entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..
Ausgabe 33:
..Beauty


Katharina Faber, *1952 in Zürich, arbeitet zur Zeit an einem Band mit Kurzprosa. Zuletzt erschienen: «Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand», Bilger Verlag, Zürich, 2002.

Katharina Faber

Sorry Pessoa

Entfaltet zu der großen Täuschung des Sternenhimmels,

glänzt der nicht vorhandene Sinn des Lebens...

Spielt meinen Trauermarsch auf einer Kirmes!

Ich will folgenlos aufhören...

Ich will in den Tod gehen wie auf ein Fest in der Dämmerung.

Desfraldando ao conjunto ficticio dos céus estrelados

O splendor do sentido nenhum da vida...

Toquem num arraial a marcha funebre minha!

Quero cessar sem consequencias...

Quero ir para a morte como para uma festa ao crepuscolo.

Fernando Pessoa: ALVARO DE CAMPOS


Fade Wintersonne vor den hohen Fenstern, sie wacht auf in eine Flut von weißgelbem Licht, in dem die Staubkörnchen tanzen und schweben, und setzt sich vorsichtig auf. Vor ihr die bunten Quadrate und Rechtecke. Sie nimmt das schönste und fährt mit der Zunge sanft über die Seiten des kleinen Dings, des kleinen Buches, die Seiten sind scharf wie ein Messer, plötzlich Blut auf der Zunge. Schlucken.

Geruch von Holz und Feuer und von Rosmarin und einer Salbe, die sie früher mal gebraucht hat.

Ein kleines Mädchen, ein Kind, hat die Salbe immer gebraucht für die vielen Wunden nach dem Spielen, wer war dieses Mädchen? Schluss jetzt.

Entsetzliche Kälte trotz des Feuers im Kamin, jede Bewegung bringt noch mehr von dieser Kälte auf die Haut, also still gesessen auf der Wiese, also dem Bett, auf dem ein Durcheinander liegt – ein leuchtend rotgrüner Teppich mit komplizierten Schlingen und Mustern, die sich aneinander schmiegen, sich umschlingen, Ornamente, sie kannte die Namen dieser Ornamente, früher kannte sie auch die Namen aller anderen Dinge um sich herum, jetzt wehrt sie die Kälte ab durch Reglosigkeit. Es hat fast kein Grün draußen vor dem Fenster, es ist alles weiß und schwarz, also die Bäume versuchen ins Zimmer zu kommen, sie schieben winzige Ästchen vor mit kleinen Knospen an der Spitze und sie schlagen ans Glas und drängen ins Zimmer, aber das kann sie nicht zulassen, es würde ja noch kälter mit den Bäumen.

LiebeBäumewieihralleheißt- Birke.

So ja – schon wieder jemand im Zimmer, da muss man räuspern, alles herausräuspern, frisch drauflos, man sollte einander räuspern, wenn man sich sieht, sonst weiß der andere ja gar nicht, dass man da ist, viele wissen nicht, dass man da ist, der schöne junge Mann gestern wusste auch nicht, dass sie da ist, er hat den Fernseher repariert und nicht einmal zu ihr herüber geschaut, sie wollte ihm etwas sagen, aber in dem Moment, wo sie ihre Stimme suchte und schon ein paar Töne ausprobiert hatte, kam ihr nicht mehr in den Sinn, was sie hatte sagen wollen, es war etwas über Schönheit, also die Schönheit kann nicht mehr in dieses Zimmer kommen wegen der Kälte oder ein schöner Tag ist es jetzt –

Aus

Dummes Ding

Amerikaner wollen es nicht hören, hoho, aus einem Radio nebenan höhnen die Amerikaner

Was – schon wieder vergessen – was

Das dauernde Vergessen macht sie unruhig, sie kauert auf dem Dingsda, die Beine angezogen, und schaut zu den Bäumen, wie schön sie heute sind, aber nicht ins Zimmer lassen,

Schöner Tag, ja auch ein schöner Tag.

Würde dir das gefallen?

So alt, knochenmager, ganz in blauen Drillich gekleidet, mit einer weißen Schärpe um den Hals, kauert zwischen deinen Büchern, sorry, Pessoa, sie kannte mal deinen Namen und viele deiner Gedichte hat sie auswendig gelernt und mit ihrer heiseren Stimme vor sich hin gesagt, ganze Tage lang, unten in der Küche beim Verzweifeln.

So viele Pfleger um sie herum, sie kennt sie nicht, immer wieder kommen andere junge Leute aus der Stadt und helfen ihr beim Duschen und beim Schlingern des Tees, ja, sie schlingert den Tee, aber er ist eine Flüssigkeit, also sie muss ihn trinken, und er schlingert dann durch ihren Mund und durch ihren Hals, da sagt sie stopp und alle lachen – essen kann sie fast nicht mehr, das Herunterschlucken der Bissen nimmt ihr den Atem, schade, sie hat mal sehr gerne gegessen, jetzt sagt sie, sie sei zu faul, und raucht ihr Kraut, ihr schönes Kraut, die Zigaretten dreht sie selbst, sie braucht fast eine halbe Stunde für zwei Zigaretten, und dann fällt die Schokolade wieder aus beiden Enden heraus. Das ist fremd.

Wollen Sie Rosmarin im Feuer?

Wollen Sie mit nach draußen kommen?

Junge Leute aus der Stadt kommen und gehen zu nah an ihr Gesicht, sie lachen und reden, sagen irgendetwas, morgen bring ich dir was Schönes, sagen sie, und das m u s s t du essen, das musst du dann wirklich essen, – aber sie isst ja schon den Tee, den ganzen Tag in kleinen Schlücken, warmen Tee – sie kann die Kanne nicht mehr heben –

psssst...

da ist sie mal erschrocken –

So ein Mensch – ein Strolch – ein Sohn – ist zu ihr gekommen und hat ihr gesagt, sie sei schwach, jetzt – und er werde wiederkommen, das war also vielleicht dieser liebe Sohnesmensch, warum immer alles so einengen, nur die Kleider müssten schon lang viel enger sein, alles schlottert und deshalb muss sie frieren, fast den ganzen Tag, sie legen Decken auf sie, ganze Gebirge, bis sie darunter nicht mehr sitzen kann und ein bisschen zusammenbricht und liegen muss, aber sie friert weiter, auch unter den Decken, sie schaut zum Feuer, das immer brennen muss, es kommt vielleicht aus einem Apparat, aber es ist Feuer, sie verlangt nach dem Geruch von Feuer, wahrscheinlich ein Baum – – –

ja jetzt noch mal die Quadrate, die vollen Rechtecke, die Farben, ach das Feuer und die Dingsda, die Bücher um sie herum, ja, alle diese Figuren, die hereinkommen und ihr etwas auf die Zunge legen und sie auf die Stirn küssen, bis es kracht – ein ziemlicher Radau – dazu das sirrende Geräusch des Winterlichts, das sich von Gelb und Weiß ins Rötliche verfärbt und dann brummt, – das war ja schon lange so, dass das Licht einen grauenhaften Lärm macht, Joris hat das auch gestört, aber er ist ja gar nicht mehr da, er ist jetzt mit dieser andern teuren Schlampe, er hat für sie bezahlt.

Qual. Große Geldqual am Ende alle Namen vergessen.

War ja nicht so ohne, was?

Der Bauch ist leider verholzt, es ist Holz ins Bauchfell eingewachsen und so ist sie bretthart geworden, aber der Schalk – der Schalk

Manchmal schießt ihr ein Wort in den Kopf, ein Wort wie Schalk oder Joris oder Kind und Sohn, und sie fährt sich staunend mit den Fingern ihrer Hand über ihr weißes Haar, manchmal weiß sie wieder –

Aber dann zieht es sie irgendwohin, ein Drehwind, der an ihr reißt, bis an ihr Innerstes – und sie fürchtet sich, ein ungeheures Aufwallen von Joris oder Sohn oder von dem Mädchen, dem Geruch der Salbe, einer Küche in Unordnung, einer Küche in Tränen – –

Aber heute nicht, heute kann sie zuschauen, wie die Sonne aus den Fenstern verschwindet, sie kann es hören, sie kann sich darauf verlassen, sie hat sich wieder aufgesetzt und lacht, sie muss ja nicht zusammenbrechen, sie kann ja sitzen mit zwei Decken und noch anderen, dann hopp wie eine Indianerin im Zelt und das Buch und das Blut zusammennehmen, also begreifen, das Buch lebt. Wie Joris mit dieser Schlampe. Das Buch ist am Leben und blutet ihr ein bisschen in den Mund, nicht so schlimm. Man soll nur Lebendiges essen. Die Seiten geben nach, durchtränkt vom Speichel. So ein Buch –

Möchtest du Teletubbies schauen?

Neinein.

Möchtest du Fernseh schauen?

Die Haare fliegen wie Spinnweben um ihr altes gelbes Gesicht, sie lacht atemlos.

Spln – das kann man gar nicht sagen, das geht gar nicht, ach das Papier –

Was machst du mit dem Buch, so ein schönes Buch, daraus habe ich dir doch noch vorgelesen? – das kann man nicht essen, das ist ein Buch –

Nanana ... hat die also auch gegessen von dem Buch.

Das ist Pessoa, du hast gesagt, er sei dir der Allerliebste –

neinneinnein – niemand hier weiß wie alt sie ist, das stimmt nicht

Ich bringe dir eine Suppe und frischen Tee – iss nicht mehr von diesem Buch, bitte, lass das Buch da liegen

Das rote Licht aus der fernen Stadt brummt laut und lauter, ein Bussard kreist über der Birke, ein fröhlicher kleiner Bussard, ganz elastisch, und eine dunkle Hand reicht ihr den Ring, nein die Tasse aus heißer dampfender Vanille, und ein Löffel blitzt auf mit krankem beigen Zeug und einer Suppe darum herum, sie hat noch ein wenig Papier im Mund, das Buch hat sie vor sich hingelegt, sie nimmt ein Stück von einer andern Seite, reißt es ab und führt es sich zum Mund, aber der blitzende Löffel fährt dazwischen und macht ihr eine Überraschung. Sie legt das Papier weg, die dunkle Hand will ihr Buch stehlen, sie schlägt auf die Hand, sie hat nie feste geschlagen, nur ein bisschen, sie lachen beide, der Mann und sie, der Mann will ihr Buch, das ist ein lustiger Mann, er soll das Feuer anmachen wie Joris.

Joris diese alte Scheiße

Joris du blauer Verrat

Sie hat ein Buch gegessen. Also mit den Seiten gespielt. Die Suppe drängt wieder nach oben, sie setzt sich gerade hin und schaut hinaus in die einbrechende Nacht.

Sie möchte rauchen, sie spielt rauchen, sie bläst den Rauch durch die geblähten Nüstern. Der Mann fährt ihr mit der dunklen Hand über den Kopf, oh ja.

Jemand anders.

Möchtest du, dass ich dir vorlese? War es das? Soll ich vorlesen?

Ach was, was wollen die, mit der Nacht kommt die Angst, alle wissen das, die Nacht und nochmals Nacht und ihr Kopf, der nicht weiß

Schau, du hast es angestrichen mit blauem Stift und jetzt ist es ganz blutig, ich kann es kaum mehr lesen, aber du hast es angestrichen

Natürlich, wenn die Nacht kommt. Natürlich wird sie dann gerufen. Der Tag ist sicher, da ist immer jemand da, aber gerade jetzt zieht es sie irgendwohin, aus diesem warmen freundlichen Zimmer in ein kaltes, was soll ich da. Einfach nicht hinschauen, nicht hingehen. Irgendjemand ist gekommen, irgendjemand wartet auf sie.

Hör, da steht: «Ich will in den Tod gehen wie auf ein Fest in der Dämmerung» –, das hast du angestrichen –

Das hat sie angestrichen

Das hat sie angestrichen und angebissen

Ja, und eine Hand auf ihrer Wange, eine sehr zarte Hand, die Hand hält ihre Backe, dass sie nicht runterfällt beim Fest beim Essen.

Wir müssen geduldiger sein mit dir. Du brauchst mehr Zeit zum Essen. Das ist es – du magst diese Hetzerei nicht, dann winkst du ab, dabei bist du noch hungrig –.

Mein Kind. Mein sehr junges Kind. Hat ihr die Hand an die Schläfe gelegt, übers Haar, übers Ohr, hält ihren Kopf, bald kommt die Nacht.

Alles bereit. Wie schön. Schlucken. Es riecht gut im Zimmer, nach Feuer und Rauch.

So viele Leute plötzlich im Zimmer, schlecht zu sehen –

Durch die Gestalten gehe ich und umarme ihn. Versöhne mich. Ich umarme die Schönheit, ich meine die Dämmerung. Gebt mir Rauch, gebt mir Feuer und Licht und hoppla. Das ist es, was ich sage

Weißt du, wie das auf portugiesisch heißt? Quero ir para a morte como para uma festa ao crepuscolo –

Zurück zur Homepage

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.