entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 34:
..Fusion


Elisabeth Schrom, *1947, in Wien aufgewachsen. Lebt und arbeitet in Basel. Diverse Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Das Stück «Rosa Szenen» wurde 2001 im Raum 33, Basel, und am Theater an der Winkelwiese, Zürich, aufgeführt. «Victor und Christabel» hatte im April 2003 am Theater Mummpitz in Nürnberg Premiere.

Elisabeth Schrom

Streben nach dem leicht Unmöglichen
(Stück in drei Teilen, Auszug)

Personen:

Margrit Mathis, Redaktorin

Natalie Bieri, Sekretärin

Karlheinz Dietschi, Lektor

Gino Andreoli, Gebäudeabwart

Stimme

Ort: Büroraum für drei Personen, ein großes Ölbild an einer Wand, ein Flur mit einer Türe, die ins Büro führt, und vom Büro aus eine Türe zum Chefbüro.


2. Teil: (im September)

Karlheinz: Debiler Mensch.

Margrit: Wer?

Karlheinz: Debiler Mensch mit fünf Buchstaben.

Natalie: (Feilt sich die Fingernägel) Idiot.

Karlheinz: Sehr freundlich.

Natalie: Idiot hat fünf Buchstaben.

Karlheinz: Stimmt! Danke.

Margrit: Hör doch endlich auf mit diesem blöden Kreuzworträtsel!

Natalie: Blöd. Wenn man «blöd» mit OE schreibt, hat es auch fünf Buchstaben.

Karlheinz: Nein, Idiot passt besser. Dann kreuzt sich das «i» in der Mitte mit Ibiza, Baleareninsel.

Margrit: Jetzt macht euch mal an die Arbeit. Wir haben nur noch zwei Nummern, dann ist es für immer vorüber.

Natalie: Eben.

Karlheinz: Eben.

Margrit: (Schaut von der Eingangstüre hinüber zur Cheftüre, so als würde sie mit den Augen jemandem folgen) Morgen, Chef. (Die Cheftüre fällt zu, die anderen beiden erschrecken)

Natalie: Was war das?

Margrit: Der Chef.

Karlheinz: Ich habe nichts gesehen.

Natalie: Er ist nur noch ein Schatten, seit er weiß, dass die Redaktion aufgehoben wird...

Margrit: Und dass sie ihn in Pension schicken mit fünfundfünfzig. Schlimm für einen, der gewohnt ist, für eine ganze Abteilung Verantwortung zu tragen.

Karlheinz: Nächstes Jahr trägt er seiner Frau die Einkaufstasche.

Margrit: Eigentlich ein armer Kerl, unser Chef.

Karlheinz: Ich möchte wissen, weshalb der dir leid tut. Der hat doch keine Sorgen mit seinem dicken Konto.

Margrit: Meinst du, Geld ist das Einzige, worüber man sich Sorgen macht, wenn man plötzlich pensioniert wird?

Karlheinz: (Steht auf) Ich gehe eine rauchen.

Margrit: Bleib doch. Ich meine, du kannst auch hier rauchen.

Karlheinz: Ach! Woher plötzlich die Toleranz gegenüber den bösen Rauchern? (Geht aus dem Büro)

Margrit: Seit er im Pool ist, kann man nicht mehr normal mit ihm reden.

Stimme: Im so genannten Pool sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze im Zuge der Fusion der beiden Firmen abgebaut werden. Sie werden von den Verantwortlichen des Pools umfassend betreut.

Natalie: Im Pool sitzt du wie im Fegefeuer, das kannst du mir

glauben.

Margrit: Immerhin kannst du normal reden, obwohl auch du im Pool sitzt.

Natalie: Wieso kann ich trotzdem normal reden? Vielleicht weil ich keine Familie zu versorgen habe, vielleicht weil ich andere Sorgen habe.

Margrit: Willst du über deine Sorgen reden?

Natalie: Nein danke, es würde nichts ändern. Aber es ist lieb, dass du fragst. – Ich glaube, ich werde dich schrecklich vermissen, wenn du in Pension gehst.

Margrit: Unsinn, niemand vermisst einen.

Natalie: Findest du es nicht toll, dass du bald nie mehr arbeiten musst?

Margrit: Nein. Nein, ich finde es überhaupt nicht toll. Seit dreiunddreißig Jahren sitze ich in diesem Büro. Fünf Tage in der Woche sitze ich hier, mit den Blumentöpfen am Fenstersims

und den Postkarten an der Wand. Du und Karlheinz, das Klingeln des Telefons, der Kaffeeduft – falls es einen gibt (Natalie springt auf und hantiert mit der Kaffeemaschine) –, sogar der blöde Computer: Das alles gehört zu meinem Leben.

Natalie: Früher hast du immer gesagt, du freust dich auf die Pensionierung. Du hast gesagt, die Freiheit beginnt, wenn du jeden Tag so lange schlafen kannst, wie du möchtest, und spazieren gehen, wann immer die Sonne scheint.

Margrit: Ja, ja, das sagt man so. Aber es wäre schrecklich, wenn ich tagelang spazieren gehen müsste, nur weil sich ein ausgedehntes Hoch über unsere Region erstreckt. Wenn die Pensionierung endlich erreicht ist, hat man seine Zukunft verloren.

(Das Telefon von Karlheinz klingelt) Wonach soll ein Pensionist noch streben? (Das Telefon klingelt wieder)

Natalie: So darfst du das nicht sehen. Mein Großvater hat sogar nochmals geheiratet, als er schon pensioniert war. (Nimmt den Telefonhörer) Bieri, Apparat Herr Dietschi...

Margrit: Am Ende der Pensionszeit wartet nur noch der Tod.

Aber wer freut sich auf den Tod?

Natalie: (Ins Telefon) Nein, Frau Dietschi, ihr Mann ist momentan nicht im Büro.

(Andreoli kommt zur Türe herein mit Block und Bleistift)

Andreoli: Ich komme wegen...

Natalie: Haben Sie Herrn Dietschi gesehen?

Andreoli: Er steht am Fenster im Flur und raucht.

Margrit: Ich gehe ihn holen. (Ab)

Natalie: (Zu Andreoli) Kann ich etwas für Sie tun?

Andreoli: Nein, ich muss das Inventar aufnehmen.

Natalie: (Ins Telefon) Einen Moment, Frau Dietschi, er kommt gleich... Wie es mir geht? Na ja, mir geht es so wie allen... (Margrit kommt wieder herein, hinter ihr Karlheinz) das mit dem

Pool ist eben auch keine Lösung, ein richtiger Stress ist das, aber das hat ihnen ihr Mann sicher schon gesagt... (Karlheinz reißt ihr den Hörer aus der Hand)

Karlheinz: Hallo? Hallo Susi... ja, ich war gerade draußen... welcher Pool?... Ach so, Natalie hat gesagt..., na ja,... sie wollten einen Swimmingpool bauen, Natalie und ihr Freund, und dann hat es mit der Bewilligung nicht geklappt... nein, nein, nicht so schlimm... Ja, kann ich machen, ich besorge dir das Buch auf dem Heimweg. Ich schreibe mir den Titel auf. (Zu Natalie) Gib mir schnell was zum Schreiben..., also «Die Wolke des

Nichtwissens»... Topos Taschenbücher, Band 30... Ja, ich habe es notiert... Nein, ich vergesse es nicht... Bis heute Abend, also, tschüss.

Natalie: Was soll der Unsinn mit dem Swimmingpool?

Margrit: Hast du deiner Frau immer noch nichts gesagt?

Karlheinz: Was soll ich ihr sagen? Dass ich in einem Sozialpool sitze zusammen mit Natalie und etlichen anderen Firmenkollegen, die ab Neujahr keine Stelle mehr haben werden, und dass ich versuche, in irgendeiner Abteilung als Lektor unterzukommen, obwohl es in der neuen Firma keine Lektoren mehr geben wird?

Margrit: Susi muss doch merken, dass mit dir etwas nicht in Ordnung ist.

Karlheinz: Wenn ich abends heimkomme, bleibe ich vor der Haustüre stehen. Ich trete als Mann über die Schwelle, der den ganzen Tag für die Familie geschuftet hat. Dann mache ich Rechenaufgaben mit Philip, oder ich spiele mit Sandra und ihrer Barbie-Puppe. Aber noch während ich versuche, Barbie vor dem bösen Drachen zu retten, spielen die Kinder mit der Fernbedienung rum!

Natalie: Tut mir leid, dass ich das mit dem Pool vor Susi erwähnt habe.

Karlheinz: Ist doch egal. Vielleicht baut ihr wirklich einmal einen Swimmingpool in eurem Garten.

Natalie: Wir bauen nicht mehr. Es ist aus mit René.

Margrit: Weshalb ist es aus?

Natalie: Wegen der Küche.

Karlheinz: Wegen der Küche?

Natalie: Ich habe René gesagt, wir können die Küche nicht bestellen, solange ich im Pool bin und keine neue Stelle habe.

Margrit: Das ist vernünftig.

Natalie: Er hat nur gelacht und gemeint, Sekretärinnen fänden immer eine Stelle.

Karlheinz: Das ist wahrscheinlich.

Natalie: Aber bis jetzt habe ich keine neue Stelle, verdammt

nochmal! Wir müssen mit dem Bauen warten, habe ich gesagt. Nur, René will nicht warten, er will vorwärts machen. Eine «Feige Ziege» hat er mich genannt, und ich habe gesagt, er sei hirnverbrannt, und ein Wort hat das andere ergeben, und jetzt ist es aus mit uns.

Margrit: Ach was, das ist doch kindisch.

Karlheinz: Es wird sich schon einrenken.

Natalie: Nichts wird sich einrenken. Aus und vorbei, der Traum von der Küche – vom Garten – vom eigenen Haus. – Ihr wisst ja nicht, wie es ist, wenn einem ein Traum zerrinnt.

Margrit: Doch, ich weiß, wie das ist.

Karlheinz: Man kann nur überleben, wenn man an seinen Träumen festhält.

Andreoli: Man muss etwas riskieren im Leben. Meine Frau hat sich immer eine Modeboutique gewünscht. «Andreolis Boutique», das war ihr Traum...

Natalie: Von einer riesigen Küche habe ich geträumt mit schneeweißen Schränken und graugesprenkelten Fliesen und einem riesigen amerikanischen Kühlschrank.

Karlheinz: Einmal werde ich gewinnen bei einem Preisausschreiben oder im Lotto.

Margrit: Ich träume von einem Parkplatz – seit dreiunddreißig Jahren...

Natalie: In der Mitte steht der Herd, Glaskeramik, mit einer riesigen Abzughaube darüber...

Karlheinz: Bei dem Kreuzworträtsel hier kann man einen Goldbarren gewinnen.

Andreoli: Und ich habe gesagt zu meiner Frau, tus doch, und jetzt hat sie sie, die Boutique. Nächste Woche ist die Eröffnung.

Margrit: Dreiunddreißig Jahre lang habe ich von einem eigenen Parkplatz geträumt, direkt vor dem Bürogebäude. Ich hätte zwanzig Minuten Freizeit gespart, morgens und abends.

Karlheinz: Den Goldbarren verkaufe ich sofort, und von dem Geld fliege ich mit Susi und den Kindern nach Amerika.

Natalie: In einer schneeweißen Schürze stehe ich am Herd und jongliere mit den Pfannen, werfe Omeletten und Steaks zum Wenden in die Luft und singe dabei Melodien von den Love- bugs.

Margrit: Jeden Tag ärgere ich mich, dass ich so weit gehen muss, elf Minuten vom Haus zur Straßenbahn, neun Minuten von der Straßenbahn bis zu unserem Gebäude hier – bei Wind und Regen –, und wenn ich endlich im Büro ankomme, ist von meiner Frisur nichts mehr übrig.

Andreoli: Mode zum Kombinieren führt meine Frau. Praktische Kleider, die man jeden Tag tragen kann. Ich gebe Ihnen unsere Geschäftskarte, vielleicht kaufen Sie einmal etwas. (Teilt die Karten aus)

Margrit: Ich glaube, ich hätte mir sogar ein Auto gekauft, wenn ich einen Parkplatz vor dem Gebäude bekommen hätte – ein schneeweißes Sportcoupé. Ich fahre vor in einer scharfen Kurve und schwinge elegant die Beine aus dem Auto. Und Kathy Huber von der Rechtsabteilung und Hugo Moll vom Personalwesen zerplatzen beinahe vor Neid, wenn sie von ihren Fenstern aus auf mich herunterschauen.

Karlheinz: Wir entdecken Amerika, die Nationalparks und Disneyland, das Death Valley und Las Vegas. Am Schluss liegen wir am Strand von Santa Barbara und schlecken Eis aus riesigen Tüten.

Natalie: René öffnet eine Flasche Wein vor dem Essen, und wir prosten einander zu. Und wir schauen uns dabei in die Augen, weil wir glücklich sind.

Karlheinz: Wir sind glücklich, die Kinder mit dem Eis, Susi in

ihrem neuen, schneeweißen Badeanzug und ich im gestreiften Liegestuhl. Ich fühle mich größer als Luciano Pavarotti, mächtiger als Abraham Lincoln. Ich bin ein Mann, der seiner Familie etwas bieten kann.

Andreoli: «Kümmere dich nicht darum, besser zu sein als deine Zeitgenossen oder Vorgänger; versuche, dich selbst zu übertreffen», sagt William Faulkner.

Stimme: Es liegt an uns selbst und unseren Kolleginnen und

Kollegen von der Partnerfirma, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen, neue, frische Perspektiven zu entwickeln, das «leicht Unmögliche» anzustreben und zu versuchen, unsere kühnsten Ziele zu verwirklichen.

Andreoli: ...sagt William Faulkner.

Karlheinz: Unsinn.

Andreoli: Martin Buber...

Karlheinz: Ach, wo!

Natalie: Wetten, dass der Spruch von unserer Direktion ist...

Margrit: Aber wenn man nicht Direktor ist oder wenigstens invalid, bekommt man keinen Parkplatz vor dem Gebäude. Auch nach dreiunddreißig Jahren Firmenzugehörigkeit nicht.

Andreoli: (Hat während der ganzen Szene die Büromöbel mit Zetteln beklebt und angeschrieben und dazu Einträge in seine Liste gemacht) Ich habe nichts vergessen. Geht alles zurück ans Möbellager. Nein, das Bild – (Nimmt das große Ölgemälde von der Wand)

Margrit: Na hören Sie, was wollen Sie mit dem Bild?

Andreoli: Bilder müssen zurück ins Kunstarchiv.

Margrit: Aber das ist mein Bild.

Andreoli: Das sagen sie alle.

Margrit: Es gehört mir privat.

Karlheinz: Es war immer schon hier.

Andreoli: Frau Mathis war auch immer schon hier.

Natalie: Wenn sie sagt, es gehört ihr privat, wird es ihr privat gehören.

Andreoli: Das müssen Sie erst beweisen.

Margrit: Beweisen Sie mir doch, dass es der Firma gehört.

Andreoli: Es muss eine Nummer draufstehen, hinten.

Margrit: Auf meinem steht eine Widmung vom Künstler – privat.

Andreoli: «Für Muse Margrit von ihrem Gottfried».

Natalie: Hattest du mal was mit diesem Gottfried?

Margrit: Es ist mein Bild, Herr Andreoli, und wenn Sie es mir

nehmen, werde ich mich in der Rechtsabteilung über Sie beschwerden.

Andreoli: Wenn Sie sagen...


(Natalies Telefon klingelt)

Natalie: Bieri, Mr. Huber's secretary... yes... (Zu Karlheinz)

where is my – Kugelschreiber?... yes, Mr. Jones... no... no...

No problem, Sir. ... (Die anderen beugen sich zu Natalie und versuchen, ihr etwas zuzuflüstern) yes, good bye, Mr. Jones.

Margrit/Andreoli/Karlheinz: «You're welcome!»

Natalie: Aber wieso denn?

Margrit: Ich habe dir bereits hundertmal gesagt, dass man auf «thank you» antwortet «you're welcome».

Andreoli: Konzernsprache: Englisch. Wenn Sie sich nicht etwas mehr anstrengen, werden Sie keine Stelle finden, Fräulein Bieri.

Natalie: Aber er hat nicht «thank you» gesagt, sondern «see you later». Ich sage doch nicht «willkommen» zu einem, der mindestens fünfzig ist.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
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