entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Ausgabe 32:
..Fleisch


Heike Geissler, *1977, lebt seit 1999 in München und arbeitet zur Zeit an ihrem zweiten Roman. Letzte Veröffentlichung: «Rosa», Roman, Deutsche Verlags-Anstalt 2002.

Heike Geissler

Großabnahme

Dass er plötzlich nicht mehr da war, war nicht viel mehr als eine Bemerkung am Rande. Eindrücklicher hingegen war das Spüren des Fleisches, das sich in den Jahren mit ihm an deinem Körper angesammelt hatte.

«Zeigen Sie mir zweiundzwanzig Kilogramm Fleisch, bitte», sagst du zu dem Metzger, bei dem du regelmäßig Aufschnitt kaufst. Er blickt dich fragend an, du wiederholst deine Bitte: «Ich möchte wissen, wie zweiundzwanzig Kilo Fleisch aussehen, es muss kein gutes sein, nehmen Sie irgendwelches.» «Und dann», fragt der Metzger. Du zuckst mit den Schultern und beobachtest ihn beim Abreißen von Folie, mit der er zwei große Leberwürste verpackt und diese anschließend in die Theke legt. «Kommen Sie mit, ich hole das Fleisch aus dem Kühlhaus, hier vorn habe ich nicht genug», sagt er schließlich, wischt sich die Hände an der Hose ab und gibt dir den Durchgang frei.

Kurz darauf sitzt du auf einem Stuhl, den der Metzger dir zugewiesen hat, und blickst dich um. Du kennst Metzgereien nur als Kundin, doch entspricht dieser Raum, in dem die Würste und das Fleisch für den Verkauf bereitet werden, deinen Vorstellungen: weiße Kacheln, Haken, an denen Schinken hängen, große Messer, ein Metalltisch, dunkle Bodenfliesen, ein aufgerollter Wasserschlauch, Gewürzgläser und diverse Maschinen; für heute scheint der Metzger seine Zubereitungsarbeit beendet zu haben, alles ist aufgeräumt und sauber. Du hörst, wie er sich außerhalb deiner Sichtweite an einer vermutlich schweren Tür zu schaffen macht, und schließt kurz die Augen in der Hoffnung auf ein halbwegs beruhigendes Ergebnis. «Gut», hörst du ihn sagen und siehst ihn mit einer weißen Kiste näher kommen. Er stellt die Kiste ab und leert sie aus. Fleischstück nach Fleischstück landet auf dem Metalltisch, du willst zu-greifen, eines dieser großen Stücke anheben, doch weist der Metzger dich zurück: «Nicht mit bloßen Händen anfassen, das kann ich sonst nicht mehr verkaufen.» Er reicht dir Plastikhandschuhe, die du eilig überstreifst, um einen großen Fleischbrocken zu greifen. «Wie viel wiegt das», willst du wissen. «Zirka zweieinhalb Kilo», erwidert der Metzger, während er die letzten Stücke aus der Kiste nimmt. Du betrachtest den Fleischberg, diesen beeindruckenden Fleischberg, denkst an deine Beine, deine Arme, deinen Bauch. «Es ist viel, sehr viel Fleisch. Zweiundzwanzig Kilo sind eine Menge.» «Oh», sagt der Metzger, «ich war noch nicht fertig, das sind erst vierzehn Kilo, mehr ging nicht in die Kiste.» «Meinen Sie das ernst», fragst du, und setzt dich zurück auf den Stuhl. Der Metzger erkundigt sich, ob er den Rest holen solle; du willst abwinken, denn bereits jetzt quälst du dich eine Spur zu intensiv, doch weißt du, dass es keinen Raum mehr für Beschönigungen geben darf. «Zeigen Sie mir den Rest auch noch», sagst du deshalb und presst die Augen ein wenig zusammen, als er eine weitere Kiste hineinbringt.

«Geschafft», sagt er und stellt die zweite geleerte Kiste auf den Boden. «Das sind jetzt zweiundzwanzig Kilo?», fragst du zur Sicherheit und würdest gern hören, dass es ein wenig mehr sei. Der Metzger sagt jedoch bestätigend und sogar ein wenig stolz: «Zweiundzwanzig, exakt.» «Es ist sehr viel», sagst du erneut und fragst, was das kosten würde. Der Metzger reibt sich den Nacken: «Nun, ab fünfzehn Kilo gibt es Rabatt für Großabnehmer, und da Sie eine Stammkundin sind...» Die Zahl, die er nennt, registrierst du nicht, alles, was du hörst, ist dieses Wort: Großabnehmer.

«Kundschaft», murmelt der Metzger und geht in den Verkaufsraum. Du stehst auf, du musst das Fleisch befühlen, musst wissen, was es bedeutet. Mit der linken Hand hebst du ein Stück, die rechte Hand bohrst du hinein in diesen Fleischberg. Deine Hände werden sehr kalt.

«Wo sollen wir die Gefriertruhe hinstellen?» Du weist den beiden Trägern den Weg zum Schlafzimmer, «neben die Kommode», sagst du. «Die Truhe wird Sie stören in der Nacht, sie macht ziemlich viel Lärm», meint einer der beiden. «Nein, schon gut so», sagst du, gibst ihnen ein angemessenes Trinkgeld und machst dich, nachdem du die Truhe angeschlossen hast, auf den Weg zur Metzgerei. Der Metzger lächelt dich an, wie meistens ist kein anderer Kunde im Laden. «Warten Sie, ich habs schon zurechtgepackt», sagt er und hievt zwei Kisten auf den Kassentisch. Darin das Fleisch, das gestern noch vor dir ausgebreitet war, jetzt aber vom Metzger auf deinen Wunsch zu Zweikilopäckchen portioniert und in Folie geschweißt wurde. Du zahlst den Großabnehmerpreis abzüglich Stammkundenrabatt, lässt dir alles in die mitgebrachten Tüten packen, und bedankst dich im Gehen für den Tipp, das Fleisch mit Koriander zu marinieren. Gut, denkst du. Es ist gut, diese Massen schleppen zu müssen. Es ist nur gut zu wissen, wie schwer zweiundzwanzig Kilo sind. Großabnehmer, denkst du.

Du musst dich nicht ansehen, musst dich nicht anfassen, es ist offensichtlich: all das Fleisch an den falschen Stellen, all das falsche Fleisch, das du nie warst, das sich an dich heranmogelte. Jahr für Jahr; das Fleisch blieb nicht unbemerkt, doch sagte er, es sei gut, tatsächlich sagte er mit einem Lächeln im Gesicht dies: «Meine weiche Frau.» Aber all das falsche Fleisch, schau dir nur all das falsche Fleisch an, ganz aufgeplustert bist du, als hätte man dich auf ein Ziel hin gemästet.

Zuhause legst du die Fleischpakete in deine neue Gefriertruhe, du legst sie in zwei Reihen zu je fünf, das elfte legst du obenauf. Du schneidest dir kleine Zettel zurecht, klebst sie auf die Pakete und schreibst dann, bei dem obersten beginnend, die Ziffern von eins bis elf mit einem dicken schwarzen Stift auf das Papier. Anschließend fertigst du ein kleines Schild, welches du mit «Großabnehmerin» beschriftest, und klebst es senkrecht, sodass es die Hälfte des Paketes markiert, auf Nummer acht.

Du gehst ins Bett; schlafend willst du den Hunger vertreiben, willst dich vorbereiten auf dein Projekt, das am nächsten Tag beginnen soll. Du fragst dich, wieso es dir nie aufgefallen ist, dass du wie auf die Matratze gegossen wirkst, dass dein Körper aus den Grenzen wabert. Wieso stimmten seine Worte dich versöhnlich, wenn bereits der zweite Tag seiner Abwesenheit dich verunglimpfen, vielmehr: dich deinen Körper als Schwamm erkennen lässt. Ein Schwamm, der aufsog, solange man ihm gut zusprach. Vorbei, denkst du und sagst es auch leise vor dich hin.

Über Nacht hast du bereits das erste Kilo verloren, ein Bonuskilo vor Beginn des Projektes, dein Körper gibt dir Zuspruch. Du machst Kaffee, füllst Leitungswasser in zwei große Plastikflaschen, stellst die Getränke neben das Bett und inspizierst deine Gefriertruhe: Die Pakete und auch die Zettel sind von Reif überzogen; du wischst die Ziffern eins und elf frei und weißt nicht, welchen Rhythmus sie vorgeben, welchen Rhythmus dein Körper verträgt. Doch macht dich dieses so flugs verlorene Kilo, dem du nichts anderes zugestehen willst, als ein bereits wirklich verschwundenes zu sein, guter Dinge. Wieder liegst du im Bett, hast dein Kissen von der linken Seite zur Mitte geschoben, du hast es bequem.

Du kannst es nicht erwarten, willst deinen Körper schwinden sehen, du willst dich genießen können. Begierig bist du, schnellstmöglich deinen wieder schlanken Körper zu betasten, doch so lange noch Pakete in der Gefriertruhe sind, gebührt diesem Körper keine Zuneigung. Es ist nicht schwer, sie ihm zu verwehren; du handelst sehr freiwillig.

Am nächsten Morgen wirst du, nachdem du einen Großteil des vergangenen Tages schlafend verbrachtest, sehr früh wach und bist um ein weiteres Kilo leichter. Um dir sicher zu sein, steigst du erneut auf die Waage, es bleibt bei dem Gewichtsverlust. Mit einem Lächeln nimmst du Nummer eins aus der Truhe, legst dir das Paket kurz auf den Bauch, und trägst es dann ins Wohnzimmer: Auf dem Couchtisch liegt sie, deine erste verlorene Zweikiloportion. Du machst ein Foto und bist ein wenig zufrieden.

Nach sieben Tagen liegen zwei weitere Pakete auf dem Tisch, die du jeweils einzeln und in Gruppe fotografiertest. Gelegentlich ist dir schwindelig, obwohl du ausreichend trinkst. Doch ist dein Bauch bereits flacher geworden und schließlich, so sagst du dir, kamst du früher auch tagelang ohne Essen aus.

Die nächsten Pakete entnimmst du in größeren Zeitabständen, das Abnehmen hat sich verlangsamt. Du beginnst deshalb mit einigen gymnastischen Übungen, die du im Bett ausführst; das Bett willst du so gänzlich erst wieder verlassen, wenn kein Paket mehr in der Truhe lagert. Das Draußen soll aufgespart werden für die Zeit danach, wenn du erst eine bewiesene Großabnehmerin bist. Eine, die sogar sieben Kilo mehr schafft, als für die Großabnahme nötig wären. Also die Beine hoch, die Beine senken, den Rumpf heben und langsam zurücksinken lassen. Dein Körper verändert sich, weniger Fleisch, so muss es sein, schließlich liegt im Wohnzimmer der angewachsene Beweis, der nunmehr zu stinken begonnen hat.

Denn gestern konntest du es nicht lassen: Gerade hattest du das siebte Paket auf den Tisch gelegt und fotografiert, als dich ein Appetit überkam, den du Hunger nanntest. Du gingst zum Kühlschrank, fandest die Lebensmittel darin bereits verdorben, stöbertest weiter und entdecktest schließlich Nudeln und Pesto im Vorratsschrank. Ein einfaches Essen, doch würde es dir genügen, denn welch einen Hunger du verspürtest. Du öffnetest das Glas, rochst am Pesto, bis das Nudelwasser kochte, gabst die Nudeln hinein, einfach so hinein, du weiche Frau. Nervös gingst du auf und ab, die vier noch zu bewältigenden Pakete im Hinterkopf, sagtest «Hunger», derweil die Gier in dir schrie. Die sieben geschafften Pakete waren keine Beruhigung, die wenigen bleibenden kein Ansporn. Gier, der Hunger; welch ein Rückfall bahnte sich da an. Doch hieltest du inne, zwangst dich, dir eine Chance zu geben, die verbleibende Garzeit der Nudeln zum Nachdenken zu nutzen. Du gingst ins Wohnzimmer, öffnetest Nummer eins bis vier, der sich ausbreitende Gestank widerte dich an, doch öffnetest du auch Nummer fünf, sechs und schließlich Paket Nummer sieben, das noch gefroren war. Du zogst dich aus – viel war da nicht zu tun, denn seit Beginn deines Projekts trugst du nur ein Nachthemd – standest nackt und wurdest schließlich vom Ekel überwältigt, als du alle sieben ausgepackten Fleischstücke in den Armen hieltest, sie fühltest und fast schon schmecktest. Du warfst das Fleisch zurück auf den Tisch, stelltest die Herdplatte ab und warst, als gegen späten Abend die Resignation verflogen war, nahezu stolz und voller Euphorie. Eineinhalb Pakete noch und du wärst Großabnehmerin, weitere zweieinhalb und du wärst wieder die Alte.

Sein Pesto, seine Nudeln, sein Fleisch, das alles stinkt in dein Schlafzimmer hinein, in dem nur noch deine Minimierung existiert. Am Tag, da du das neunte Paket unter Würgen im Wohnzimmer ablegst und fotografierst, lässt du dir vom Fernseher das Datum zeigen und erstaunst, weil du bereits seit einem Monat weniger wirst, aber sonst nichts geschieht.

Allerdings bedarfst du keiner Geschehnisse; das Betrachten deines Körpers, wie er mittlerweile auf jeder Seite des Bettes gut und wesentlich schöner zu liegen weiß, genügt dir. Bald ist es geschafft, sagst du, während du ein wenig schwerfällig und benommen deine Übungen machst. Du versuchst Liegestütze, doch wird dir davon so schwindelig, dass du dich auf den Boden fallen lassen musst. Du beruhigst dich, indem du dir den Schwindel mit der in Gang gebrachten inneren Energie, mit Schwingungen erklärst. Diese Schwin-

gungen, denkst du, haben sich ebenso wie du noch nicht an die verkleinerte Hülle gewöhnt, stoßen deshalb in dir schneller als erwartet an Grenzen, prallen zurück und überlagern sich zu einem Wirrwarr des Schwindels.

Nur noch zwei Pakete, du wirst es schaffen, da bist du dir nun völlig sicher, was sollte auch dazwischenkommen. Nachts träumst du dir deinen Körper im Draußen zurecht, feengleich siehst du dich, doch ist dies nur dein Äußeres – innen wirst du stark sein, als hättest du die Gabe, Unheil zu bringen.

Jetzt, da dein Ziel erreichbar nah ist, da du längst eine wahre Großabnehmerin bist, aber eben noch nicht genug hast, breitet sich eine enorme Aufregung in dir aus. Es fällt dir schwer, Schlaf zu finden, wieder und wieder drehst du dich im Bett, und kannst es plötzlich nicht länger erwarten: Du musst das Anziehen probieren. Du legst dein Nachthemd ab und holst aus dem Schrank, was du Tag für Tag trugst. Da ist Skrupel, in die Hose zu steigen, Skrupel, das Reiben und Quetschen an den gewohnten Stellen zu spüren; läge eine Tonne Fleisch auf deinem Wohnzimmertisch, du würdest ihr nicht trauen, so sehr hast du dich an die Wahrnehmung des dicken Körpers gewöhnt. Doch natürlich gleitest du mit Einfachheit in die Hosenbeine, du hast ausreichend Platz, mehr als genug sogar; wenn du den Hosenbund weg vom Bauch hältst, kannst du bis zu deinen Knöcheln blicken. Das tut gut, und es ist nahezu unglaublich. Du drehst dich, genießt nun den Schwindel, die Schwingungen, du fällst, aber was macht das, du bleibst einfach liegen, hebst erneut den Hosenbund, hebst die Beine, betastest den Stoff, der locker hängt, du senkst die Beine und schläfst an Ort und Stelle ein.

Paket Nummer zehn trägst du drei Tage später wie ein heiliges Gut in das Wohnzimmer. Wie gewöhnlich legst du es auf den Tisch, machst das Foto, aber willst dir das Arrangement nicht lange betrachten. Du sorgst dich, Maden zu entdecken, die, dem Gestank nach zu urteilen, längst wimmeln müssen. Zurück im Schlafzimmer genießt du den Gedanken, nur noch ein Paket in der Truhe zu wissen. Es wird nicht länger als eine Woche dauern, selbst wenn du die Tage ohne Gymnastik verbringst; in spätestens einer Woche wirst du mehr als eine Großabnehmerin sein. Du beschließt fortzugehen aus dieser Wohnung, sobald dein Ziel erreicht ist. Alles wirst du so lassen, wie es jetzt ist, besonders die Verwesung im Wohnzimmer. Du wirst dich in einen Mantel hüllen, ihn eng schnüren, langsam und vorsichtig aus dem Haus gehen, denn schließlich ist dein Körper schwach geworden. Aber bald wirst du ihn pflegen, ihn liebkosen, wirst dir neue Kleider kaufen und vielleicht sogar dieser Stadt den Rücken kehren, um dorthin zurückzugehen, wo man dich als weiche Frau nie kannte.

Tatsächlich ist weniger als eine Woche vergangen. Ein wenig taumelst du und weinst, als du das erreichte Ziel auf der Waage siehst: Zweiundzwanzig Kilo weniger, es ist soweit. Also ziehst du den roten dicken Mantel über dein Nachthemd, schlüpfst in die Schuhe, packst Ausweispapiere und Geldkarten in die Tasche und öffnest die Gefriertruhe. «Komm raus, komm raus, es ist geschafft», sagst du, nimmst dieses letzte Fleischstück, gehst damit ins Wohnzimmer, legst es auf den Tisch und willst gerade zur Kamera greifen, als du hörst, wie ein Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür gesteckt wird.

Außer dir besitzt nur er einen Schlüssel, weißt du und weißt noch vieles mehr. Du huschst zurück ins Schlafzimmer, ziehst die Schuhe aus, öffnest die Gefriertruhe, steigst leise hinein und ziehst den Deckel mit den Fingerspitzen nach unten, bis er kein Licht mehr passieren lässt. Du schließt die Augen; gleich wird es sehr kalt werden.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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