entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 32:
..Fleisch


Elisabeth Wandeler-Deck, Schriftstellerin, lebt in Zürich. Zusammenarbeit mit improvisierenden Musikerinnen und Musikern und Komponisten; Auftritte als improvisierende Musikerin. Letzte Veröffentlichungen: «Klangtransfer – Sprachtransfer» (Lyrik, mit Agnes Mirtse/CD 2000); «contrabund» (Lyrik/2001); «hängend» (Lyrik/ 2002); «Es gibt gibt es» (mit bunte hörschlaufen CD 2002).

Elisabeth Wandeler-Deck

Die fünften Akte von Opern enden meist grausam gegen den Sopran.

Still gestellt. Den Fuß still gestellt. Resultat einer Aktion. Genauer. Aktion eines, der ein Mann ist, oder eher, männlich, eines Geschlechts maskulin. Noch einmal. Abbild eines Fußes in seiner Rahmung. An der Sohle des still gestellten Fußes elf Fliegen. Kein grünes Schimmern zeigt Schmeißfliegen an. Schmeißfliegen, auf Fleisch, totem Fleisch.

Wessen Fleisch, das mag gefragt sein. Fleisch, gehörig. Fuß eines Manns, mag sein, sie fährt zusammen, schon ist sie ganz zusammen, womit jedoch, der Farbe, dem Fußtritt einer Farbe. Müsste ergreifen, müsste sie sich begreifen, verzaubert in den Anblick sie kann nicht. Ich. Der Mann. Frau. Eine. In der heißen Sommersonne gaukeln Bläulinge.

Stillleben eines rechten Fußes, Torture-Morte, Marcel Duchamp, der recht ist, rechts, Arbeit eines Fleischers, warum nicht, genau das, das Bild eines Berufsmannes, warum nicht, carnifex, als einer der, indem er in Stücke zerhaut, Fleisch bereitet, um es auszulegen auf der Bank. Zum Braten dressiert. Weshalb einer Fliegen hinmacht.

Auch Stubenfliegen, das weiß sie noch, dieses Verschiedene von Fliegen. Dass Fliegen Haut lieben. Sie liebkosen. Trinken, das Feuchte lecken.

Sie lecken am Lebenden, kann sein, einer Fußhaut gerade eben noch ein Lebensrosa gerade noch erblickt ertastet mit Augen ersehen, oder ein Verblick, ein wenig Gelb schon, Blässe des Fußes schon ein wenig, wenig. Und ist schon abgestorben, Fleisch gemacht ich füge das Wort Fleischfarbe bei. Es geht. Scharf ausgerichtet der Kontur entlang, dem Lichtschlag.

Fliegen, wenn sie über Fußsohlen laufen, das Kitzeln geht an, schon wieder, es durchfährt sie, sie zuckt, kichert. Versuche, die Füße still zu halten, misslingen.

Geht im Gegenteil über Augenbetrug hinaus. Von ein wenig Schmutz, eines jungen Fußes, nein, gewiss nicht Marmor einzelnes rosa Füßchen. Schon im Fliegenbesitz. Fleischmachen, eine Arbeit er macht Fleisch. Randfüßig oder Arbeitsinstrument, wenn sie ihm zuschaut. In der einströmenden Sonne eine Wolke aus Fliegensummen. Seine Schreienstätigkeit, bitte, Fliegentod Fleisch. Knochen. Das Licht blendet nicht. Nicht heute. Für fünf Menschen Voressen und ein Füßchen bitte. Präparierte Namensregale es ist heiß. In Honig verlegt, du, dein Fuß und dein Fuß. Süßer Abgang von ein wenig Schmutz, ein einzelner junger Fuß, nicht, nein, jungen Fußes nicht, kein rosa Kinderfüßchen, gewiss nicht.

Gestern am Bach oder zum Rufen angesetzt.

Et incarnatus est. Sie ist sein Fleisch. Das sie aufzählt. Mag sein. Inkarnation = Fleischwerdung, incarnare = zu Fleisch werden, jetzt, gerade jetzt. Die Fliegen, die Hitze. Schon der frühe Morgen ist heiß. Es ist ein Sommermorgen. In der heißen Sommersonne gaukeln sehr viele, unzählige, Bläulinge über den abtrocknenden Kuhfladen, setzen kurz auf, verweilen, zeigen das Bräunliche der Flügelunterseiten, ihr Lüften und Atmen, sie nehmen ihr Flattern wieder auf, in uneinsichtigem Wechsel, Thymianduft, Heugras, Zertretenes am Fuß Lehmiges aus der schon vertrocknet gemeinten Delle, eine der größeren Lachen noch gestern nach dem Gewittersturm.

Die Jalousien des Mittagsschlafs. Das Zimmer mit seinem Fenster. Du holtest das vorgeschobene Verb. Später, früher, ja, frü-her, nicht vorher, vorher war sie auf dem Balkon gewesen, eine Terrasse eher, sie war kleiner gewesen, früher, die Terrasse, ein kleiner Hinausbau, ein Auskragen, kleines Absinken gegen den Garten hin, ein Meer vielleicht, ein Steg weit in den Sand hinaus, zum Wassersaum beinahe hin, dort dann die Wiege im Schatten eines gespannten Tuchs, der Durst, zu der Zeit, der früheren Zeit. Soll Andauern vor sich gehen. Andauernd kleiner, ein dauerndes Sinken, absenken, auffliegen, der Lichtbalken, die summende Wolke, das Fliegensingen, dem das Kind nachgab. Dann Fliegenknall was mich angeht Lappenwurf gegen Stechfliege. Ein seltsames Süßes von zaubert von Wort zaubert kommt es daher, dass es sich eine Umgebung schafft, Zärtliches in Bildern Inkarnat, ich lausche der Farbe des Fleisches, während sie spricht. Sieht sie Haut an. Der Fußsohle. Ich streiche die Falten aus. Des Tuchs, auf dem sie liegt, das sie drückt, brennt.

Dann ging es nur noch um das Gellen beim Nachziehen des Fußes.

Ich halte ein Ohr an die eine der Flaschen, in welcher ich meine, eine Bewegung zu sehen. Er schrieb, dann tänzeln Formen in transparentem Dispositiv, geschlossenem Kreislauf, die Fliegen oder zwischen Traum und Präzision des Experiments im Labor ein Mikrokosmos, schrieb Henrik Hakanson, es möchten akustische Informationen wahrer Liebe sein wahrhaft kaustisch letale Installation für Drosophila melanogaster medium blue formule 4-24 lockt Mikroludien Dionaea muscipula wenn variable Dimensionen einer Luke lächelt True Love mit Insekten und fleischfressenden Pflanzen, Wasserflaschen aus dem Vorrat, PET, recyclierbar, in der einen die Lebensgrundlage der Fruchtfliegen blaues Substrat oder möglicherweise nährende Flüssigkeit, in zweiter Wasserflasche dann grün schimmernd die jungen Pflanzen auf schwärzlicher Erde, so wirst du es sehen, hätte er möglicherweise geschrieben, die Flaschen je vom Boden abgehoben aufruhend auf einem der üblichen Fotostative, die beiden verbindend ein, so schien es mir nun, ein mehrere Meter messender lichtdurchlässiger Kunststoffschlauch, genügend eng genügend weit für eine Passage den Durchflug, mit Briden festgemacht an den Flaschenmündern, Ventile, was ihm dienlich schien, zur Regulierung, des Durchflugs, im System eingeschlossener Traum. Wo, riefst du, das hergenommen, das alles, heute, true love recycled. Abgeschwächtes Sonnenlicht, damit die Pflanzen nicht absterben wegen allzu großer Hitze. Obzwar Mikrolupen ins Spiel abgetaucht, damals, der andere und sie auch gerade noch Kinder, Welten aus Moos und Kieseln ins Seeufergestein gebaut, aus Zeigen und Horchen, auch zwei Muschelschalen, zwischen den Schilfhalmen im sanften Sand entdeckt Malermuscheln, Schwappen eines Sommers im Wasser, was sie dazu sagen möchte. Das verwesende Fleisch, sei es tierisch, sei es menschlich, ist nie einsam.

Ohnehin. Die Hörner sprießen schon, sagt er, der dem Jungtier mit beiden Händen über den Kopf fährt.

Bienen in den Haaren. Kleine Nachtmaschinen befremden Orte auf Vertrautem zeichnen ins Schwarze das Zirpen von Monden man bewirkt das Licht Geräusch, denn es lässt ein Griff sich bewegen, eine Taste drücken, ein Aufleuchten ist eingerichtet, der tote Falter öffnet und schließt die Flügel, bis die Spannkraft der Feder nachlässt. Dann Kekse, Schmetterlinge gesammelt, das war es. Motten, Schmetterlinge, Bienen, Fliegen. Alle mit einigen Namen versetzt. In Formalin gebadet, das Kalb, die Biene. Sonnenmumien, Fragmente konservierter Abstecher, Meteoriten, da hast du es. Einbüchsungen, klebriger Rand am Rand und Bienen im Haar. Bis dann also. Aber schon tot. Nach Umschlägen Eingelegtes. Zungenlang. Wie andere Universenkonzentrate. Zeilenweise abgesackt, im Silbersalz hart, was trägst du da ab da wo eingezirkelt.

Die Fliegen zeigen das Fleisch in seiner letzten Form an. Die Fliegen und der Gestank.

Flügel diverser Insekten in Schachteln geborgen. Hier einklappen.

Es wimmelt stinkt schon, am lebenden Tier schon Maden. Lange bevor die Totenstarre eintritt besetzen schon die Fliegen die noch warmen Körperöffnungen. Eine nur einzelne erst eine und eine Erste. Die Schmeißfliege setzt auf das tote Auge an, züngelt, leckt, fliegt auf, sitzt taumelt grouille-toi im Fliegenverein dich verkuppeln und Eier gelegt. Larventanz in Zeilen Wimmel gelacht aber rasch entschlüpft ausgekrochen das tut und macht und stinkt. Maul Augen Arsch, Loch um Loch ist Ablegestelle für Eierauflagen. Die rasende Vermehrung der Larven ruft zuerst die Zersetzung der weichen und flüssigen Materialien hervor, des Gehirns und der Eingeweide, dann erst des quellenden Fleisches, das sich von den Knochen löst, zuletzt der Sehnen. Die Knochen, es sei denn sie würden verbrannt, sind unverweslich.

Die Leuchtkraft des Mondes im Innern der Glühbirne lässt sich regulieren durch Drehen eines Gummiknopfs. Ich führe die Aktion aus. Eine kleine Nadel beginnt zu kreisen. Bei einer bestimmten Helligkeit bildet sich ein Halo um den Mond als ein Reflex seines Leuchtens an der Innenfläche des gläsernen Kolbens.

Dann ging es nur noch darum, das Grelle am Nachziehen des Fußes zu begreifen.

Leise bewege ich eine der Schachteln. Ich denke daran, wie sie die Tür offen vorgefunden hatte. Der Hund war da. Mir fielen die Spinnennester an Fassaden, in Durchgängen, in Winkeln auf der Fläche, ein, in Abhängigkeit von der Art der nächtlichen Be-

leuchtung wattige Polster oder stille, dunkle Flecken, ich dachte daran, wie sie nach der Klingel suchte. Dann war sie zurück zum Bus gegangen. Objektträger, planparallele Glasplatten, Lamellen, jede 2.6 x 7.6 cm, dann das zu beobachtende Präparat ein Fliegenkopf, ein Schmetterlingsflügel oder Querschnitt durch ein fleischiges Blatt aus dem Garten, Wasser aus dem, ja, irgend- ein Wasser, das ihr genügend verdreckt erschien oder auch bloß leicht trüb von Algen, wie sie schon wusste, darüber das hauchdünne Deckglas geschoben, so weiß sie das von damals, als ihr der Gebrauch des da schon veralteten Mikroskops erklärt wurde. Wer erklärte, wer übergab es, wie war das Mikroskop in ihre Hände gekommen. Mögliche Fragesätze, nein, sie erinnert sich, wen geht das an. Auf Gläser gemalte, gravierte Andeutungen Schattenhaftes von Tinte Abgelagertes, Farbschlieren, mit der Feder aufgebrachtes flüssiges Wachs, sie schüttelt die Schachtel, bis sie ein leises Klirren zu hören vermeint. Entnahmen organischer Materie, gefangen in klarem Harz sie weiß es noch der Geruch das Aufbringen der hellen Flüssigkeit, Balsam, ein Balsam für den Käfer, ein Druck auf seinen Leib, die schönen Flüglein auseinander zu spreizen, noch etwas stärker pressen, das Weiche spritzt heraus, fixieren, rasch, wie hieß noch der Balsam, linder Name, lindernd, aufgebracht, oder die Ränder des Deckplättchens verleimt, nur so tun. Oder Schrei, eine Opernhaftigkeit, eine Wiederholung, eine unbewältigte Menge Kakerlaken, raschelnd setzt es ein, Eintrüben, ein kleiner Schwindel, ja, hatte sie dann gerufen, 18. Juli, klar, aber wieso denn.

Ich sah mich, wie ich hinschaute, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, ein schmaler Lichtstreif blieb noch, das vertraute Dunkel, im Licht die kleine, tote Spinne, totgemacht, möglicherweise totgeschlagen, hübsche Schatten werfend, ich dachte daran, wie sie musterte, Schatten der Reste der Spinne, mehr weiß ich nicht. Gelbbilsig blasig immer dieselbe Blattkante erreichen. Während an meinem Gänsefuß Gästefuß kriechbewegtes Körperchen Netz spannt, aus niedriger Sicht an den weißen Melden gezupft, zur Suppe junge Triebe weggebrochen, auch der Wind hat sein Vergnügen an schnellen Spinnen oder splittergelb oder ein Rad schlagen Spinnwebkadenz quer durch die Grammatik des Maschinchens, eines andern, sehr blauen, Schmetterlings, die Koloraturen ins Nackte getrieben. Dann eher Messingfarben oder Grün von Unkräutern im feuchten Untergrund da treibt man das Vieh zusammen jeden Abend ab in den Stall zum Melken.

Anmerkung: Diesem Text liegt Marcel Duchamp, Torture-morte 1959, bemalter Gips und Fliegen, Musée nationale d’art moderne Paris, zugrunde. (Quelle Katalog von Dart D’Art, Arles 1999)

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