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Yvonne Stocker Strebel, *1966, lebt in Greifensee. Studium der Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaft in Zürich und New York. Arbeitet als Kantonsschullehrerin und «entwürfe»-Redaktorin.
Yvonne Stocker Strebel
Wenn Mutter-Sprachen fusionieren
Wenn Menschen aus verschiedenen Sprachkulturen aufeinander treffen, keine gemeinsame Sprache haben und miteinander kommunizieren möchten, so fusionieren ihre Muttersprachen zu einer Pidgin-Sprache. Es entstehen neue Sprachen, die den Wortschatz der einen Sprache übernehmen, dabei aber die grammatischen Strukturen der anderen Sprache anwenden. Auslöser für derartige Sprachfusionen waren Sklaverei, Kolonisation, Handel oder Mission. Der Begriff «Pidgin» ist bereits das Ergebnis einer Verschmelzung zweier Sprachen und Kulturen: Die chinesische Aussprache von «business» lautet «Pidgin».
Weltweit wurden über 100 Pidgin- und Kreol-Sprachen registriert. Prominente Beispiele dafür sind Gullah (eine Kreol-Sprache, Basis: Englisch mit Strukturen aus westafrikanischen Sprachen; sie wird in südöstlichen Küstenregionen der USA gesprochen), Petit-Nègre (Basis: Französisch mit westafrikanischem Substrat;
sie wird an der Elfenbeinküste gesprochen) und Macauenho (Basis: Portugiesisch mit chinesischen Wörtern; sie wird v.a. in Macau (China) gesprochen).
Sklaven, die vor über 150 Jahren an der Elfenbeinküste gegen billige Baumwollstoffe und falschen Schmuck eingetauscht und nach Übersee verschifft wurden, hatten keine gemeinsame Sprache, da sie aus verschiedenen Sprachgemeinschaften stammten. Dies sollte unter anderem einen Aufstand gegen die Sklavenhalter verhindern. In der Karibik oder im Süden der USA angekommen, wo sie gegen Rum und Baumwolle eingetauscht wurden, übernahmen die Sklaven den Wortschatz ihrer Besitzer und sprachen aber in der Grammatik ihrer Muttersprache; sie sprachen also ein Pidgin, auch um sich untereinander zu verständigen.
Kinder dieser Pidgin sprechenden Eltern erwarben deren Sprache, dabei entstand aber eine neue Muttersprache mit fixen grammatischen Strukturen. Das Sprachstadium einer Pidgin-Sprache, das von der zweiten Generation als Muttersprache gefestigt, kreolisiert wird, bezeichnet man als das Kreolische. Kinder von Plantagenbesitzern wurden oft von Sklavinnen aufgezogen, und so erwarben auch sie eine kreolische Sprache: ein Englisch mit afrikanischer Grammatik und Aussprache.
Heute sprechen Afro-Amerikaner wie auch Weiße aus den Südstaaten aus eher unprivilegierten Schichten ein vom Standard-Amerikanischen abweichendes Englisch, das man gemeinhin als «African-American Vernacular English» (AAVE) bezeichnet. Es ist nach wie vor umstritten, ob die Wurzel des afro-amerikanischen Englischen (AAVE) britsch-englischen oder kreolischen Ursprungs ist. Handelt es sich um einen Dialekt oder um ein Englisch mit kreolischen Wurzeln? Vertreter beider Theorien können grammatische Beweise liefern und halten sich nicht mit ideologischen Argumenten zurück.
Wenn Sprachen fusionieren, so vermischen sich häufig auch sozio-kulturelle Verhalten und Bräuche. In der Rap-Kultur der Afro-Amerikaner lassen sich einige Beispiele finden, die auf einen afrikanischen Ursprung hindeuten, so auch die rituelle Beschimpfung. Vor Publikum wird ein Sprechwettbewerb ausgetragen, in welchem zwei oder mehrere Rappende in einem Wortduell versuchen, den Gegner mit ihrer Sprachfertigkeit zum Verstummen zu bringen. Thema dieser sehr wortgewandten Beschimpfungsrituale sind oft die Mütter der Gegner. Die Anspielungen und Wortspiele erzählen von Ehebrüchen der Mutter, ihren sexuellen Praktiken und ihrem schlechten Aussehen: Mal ist sie zu dick, dann zu alt, zu dumm oder mausarm. Der Soziologe Labov (1972) hat dieses Sprechritual bereits in den 70er Jahren untersucht; hier drei Beispiele aus seiner Sammlung:
I hate to talk about your mother, she’s a good old soul
She got a ten-ton pussy and a ruber asshole.
Iron is iron, and steel don’t rust
But your momma got a pussy like a Greyhound Bus.
I went down south to buy a piece of butter
I saw yo’ mother layin’ in the gutter.
took a piece of glass and stuck it up her ass
I never saw a motherfucker run so fas’.
Neuere Beispiele von rituellen Mutter-Beschimpfungen werden zuhauf im Film
«8 Mile» vor- und ausgetragen, der weiße Rapper Eminem möchte den Afro-Amerikanern beweisen, dass auch er rappen kann.
So wie die Kinder der Sklavenhalter die Sprache ihrer Kindermädchen erwarben, übernehmen und imitieren weiße Jugendliche ein Sprechverhalten ihrer afro-amerikanischen Vorbilder; aus dieser Sprachfusion entsteht keine neue Kreolsprache, sondern eine neue Jugendkultur.
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