben Diktator Krieg führte , aber es war natürlich nötig, das alte Argument dem Zeitgeist anzupassen und auf Hochglanz zu polieren. Hieß Q-3 vor zwölf Jahren noch: Der Diktator ist wie Hitler, der größte Schlächter aller Zeiten, so heißt es jetzt einfach: Der Diktator ist ein Teufel, ein Irrer, der die Menschheit oder zumindest die Menschen unseres Landes in den Abgrund zerren wird, wobei anzufügen ist, dass der Präsident die Begriffe Menschheit und Menschen unseres Landes oft synonym verwendet. Man kann nicht sagen, dass das Hitler-Argument heute völlig vom Tisch sei, ab und zu wird es neben dem Teufels-Argument oder zusammen mit diesem immer noch verkauft. Bei ge-
wissen Kunden setzt die Marketingabteilung nach wie vor auf die dem Hitler-Argument innewohnende Kraft der Ana-
logie. Grundsätzlich jedoch ist das Argument out, und zwar deshalb, weil der Diktator heuer nicht wie vor zwölf Jahren ein anderes Land überfallen hat, sondern still vor sich hindämmert und sich anderen Völkerrechtssubjekten gegenüber inoffensiv gebärdet. Der Hitler-Vergleich scheint ein Restposten zu sein, der im Stock Patina angesetzt hat und den man deshalb zu Schleuderpreisen an besonders naive Kunden abzustoßen versucht.
Das Argument gegen die Person des Diktators entfaltet seinerseits erst in Kombination mit weiteren Argumenten seine volle Wirkung. Ein Teufel ist erst wirklich gefährlich, wenn er im Besitz der Mittel ist, welche es ihm erlauben, seine diabolische Energie gehörig auszuleben. Es dürfte deshalb intuitiv einleuchten, dass die nächste Fabrikhalle, welche wir in unserem virtuellen Rundgang beschreiten, die Mittel-Halle ist. Die Mittel-Halle erzeugt nicht nur das Mittel-Argument Q-4, sie befindet sich auch in der Mitte der Fabrikanlage; sie ist zwar weniger groß als die Basishalle Q-1, aber sie ist von zentraler Bedeutung, und manch ein Arbeiter aus diesem Sektor behauptet voller Stolz, dass hier die eigentliche Diskurssubstanz hergestellt werde. Q-4 lautet im Kern: Der Diktator verfügt über schauderhaftes Kriegsgerät, das sich nur mit unserem hoch technologischen militärischen Apparat neutralisieren lässt.
Die ganze Belegschaft weiß oder ahnt es zumindest: Dieses Argument ist ein Produkt der Folgerichtigkeit. Es muss im Sinne der Gesamtargumentation hergestellt werden, ob sein Inhalt nun zutrifft oder nicht. Und da vieles darauf hindeutet, dass der Tyrann das furchtbare Kriegsgerät gar nicht oder nicht mehr besitzt, dass er lediglich noch der Oberbefehlshaber über eine völlig abgetakelte Armee ist, muss in der Mittelhalle gerackert und geschuftet werden, dass es dampft. Hunderte von Angestellten stehen dort an rauchenden Maschinen, und weiter hinten brüten in schummrigen Büros «vollzeitlich» Hundertschaften von «Gelehrten und Experten» (Born, Weltwoche 7/03) über der Frage, ob der Diktator nicht vielleicht doch eine Gefahr für die Welt sei. Wenn ein Versatzstück fehlt, wird es hergestellt oder draußen, zum Beispiel bei den Intelligenzbüros, bestellt; schon bestehende Einzelteile werden nach Bedarf zurechtgebogen, wenn nötig in Handarbeit; in Schichtbetrieb wird Tag und Nacht Puzzlestein um Puzzlestein zusammengetragen; im Akkord wird an Q-4 gebastelt. Wenn die Maschinen ihren Dienst versagen, hält ein Notaggregat die vitalen Funktionen des Sektors aufrecht. Jeder der hier Beschäftigten weiß, dass die ganze Kriegsargumentation ohne triftiges Q-4 wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen würde, dass die Existenz der Fabrik und damit die eigene von der Plausibilität dieses Arguments abhängt. Deshalb helfen sie alle mit, nach Maßgabe der systeminhärenten Logik eine neue Wirklichkeit zu konstruieren. Und sie verwerten, was ihnen zwischen die Finger kommt: Semesterarbeiten von Studenten, nie erfolgte Uranbestellungen in Afrika, Hinweise auf harmlose Aluminiumröhren und imaginierte Gaszentrifugen.
Um es kurz zu sagen: Sie stellen Lügen her, aber das macht nichts, denn der Auftraggeber ist der Präsident.
Verglichen mit der Mittel-Halle sind alle anderen Sektoren der Fabrik im Grunde subalterner Natur. So auch die Abteilung Q-5, die das Terrorismus-Argument herstellt. Hier ist nur ein kleines Häufchen von Teilzeitangestellten beschäftigt; manchmal wird in diesem Raum gar wochenlang überhaupt nichts produziert. Das Terrorismus-Argument behauptet einen Link zwischen dem Diktator und einer weltweit operierenden Organisation von Terroristen, die in der jüngeren Vergangenheit mit einer konzertierten Aktion von ungeheurer Zerstörungskraft die Nervenzentren des Landes trafen. Eine Zeit lang schien es, als ließe sich die Grausamkeit dieser Anschläge geschickt ins Kriegsmarketing des Präsidenten und seiner Fabrik einbauen; dann aber stellte sich heraus, dass sich dieser Schwindel noch schwerer halten ließe als die Kriegsgerät-Lüge Q-4, und schließlich entschied man sich, fast vollständig auf Q-4 zu setzen «aus Gründen der Praktikabilität» (NZZ am Sonntag, 22/03), wie der stellvertretende Kriegsminister
später ganz offen sagen wird. Das heißt freilich nicht, dass die Regierung ganz auf das Terrorismus-Argument verzichten würde. Einige Leute wollen Mustersendungen aus diesem Fabriksektor erhalten haben. Aber kaum einer ist bereit, für so ein fadenscheiniges Produkt etwas zu bezahlen und man hat den Eindruck, dass selbst der Präsident, der ohnehin immer leicht lächelt, noch etwas mehr lächelt, wenn er es der Welt zu verkaufen versucht.
Neben all den genannten Hallen gibt es in der Fabrik noch einen ganz besonderen Raum: die Q-6-Kapelle. Eine Produktionsstätte mit einer kleinen integrierten Kapelle haben wohl die wenigsten schon gesehen. Dass es so etwas aber gibt, beweist die Fabrik. Der Präsident persönlich sucht das lichtdurchflutete Kirchlein manchmal auf und meditiert darin ein bisschen. Freilich soll uns das nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass auch dort kräftig an der Propaganda gearbeitet wird. Die Kapelle dient indes weniger der Erzeugung von argumentativer Substanz als vielmehr der rhetorischen Überformung des Rohprodukts. Manch ein grober Klotz wird dort zur Marktgeschmeidigkeit zurechtgeschliffen und erhält sein ultimatives Design; vieles, was den Protest der Welt hervorriefe, wird mit religiöser Tünche überzogen. Aus einer Besetzung wird vor dem Jesuskreuz eine Befreiung; der Präsident, der sich im eigenen System an die Macht gemogelt hat, beschert dem fernen Land nicht Bomben, sondern Demokratie; was in den rußgeschwärzten Fabrikhallen noch ein kriegerischer Angriff war, ist nach dem Verlassen des Kirchleins ein Akt der Humanität; der Krieg als Ganzes präsentiert sich, frisch gestrichen, als God’s gift to humanity.
Der Präsident und die Fabrikleitung sind mit der Arbeit der Angestellten ziemlich zufrieden. Zwar hat die Weltöffentlichkeit erkannt, dass man ihr ein hochgradig inkohärentes Produkt verkaufen wollte, und sie zürnt darob dem Präsidenten. Aber das kümmert diesen wenig, ja, man wird das Gefühl nicht los, er mache sich lustig über die Welt, er biete ihr mit Absicht inferiore Ware an und versuche sie so zu demütigen. Wenn der Präsident aus dem Fabrikkirchlein tritt und lächelt, scheint es für einen Moment, als hätten sich das Seelenlose und das Absurde in einer Person vereint.
Literatur:
Habermas, J. (1972). Wahrheitstheorien. In: ders. 1984: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie
des kommunikativen Handelns. Frankfurt/M, 127 183.
Kopperschmidt, J. (1989). Methodik der Argumentationsanalyse. Stuttgart-Bad Cannstatt
(= Problemata 119).
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