entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 32:
..Fleisch


Dirk Rose, *1976 in Erfurt, Studium in Jena, Paris und Berlin, lebt in Berlin.

Dirk Rose

Aufgabe

Ein Erlebnis, das ich und meine Freunde nicht vergessen werden. Schreib darüber bis morgen eine Seite, dann wollen wir das mit der Leistungskontrolle eben vergessen. Und wenn dir nichts einfällt, dann denk dir was aus. O.K.?

Alexander schwieg. Was hätte er auf den letzten Ton der Lehrerin, einen ähnlichen etwa, antworten sollen?

Er ging auf den Schulhof, wo die Mauern den Lärm über sich hinaus wachsen ließen, ein hohles Kreischen, so redeten die Backsteine. Alexander konnte keine Worte darin ausmachen. Da sagte es neben ihm «Platte», er hatte sich nicht verhört und war bereits stehen geblieben. Zwei Jungs, jünger und bunter als er, sprachen aufeinander ein: wie sie ihre Arme bewegten, über Musik. Als sie den älteren bemerkten, zu ihnen herüber starren, in seiner von einem Cousin geerbten grauen Jacke, unterbrachen sie ihre Bewegungen, aber nur, um einmal tief Luft zu holen und dann loszulegen. Hey du Arschloch Wichser was glotzn so brauchst wohl aufs Maul zieh ab verpiss dich zieh Leine machen Abgang Arrivederci Baby.

Alexander, im Weitergehn, wurde nicht einmal zornig vor lauter Enttäuschung.

Ein Nachzügler, war er erst mit siebeneinhalb eingeschult worden, weil er noch im letzten Kindergartenjahr, die anderen umhüllten jede ihrer Handlungen bereits mit weitschweifigen Kommentaren, nicht mehr als einzelne Wortfetzen herausgebracht hatte. Erst nachdem er auf dem Weg zur Schule aus Unaufmerksamkeit stolperte und das Pausenklingeln manchmal überhörte, hatten sich die Buchstaben zu Worten und die Worte zu Sätzen gefügt. Der Staats-rats-vor-sitz-ende be-grüsst die Jung-en Pio-niere. Wende. Die Buchstaben begannen wieder hin und her zu springen, wie sie wollten. Seine hundert Mark Begrüßungsgeld gab Alexander je zur Hälfte für Süßigkeiten und Comicbücher aus. So antwortete er nur «Umpf!», als seine Eltern ihm mitteilten, sie würden in den Westen ziehen müssen, wo sie in einer größeren Kleinstadt wieder Arbeit gefunden hatten. Ausgerechnet dort passierte es. Worte, die er einmal mühsam gelernt und spielend wieder vergessen hatte, kehrten zurück, obwohl es das, was sie bezeichneten, nicht mehr gab. Hinterließen einen abgestandenen Geschmack auf der Zunge, wie in den gelben Fluren der alten zweistöckigen Neubauschule mit dem Fischmuster im Treppenaufgang. Aber er war doch jetzt im Westen, wo es von allem so viel gab, Dinge und Namen, und manche leuchteten sogar nachts. Weil er sich zu ihnen nichts vorstellen konnte, sie für schimmernde Fantasiegebilde hielt, reihte er selbst willkürlich Buchstaben und Silben aneinander. In einem Aufsatz schrieb er etwas von «Ferienspielen» und schien damit eine Einrichtung zu meinen, keine Freizeitbeschäftigung. Die Lehrerin bat die Eltern zum Gespräch. Ihr Sohn würde das Klassenziel nicht erreichen, selbst die Ausländer machten weniger Fehler, ob sie ihn untersuchen lassen wollten, vielleicht sei es ja eine Krankheit, eine Kollegin hätte einen ähnlichen Fall (sie sagte tatsächlich «Fall»), eine Krankheit, nickte Alexanders Mutter, die als Schwester bei einem Zahnarzt arbeitete. Von da an musste er ihr jeden Abend aus seinen alten Kinderbüchern vorlesen und in Wasser aufgelöste Brausepulvertabletten trinken. Einmal las er seinem Vater vor. Als er stockte und mit dem Finger auf die Stelle zeigte, an der er nicht weiter kam, nuschelte der etwas vor, von dem selbst ihm klar war, das steht da niemals. Deswegen brauchste nich zu flennen, sagte der Vater und klappte erleichtert das Buch zu.

Ein Erlebnis, das ich und meine Freunde nicht vergessen werden. Musste es nicht heißen: meine Freunde und ich? Verwirrt bog Alexander in den Stadtpark ein.

Diesen Weg ging er meistens, denn es war nicht der direkte nach Hause. Ein weit geschwungener Bogen um einen künstlichen Teich, die Wasseroberfläche wie Plastefolie: In der Mitte, auf einer Insel, stand eine Figur, die er zuerst für einen Indianer gehalten hatte, wegen der angerosteten Eisenquader, den Drahtseilen und dem Autoreifen obenauf. Die Büsche am Wegesrand blühten, Bienen darin. Das Stillstehn des Grases verriet die Nähe der Stadt.

Ein Erlebnis? Bei einer Schulfete spielt eine hundsmiserable Band, da springt er auf die Bühne, singt die neusten Hitparadensongs wie seine eigenen, und während er sich noch vor dem johlenden Publikum verbeugt, wartet schon am Hinterausgang das schönste Mädchen der Klasse. Oder er findet eine Geheimbotschaft, wird von einer Meute verfolgt, die ihn, obwohl er die Botschaft nicht versteht, als Mitwisser beseitigen will; bis Robocop, der Roboterpolizist und sein bester Freund, sie alle über den Haufen schießt. Oder Außerirdische planen, die Welt zu zerstören, und er ist der Einzige, der mit ihnen kommunizieren kann, also nehmen sie ihn als Geisel.

Oder derselbe Penner auf derselben Bank, jeden Tag, und noch immer erschrecken. Alexander hatte ein halbes Frühstücksbrot im Ranzen übrig. Aber mit welchen Worten hätte er das hergeben sollen, und stumm, wie nicht einmal die Tiere im Zoo gefüttert wurden? Dabei blickte der Mann ihn jetzt an, als wüsste er genau um die Existenz des halben Brotes, fast verächtlich. Alexander bemühte sich, über ihn hinweg und an den Bäumen hinaufzuschauen, deren Äste vor Feuchtigkeit schwarz glänzten. Der Himmel war graudurchleuchtet wie an jenem Nachmittag, irgendeinem, unter der Brücke über die Eisenbahn, am Rand des Neubaugebiets. Hier trafen sich die Kinder aus der Platte und beschmierten die Betonträger mittels Kreide oder verloren gegangener Kohlestückchen. An diesem Nachmittag war auch Ralf wieder dabei; sie umringten ihn staunend, denn gestern war er mit seiner Oma aus dem Westen zu-rückgekommen. Du musst vom Börger abbeißen, einen Pommes hinterher schieben und dann noch mit dem Trinkstäbchen Kola einsaugen: Das zusammen ist der ultimative Geschmack. Sie fühlten ihre Münder taub werden bei dem Versuch, ihn sich vorzustellen; es musste ein Geschmack äußerster Vollkommenheit sein. Ralf verriet noch diesen Namen: Meckdohnald. Dann kam der Vorortzug, und der dunkelblaue Dieselqualm staute sich unter der Brücke, die Kinder husteten. Sie hatten danach den Burger nicht vergessen, aber er war etwas so Unwahrscheinliches, und außerdem fingen sie an, sich von Ralfs Märchen beleidigt zu fühlen. Lieber redeten sie über ihren Schatz. Der lag in der Datschensiedlung versteckt, auf der anderen Seite der Schienen. Wenn sie ihn einmal gefunden hätten, würden sie ihn unter den Armen in ihrem Wohngebiet verteilen; und nur, weil sie noch immer darüber stritten, wer denn arm sei, hatten sie ihn bis jetzt noch nicht gehoben. Reich waren die, die einen Lada fuhren. Für heute begnügten sie sich damit, eine Rolle Zündplättchen, zur Warnung, abzubrennen. Das aufgerollte grüne Band und die Pulverkreise darauf, der blaue Qualm, ermahnten Alexander, mit Doppel-Tee geschrieben zu werden. Bei Einbruch der Dunkelheit gingen sie in Grüppchen, Fahrstuhl für Fahrstuhl, nach Hause.

Nichts; und doch hatte es Alexander nicht vergessen. Noch während er die Lichter in den Neubauten angehen sah, unerwartet grell und bunt, wusste er, dass er mit diesem «Erlebnis» seine Aufgabe verfehlen würde. Er stand an einem Ende der Haupteinkaufsstraße. Der Asphalt war nass, und die Autos fuhren mit surrenden Reifen vorbei, obwohl es nicht geregnet hatte.

Er wollte die Einkaufsstraße gerade durch laufen, bis ans andere Ende, das war der schnellste Weg nach Hause, und gar nicht erst überlegen, gleich zu schreiben anfangen, die Comicbücher sind doch voll von Erlebnissen und Freunden, der Fernseher. Aber er musste allen ausweichen, die geradeaus liefen und dabei in die Schaufenster guckten, mit verdrehten Hälsen. Selbst das hatte er noch nicht gelernt. Lichter und Namen, die ihm auszubuchstabieren keine Zeit blieb, er musste doch für alle mit aufpassen; es sowieso nicht konnte. Vor einem Schaufenster, hinter dem eine Pyramide aus Fernsehgeräten aufgebaut war, hielt er an. Jedes ein anderes Programm.

Ein Junge in einem Zimmer. Ein Mädchen kommt herein. Sie bleibt an der Tür stehen, die beiden scheinen sich nicht zu kennen, sie lacht zwei Mal, er muss superwitzig sein, dann liegen sie schon aufm Sofa und küssen sich. Und eben noch war da ein Nachrichtensprecher, jetzt schlagen Polizisten auf einen am Boden Liegenden ein, und Menschenmengen rennen durch Straßen, in denen kleine Feuer brennen, verfolgen sich gegenseitig. Und ein paar Leute hocken zusammen, ihre Münder gehen auf und zu, Fische im Aquarium, und das Publikum lacht ohne einen Laut.

Und zwei, undeutlicher, über ein Handy gebeugt, als würden sie darauf etwas lesen können. Der eine versucht, es dem andern aus der Hand zu ziehen, es fällt nach unten, sie sehen gar nicht hin. Der, dem es zu gehören scheint, haut den andern in die Fresse, mehrere Passanten haben sich mittlerweile eingefunden, jemand hebt das Telefon auf, putzt es an seinem Jackenärmel sauber und gibt es dann dem Schläger zurück. Um den andern, der mit gegen das Gesicht gepressten Händen aus dem Bild gelaufen ist, kümmert sich keiner. Alexander trat noch näher an das spiegelnde Schaufenster heran, um ja nicht erkannt zu werden. Die zwei gingen mit ihm in eine Klasse und hatten sich am ersten Schultag vor ihm aufgebaut. Kann sein, dass sie etwas fragten, auch wenn das eher nach Feststellungen klang. Er schwieg, sie begannen zu schubben, bis er schrie, wo die Schulspeisung sei. Essensmarken! Einer der Mitschüler musste die doch verkaufen; das Mädchen mit dem Sternchenohrring, das dabei immer so komisch die Augen zu ihm nach oben gedreht hatte. Die beiden rückten von ihm ab, überrascht. Hinten aus dem Klassenraum schrie es: Nix Essen in Schule! Der eine von den beiden nutzte das entstandene Gelächter, um Alexander unbemerkt in den Bauch boxen zu können. Am nächsten Tag verfolgte er sie nach Schulschluss. Hinter einer Reihe von Büschen versteckt, auf einem Streifen düngerfarbener Erde zwischen Radweg und Parkplatz, sah er sie in einen Supermarkt gehen und mit Brötchen in der Hand wieder heraus kommen. Ähnliche Beobachtungen in den folgenden Tagen ließen ihn vermuten, dass es tatsächlich keine Schulspeisung gab. Er hatte gedacht, nur das Wort nicht. Also fing er an, sich zu Hause etwas zu essen zu machen; in Mutters Rezepten ohne Stocken nachlesend, die Zutaten vor sich ausgebreitet.

Freunde, er fand keine. Die in der Schule sprachen zu schnell und mit Geräuschen versetzt, die aus ihm unbekannten Fernsehserien und Computerspielen stammten. Mit ihm redeten sie wie mit einem Kleinkind, das nichts von der Welt weiß und dem alles noch beigebracht werden muss. Oft begann er, um sich zu rechtfertigen, seine Sätze mit «früher...» und brach dann ab, weil das doch nicht ging, dreizehn Jahre alt. Heimlich bewunderte er sie alle für die Gleichgültigkeit, mit der sie über den Schulhof schlenderten und Kommentare verteilten, im Stil schlenkernder Einkaufstüten; und wusste, er sei anders und würde nie dazugehören. Ausweichend setzte er seinen Weg fort, nach Hause und vor das leere Blatt Papier.

Er murmelte vor sich hin, schmerzhaft, weil er mit seiner Zunge ärgerlich gegen die Zähne stieß. Wir gaben unser Pio-nier-ehr-en-wort, den Schatz aus den Datschen zu holen und den Arm-en zu geben, wie Timur-und-sein-Trupp. Kra kra ha ha. Ein mechanisches Lachen von der Seite. Ein Papagei, der mit den Flügeln ruckte und den Augen kullerte, was die Batterien hergaben. Von der Geschäftszeile gegenüber blinkten Worte an einer elektronischen Werbetafel auf, Alexander hatte sie gerade zu zählen begonnen, und zerfielen in kleine rote Punkte, die sich zu einem Bild zusammensetzten. Ein Papagei? In die Leuchtreklame starrend, wurde es dunkel.

Worte, tanzend, die ihm vor den Augen flimmerten, über die Zeilen rutschten und auf die Straße purzelten; der Stift, der sie nicht mehr halten kann, später. Zu spät.

Vorm Kaufhaus warteten Ali und Muhammet auf ihren BMX-Rädern und hielten sich an den Sonderangeboten fest. Hey Axel! Alexander wäre in der Dunkelheit an ihnen vorbeigelaufen, hätten sie ihn nicht gerufen. Die beiden waren so was Ähnliches wie seine Freunde: Aber er nannte sie so nie, benutzte immer bloß ihre Namen. Wann sie zum ersten Mal miteinander gesprochen hatten, hätten sie nicht sagen können; es gab da kein Erlebnis oder eine Geschichte. Sie gingen in dieselbe Klasse. Ali war derjenige mit «Nix Essen in Schule!» gewesen, und dass es nicht als Verarschung gemeint war, sondern ein ehrlicher Hinweis: Sie lachten jedes Mal von neuem darüber. Es kam vor, und wurde häufiger, dass sie nach der Schule mit ihren Fahrrädern die Fußgängerzone rauf und runter fuhren, was natürlich verboten war. Es passierte nichts, nur dass Alexander einmal einen zum Mülleimer gewordenen Blumenkübel rammte, weil er dem leibhaftigen Dohnald Dack ausweichen musste, der sich dann nicht einmal nach ihm umgedreht hatte, eine blöde Ente eben. Lange Regennachmittage verbrachte er mit Ali, Muhammet und ihren Geschwistern im Treppenhaus ihres Sozialbaus und schämte sich für sein Heimweh, auch wenn hier keine Fahrstühle rumpelten, sein Lieblingsspielzeug in der Platte, früher. Für den Rest der Klasse war es selbstverständlich, dass die Ausländer unter sich blieben.

Vom sanften Wind aus den Kaufhaustüren umweht, warteten Ali, Muhammet und Alexander noch eine Weile, dann kam der Hunger. Zu Mackdo. Bei Meckdohnalds, wie es doch richtig heißen musste, kriegten sie wie üblich Börger, Pommes und Kola; sie waren sich sicher, etwas anderes bestellt zu haben. Die ausländischen Verkäufer hinter der Theke gaben den bunten Schachteln wohl ähnliche Fantasienamen wie sie selbst. Beim Bezahlen erschrak Alexander, wie wenig Taschengeld er noch übrig hatte, obwohl seine Eltern für ihn sparten, wie er einmal zufällig erfahren hatte: Was soll denn sonst werden, hatte seine Mutter hinter der angelehnten Schlafzimmertür gefragt. Er erinnerte sich an das halbe Frühstücksbrot im Ranzen. Und in dem Augenblick, vom Aufschnappen der Kasse bis er sein Wechselgeld in Händen hielt, bedeutete die Aufgabe viel mehr als nur das Ausbügeln einer verpatzten Leistungskontrolle.

Komm Axel, haben schon Platz. Ali rief quer durch den Laden, Alexander ließ einen Groschen fallen und bückte sich nicht danach.

Er schob erst das Tablett über den Tisch, bevor er sich setzte. Es rutschte fast ohne Geräusch, Plaste auf Plaste — oder Plastik?

Wie mit dir waren, heute in Schule?

Alexander hatte vom Börger abgebissen, einen Pommes hinterher geschoben und sog gerade durch das Trinkröhrchen Kola ein, die Augen halb geschlossen. Vergeblich wartete er auf Ralfs «ultimativen Geschmack»: Die einzelnen Lebensmittel vermischten sich zu einem faden Brei, nichts. Ralf hatte sie belogen oder etwas ganz anderes erlebt. Ihm fiel ein, dass sie den Schatz gar nicht gefunden hatten, der sich also noch in der Datschensiedlung, drüben, befinden musste. Und nach dem Runterschlucken antwortete er: Nichts.

Aber das Kontorolle. Du haben so gut fangen an.

Er hatte gelernt gehabt, Grammatik. Er hätte alles gewusst. Während des Vorlesens der Beispielsätze an der Tafel war er an ein Wort gestoßen, das hatte zu wackeln begonnen, er streckte noch die Hände danach aus, da war es schon auseinander gefallen, und wie immer er die verstreuten Buchstaben dann zusammengestellt hatte, sie ergaben keinen Sinn mehr für ihn. Passiert eben. Bläck autsch.

Warum nicht weitermachen? Lehrin dir helfen.

Jedes weitere Wort, das die Lehrerin ihm vorgesprochen hatte, zerstäubte noch im gleichen Moment vor seinen Augen. Hören Sie auf, sehen Sie denn nicht, die halbe Tafel ist ja schon von Ihrer Stimme leer gewischt, Sie wollen sich über mich lustig machen, wie alle hier: Statt das zu brüllen, hatte er keinen Ton mehr von sich gegeben, vor Schrecken starr.

Du müssen bleiben sitzen? Wir besser, wir nicht deutsch, wir nicht können bleiben sitzen wegen in deutsch. Aber du?

Sollte er ihnen von der Aufgabe erzählen? Vielleicht wussten sie ja ein Erlebnis, oder sie könnten zusammen eins erfinden. Aber es mit ihnen aufzuschreiben, war ja völlig unmöglich, selbst wenn sie in Diktaten manchmal weniger Fehler machten als er. Und sie würden nicht verstehen, wie ihm ein anderes, zweites Deutsch dazwischenkommen konnte, und das eine, was sie für das einzige hielten, unmöglich machte. Sie hatten ja nicht mal von dem einen eine Vorstellung.

Muhammet war schon fertig und noch hungrig. Is Schachtel, schmeckt gleich, oder Axel? Sie lachten alle drei. Wenn sie ihm nicht helfen konnten, wer sonst.

Er versuchte, ihnen ins Gesicht zu sehen, um sie auf das aufmerksam zu machen, was er gleich sagen würde; sie schauten rechts und links an ihm vorbei. Etwas geschah hinter seinem Rücken, das niemals so wichtig sein konnte wie die Bitte, die er jetzt vorbringen wollte. Ali hatte noch das von der innen aufsteigenden Flüssigkeit dunkle Trinkröhrchen im Mund, als Muhammet aufsprang und sofort auch er selbst. Alexander drehte sich widerwillig um: mehrere Kinder, die von den draußen angeschlossenen Rädern wegrannten, Ali und Muhammets Jacken, die sie verfolgten. Er hatte doch nicht wirklich einen Diebstahl erlebt? Alexander drehte sich wieder zum Tisch, auf dem die Tabletts mit den zusammengeknüllten Schachteln und Servietten lagen. AUS EINEM STROHHALM TROPFTE COKE.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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