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Ralf Schlatter, *1971 in Schaffhausen, lebt als freier Autor und Kabarettist in Zürich. Im September ist bei «Kein&Aber» sein zweites Buch erschienen, die Erzählung «Maliaño stelle ich mir auf einem Hügel vor». Zurzeit schreibt er an einem Drehbuch für die Verfilmung seines ersten Romans «Federseel». Zusammen mit Anna-Katharina Rickert tritt er im Duo «schön&gut» auf mit poetischem und politischem Kabarett (s. www.schriftsteller.net).
Ralf Schlatter
Elena D., extrastark
Dass es immer wieder Leute gebe, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., die aus anderer Leute Schicksal Profit zögen; sie habe die gestern am Bildschirm fuchteln sehen, die Witwe, und deren weiß Gott nicht schlecht ernährten arbeitslosen Sohn. Natürlich habe die Familie bis zu einem gewissen Grad die Krankheit des Vaters ertragen müssen, jedoch gelitten, im wörtlichen Sinn gelitten habe allein der Vater; und dabei sei es nicht einmal erwiesen, dass die Krankheit und der Tod als Spätfolgen der früheren Tätigkeit aufgefasst werden könnten, viele Menschen stürben heute an dieser Krankheit, nicht ausschließlich Fabrikarbeiter. Und sie verstehe nicht, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., wie Menschen eine weltweit tätige Firma aus purem Eigennutz in Verruf bringen, ja gar existenziell gefährden könnten durch kollektive Anschwärzung am Bildschirm, was man da aufs Spiel setze, alle diese Arbeitsplätze weltweit, das sei gewiss nicht im Interesse des verstorbenen Vaters, der für diese Firma immerhin sein Leben riskiert habe. Und, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., ...
... es sei auch typisch, dass sich solche Geschichten fast nur in Amerika abspielen, die wüssten offenbar wirklich schon seit längerem nicht mehr, wo die Grenzen seien, weder die von ihrem Land noch die von ihrer Vernunft, natürlich sei ein toter Vater ein Verlust, und wer wisse das besser als sie selbst, aber dass eine kaputt gerauchte Lunge so und so viel Milliarden Dollar wert sei, das verstehe sie weiß Gott nicht, und ob die Lunge jetzt aktiv oder passiv kaputt geraucht sei, spiele da ihrer Meinung nach überhaupt keine Rolle. Auf jeden Fall, sagt meine Zimmernachbarin Elena D. und steckt sich dabei eine Zigarette an, auf jeden Fall wäre ihr selbst so etwas nie in den Sinn gekommen, sie habe ein halbes Leben lang geschuftet und habe nie ihren Arbeitgeber in den Dreck gezogen, zugegeben, das wäre so oder so schwierig gewesen, denn ihr erster Arbeitgeber sei ihr Zuhälter gewesen, und da sei es sehr ratsam gewesen, den nicht in den Dreck zu ziehen, und ihr zweiter Arbeitgeber sei dann ihr Mann gewesen, wenn man dem überhaupt Arbeitgeber sagen könne, ja doch, warum eigentlich nicht, sagt meine Zimmernachbarin Elena D. und grinst, er habe ihr immerhin zwei Kinder gemacht und die hätten weiß Gott Arbeit gegeben. Und dann zieht sie tief an ihrer Zigarette und bläst den Rauch in Richtung des Alpenkalenders an der Wand und sagt und hat plötzlich eine ganz blasse Stimme, die Fabrik habe es ja dann doch noch geschafft, zwei Leben kaputt und sie zur Witwe zu machen, aber da sei das Fernsehen dann nirgends gewesen, das habe offenbar keinen interessiert. Dann klingt der Gong durch den Gang und es gibt Mittagessen. Elena D. sitzt allein an einem Tisch und spricht weiter, und ich habe Angst, dass ich die Fortsetzung der Geschichte verpasse, ich esse schnell und setze mich mit dem Kaffee zurück in den Flur, und sie kommt und setzt sich vor den Alpenkalender, und sie grinst und sagt, Arbeitgeber, warum eigentlich nicht, die Kinder hätten weiß Gott auch Arbeit gegeben, und dann wird ihre Stimme plötzlich weich. Klar, charmant sei er gewesen, wie er da die Straße herunter gekommen sei, mit seinem Aktenkoffer, einen flotten Spruch auf den Lippen und dieses Blitzen in den Augen, sie habe sofort gesehen, dass das kein normaler Freier sei, und so gelacht habe sie noch selten, wie er dann im Hinterzimmer seinen Koffer geöffnet habe und der sei bis oben voll gewesen mit Parisern. Das sei alles noch vor dem Virus gewesen, da habe man noch nicht an jeder Plakatwand einen überlebensgroßen Gummi hängen sehen und eines dieser unsäglichen Wortspiele drunter, und diese Formen und Farben und Geschmäcker, das sei selbst für sie damals revolutionär gewesen, sie sei die Expertin der Straße gewesen, «la Parisienne» hätten die Kolleginnen sie genannt, ein Wortspiel, sie gebe es zu, im Zusammenhang mit ihrer bevorzugten Zigarettenmarke, und jede Woche sei er gekommen mit einem neuen Koffer voll, und anstatt zu bezahlen, habe sie mit ihm dann den neusten Gummi ausprobiert, das sei ja sozusagen auf der Hand gelegen. Sie bläst den Rauch in Richtung des Aletschwaldes auf dem Alpenkalender und sagt, sie sei heute noch überzeugt, dass er den einen Gummi extra vorher aufgeschnitten habe, denn an und für sich sei das ja die neuste Qualitätsware gewesen, und als sie ihm sagte, dass sie schwanger sei, sei er gar nicht so erstaunt gewesen, habe nur seinen Koffer geöffnet und der sei bis oben voll gewesen mit Luftballons, das zweite Standbein der Fabrik, und mit den Luftballons hätten sie ein halbes Jahr später den Weg zur Kirche geschmückt, und von da an sei er dann quasi ihr Arbeitgeber gewesen, warum eigentlich nicht, sagt Elena D. und grinst. Und was für ein verdammtes Glück sie gehabt habe mit ihrem Gummifabrikanten, sei ihr erst bewusst geworden, als sie mit dem einen Kind im Wagen und dem zweiten im Bauch wieder durch ihre ehemalige Straße gegangen sei und die Hälfte ihrer Kolleginnen sei nicht mehr dort gestanden und die andern hätten diese Angst in den Augen gehabt und ihr Blick sei nirgends mehr haften geblieben. Und das Perverse an dem Ganzen, sagt meine Zimmernachbarin Elena D., die Fabrik habe goldene Zeiten gehabt. Ihr Mann sei aufgestiegen, vom Vertreter zum Abteilungsleiter, mit eigenem Büro und eigener Sekretärin, und an der Wand in seinem Büro seien diese Plakate gehangen mit diesen unsäglichen Wortspielen und den überdimensionalen Gummis, und kein Wunder, dass man da auf andere Gedanken kommt, wenn man ständig davon umgeben ist, sie hätte es ja weiß Gott wissen sollen. Abends spricht sie selten, nach dem Nachtessen raucht sie meistens stumm und geht früh zu Bett, am Freitag kommt die Tochter zu Besuch und bringt Blumen mit, stellt sie im Flur auf den Tisch neben den Alpenkalender, noch hängt zehn Tage lang der Aletschwald, das Bild passt gut zum Flieder, den die Tochter gebracht hat, man scheint den Wald förmlich zu riechen. Als würde sie dem Geruch nicht trauen, bläst Elena D. den Rauch mitten in den Flieder hinein und sagt, im Grunde könne ihr Mann ihr nur dankbar sein, sie habe es nur gut gemeint. Und als Dank dafür sei sie jetzt in der Klapsmühle, und wo da der Unterschied zum Gefängnis sei und was genau eine «aufschiebende Wirkung» sei, habe sie bis heute nicht begriffen, aber eben, für die sei sie ohnehin nur ein kleiner Fisch, und vielleicht hätte sie doch nach Amerika gehen und ein paar Milliarden Dollar verlangen sollen, schließlich habe es an dem verdammten Gummi gelegen, letztendlich, und die Fabrik sei ja schon vor längerem aufgekauft worden von diesem amerikanischen Zigarettenkonzern, da wäre vielleicht etwas drin gelegen, aber welcher Anwalt lässt sich schon mit einer russischen Ex-Nutte ein, sagt Elena D. und grinst, und ihr Gesicht wird hart und vermischt sich auf eigenartige Weise mit dem schweren süßen Fliederduft vor dem Aletschwald. Dann erscheint sie plötzlich eine Woche lang nicht mehr auf dem Flur, und ich erfahre, sie habe einen Absturz gehabt, und als sie wieder da sitzt, hängt an der Wand die Schreckhorngruppe, und der Flieder ist verblüht, und Elena D. fährt fort, als ob sie gar nicht aufgehört hätte, sie habe es an seinem Blick gemerkt, der plötzlich nirgends mehr haften geblieben sei, nicht einmal auf den Kindern. Auch ihr sei er ausgewichen, als sie ihn zur Rede gestellt habe, zuerst habe sie die Sekretärin im Verdacht gehabt, ihr Mann habe nur müde gelächelt, und vielleicht habe er ja gedacht, hätte ich doch die Sekretärin genommen, wie das alle Manager machen, und im Büro, umgeben von all diesen Plakaten mit diesen Wortspielen, wäre es vielleicht nicht passiert. Ich habe es dann, sagt Elena D. und bläst den Rauch in die Schreckhorngruppe, von einer alten Kollegin erfahren, er sei immer wieder in der Straße gewesen, mit demselben alten Aktenkoffer, aber ohne Gummis drin, dafür Geld wie Heu, und habe viel gezahlt, dass er es ohne machen könne, er habe immer von seinem Leben in der Gummifabrik erzählt und wie satt er es habe, und sie hätten ja selbst noch nicht so genau Bescheid gewusst über diesen Virus und wie lange es dauert, bis man merkt, dass man ihn habe, und was hätten sie machen sollen, so viel Geld kriege man nun mal nicht alle Tage.
Und ob es eigentlich auch Gummis gebe für Pistolen, sagt Elena D. und grinst, warum eigentlich nicht, die würden dann Leben erhalten, während die anderen Leben kaputt machen, die hießen dann vielleicht nicht Pariser, sondern meinetwegen Moskauer oder New-Yorker, und da gäbe es sicher auch jede Menge lustiger Wortspiele dafür, und vielleicht hätte so ein Gummi ja verhindert, dass sie, Elena D., zwei Leben kaputt gemacht hätte, aber wenn sie ehrlich sei, dann hätte sie so oder so darauf bestanden, es ohne zu machen, die todsichere Methode sozusagen, und ihr Mann könne ihr wirklich nur dankbar sein, sie habe ihm ganz einfach die Leiden ersparen wollen, sie habe es weiß Gott nur gut gemeint und auch der Firma die Schmach erspart. Und dann stehe in der Todesanzeige der Fabrik etwas von einem tragischen Unfall und aus dem Leben gerissen, das er so geliebt habe, und sie frage sich heute noch, wer das erfunden habe, und sie sei sich fast sicher, das sei derselbe gewesen, von dem diese unsäglichen Wortspiele auf den Plakaten stammten, und eigentlich, sagt Elena D., sollte man einen Gummi erfinden für Leute, die solche Sachen schreiben, und dieser Gummi würde dann nach ihr benannt werden, das wäre dann der «Elena D., extrastark», sagt meine Zimmernachbarin Elena D., und dafür gäbe es dann garantiert kein einziges Wortspiel, sagt sie und grinst und bläst den Rauch mitten in den dunkelblauen Himmel über dem Finsteraarhorn.
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