entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 31:
..Nacht


Monika Slamanig, *1963 in Luzern. Übersetzerin. Studien- und Arbeitsaufenthalte in verschiedenen Weltteilen. Arbeit in Hilfsprojekten, Sozialinstitutionen, der Maschinenindustrie, als Lehrerin, Stationsvorsteherin und Redaktorin. Seit 1995 freischaffende Übersetzerin, öffentliche Schreiberin und Journalistin. Lebt und arbeitet derzeit in St.Gallen.


Monika Slamanig

Johann und die metaphysische Dimension der Mechanik

uWenn Johann sich den Ranzen hielt vor Lachen, dann wusste man, er hatte seine besseren Tage. Die Leute im Dorf aber duckten sich. War er einst das Genie gewesen, später der harmlose Spinner, galt er plötzlich als gefährlicher Psychopath. Ein Pädophiler gar? Man musste sich in Acht nehmen. Hätte ihn doch die Polizei behalten, die ihn geholt hatte. Aber wer wollte ihn schon. Nun hatte man das Geschenk: Was sollte man mit so einem wie Johann?

Angefangen hatte alles mit dem Tod der Mutter. Vielleicht schon früher, als er in der Garage des altehrwürdigen Elternhauses sein Atelier einrichtete, eine dunkle Höhle, in der sich das Gerümpel bis zur Decke stapelte und undefinierbare Figuren aus dem Chaos entstanden. Nur die Kinder wagten sich in die Nähe, wenn er dort hämmerte und bohrte. Solange Sommer und Winter das Tor offen stand, sah man, was vor sich ging. Wie ein abgetakelter Lumpenkönig thronte er über der überdimensionalen Werkbank, inmitten von altem Eisen, rostigen Maschinenteilen, Drähten, Schweiß- und Bohrmaschinen. Hinten im Dunkeln standen das zerschlissene Sofa, ein Holzofen, ein Sessel.

Durchs offene Tor sah man ihn werken, freute oder ärgerte sich über die meterhohen wippenden, sich drehenden und klingenden Skulpturen vor dem Haus mitten auf dem Dorfplatz. Die Kinder rannten darum herum. Dann kamen Zeiten, in denen die Garage immer seltener offen stand. Johann schob seine massige, gebückte Gestalt mit dem aufgetriebenen Bauch nur noch durchs Dorf, um am Bahnhofkiosk Zigaretten zu kaufen. Lief ihm einer über den Weg, der ihn von früher kannte, und grüßte er ihn gar, hob Johann knurrend den Kopf und starrte ihn aus so wilden Augen an, dass er hurtig das Weite suchte.

Niemand, Johann schon gar nicht, konnte sagen, was genau passiert war damals, als das Seil am Lift riss und dann seine Sicherungen durchbrannten. Seither musste er höllisch aufpassen. Stimmen im Kopf brachten seine mathematischen Formeln durcheinander, und erst recht seine Sprache. Manchmal trieben sie ihn in einer schwindelerregenden Spirale zum Gipfel der Erkenntnis, manchmal geriet das ganze Getriebe außer sich und explodierte. Dann übernahmen Willi, John, Poldi, Hannes, Klaus und Luc das Kommando – die Zwerge, die Stimmen, seine Brüder. Die Wahrheit wollten sie ihm einbleuen. Er hatte nichts mehr zu melden, auch wenn er lauter und schneller redet als sie. Niemand konnte ihm folgen. Das störte keinen. Erst als das Garagentor ganz zu blieb, gab das im Dorf Anlass zu Besorgnis und Gerede.

Die Stimmen: Niemand kapiert die metaphysische Dimension der Mechanik, nicht mal der liebe Gott. Wenn man diese Drähte verbindet, gibt es einen magnetischen Impuls. Dann geht der Himmel auf, die Engel singen und dem Richter ist es wurst, ob der mit dem winzigen Zipfel ein Bub ist oder nicht. Ha! So einer ist doch kein Kind mehr. Der hat genau gewusst was, ein bisschen auf dem Sofa liegen, hinten in der Höhle, wo keine Zwerge über die Hügel gaffen und es dem Vormund verzapfen. Der Bub spinnt. Er klingelt ständig an der Tür. Aber Johann will nicht, dass die daraus wieder einen Gerichtsfall machen.

Vor 40 Jahren, ja, da war er noch der Stolz des Dorfes gewesen. Am Anfang der Zeit, als er der Herr Ingenieur war mit einer Erfindung, einer, der mit Fabrikherren und dem Patentamt korrespondierte. Aber die Fadenspule lief viel weiter zurück. In lichten Momenten erzählte er davon. Wie er mit seinen Brüdern und Schwestern noch im wahren Paradies lebte. Wie er ein Superbub gewesen sei, so schön, dass der Pfarrer ihn bei der Taufe lobte. Wie ihm, noch nicht erwachsen, Gedankentürme aus dem Kopf wuchsen, manche so hoch wie die Berge ums Zwergenland. Wenn der Vater dabei war, ging nichts in die Wolken. Man zog am gleichen Strick tagsüber im Laden. Am Sonntag flog man aus, gemeinsam kehrte man heim in der Nacht und hockte zufrieden in der Stube, wie wenn ein schöner Alpsommertag zu Ende ging. Das war ein Gefühl gewesen!

Johann interessierte die Weiterentwicklung von Maschinen. Rechnen ging von allein. Wenn er seine Zahlen in Figuren verwandelte, hatte niemand etwas zu lachen. Aber der Größenwahnsinn packte ihn, behauptete der Vater. Eine Fabrik bauen, mit dem Geld vom Drugstore! Zuerst, um die Seifenproduktion zu mechanisieren, dann für einen neuartigen Lift. Der Vater war ein Patriot und Kämpfer und wollte nicht, dass Johann umstürzte, was eine ganze Kulturzeit überdauert hatte. Gott hat alles recht gemacht ohne Maschinen, mahnte die Mutter.

Für Johann hatten Konstruktionen etwas Magisches. Er war kein schlechter Mensch, aber konstruiert traf auch auf seinen Charakter zu. Solange er der Beste war, ging alles gut. Dumm kam es heraus nach dem Malheur mit dem Lift. Die Firma trug einen finanziellen Schaden davon. Johann ging ins Wasser. Als der See ihn wieder ausspuckte, wurde er für zehn Jahre in die Psychiatrische versenkt.

Die Stimmen: Von da an wars wie bei den Mentalen, die manchmal daherschleichen. Sie sind zwar schön, nur nichts wert. Sie fallen zusammen wie die Seifenriegel, die der Vater braute. Wenn die Rotationsgeschwindigkeit stimmt, funktioniert alles ohne elektrischen Antrieb. Aber das muss genau berechnet werden. Der Bub will nur, dass einer sich mit ihm abgibt. Im Fernsehen ein Hoch über den Azoren, ist das nicht zum Brüllen. Ein Hoch bis zum lieben Gott hinauf. Der lacht sich den Ranzen voll. Einen Ranzen hat der wie Johann. Einen Riesenballon, den muss man reiben, so, dann geht die Luft weg. Frauen verstehen etwas vom Geschlechtlichen. Früher als er im Saft war, hätte Johann jede haben können. Jede, als er noch schön war wie Fidel Castro und der Herr Ingenieur mit seinen Erfindungen. Sogar die Großindustrie hätte ein Patent darauf gegeben. Wie kann ein Seil reißen. Der Vater war auch stolz gewesen, aber wenn ihm der Faden riss, tobte er, bis die Tiegel und Flaschen im Laden umstürzten. Johann und Poldi versteckten sich zuhinterst wie in einer Höhle. Dort bläst einem der Sturm keine Löcher in den Kopf. Nur die Luft ist heiß wie die im Bauch, der See eiskalt, und es will kein Ende nehmen.

Noch eine Zigarette. So ein Rauch hilft, klar zu denken, meinte Johann. Der Zimmernachbar in der Anstalt rannte immer mit dem Kopf gegen die Wand. Manchmal gabs für Johann nicht einmal einen Kaffee Crème in der Cafeteria. Ausgangsverbot. Wenn er böse gewesen war, a g g r e s s i i i i v, sagten sie. Schuld war die Psychiaterin, auf ihrem Blatt stand schizophren. Johann hatte es gesehen. Sie wollten ihm die Mittel geben, die ihm den Schnauf abstellten. Er hatte ihr die Akte aus der Hand gerissen. Was wusste die von schizophren.

Muss man einem ausgewachsenen Mann auf die Finger schauen, als wär er ein kleines Kind, klagte die Mutter. Der wusch sich nicht mehr, redete, bis ihr der Kopf dröhnte. Angst konnte der einem einjagen. Sie war eine Starke und Fromme, aber bei Gott, so etwas war in der Familie noch nie vorgekommen. Immer dickere Wolken pflasterten seinen Kopf zu. Der Vater war nicht mehr da, und die Mutter schämte sich. In der Klinik schaute man, dass er nichts Dummes anstellte.

Die Stimmen: Das Omen spürte man aus der Geschichte heraus, die konnten predigen, soviel sie wollten. Beten, die Schnauze sauber waschen und Efeu wachsen lassen. So stehts auch auf dem Spruch über der Bettstatt daheim: «Der Ruchlose kehre um zu Gott, denn Er ist groß im Verzeihen.» Gibt es so vielleicht die Folge, die Lösung, den ersten Kontakt mit Gott, so?

Auf dem Foto war Johann 30 und machte eine Falle. Nun wurde er bald 70, hatte einen Ranzen und stank. Im Gefängnis hatten sie ihn gut gefüttert, er sei richtig in Form gekommen, sagte der Vormund. Immer machte der eine Sache damit. Johann sollte baden, gesund essen, Ordnung halten. Aber sein Geld, das behielt er. Der Knabe war oft da, wenn Johann seine bösen Tage hatte, es im Kopf und im Bauch rumorte, wie wenn der Föhn über die Ecken ins Dorf reinfährt. Früher war der Knabe sein Freund gewesen, hatte Kommissionen gemacht, ihn in der Garage besucht. Was konnte er denn dafür, dass der immer kam?

Die Stimmen: Siehst du den Baum, die Räder daran. Die bewegen sich gegenseitig im Wind. Ist alles genau berechnet. Wie beim Lift. Es war kalt, eiskalt im See und draußen. In der Höhle liegt der Junge. Er will nicht allein sein. Der Ofen ist geheizt. Ob einer ein Knabe ist oder ein Mann, und dann? Ist alles biologisch. Wenn einer sich so allein fühlt tief innen drinnen. Wenn einer nicht weiß, was er ist. Der war richtig behindert da unten. Bei dem daheim haben sie auch einen psychiatrischen Fall. Aber sicher. Nun soll Johann einen schizophrenen Zustand haben. Ha! Einen Gerichtsfall wollen die Herren daraus machen, ha! Einen Ernstfall, weil sie keinen anderen haben. Dem lieben Jesus den Bart ab. Wer kommt schon nach, das Fernsehen, der Pfarrer, die Männer auf dem Mars, die Telekommunikation? Alle wollen wissen, wo Gott hockt, und haben doch keine Ahnung von Metaphysik und Mechanik. Alles zusammenhalten, die mathematischen Formeln im Kopf, die richtigen Formeln. Aufschreiben, auf einen Nenner bringen.

Was genau passiert war, konnte niemand sagen. Es gab kein psychiatrisches Gutachten, keine Verhandlung, kein Urteil. Johann saß wochenlang in Untersuchungshaft und in der Klinik, danach wie zuvor allein im alten Elternhaus. Ab und zu klingelte der Bub wieder an der Tür. Johann redete nicht mehr so viel und so schnell wie früher. Das Garagentor blieb zu, die Skulpturen hingen schief im Wind und rosteten. Er wurde still, ihm fielen am Tisch die Augen zu, und der Schnauf rasselte in der Brust. Dann war er tot, und niemand wusste genau wieso.

Für Johann

Von Monika Slamanig und ihm selbstd



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