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Monika Slamanig, *1963, lebt und arbeitet in St.Gallen als freischaffende Übersetzerin und Journalistin. Schreibt Gedichte und Prosa. Gewinnerin Literaturwettbewerb zur langen Nacht der kurzen Geschichten in Zürich; «entwürfe» 31, Oktober 2002; Werkbeitrag 2003 der Stadt St.Gallen für das Romanprojekt «Johann und die metaphysische Dimension der Mechanik».
Monika Slamanig
Corazón und der Regenbogenfisch
Dass es immer wieder Leute gebe, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., die aus anderer Leute Schicksal Profit zögen; sie habe die gestern am Bildschirm fuchteln sehen, die Witwe, und deren weiß Gott nicht schlecht ernährten arbeitslosen Sohn. Natürlich habe die Familie bis zu einem gewissen Grad die Krankheit des Vaters ertragen müssen, jedoch gelitten, im wörtlichen Sinn gelitten habe allein der Vater; und dabei sei es nicht einmal erwiesen, dass die Krankheit und der Tod als Spätfolgen der früheren Tätigkeit aufgefasst werden könnten, viele Menschen stürben heute an dieser Krankheit, nicht ausschließlich Fabrikarbeiter. Und sie verstehe nicht, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., wie Menschen eine weltweit tätige Firma aus purem Eigennutz in Verruf bringen, ja gar existenziell gefährden könnten durch kollektive Anschwärzung am Bildschirm, was man da aufs Spiel setze, alle diese Arbeitsplätze weltweit, das sei gewiss nicht im Interesse des verstorbenen Vaters, der für diese Firma immerhin sein Leben riskiert habe. Und, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., ...
… die Lage sei schon prekär genug, Herrgottnochmal, das Werk für Wochen, vielleicht Monate geschlossen, und die Geschädigten ..., sie habe sie gesehen, mit der verätzten Haut, den aufgetriebenen Augen, ihr selbst habe der Hals gebrannt. Und nun die alten Geschichten. Ein Skandal sei das. Sie habe diesen Vater gekannt, ihm wäre es nie in den Sinn gekommen, sein Leiden irgendwelchen undefinierbaren Dämpfen zuzuschreiben. Die angeblichen Sicherheitsmängel seien überprüft worden, da gebe es nichts ...
Aufhören! Schwester! Sie soll aufhören!
Ausgerechnet in ihrer Abteilung habe sich das Gas ausgebreitet, sagt Elena D., mit den vielen Ausländerinnen, die jammerten sonst schon wegen jeder Kleinigkeit. Es sei eine Zumutung, dass sie nun im gleichen Zimmer liege. Als Gruppenleiterin ...
Oh, heilige Jungfrau, wenn ich mehr Kraft hätte! Ich könnte sie erwürgen. Kann denn niemand diese Frau abstellen?
Finden Sie nicht, es riecht nach Fisch, Schwester? Rieche ich etwa so? Es muss dieser Ausfluss sein, diese Ausdünstung ..., ich bin damit aufgewachsen, wissen Sie. Meine Mutter arbeitete in der Fischfabrik. Ich konnte ihre schöne braune Haut waschen, soviel ich wollte, es gab nie genug Wasser, um den Geruch abzuspülen.
Von klein auf war ich oft bei den Fischtrögen gewesen. Ich stand in der Morgendämmerung am Strand, wenn die ersten Boote auftauchten, winzige Punkte am Horizont. Die Männer klatschten eimerweise Fische in die Tröge, silbrige zuckende Leiber, die Frauen schlitzten sie auf, der Saft quoll über ihre aufgeschwollenen Finger.
Als ich zwölf war, nahm Mamita mich mit in die Fabrik. Du bist jetzt groß, Cholita, sagte sie. Du musst mir helfen.
Wer ist verantwortlich für das, was geschieht, Schwester, der liebe Gott? Am Tag meiner Erstkommunion zeigte Mamita mir das Ozeanmuseum. Dort hing ein Bild mit einem Fisch ..., eine durchsichtige Haut hatte er, sie schimmerte in allen Regenbogenfarben, ich schwöre es, Schwester, wie wenn er statt Eingeweide Perlen im Bauch gehabt hätte, rötliche, grüne, bernsteingelbe Ketten. Ein Regenbogenfisch, sagte Mamita. Wer ihn leibhaftig sieht, ist von Gott auserwählt.
Die Fabrik kümmere sich um die Betroffenen, sagt Elena D. Aber man könne sie doch nicht haftbar machen für die Leiden sämtlicher Mitarbeiter, lebender oder toter. Sie habe mit dem Mann gearbeitet, dessen Witwe nun behaupte, er sei über Jahre hinweg giftigen Gasen ausgesetzt gewesen. Er habe geraucht wie ein Schornstein nicht nur in den Pausen und dementsprechend gehustet. Krebs sei schließlich ein weit verbreitetes Übel.
Die junge Frau dort, Schwester, wie weiß sie ist! Das silbergraue Kopftuch trägt sie Tag und Nacht. Sie rührt sich nicht, den ganzen Tag starrt sie zum Fenster hinaus, dorthin, wo sich über den Dächern ein Streifen Grün abzeichnet. Sehen Sie die regenbogenfarbenen Flecken auf ihrer Haut? Wie der Fischleib im Museum.
Wie Corazón.
Corazón kam kurz nach mir zu den Fischtrögen. Dürr war sie wie ein Rohrstock, blicklos und stumm, mit blauschillernder Haut. Sie bewegte sich wie eine ausgeleierte Puppe. Eines Morgens kippte sie um. Ich hob sie auf, ein wimmerndes Kind, ich blies ihr ins Gesicht. Sie öffnete die Augen, sie waren eisblau. Sie wisperte: Das Meer, sieh nur, wie grün, lass uns bis zum Himmel ..., fort fort ..., ich schüttelte sie, wiegte sie, küsste sie. Man trug sie weg, die Leute redeten, eine Fehlgeburt, sie sei beinahe ... Ich sah sie nie wieder.
Sie denken wohl, ich erzähle Märchen, Schwester. Warum tragen Sie eigentlich keinen Schleier? Ich wäre beinahe eine Nonne geworden wie Sie, das ist wahr. Meine Mutter hatte mich der heiligen Jungfrau versprochen. Wenn es bis zu meinem zwölften Geburtstag nicht herauskommt, dass mein richtiger Vater ... Ich hätte den Schleier nie abgelegt, bestimmt nicht.
An einem dieser Dorffeste ist es geschehen, an denen die Männer flaschenweise Agaveschnaps in sich hineinschütten, ins Zelt hinaufgehen, das jedes Jahr zum Fest auf dem Hügel aufgestellt wird, für die Huren aus der Stadt, oder sich an den Frauen im Dorf vergreifen. Wenn ich Ihnen sage, dass es der weiße Prediger war ... Sie haben Recht, es ist ungeheuerlich.
Es werde alles unsinnig dramatisiert, sagt Elena D. Natürlich sei es eine Katastrophe, wer denke bei der Herstellung von Vitaminen schon an Ammoniak, seit zwanzig Jahren sei sie in dieser Fabrik tätig, aber von toxischen Substanzen habe sie nie gehört.
Die freigesetzten Dämpfe könnten zu Erstickungsanfällen, inneren Blutungen und Krebs führen. Sie fräßen sich in die Schleimhäute, sie habe das im Fernsehen gehört, sagt Elena D. Die Fabrik sei verflucht knapp an einem Super-GAU vorbei ...
Glauben Sie, ich sterbe, Schwester? Wenn die Blutungen in den nächsten Tagen aufhörten, sei ich über den Berg, sagt der Arzt. Wenn nicht ...
In der Fischfabrik starb man an Lungenentzündung. Den ganzen Vormittag in der glühenden Sonne am Strand, später im Kühlhaus, Fische köpfen, die glitschigen Leiber abschaben, die Eingeweide herausschneiden, Hitze, feuchte Luft, Gestank, Schuppen an den Armen, im Haar, in den Mundwinkeln, aber Sie glauben es nicht, Schwester, die Frauen sangen und machten Witze. Gebt Acht auf die Fischeier!, sagten sie. Davon werde man schwanger. Ich hatte höllische Angst davor, wo es doch aus war mit dem Kloster.
Was ist die Wahrheit, Schwester?
Die Geschichte mit dem Prediger erzählte Mamita mir im Fieberdelirium. Der Mann, mit dem sie verheiratet war, war weg, ein Nichtsnutz und Säufer, ich konnte ihn nicht ausstehen. Es spielte keine Rolle mehr, dass meine Haut und Haare denen meiner Mutter nicht glichen. Als sie starb, roch sie nicht mehr nach Fisch.
Meine Mutter nannte mich Chola, wegen meiner olivbraunen Haut. Hüte dich vor den Männern, Cholita, sagte sie. Lass dir nichts aufzwingen.
In der Fabrik wurde ich zur Prostituierten. Keine von den Huren in den Zelten. Ich hatte meine helle Haut, die verkaufte ich nicht zu billig, das war ich meiner Mutter schuldig. Denken Sie nun schlecht von mir, Schwester? Einer der Fabrikaufseher hatte den Narren an mir gefressen. Eines Morgens fuhr er mit mir in die Stadt. Es war noch dunkel, ich hörte zum letzten Mal die Brandung, sah das Funkeln der Gischt und ein Meer von Sternen. Er brachte mich in eine Badeanstalt, man seifte mich ein, schnitt mir die Haare, wickelte mich in ein Stück Tüll und führte mich zu Doña Real. Sie war eine aufgeblasene Seebarbe mit langen Bartfäden, die sich auf dem Kragen ihres weinroten Samtkleides kräuselten. Ich lachte. Sie musterte mich und sagte: dritte Etage.
Früher sei man um jede Arbeit dankbar gewesen, sagt Elena D. Ein vernünftiger Mensch säge doch nicht am Ast, auf dem er sitze. Gestorben werde so oder so, das habe auch der Vater dieses Taugenichts stets gesagt. Zum Glück erlebe er nicht mehr, wie dieser sein Privatleben breitwalze.
Sie sei nur zur Beobachtung im Krankenhaus, sagt Elena D., sie renne nicht mit jedem Wehwehchen zum Arzt. Natürlich sei sie in ihrer Kabine geschützt gewesen, aber so schlimm könnten die Emissionen in der Halle nicht gewesen sein, sonst wäre der Alarm früher losgegangen. Es werde alles maßlos übertrieben.
Ich wurde eine begehrte Hure, Schwester, der heiligen Jungfrau sei Dank. Verurteilen Sie mich nicht deswegen. Es war die einzige Chance, von den Fischen wegzukommen. Der Gestank blieb, den brachten die Freier mit. Es war ein Fehler, dass ich mit dem Mann ging, der mich heiraten wollte. Er roch nicht, er war weiß, sanft und dankbar und wusch sich das Geschlecht, bevor er zu mir kam. Es war nicht die große Liebe, was wollen Sie. Und es dauerte nicht lange. Jetzt stecke ich hier fest. Chemiedämpfe für einen Hungerlohn, es ist eine Schande, Schwester.
Ein Unfall könne immer passieren, das sei Berufsrisiko, sagt Elena D. Die Hinterbliebenen der früheren Mitarbeiter sollten ihre Schandmäuler halten. Die seien davongekommen. Es wäre eine verdammte Schweinerei, wenn sie nun zu allem Unglück ihre Stelle verlöre. Wovon man nichts verstehe, darüber solle man schweigen. Das bringe sie auch denen im Krankenhaus bei. Diese Frauen neigten zur Hysterie.
Gestern hat die junge Frau mit dem Kopftuch zum ersten Mal den Mund aufgemacht. Sie stößt spitze Schreie aus, schnappt nach Luft, mir steht das Herz still, ich reiße mir die Schläuche aus dem Arm, bin bei ihr, sie verliert die Sinne, ich drücke sie an mich, die Haut über ihrem Bauch spannt sich wie ein aufgeblähter Fischleib, das Gesicht läuft rötlich-blau-grün an. Der Regenbogenfisch. Der Strich am Horizont, sieh nur die Weite, das Grün, das Meer, sieh nur, Corazón, stirb nicht.
Sie haben mich ans Bett gebunden! Meine Zimmernachbarin Elena D. ..., ich sei ihr mit den Nägeln ins Gesicht. Schwester! Corazón bekommt keine Luft, und meine Zimmernachbarin Elena D. sagt kaltlächelnd, die sei so gut wie tot, mitsamt dem Kind im Bauch, sagen Sie, dass das nicht stimmt.
Corazón ich bringe kein Wort mehr heraus. Sie denken, ich phantasiere, nicht wahr, Schwester? Ich lüge nicht, ich schwöre es bei der heiligen Jungfrau.
Lassen Sie mich jetzt um Himmels willen in Frieden, ich möchte schlafen, schlafen ..., wenn bloß das Brennen aufhörte. Wenn ich sterbe, legen Sie mir einen regenbogenfarbenen Fisch aufs Grab, versprechen Sie das, Schwester? Gott segne Sie.
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