entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 32:
..Fleisch

Stefan Sprenger, *1962, aufgewachsen in Zürich und Liechtenstein. Studium der Freien Kunst, Schule für Gestaltung in Luzern. Unternahm 1997 bis 2000 dreijährige Fußreise im Norden. Diverse Publikationen. Lebt als freier Schriftsteller in Liechtenstein.

Stefan Sprenger

Askia

Er steht in leuchtorangen Plastikhosen im Schnee der Caldera und gibt dem Kameramann Anweisungen. Sie sitzt im Zelteingang und spielt mit geschlossenen Augen auf einer Blockflöte. Es ist der zweite, ganz unerwartet wolkenfreie und windlose Tag im zentralen Hochland. Ihr Spiel ist schrill.

Er ist der bekannteste Fernsehreporter seines Landes, le-gendär für die unerschrockenen und gelegentlich unfreiwillig halsbrecherischen Reportagen. Sein Name wird vollständig ausgesprochen, nicht nur, wie auf der Insel Brauch, der Vorname. Lächelnd sagen seine Zuschauer, er habe sieben Leben, wenn hinter ihm der Gletschermund, in dem er Sekunden vorher noch in Mikrofon und Kamera gesprochen hat, polternd einbricht und er um sein Leben hüpft. Er ist für sein Publikum nicht nur das sprechende Gesicht der nach kontinentalen Maßstäben unvorstellbaren wilden und unberechenbaren Natur der Insel, sondern selbst ein Teil jener Landschaften im Hohen Norden, unsterblich und grandios.

Sie hat mit ihrem früheren Namen auch ihre Herkunft abgelegt, ihren akademischen Beruf, ihre Welt- und Weiblichkeit. Sie ist Pilgerin und findet auf der Insel das, was sie von Jesus aus der Bibel kennt: Einsamkeit, Wüste und Entrückung. Ihre Exerzitien sind streng und von selbstmörderischer Ausgesetztheit. Da sie keinerlei Geld hat, ist auch ihre Ausrüstung zu Beginn ihrer Prüfungen in den kurzen Hochlandsommern mehr als ungeeignet. Sie fastet vierzig Tage in einem Canyon, in dem amerikanische Astronauten vor Apollo 11 auf die Begegnung mit der Mondoberfläche vorbereitet worden sind.

Er hat sich an die Tatsache gewöhnt, dass seine Insel mit dem anwachsenden Tourismus überproportional viele Einzelgänger und Leute, deren sperrige Ideen in ihren Herkunftsländern den benötigten Umraum nicht finden, anzieht. Für ihn, wie sein Volk, sind die vielen Sonderlinge, wenn sie im frühen Herbst die Insel wieder verlassen, eine Quelle genau und ohne Häme erzählter Geschichten: ein Erzählen, das in seinem Abstand von Meinung und Moral die Qualität einer kühlen und schwerelosen Chronik hat. Selten dringt der Reisende selbst zu diesem Erzählen vor, das den Isländern Jahr um Jahr die Winternächte möbliert und in das er, ohne davon zu ahnen, als Silhouette oder Profil abgedrückt ist; dabei nicht bespeichelt, vielmehr in einer Behutsamkeit für das Tatsächliche von einer Zunge auf die andere umgebettet.

Sie kämpft den großen Kampf gegen den Drachen auf der Seite dessen, was sie artikellos «spirit» nennt. Ihr Körper, der nach Sicherheit, Nahrung und Wärme verlangt, ist ein verschupptes Glied des Drachen ihr Glauben Teilströmung des «spirit». Hinter jeder erfolgreichen Einschüchterung ihres Körpers bleibt der Zweifel an der Gottrichtigkeit ihres Tuns. Sie erhält Zeichen, hat sogar Visionen, aber wartet auf das eine, das erlösende Wort in ihrer Seele: Gott soll endlich ‹gut› sagen. Sie hat sich deshalb für eine letzte, endgültige Prüfung entschieden und ihren Grund gewählt. In der vorjährigen Hochlandkasteiung hat sie Bilder empfangen, die sie als Ankündigung eines österlichen Vulkanausbruchs in der Askia deutet. Deshalb will sie dort die drei Ostertage verbringen, nach einer mehrtägigen Fastenzeit in der zehn Kilometer entfernten Schutzhütte Drekkagil am Mund der Drachenschlucht. Das Unterfangen ist selbst für isländische Verhältnisse bizarr. Die Wüstengegend, auch im Sommer nur für knapp zwei Monate über eine 80 Kilometer lange Stichpiste erschlossen, ist im Winter unzugänglich, menschenleer und für notorisch schlechtes Wetter bekannt: Mehrtägige Blizzards sind die Regel, nicht die Ausnahme. Über Monate probiert sie, den für die Schutzhütte zuständigen Touringverein zur Mitarbeit zu überreden, stößt aber nicht nur auf Ablehnung, sondern erhält beinahe Hüttenverbot. Auch das Unterkommen in der nahe gelegenen und im Winter unbemannten seismologischen Station klappt trotz ihres Vorlebens als Geophysikerin nicht. Es wäre, dass weiß sie, das zweite Mal, dass die Askia zu Ostern ausbräche. Im März 1875 waren innerhalb weniger Stunden 2 1/2 Kubikkilometer Bims in die Höhe geblasen worden; die Aschen waren zwei Tage später nicht nur bereits im fernen Stockholm niedergegangen, sondern hatten auch die Weiden der Bauernhöfe in der weiteren Umgebung versiegelt und Familie um Familie zur Emigration nach Amerika gezwungen. Unter der manchmal von Schmelzwassergräben geöffneten Bimsdecke in und um die Askia ist der Osterschnee jenes anderen Jahrhunderts, inzwischen zu Eis gepresst, noch vorhanden. Neben dem Öskjuvatn, dem nach dem damaligen Ausbruch in der eingebrochenen Magmakammer entstandenen und sehr kalten See, liegt das winzige Kraterloch Viti, aus dem damals die Bimsfontäne himmelwärts gefahren war und in dessen handwarmem Schwefelwasser gebadet werden kann. Viti bedeutet isländisch «Hölle». Zeugnis für die anhaltende vulkanische Aktivität der Askia ist der im Oktober 1961 ausgebrochene kilometerlange Blocklavastrom am nördlichen Calderarand. Hier also, im Schnee zwischen Himmel und Hölle und auf einer wieder angefüllten Magmakammer, will sie Ostern verbringen. Als die Wahrscheinlichkeit dafür mehr als gering wird und nur noch wenig Zeit bleibt, deutet sie den Helfern in Reykjavik bei Nichtgelingen ihres Plans Suizid an, mit der Absicht, diese zu noch intensiverem Einsatz zu bewegen. Das wird stumm, aber mit großem Missfallen gehört. Die Andeutung entfremdet ihr die Helfer, deren Bedenken, die Pilgerin wolle in der Askia zu Tode kommen, sie nie zur Gänze hat zerstreuen können.

Will sie in der Askia sterben? Sie, die die Widerstände und ihren eigenen Unwillen, das Leben zu lassen, in einer für die Umstehenden erschreckenden Polarisierung als Drachenwerk versteht, wird ihn, den Bösen, nur überwinden, wenn sie ihr Letztes und Höchstes, ihr Leben zur Verfügung stellt. Sie hat – so glaubt sie jedenfalls – keine Wahl. Wahrscheinlich wird sie in der Askia während eines Vulkanausbruchs sterben. Als Bestätigung für die Richtigkeit ihres Weges. Als erlösendes Opfer auf dem Feueraltar für Gott. Als Signal für eine allgemeine Erneuerung des Glaubens auf der Insel. Denn ihre Spiritualität ist nicht privat, sondern beispielhaft, deshalb einer Öffentlichkeit zugewandt, deren Aufmerksamkeit für außergewöhnliche Taten sie studiert und dementsprechend ihren Evangelisten ausgewählt hat.

Er arbeitet für das Staatliche Fernsehen an einer Dokumentation des Hochlands, das er bereits in Sommern durchfahren, überflogen und gefilmt hatte, um die seltsamen Wunder dieser ganz und gar ungeheuerlichen Wüsten-, Vulkan- und Gletscherwassergegend nördlich des großen Vatnajökull-Eises seinem Volk an die Küsten zu bringen. Die rostbraunen Hitzetäler des Kverkfölls etwa, mehrere Stunden über dem Gletscherfuß, das Eis bis zum Steingrund verdampft und dort Fumarolen, Schwefel und blubbernde Schlammpötte. Das Wälzen der Gletscherströme, die sich Basaltdecke um Basaltdecke meerwärts feilen, ihr Wasser von Steinmehl, Asche und Sand verwolkt und so kalt, dass nichts an ihren Ufern, in ihren Schluchten keimt. Die Stundenflächen Sand, schwarz und vor dem Eisschild im Süden flirrend; plötzlich das Klingeln von Wasser, das in Quellblasen hochdrückt und zu einem hin und her fahrenden Bach zusammenrutscht, gesäumt von Vögeln und den klebrigen Sternbällen der Angelika-Stauden: Möwe, Gans und Quellmusik im Wassernabel der Schwarzwüste. Das Meer Plattenlava, aus dem in makelloser Klarheit die Vulkansolitäre stehen; breit die Schildvulkane, im gleichmäßigen Quellen aufgegossen; mit jähen Schäften durch einen vorgeschichtlichen Eiskilometer hochgekocht und jetzt freistehend die Tafelberge: Vor allen die Herdubreid, deren Schönheit ihrem langjährigen Maler Storval die Worte gegeben hatte, sie sei hohl und voller Licht. Das brandschwarze Gitter- und Zackenwerk der Blocklava aus den Kämmen zusammengewehter Bimsdünen. Und natürlich die Askia, die große Caldera, die Hochmulde im schroffen Steinkranz des Dynguföll, und in ihr der tiefe See und das köchelnde Badeloch. Es sind die Frauen, denen die Askia ans Innerste rührt, die manchmal Jahr um Jahr wiederkommen und einer Tiefe in sich nachlauschen, für die keine Worte finden will. Es schweigen von der Askia die Frauen und sprechen von der Herdubreid die Männer, versunken die ersten, leuchtend die zweiten, beide an ihrem Wesentlichen angefasst. Im weiten Nebeneinander von Askia und Herdubreid haben sich, so scheint es, die Geschlechtsteile dieser Insel gefunden. Wenn der Reporter zur Pilgerin ins winterliche Hochland fährt, geht es ihm nur in zweiter Linie um das Lieblingsbild vieler Inselbewohner, das Bild der beiden auf fast mannshohe Ballonreifen gesetzten Jeeps, die im tief verschneiten Lavafeld auf und ab wippend unerschütterlich Kurs halten und auf ebener Fläche brüllend vorwärts jagen. Es ist vor allem die Neugier eines berichtenden Mannes auf die religiöse Phantasmagorie einer Frau im Schoß der geologischen Gebärmutter Askia; er wittert eine erregende Geschichte, möchte sehen, festhalten und dann zeigen.

Sie wird durch seine Vermittlung einige Tage vor Ostern von Leuten aus Husavik zur Drekkagil-Hütte gefahren, mit großer Fracht: Gasflaschen für das Hüttenrechaud, ohne das sie weder Schnee schmelzen noch Essen kochen könnte. Ein Ölfass für den Dauerbetrieb des Ofens. Proviant. Decken. In Reykjavik zusammengefragtes Wintergerät. Lichter und Bücher, um der Stille oder dem Windheulen und vor allem der Dunkelheit nicht nur mit Gebeten trotzen zu müssen. Auch ist es ihr gelungen, mit dem Staatsradio, das im Jahr zuvor über sie berichtet hatte, eine Abmachung zu treffen: Täglich wird sie im Radio kurze Osterworte sprechen. Für diesen Zweck wird sie mit Batterie, Antenne und Funktelefon ausgerüstet, sodass, hinsichtlich keineswegs auszuschließender Notlagen, in die man, bedingt durch das unberechenbare und unvorstellbare raue Wetter, im Handumdrehen gerät, eine Notruf-Verbindung besteht. Drei Tage vor Ostern beginnt sie zu fasten. Dann fällt der Ölofen aus. Sie telefoniert aufgeregt in die Hauptstadt und bittet um Instruktionen. Es gelingt ihr nicht, das Gerät wieder in Gang zu bringen. Als Reporter und Kameramann am Ostersamstag bei der Hütte ankommen, um sie hinauf in die Askia zu fahren, reparieren sie zuerst den Ofen. Ihr Gesicht ist bleich und schmal.

Der Tag ist sonnig und vollständig windstill. Im Norden leuchtet die Herdubreid, in der klaren Luft glitzert der hinter den Jeeps hochstäubende Schnee. Sie fahren durch die nördliche Zugangsscharte in die Askia ein und queren die Caldera bis in Viti-Nähe. Die beiden Männer schaufeln zwei parallele Gräben in den Schnee und bauen das für sie gekaufte, billige Halbtonnenzelt in einem Graben auf: Es ist, dieser Art zur Gänze in den Schnee eingelassen, vor Stürmen besser geschützt. Der andere Graben dient im Notfall als Schneehöhle, in der sie den Sturm, zerlegte der das Zelt, aussitzen müsste. Der Wärme wegen zieht der Reporter die Jacke aus und steht in Pullover und leuchtorangen Plastikhosen im Weiß. Wie bringt er ihre Geschichte am besten ins Bild? Er berät sich mit dem Kameramann und bittet sie, zum Viti-Rand hinaufzustapfen. Dort bleibt sie stehen und hebt die Arme V-förmig in den Himmel, eine siegende, keine segnende Geste vor dem höheren und schattigen Gegenhang und im Schwefelgeruch des Höllen-Lochs. Die Männer filmen von unten und zoomen auf das starre Ypsilon der zwischen Himmel und Hölle angelangten Pilgerin. Es geht beim ersten Dreh etwas falsch, er ruft sie zurück. Sie kommt sehr langsam und wie eingeklappt nach unten: Das mehrtägige Fasten und der Vollzugsdruck ihrer Sendung haben sie hohl gemacht. Nach einer kurzen Besprechung stapft sie wieder hoch. Sie steht das zweite Mal oben und stellt für die Kamera ihre eine, wohl seit langem für diesen Augenblick erdachte Geste nochmals in die Askia. Man spürt ihren Willen, ein Bild zu sein, ein Bild für alle Isländer und Isländerinnen, die stumm und unsichtbar im weiten Halbkreis um Reporter und Kameramann stehen und ihr zuschauen, wie sie gleichzeitig das V für Victory über die Hölle setzt, einen Trichter für einströmenden «spirit» formt und sich dem Himmel anbietet, Siegerin, Kanal und Osterlamm; ein Bild, das ihnen heimleuchten soll zum Gott in ihren Seelen. Unter diesem Willen ist nichts mehr.

Er bittet sie, sich in den offenen Zelteingang zu setzen. Sie spielt mit geschlossenen Augen auf einer Blockflöte; durch den ärmlichen und asketischen Klang dringt eine panische Verlas-

senheit durch. In der anschließenden Interview-Sequenz hält sie sich noch aufrecht; ihr Denken und Sprechen hat sie lange genug geschult, um jetzt, trotz ihres Ausgebranntseins, dem Reporter die Botschaft in Mikrofon und Kamera zu sprechen, mit geschlossenen Augen, lachend auch in der geringsten seiner Fragen auf das Heil zielend. Er stellt die Fragen ohne Heimtücke und respektvoll, ganz vermeidend, sie lächerlich zu machen oder nur seine Meinung kundzutun, die Fragen, die er stellt und sie beantwortet, beide im Wissen während dieses Schneetreffens fernab jeder Behausung vor Hunderttausenden und für Hunderttausende zu sprechen, ein gravitätisches Worttauschen wie nach dem Abschluss wichtiger Staatsverträge: Die Differenzen sind bereinigt und die Staatsmenschen nun in der Lage, sich und die anderen machtvoll gelten zu lassen. Sie, die sich während dieser Askia- und Kamerastunde von der Pilgerin in die Heilsverkünderin weiterverwandelt, hat gesagt, was ihr zu sagen aufgetragen worden war. Er, der Chronist, hat es zum Zeugnis treulich aufgezeichnet. In Bälde werden sie auseinander gehen, er zurück zu seinem Volk und sie möglicherweise für immer von den Menschen weg. Dann bricht sie ein, vor noch laufender Kamera.

Versteht er, dass die Askia ihr Gethsemane, ihre Schädelstätte ist? Versteht er, dass sie wahrscheinlich zu Tode kommen wird und er der letzte Mensch ist, mit dem sie gesprochen haben wird? Versteht er, dass er an einem neuen Evangelium mitwirkt? Nein, er versteht das nicht, und weil sie jetzt berührt und erkannt werden möchte in ihrem Opfergang, weil sie möchte, dass er ihre feurige Himmelfahrt zumindest billige, macht sie Andeutungen ihres Passionsweges und dessen Endes, belauert dabei den Reporter aus den Augenwinkeln, ob er Anteil nähme und als Jünger zu ihr träte. Denn mit der Fastenhohlheit und der zunehmenden Sterbensangst ist wieder der elende Zweifel da, ob es denn tatsächlich höherer Wille und nicht die Einflüsterungen des Drachens seien, dass sie hier ihr Leben lassen solle. Er, der genau spürt, in was er sich für sie zu verwandeln hätte, macht mit einem freundlichen Satz klar, dass es zwar sein Interesse sei, von ihr und für sie zu berichten, nicht aber an sie zu glauben. Natürlich hat er Recht. Er, der professionell von seinem Land und den Menschen darin berichtet und sich dabei dauernd miterzählt, braucht keine andere Geschichte, um darin unterzukommen: Er ist sein eigener Hauptdarsteller und bietet anderen Plätze in seinem Geschichtenrund an. Sie ist Teil seiner Geschichte, nicht umgekehrt. Sie wiederum, kundig und mit der Begabung, tief zu blicken, hat ihre Handlung so entworfen, dass sie zu seiner idealen Geschichtensubstanz wird, die nämlich, die sein Volk an alten Befindlichkeiten berührt: Winter, Einsamkeit, Eigenwille, Gefahr. So hat sie ihrer Erlösungs-Botschaft den Zugang in isländische Seelen geschaffen. Ohne darüber gesprochen zu haben, wissen der Reporter und die Heilskünderin, was sie füreinander sind: ein Geschichtengeschäft. Als das Geschäft in der Askia getätigt ist, bleibt ein Rest, an dem beide scheitern. Sie, die plötzlich am Lebenswert ihrer Geschichte zweifelt, verlangt von ihm gläubige Unterordnung. Er, taub für ihr Sterbeelend, nimmt sie nicht in den Arm und zu den Menschen zurück.

Es ist geplant, dass sie den morgigen Ostersonntag alleine in der Askia verbringt und am Montag von Jeeps aus Husavik in bewohntes Gebiet zurückgebracht werden soll. Das nochmalige Bestätigen dieser Abmachung und die zusätzliche Absprache, er ließe, falls eine Wetterwende morgen Sturm brächte, die Jeeps bereits am Sonntag starten, sind die letzten Worte: Sie fragt mehrmals und fast nörglerisch nach, er antwortet, innerlich immer weiter vor ihren Halteversuchen zurückweichend, zunehmend in besänftigendem Doktorenton. Die Jeeps verlassen die Askia; die Frau, meterbreite Rillen und eine geradezu vorzeitliche Stille bleiben zurück.

Sie hat Glück. Oder erfährt Gnade: In höchst ungewöhnlicher Weise ist auch der Ostersonntag windstill und so klar, dass sie, als die Sonne am Nachmittag über dem Rand der Caldera steht, den gleißenden Ball für eine kurze Zeit zwischen verschiedenen Luftschichten hin und her springen sieht. Es ist der aus alten isländischen Geschichten überlieferte österliche «Tanz der Sonne». In der Nacht auf Ostermontag kommt Sturm auf, Sturm, der ihr das Zelt mehrfach flach auf den Körper drückt und sie nicht den Vulkanausbruch, sondern die Ankunft der Jeeps aus Husavik ersehnen lässt. Sie ist nach ausgestandener Prüfung sehr erleichtert, wieder unter Menschen zu kommen. Er beendet den Film und bringt ihn ins Fernsehen, wo er mehrmals und an Festtagen gezeigt wird und die Pilgerin bekannt macht, landesweit und lebend.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
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