|
Sarah Bussmann, *1973, lebt in Zürich und ist Assistentin für Ältere deutsche Literatur am Lehrstuhl von Prof. Chr. Kiening, Universität Zürich.
Sarah Bussmann
An wîbe lobe stêt wol daz man si heize schœne.
Der Topoi der schönen Frau in der mittelhoch-
deutschen Dichtung
Die weibliche Schönheit ist ein Thema, das, soweit es sich zurückverfolgen lässt, die Menschheit in beinahe mythischen Dimensionen bis heute zu beschäftigen weiß. Im Verlauf der Jahrhunderte sind dabei regionen- und zeitspezifisch unterschiedliche Ideale entworfen worden, neben solch typischen Vorlieben finden sich aber auch viele Konstanten, die immer wieder auftauchen, wenn die Schönheit einer Frau
bewertet werden soll. Vergangene Schönheitsideale können nicht zuletzt dank der Schilderungen in li-terarischen Texten rekonstruiert werden. Dies gilt auch für das europäische Mittelalter, von dem wir eine Vielzahl an Texten besitzen, die über gängige Vorstellungen bezüglich der weiblichen Schönheit zeugen.
Vorbild und schönste Frau der Weltgeschichte war auch im Mittelalter Helena. An ihr wurden andere Schönheiten gemessen wie beispielsweise Isolde in Gottfrieds von Strassburg fragmentarischem Epos «Tristan». Letztere soll sogar noch schöner gewesen sein als die berühmte Griechin. Mit außergewöhnlichen sprachlichen Fähigkeiten schildert Gottfried seinem Publikum die junge Isolde als die Frau, die alles Schöne in der Welt unbedeutend werden ließ. Nie zuvor habe eine Mutter ein schöneres Kind geboren. Selbst Auroras Tochter, die viel besungene Helena, sei nicht schöner als die strahlende Isolde gewesen. Tristan berichtet seinem Onkel Marke, nachdem er die Königstochter gesehen hat: ine geloube niemer mê, daz sunne von Mycêne gê. ganzlîchiu schœne ertagete nie ze Criechenlant, si taget hie. («Ich glaube nun nicht mehr daran, dass die Sonne in Mykene aufgeht. Niemals erstrahlte die vollkommene Schönheit über Griechenland, sie strahlt nur hier.»)
Ebenfalls auf Helena als das Maß aller Dinge beziehen sich spätmittelalterliche Schönheitskataloge, die je nach Fassung zwischen sieben und zweiundsiebzig zur Vollkommenheit nötige Einzelschönheiten nennen, welche wiederum in Dreiergruppen eingeteilt werden: «Eine Frau, die als so schön wie Helena gelten will, muss dreißig körperliche Eigenschaften an sich haben: je drei weiße, schwarze, rote, lange, kurze, schwellende, feine, enge, weite und kleine. Weiß seien die Haut, die Zähne und das Haar, schwarz die Augen, die Scham und die Brauen, rot die Lippen, die Wangen und die Fingernägel, lang sei der Körper, das Haar und die Hand, kurz müssen die Zähne, das Ohr und der Fuß sein, ausladend die Brust, das Gesäß und die Augenbrauen, eng die Scham, der Mund und jede straffe Stelle, schwellend der Mund, der Hintern und der Schoß, fein die Finger, das Haar und die Lippen, klein seien die Nase, die Brustwarzen und der Kopf.» Die Vorlage dieses Gedichts, das in lateinischer Sprache im Nachlass des Solothurner Geologen Amanz Gressly (1814-1865) gefunden wurde, stammt aus dem späten 15. Jahrhundert und schließt mit den zwei Versen: «Da keine oder kaum eine Frau alles das an sich hat, kann keine für wirklich schön gelten und taugt keine etwas.»
Zweifellos preisen solche Schönheitskataloge nicht die Vorzüge eines Individuums, vielmehr stellen sie die Kriterien auf, nach denen eine Frau als schön zu gelten hat, wobei nicht messbare Reize wie Verhalten, Gang, Reden, Lächeln oder der Charme einer Frau nicht beachtet werden. Die Frau wird lediglich als preziöses Konsumobjekt dargestellt, das man aufgrund der genannten Punkte bewertet ähnlich einem Rennpferd oder einem Rassehund. Auch der Schönheitspreis, der in der Literatur um 1200 zu finden ist, befasst sich nicht mit individuellen Zügen. In einem immer wiederkehrenden Kanon von Schönheitsprädikaten manifestieren sich ästhetische und rhetorische Vorstellungen, indem die Frau von oben nach unten beschrieben wird. Dabei bot der Kopf die reichsten Gelegenheiten, Schönheitsmerkmale zu benennen. Die gängigsten Beschreibungen preisen blond gelocktes Haar, eine weiße Stirn, Brauen wie Pinselstriche, strahlende Augen, kleine Ohren, eine gerade Nase, rote Wangen auf weißer Haut, einen roten Mund, weiße Zähne, ein rundes Kinn, eine weiße, durchsichtige Kehle und einen wohlgeformten Hals. Zusätzlich hatten die Hände weiß zu sein, die Füße klein, Arme und Beine weiß, glatt und rund, der Busen klein und die Taille schmal.
Der Topoi der schönen Frau präsentiert sich im hohen Mittelalter jedoch um vieles differenzierter, als aufgrund solcher oberflächlicher Beschreibungen vielleicht zu erwarten wäre. Dies ist vor allem da-
rauf zurückzuführen, dass Schönheit im Mittelalter stark ethisiert wurde. Zudem unterscheiden sich die jeweiligen Entwürfe auch gattungsspezifisch. Im Gegensatz zur geistlichen Literatur, deren Interesse hauptsächlich auf einem didaktischen Moment beruht nicht die äußere, vergängliche Schönheit ist erstrebenswert, sondern eine metaphysische Güte, die auch nach dem Tod von Bedeutung bleibt , befassen sich die höfischen Dichter nicht zuletzt mit der körperlichen Schönheit der Dame und den Vorzügen, die der Gesellschaft daraus erwuchsen. So war es Aufgabe der Frau, die Ritter mittels ihrer Schönheit zu erziehen. Weibliche Schönheit spornte den Mann zu Heldentaten an. Wert iuch, wird der Titelheld Erec in Hartmanns von Aue gleichnamigem Roman aufgefordert, durch iuwer schœnez wîp. («Wehrt euch um eurer schönen Frau willen!») Eine weitere Funktion weiblicher Schönheit bestand in der Belohnung. Der Ausblick auf die schöne Geliebte war Lohn genug, der einen Ritter nahezu unbesiegbar machte.
Schönheit als solche wird in der höfischen Dichtung nicht negativ gewertet, im Gegenteil. Als Inbegriff der Schönheit erfüllte die höfische Dame (zumindest in der Theorie) eine wichtige gesellschaftliche Funktion, indem sie die Werte, die sie repräsentierte, an den Mann vermitteln sollte: Frauen galten als Ursprung des Vollkommenen und Guten, sie vermittelten tugendhafte Gesinnung und gaben Anlass zu großer Freude. Schönheit besaß auch die Kraft, im Manne das Gefühl der hohen Minne zu wecken, wobei es durchaus möglich war, dass sich dieser allein aufgrund des Schönheitspreises in eine Dame verlieben konnte. Als bekanntes Beispiel mittelalterlicher Dichtung sei Siegfried erwähnt, der sich im «Nibelungenlied» durch ir unmâzen schœne («aufgrund ihrer außergewöhnlichen Schönheit») in Kriemhild verliebt, obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hat. Liebe vom Hörensagen war durchaus nichts Ungewöhnliches, denn von den Damen und ihrer Schönheit wurde an mittelalterlichen Höfen viel gesprochen oder gesungen. Garant für die Verbindlichkeit solcher Wertungen war aber letztlich das Auge, welches gemeinhin als Fenster zum Herzen bezeichnet wurde. Auch Isolde, weiß Gottfried von Strassburg zu berichten, singt sich mit ihrer Schönheit durch die Fenster der Augen in viele vornehme Herzen und bewirkt dort einen Zauber, der die Gedanken der Männer mit Liebeskummer und Sehnsucht fesselt.
In der höfischen Dichtung wird immer wieder auf die Wechselwirkung zwischen Adel und Schönheit hingewiesen: je größer die Schönheit einer Dame, desto adliger ihre Herkunft. So braucht Gunther im «Nibelungenlied» die Frauen, die an den Fenstern der Burg von Îsenstein stehen, nur anzuschauen, um genau zu wissen, welche die Königin ist: Sô sihe ich ir eine in jenem venster stân, in snêwîzer wæte, diu ist sô wol getân, die welent mîniu ougen durch ir schœnen lîp. («An jenem Fenster sehe ich eine Frau in schneeweißem Kleid, die ist so wohlgestaltet, dass meine Augen sie wegen ihrer Schönheit auswählen.») Dass ein schöner Leib nicht nur für Frauen als Zeugnis adliger Herkunft diente, zeigt eine Stelle im «Tristan». Dieser wird, obwohl als Spielmann verkleidet, von Isolde aufgrund seiner Hände, Augen, Arme und Beine sofort als Tristan erkannt.
Zu einem schönen Körper gehört auch eine schöne Kleidung. Dass dem nicht immer so ist, zeigt eine Szene aus Hartmanns von Aue «Erec». Enite trägt dort, als sie ihrem späteren Gemahl Erec zum ersten Mal begegnet, ein zerrissenes, schmutziges Kleid, welches so gar nicht zu ihrem schwanenweißen Körper passt, der wie eine Lilie unter der schäbigen Kleidung hervorschimmert. Etwas später berichtet der Erzähler von der adligen Herkunft des Mädchens, dessen Vater ohne eigenes Verschulden von Mächtigeren aus seinem Land vertrieben worden war. Somit erklärt sich die offensichtliche Diskongruenz von Körper und Kleidung.
Am Artushof schließlich wird Enite standesgemäß eingekleidet, wodurch die Übereinstimmung von Schönheit und Adel wieder hergestellt wird.
Parallel zur Kongruenz von Schönheit und Adel existierte die Vorstellung, körperliche Schönheit offenbare innere Tugendhaftigkeit. Schon Walther von der Vogelweide wusste: schœner lîp entouc nicht âne sin. («Ein schöner Körper ist ohne rechte Gesinnung nichts wert.») Die Harmonie von Schönheit und moralischer Vollkommenheit, die Kalokagathie, ist ein wesentlicher Aspekt des höfischen Frauenbildes. Auch im «Nibelungenlied» werden diese beiden Merkmale gleich zu Beginn mit Kriemhild in Verbindung gebracht: âne mâzen schœne sô was ir edel lîp: der júncfróuwen tugende zierten ándériu wîp. («Außergewöhnlich schön war ihr adliger Leib, und die Tugendhaftigkeit der Jungfrau wäre auch für andere Damen eine Zierde gewesen.») Schönheit war wesenhaft mit dem Hof einerseits und sittlichen Werten andererseits verbunden, und sie konnte, wo letztere fehlten, durchaus auch ins Verderben führen. Davon berichtet das «Nibelungenlied»:
Ez wuohs in Búrgónden ein vil édel magedîn,
daz in allen landen niht schœners mohte sîn,
Kríemhílt geheizen: si wart ein schœne wîp.
dar umbe muosen degene vil verlíesén den lîp.
(«Im Land der Burgunden wuchs ein edles Mädchen heran. In keinem Land der Welt hätte es ein schöneres geben können. Ihr Name war Kriemhild. Sie wurde eine schöne Frau. Deswegen mussten viele Ritter sterben.»)
Bevor Kriemhild jedoch zur hasserfüllten Rächerin ihres ermordeten Mannes wird, ist sie an innerer und äußerer Schönheit vollkommen. Der anonym gebliebene Erzähler des «Nibelungenlieds» liefert uns dazu eines der wunderbarsten Beispiele für die Schilderung weiblicher Schönheit in der mittelalterlichen Literatur. Stilistisch bedient er sich einer klassischen Minne-Metaphorik:
Nu gie diu minneclîche alsô der morgenrôt
tuot ûz den trüeben wolken. dâ schiet von maneger nôt
der si dâ truoc in herzen und lange het getân.
er sach die minneclîchen nu vil hêrlîchen stân.
Jâ lûhte ir von ir wæte vil manec edel stein.
ir rôsenrôtiu varwe vil minneclîchen schein.
ob iemen wünschen solde, der kunde niht gejehen
daz er ze dirre werlde hete iht schœners gesehen.
Sam der liehte mâne vor den sternen stât,
des schîn sô lûterlîche ab den wolken gât,
dem stuont si nu gelîche vor maneger frouwen guot. des wart dâ wol gehœet den zieren héldén der muot.
(«Wie das Morgenrot aus den trüben Wolken hervortritt, so schritt das liebliche Mädchen nun einher, und alsbald lösten sich in Siegfried, der ihr Bild heimlich im Herzen trug und nun schon lange getragen hatte, alle Liebesqualen. In allem Glanz sah er das liebliche Mädchen vor sich stehen. An ihrem Kleid erstrahlten viele Edelsteine, die rosige Farbe ihrer Haut schimmerte lieblich. Selbst ein Mann, der sich irgendetwas hätte wünschen dürfen, hätte nicht sagen können, dass er auf dieser Welt irgendetwas Schöneres erblickt hätte. So wie der helle Mond, der so rein aus den Wolken herausleuchtet, die Sterne überstrahlt, so stand sie nun vor den vielen anderen trefflichen Frauen. Dem stattlichen Helden schlug bei ihrem Anblick das Herz höher.»)
Dass eine schöne Frau aber auch Gefahr bedeuten konnte, weiß auch Gottfried von Strassburg, der im «Tristan» schreibt: schœne daz ist hœne. («Schönheit bedeutet Gefahr.») Er entwirft das Problem der Erotik, die, basierend auf der Schönheit einer Frau, den Männern den Verstand verwirrt und zur fleischlichen Liebe verführt. In diesem Sinne verspürt Marke, als er Isolde in der Minnegrotte erspäht, geluste unde gelange («Begierde und Verlangen»). Trotz den ambivalenten Zügen weiblicher Schönheit, die in der mittelalterlichen Literatur durchaus auch erwähnt werden, setzten die höfischen Dichter den verbreiteten misogynen Vorstellungen der Minderwertigkeit und Schlechtigkeit des weiblichen Geschlechts ein neues Bild weiblicher Schönheit und Vollkommenheit entgegen. Aus soziohistorischer Perspektive ist jedoch zu bedenken, dass das höfische Frauenbild als Erfindung der zeitgenössischen Dichter zu gelten hat und nicht den wirklichen Gegebenheiten entspricht. Die dichterischen Phantasien, die eine Verkehrung des real existierenden Geschlechterverhältnisses bewirkten, wurden zuweilen bewusst ironisiert und zur Erzielung komischer Effekte eingesetzt. Ab-
schließend stellt sich auch die Frage, inwiefern sich literarische Vorstellungen und Schilderungen von weiblicher Schönheit tatsächlich auf die Lebenswelt der zeitgenössischen Frauen ausgewirkt haben. Auch hier gilt ein soziohistorischer Einwand, machte doch das Publikum, das mit Literatur in Berührung kam, nur einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung aus. Die meisten Menschen zu dieser Zeit hatten weder die Mittel noch die Muse, sich ästhetischen Überlegungen widmen zu können.
Weiterführende Literatur:
Hartmann von Aue, Erec, hrsg. von T. Cramer, Frankfurt am Main 1972.
Das Nibelungenlied, nach der Ausgabe von K. Bartsch, hrsg. von H. De Boor, 22., revidierte und von R. Wisniewski ergänzte Auflage, Mannheim 1988.
Gottfried von Strassburg, Tristan, hrsg. von W. Spiewok, Berlin 1989 (Deutsche Texte des Mittelalters, 75).
Joachim Bumke, Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter,
München 1986, S. 451-502 (Die höfische Dame).
Umberto Eco, Kunst und Schönheit im Mittelalter, aus dem Italienischen übersetzt von Günter Memmert, München 1991.
Otfrid Ehrismann, Ehre und Mut, Âventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter, München 1995, S. 189-194 (Art. schœne unde guot. Zur Kalokagathie).
Rolf Max Kully, Der Schönheitskatalog. Ein übersehenes literarisches Motiv, in: Gotes und der werlde hulde, Festschrift für Heinz Rupp, Berlin/Stuttgart 1989, S. 288-311.
Theo Stemmler (Hrsg.), Schöne Frauen schöne Männer. Literarische Schönheitsbeschrei- bungen, Mannheim 1988.
|
|