entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 31:
..Nacht

Erich Ehrensperger, *1961; Lehrer in Zürich.

Erich Ehrensperger

Blumen für einen Toten


Es war ein trüber Morgen gewesen, weder Tag noch Nacht noch Dämmerung, und als ich endlich das Areal verlassen konnte, begann es zu regnen. Unmerklich und später nicht heftig, doch die wenigen Menschen strebten eilends hinweg, in der Hoffnung, am Ziel einem anderen und besseren Schicksal zu begegnen, und dann war es leer in der Stadt. Die aufgeklappten Tische und die aufeinander getürmten Stühle standen ergeben vor der grauen Mauer, angekettet, bis dass das Wetter besser sein würde, falls das Wetter nochmals besser würde. Auch der Himmel war grau durch den Regen hindurch, und dass es je einen anderen Himmel geben würde, konnte man sich nicht mehr vorstellen, beim besten Willen nicht. Ich setzte meine Füße so sachte wie möglich auf, es war ruhig, nur leise platschten die Sohlen auf die Pflastersteine, und ein bisschen spritzte es. In den dunklen Rinnen zwischen den Pflastersteinen hatte sich Wasser angesammelt.

Ich trat über die Schwelle, drinnen öffnete sich ein hoher Raum mit beirrend vielen Gestellen, überhäuft mit Vasen und Blumen, auch auf dem Boden standen Blumen und Vasen, überall, ich ging vorsichtig bis zur Mitte hin. Die Vasen quollen gefährlich über. Die Blumen waren farbig, ohne zu glänzen und zu leuchten, alles war in eine dumpfe Düsterheit getaucht, als wäre auch hier jener trübe Regenmorgen, aber es regnete nicht und war warm, und es roch süßlich und erdig. Ich wartete. Hinten schnitt ein junges Mädchen in einer dunkelgrünen Schürze Blumenstängel zurecht und Blätter weg, steckte die Blumen wieder und wieder neu zusammen, betrachtete sie jeweils lange mit seitlich geneigtem Kopf, zwischendurch strich sie sich mit dem Handrücken die langen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht. Ich wartete, blickte vorsichtig, nicht den Kopf, nur die Augen bewegend, umher. Einer drückenden Schwere erliegend, konnte ich mich kaum mehr rühren, es war sehr warm, feuchtwarm, mein schwerer, unförmiger, nasser, klebender Regenmantel dampfte und kochte, es wurde wärmer, der Geruch wurde stärker, mir war flau im Magen, ich hatte noch nichts gegessen, ich hätte unbedingt etwas essen sollen, hätte aber keinen Bissen heruntergekriegt.

Aus einer Nische löste sich eine Gestalt heraus. Ich hatte sie vorher nicht bemerkt. Eine kleine magere alte Frau kam auf mich zu. Sie hatte weiße Haare, trug ein schlichtes langes graues Kleid und dunkelrosa Filzpan-toffeln.

Sie blieb knapp vor mir stehen, besah mich schweigend.

«Ich brauche Blumen, viele und schöne Blumen», sagte ich. Sie schwieg, ich sagte: «Für eine Beerdigung.»

«Wer ist der Tote?», fragte sie.

«Er war ein berühmter Mann.»

«Sie haben den Mann gut gekannt?»

«Ich kenne seinen einzigen Sohn.»

«Woran starb der Mann?»

«Herzversagen.»

«Aha», machte die Frau und wandte sich ab. Ich wartete, die Frau war verschwunden, auch das Mädchen war weg. Es war still. Ich blickte zum Ausgang. Die glasige Ausgangstür und das riesige Fenster daneben waren vollständig beschlagen, und obwohl ich mir einzureden versuchte, Wasserdampf habe die Scheiben so vollständig ergrauen lassen, ließ sich die Wahrheit nicht mehr verdrängen: Es war viel Zeit vergangen, draußen war es Herbst geworden, diese Wahrheit drückte herein, die Nebelwand lehnte sich gegen das Innere des Raumes, und ich wartete weiter auf meine Blumen.

Plötzlich hörte ich Schreie. Ein bunter Vogel schlug flatternd seine Flügel auf und ab, ohne wegzufliegen, hüpfte auf einem Gestell bis zum Rand vor, unabläßig einen Namen krächzend, und auf einmal stand die alte Frau neben ihm und beschwichtigte ihn: «Sei ruhig, Dacapo. Du bekommst einen Apfel.» Ohne den Kopf zu mir zu wenden, ihren Blick weiterhin auf den Vogel geheftet, winkte sie mich mit dem Arm heran. Ich kam zu ihr hin, sie drückte mir einen Apfel und ein kleines Messer in die Hand. «Der junge Herr wird dich füttern, Dacapo», sagte sie dem Vogel. «Ich arrangiere unterdessen die Blumen.»

Sie entschwand ans andere Ende des Raumes, ich schaute ihr nach, hielt den Apfel in der einen, das Messer in der anderen Hand. Dort hinten führte eine Steintreppe hinunter, und bevor sie versank, als ich nur noch ihren Kopf sah, hörte ich sie sagen: «Schneiden Sie die Schale und den Kern gut weg. Machen Sie kleine Stü-cke.»

Der Vogel hüpfte aufgeregt auf dem Regal hin und her, versuchte, wild und zornig nach dem Apfel zu hacken. Erst jetzt sah ich, dass er einen harten kräftigen riesigen Schnabel und böse Augen hatte. Ich konnte den Apfel unmöglich auf dem Brett schneiden, und nirgends sonst wo gab es eine Abstellfläche, aber dann frohlockte ich über den rettenden Gedanken, eine Sekunde lang, durchbrach einen Moment lang diese ganze Misere: Der Vogel konnte nicht fliegen, nur hüpfen, der dumme dämliche kreuzschnabeldoofe Vogel. Als ich jedoch in der Mitte des Raumes stand, verlor ich wieder allen Mut. Ich konnte kaum den Arm heben. Der dumpfe gewölbte Raum war eine halbe Erdkugel, deren Schwerkraft nur den einen Drang und das eine Ziel und den einen Sinn kannte, mit aller Kraft auf den Schwerpunkt zu drücken, außerdem wirkte hier der süßliche erdige Geruch um ein Vielfaches verstärkt. Es war nicht möglich, den Apfel in der Luft und auf der Hand zu schneiden. Stücke fielen zu Boden, ich hob sie schnell wieder auf, bis anhin hatte kein Kunde mehr den Laden betreten, ich hatte einen kleinen Schnitt im Zeigefinger, aber schließlich hielt ich kleine geschälte Apfelstücke in der linken Hand, die Schale und das Kerngehäuse hatte ich kurzerhand in die Hosentasche verschwinden lassen.

Ich ging zum Vogel zurück, wollte ihm die Apfelstücke aufs Brett werfen, aber die alte Frau stand neben mir, blickte an mir vorbei und sagte: «Sie müssen ihm die Hand hinhalten, er frisst sie Ihnen aus der Hand... Er tut dir nichts.»

Sie schüttelte den Kopf, ich senkte den Blick auf die Apfelstücke in meiner hohlen Hand, ihre Worte hallten in meinem Kopf nach, dann tat ich, wie sie gesagt hatte, und als der Vogel begann, mir die Stücke aus der Hand herauszupicken, war die Frau wieder verschwunden. Der Vogel fraß schnell und gierig, das war gut so, und nachdem er das letzte Stück geschnappt hatte, wandte ich mich hastig um und wollte weggehen. Da hüpfte der Vogel auf meine Schulter. Ich blieb stehen, regungslos. Erstarrt verharrte ich einen halben Schritt vom Regal entfernt. Ich drehte meinen Kopf keinen Millimeter dem Vogel zu. Wenn er loshacken würde, dann auf meinen Hinterkopf, besser, als mir die Augen auszustechen. Sein Schnabel fuhr in meine Haare, der Vogel war etwa so groß wie mein Kopf, schätzte ich. Ich versuchte durchzuatmen, mein Herz hämmerte gegen die Brust. «Du musst dich bewegen. Er geht gern spazieren», sagte die alte Frau neben mir. Im Ohr juckte es mich.

Ich machte behutsam die ersten Gehversuche, ging nach einer Weile langsam und beständig im Laden auf und ab. Die alte Frau hielt mächtige wunderschöne Blumen in ihren Händen und folgte mir und dem Vogel auf meiner Schulter mit glänzenden Augen. «Du musst mit ihm sprechen», sagte sie und nickte. «Das gefällt dir, Dacapo, mit dem fremden Herrn auf und ab zu gehen.» Der Vogel krächzte laut und hässlich wirre Silben in den Raum. Mit der Zeit wiederholte er dieselben Laute, es hörte sich an, als rufe er einen Namen, ich schwieg.

«Sag etwas, er versteht dich, er möchte, dass man mit ihm spricht», beharrte die Frau. Der Strauß war mächtiger, schöner geworden, sie umspannte die Stiele mit ihren beiden Händen, sie überprüfte den Strauß, als ich an ihr vorbeiwandelte, indem sie ihn nach allen Seiten wendete, ich schöpfte Hoffnung, und als ich ganz in der hinteren Ecke angelangt war, begann ich mit dem Vogel zu sprechen. Einen Moment lang dachte ich daran, über die Treppe nach unten zu verschwinden, dann kehrte ich um und ging nahe, so nahe als möglich, der Seitenwand entlang wieder nach vorn. Ich erzählte dem Vogel über ihn, über sein Zuhause, stellte Fragen, erzählte irgendetwas, der Vogel krächzte in einem fort, und wenn er nicht krächzte, so wirbelte er mit seinem Schnabel meine Haare auf und zupfte daran. Der Laden war plötzlich voller Kunden, auch das Mädchen war wieder da, und eine weitere Gehilfin war erschienen. Die Kunden standen vereinzelt und steif im Laden da, machten selten ein paar Schritte zu den Blumen hin, schwiegen. Es war still im Laden, nur knisterndes Papier raschelte, und Scheren klapperten von Zeit zu Zeit, und ich sprach leise mit dem Vogel. Ich sah nicht, ob die Kunden nach mir schielten, ob sie lächelten oder den Kopf schüttelten, sie mochten sich denken, ich gehöre zum Haus, oder nicht, was geht die Welt eine wandelnde sprechende Leiche an, der Tod gehört nun einmal zum Leben, einmal muss alles ein Ende haben, ob man lebt oder tot ist. Die Tür ging auf, ein Herr in dunklem Anzug mit schwerem schwarzem Aktenkoffer, mit grauen Haaren und braunem Gesicht trat ein. Draußen hatte es keinen Nebel, es regnete. «Siehst du, es geht wunderbar», sagte die Frau und lächelte mich mit leuchtenden Augen an. «Ihr versteht euch prächtig.» Der Mann mit dem Aktenkoffer hielt einen Strauß in der Hand, bezahlte und verließ den Laden wieder.

«Wann ist die Beerdigung?», fragte die Frau.

«Am Nachmittag», sagte ich.

«Der Mann war sehr berühmt?»

«Ja.»

«Es werden viele Leute kommen.»

«Ja, sehr viele Leute», bestätigte ich. Sie nickte auch.

«Wie alt war der Verstorbene?», fragte sie und trat nahe an mich heran.

«Vierundsechzig», sagte ich leise.

«So jung», machte sie und nickte wieder. Ich nickte ebenfalls.

«Um welche Zeit findet die Beerdigung statt?»

«Um fünfzehn Uhr.»

«In der Stadtkirche?» Ich nickte, sie sagte: «Kommen Sie um ein Uhr wieder, dann wird alles bereit sein.» Der Vogel sprang auf ihre Schulter.

Ich verließ sogleich den Laden. Meine Schritte flogen leicht über die Pflastersteine, ich lockerte meine Schultern, den Nacken, den Kopf.

Es hatte aufgehört zu regnen. Es war wieder ein trüber Tag, es würde ein trüber Tag bleiben bis zur Dunkelheit. Ich ging nicht in den Blumenladen zurück, ich ging nie mehr in einen Blumenladen. Ich ging auch nicht zur Beerdigung meines Vaters. Mein Vater hielt nie viel von Blumen.

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