entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 33:
..Beauty


Susanne Kalender, *1965, lebt in Hamminkeln, Schriftstellerin und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften.

Susanne Kalender

Herr Moritz

Alles fing damit an, dass Herr Moritz die lange Hecke aus Lebensbäumen, die seinen Garten zur Hauptstraße hin abschirmte, nicht mehr beschnitt. Eines Morgens stand er davor, die schwere Heckenschere im Arm, das Kabel war schon abgerollt, und konnte sich nicht entschließen anzufangen. Herr Moritz stand einfach da und starrte gegen die grüne Wand.

Nach einer Weile legte Herr Moritz die Heckenschere vorsichtig, wie etwas Zerbrechliches, ins Gras. Langsam schritt er an der Hecke entlang. Er stellte fest, dass man an einigen Stellen hindurchsehen konnte. Aus irgendeinem Grund störte ihn das, und Herr Moritz räumte die Heckenschere samt Kabel sorgfältig in das Kellerregal zurück. Er reinigte seine Schuhe mit einem Handfeger, feuchtes Gras klebte an seinen Sohlen. Komisch, dachte Herr Moritz, daran habe ich früher nie gedacht. Erst seit Isoldes Tod denke ich daran. Während er die Kellertreppe hochstieg, schüttelte er den Kopf, oben angekommen, machte er mit dem linken Arm eine wegwerfende Bewegung und dachte nicht mehr weiter darüber nach.

Im Wohnzimmer, dessen bodentiefe Fenster zum Garten hinaus gingen, er konnte genau auf die Hecke sehen, rückte er einen Sessel vor das Fenster und sah nach draußen.

Wohl eine Stunde hatte Herr Moritz reglos dagesessen, als er in die Küche ging und sich eine Tasse Nescafé aufgoss. Seit Isolde nicht mehr da war, trank Herr Moritz nur noch Nescafé.

Als er am Küchentisch vorbei kam, nickte er dem Bild Isoldes, das dort in einem dunkelbraunen Rahmen stand, freundlich zu. Das tat Herr Moritz immer, wenn er in die Küche kam, das war wie Guten-Morgen-Sagen, mechanisch, weil er es immer tat, aber auch herzlich, weil es ihm kurz das Gefühl von Sinn gab, so kurz, dass er es manchmal kaum noch bemerkte.

Mit der Tasse setzte er sich zurück auf den Sessel vor dem Fenster. Obwohl nicht einmal Vögel im Garten waren, sah Herr Moritz wieder hinaus, meist gegen die Hecke. Während er dasaß und seinen Nescafé schlürfte, den er, nebenbei gesagt, zu dünn gekocht hatte, so dass er noch weniger schmeckte als sonst, kam ihm eine Idee. Herr Moritz öffnete seine Haustür und schritt auf dem kurzen Weg, der von der Straße zu seinem Haus führte, nachdenklich hin und her.

Bevor er wieder ins Haus ging, trat er sich gewissenhaft die Füße auf der grobborstigen Fußmatte ab, die Isolde noch gekauft hatte. Herr Moritz bückte sich sogar, um sie gerade zu rücken. Im Flur nahm er seinen Mantel vom Haken, steckte Brieftasche und Portemonnaie ein und fuhr mit seinem Wagen davon.

Vor einer Gärtnerei stellte Herr Moritz den Wagen ab und ging hinein. Er kaufte zwei große Kirschlorbeersträucher, die er im offenen Kofferraum nach Hause transportierte.

Diesmal zog Herr Moritz sich alte Sachen an, bevor er mit einer Schaufel wieder in den Vorgarten ging.

«Guten Morgen», rief Frau Stadler, seine Nachbarin. Sie holte gerade Kissen und Oberbett von der Fensterbank, die sie zum Lüften ausgebreitet hatte.

Ohne sich ihr zuzuwenden, gab Herr Moritz den Gruß zurück.

Das Schlafzimmerfenster von Frau Stadler lag im ersten Stock, genau wie das von Herrn Moritz, und so hatte sie einen guten Überblick über seinen Vorgarten, jedenfalls wenn sie sich ein wenig vorbeugte. Frau Stadler sah, wie Herr Moritz die großen Sträucher mühevoll aus dem Kofferraum hob.

«Die sind aber groß. Wo wollen Sie die denn einpflanzen?», fragte Frau Stadler.

«Ja, ja», sagte Herr Moritz nur und griff nach der Schaufel. Genau vor dem Küchenfenster grub er ein tiefes Loch, ohne sich darum zu kümmern, dass er den Aushub auf die blühenden Blumen warf.

«Na dann», sagte Frau Stadler und schloss das Fenster.

Als Herr Moritz den großen Kirschlorbeer in das Loch senkte, schwitzte er stark. Schwere Arbeit war er nicht mehr gewohnt, außer der Gartenarbeit hatte er nicht mehr viel zu tun. Für die Hausarbeit hatte Herr Moritz einmal in der Woche eine Hilfe engagiert, eine kleine polnische Frau, die wenig sprach. Herr Moritz wusste, dass sie nur wenig Deutsch verstand, und es war ihm recht.

Den zweiten Lorbeerstrauch pflanzte Herr Moritz auf die andere Seite des Vorgartens, direkt vor das winzige, quadratische Klofenster. Auch hier achtete Herr Moritz nicht auf die kleinen Blumen.

Mit festen Tritten stampfte er die Erde rund um den Strauch fest, als Herr Toben vor dem Garten stehen blieb. Herr Toben wohnte einige Häuser weiter und war ein wenig mit Herrn Moritz befreundet, gerade soviel, dass es sich noch schickte, «Sie» zu sagen. Einmal im Monat spielten Herr Moritz und Herr Toben zusammen Schach, wobei beide sehr konzentriert waren und wenig redeten.

Jetzt grüßte Herr Toben und blickte zu Herrn Moritz, der immer noch im Vorgarten stand.

«Schöne Sträucher sind das, Herr Moritz.» Und als Herr Moritz sich umdrehte, fügte er hinzu: «Aber wird das nicht sehr dunkel in Ihrem Haus?»

«Das hoffe ich», antwortete Herr Moritz, indem er sich wieder dem Strauch zuwandte und kräftig mit seinen dunkelgrünen Gummistiefeln zutrat. Dann packte er die Schaufel und wollte ins Haus gehen, aber Herr Toben war auf den schmalen Weg auf das Haus zu getreten und hielt Herrn Moritz am Arm fest.

«Kommen Sie am Sonntag auf ein Spiel zu uns? Meine Frau will Rhabarbertörtchen machen.»

Herr Moritz murmelte etwas, das Zustimmung oder Ablehnung sein konnte, und stapfte mit den erdigen Stiefeln ins Haus. Verdutzt blickte Herr Toben auf die ins Schloss fallende Haustür, ehe er kopfschüttelnd fortging.

Am Sonntag dachte Herr Moritz, als er dem Bild seiner Frau beim Frühstück zunickte, kurz an die Rhabarbertörtchen, die Herr Toben im Falle eines Besuches in Aussicht gestellt hatte.

«Nein», sagte Herr Moritz zu dem Bild seiner Frau, «ich bleibe hier. Vielleicht werde ich den Rasen mähen.» Aber dann fiel ihm ein, dass es Sonntag war, und er ließ es bleiben.

Als es Zeit gewesen wäre, zu Herrn und Frau Toben zu gehen, ließ er in der Küche die Jalousie herunter, im Klo zog er den schweren, lichtundurchlässigen Vorhang vor. Mit einer Tasse Nescafé setzte er sich in seinen Sessel, den er einfach vor dem Fenster hatte stehen lassen, und sah hinaus in den Garten, meistens auf die Hecke. Die Vögel, die sich hier und dort im Garten niederließen, beachtete er kaum, obwohl ihm das immer viel Freude gemacht hatte. Selbst die Vogeltränke hatte er seit Tagen nicht mehr aufgefüllt.

Herr Moritz hatte seinen Nescafé zur Hälfte ausgetrunken, als es an der Haustür klingelte.

Das wird Herr Toben sein, dachte er und blieb sitzen. Sein Ohr in Richtung Flur wendend, lauschte er, bis Herr Toben wieder ging. Dann war alles still.

Am nächsten Morgen wunderte Herr Moritz sich über die Dunkelheit in der Küche, bis ihm Herr Toben einfiel. Dann schaltete er das Deckenlicht ein, nickte seiner Frau zu und ließ die Jalousie geschlossen. Auch nach dem Frühstück öffnete er sie nicht. Herr Moritz fand, dass es so viel stiller war in der Küche, und das gefiel ihm, das gefiel ihm sehr.

Während er seinen kleinen Abwasch machte, lächelte er vor sich hin, obwohl ihm niemand zusah außer der Tasse und dem Teller mit dem Zwiebelmuster.

Danach ging er in den Garten, um den Rasen zu schneiden. Herr Moritz stellte den elektrischen Mäher zurecht, entrollte gerade das Kabel, da steckte jemand den Kopf durch die seitlichen Büsche.

«Hallo, Herr Moritz», rief Herr Toben. «Wo waren Sie gestern? Ich habe bei Ihnen angeschellt, aber es war niemand da.» Herr Toben wartete darauf, dass Herr Moritz ihn in den Garten winkte, wie es früher manchmal vorgekommen war, aber Herr Moritz sagte bloß: «Gestern, ja, das kann schon sein», und schaltete den Rasenmäher ein. Unmöglich konnte Herr Toben bei dem Lärm noch etwas sagen. Er zog seinen Kopf zurück und ging. Auf dem Weg nach Hause dachte er, Herr Moritz sei sehr blass gewesen. Als er es seiner Frau erzählte, verbesserte er sich, nein, nicht blass, Herr Moritz sei irgendwie verschwommen gewesen, so, als habe jemand mit einem ausgetrockneten Radiergummi an ihm herumradiert.

«Ach, was du so redest», sagte Frau Toben und stöpselte ihren Staubsauger ein. Bald danach hatte auch Herr Toben seine Worte vergessen.

Unterdessen reinigte Herr Moritz seinen Rasenmäher sorgfältig, fettete die Messer ein, als wäre es bereits Winter. Auf Socken hopste er in den Keller, die Stiefel ließ er im Garten stehen, und schloss die Tür ab.

Zehn Minuten später erschien er an der Haustür in Mantel und in Straßenschuhen. Herr Moritz unterließ es, nach rechts und links zu sehen, ob jemand zu grüßen war, wie er es sonst immer getan hatte. Er ging zu seiner Garage und fuhr mit seinem Wagen davon.

Als er zurückkam, war der Wagen vollgeladen mit hellbraunen Palisaden. Rückwärts setzte Herr Moritz den Wagen halb in die Garage. Dass er dabei den linken hinteren Kotflügel einbeulte, kümmerte ihn nicht im Geringsten. Herr Moritz war nicht einmal zusammengezuckt, als er das Geräusch sich eindrückenden Blechs vernahm. Er bremste nicht, sondern fuhr soweit in die Garage, wie er es sich vorgenommen hatte.

Schnaufend lud er die Palisaden aus und trug sie durch die hintere Garagentür in den Garten. Mehrmals wischte er sich den Schweiß von der Stirn und überlegte, ob er noch heute oder erst morgen anfangen sollte. Da er erschöpft war, entschied er sich für morgen. Herr Moritz fuhr das Auto ganz in die Garage, wobei er auch die linke Tür verkratzte. Ohne hinzusehen, zog er das Tor zu und ging ins Haus.

Ausgeruht und voller Tatendrang ging Herr Moritz am Dienstag an die Arbeit. Dort, wo Herr Toben den Kopf durch die Büsche gesteckt hatte, fing er an. Herr Moritz stellte eine Palisade nach der anderen rund um seinen Garten auf. Obwohl die Arbeit ihn sehr anstrengte, gönnte er sich keine Pause.

Wie Herr Moritz feststellte, reichten die Palisaden nicht aus, um den Garten komplett einzufassen. Aber da stand ja die Hecke, die er von nun an nicht mehr schneiden würde. Nach und nach wüchsen die kleinen Löcher bestimmt zu, da war Herr Moritz zuversichtlich.

Eine Weile noch ging er einmal wöchentlich in den Supermarkt, grüßte aber niemanden mehr, weder Frau Stadler, die wie immer ihre Betten ins Fenster legte und freundlich zu ihm herabrief, noch Herrn Toben, der neben ihm an der Wursttheke gestanden hatte. Auch die kleine polnische Zugehfrau hatte er abbestellt, weil sie einfach nicht verstehen wollte, weshalb sie bei Lampenlicht putzen sollte, wo es draußen heller Tag war. Ehrlich gesagt, war Herrn Moritz darauf auch keine richtige Antwort eingefallen. Aber da die Frau sowieso nur wenig Deutsch verstand, war die Sache schnell erledigt. Herr Moritz zahlte ihr drei Monatslöhne und ließ sie gehen.

Irgendwann verließ Herr Moritz das Haus gar nicht mehr. Sein Garten verwilderte mehr und mehr. Im Herbst stand das Gras kniehoch, ohne dass Herr Moritz den Mäher noch einmal in den Garten getragen hätte.

Eines Tages, es mag zu Beginn des Winters gewesen sein, trug Herr Moritz das Bild seiner Frau die Treppe hinauf, nachdem er unten alles sorgfältig verschlossen und alle Lichter gelöscht hatte. Selbst den Abwasch hatte er noch erledigt. Herr Moritz stellte das Bild seiner Frau in dem dunkelbraunen Rahmen auf seinen Nachttisch, kleidete sich aus, wie immer, wusch sich, wie immer, legte sich ins Bett, wie immer, nickte seiner Frau noch einmal zu und knipste die kleine Lampe, die neben ihrem Bild stand, aus.

Zurück zur Homepage

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.