|
Claudia Acklin, *1958 in Basel. Beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Farben. Dozentin für Farbpsychologie am Haus der Farbe in Zürich, das sie zeitweilig co-leitete. Sie hat unzählige farbpsychologische Beratungen für Einzelpersonen durchgeführt und betreibt heute eine eigene Firma, die ganzheitliche Farbkonzepte für Organisationen entwickelt.
Claudia Acklin
Die Farben des Zeitgeistes
Erinnern Sie sich noch daran, wie zur Jahrtausendwende alles bunt wurde? Die Computer wurden aqua, amethyst oder purple, Möbel und Accessoires gab es in breiten Farbpaletten zum Selberzusammenstellen, exotische Kombinationen aus Tausend-und-einer-Nacht durfte man nun auch bei uns tragen. Das war ein Gefühl, als ob uns jemand permanent «viele viele bunte Smarties» ins Ohr singen würde.
Damals lagen sich zwar Weltuntergangsszenarien und die Hoffnung auf den endgültigen Anbruch des Wassermannzeitalters in den Haaren, aber die totale Farbigkeit der Welt der Alltagsgegenstände bezog da eindeutig für eine Seite Stellung. The future's bright. The future's orange. Designer, Modeschöpfer, Produktegestalter, Werber, sie alle schienen uns in eine Art permanenten Farbtaumel versetzen zu wollen. Sie umgaben, sie bombardierten uns mit ihrer Buntheit, und damals war das auch richtig so.
Farbe energetisiert, gibt Kraft, stimuliert. Es waren denn auch zwei «Powerfarben», die aus dem bunten Reigen der übrigen hervortraten: Orange und Türkis. Die Farbe der Kanalisationsarbeiter und der Schnellimbisse wurde innerhalb kurzer Zeit bis hinauf in edelste Modehäuser salonfähig. Orange ist gesellig, spaßig, hedonistisch, warm, nicht immer ganz ernst zu nehmen. Orange ist vor allem eines: schwingungsintensiv. Passend zu einer Zeit der Start-up-Firmen, der E-Business-Träume und des boomenden Telekommunikationsgeschäfts. Ob am Natel via SMS oder E-Mail ist einerlei, hauptsächlich es wird schnell und viel kommuniziert. Let's talk orange. (Den Firmennamen halte ich für einen der Geniestreiche in der Geschichte des modernen Brandings.)
Türkis war eine der starken Modefarben zur Wendezeit. Mit Türkis kann man sich nicht in die fernen Gefilde anderer Blautöne zurückziehen. Türkis ist verbindlich. Mit dieser Farbe ist man sich selbst, teilt man seine Gefühle und Gedanken mit. Mit Türkis entfacht man das Feuer der eigenen Kreativität und drückt es aus.
Wieder geht es um Kommunikation, aber dieses Mal aus dem Gefühl der eigenen einzigartigen Wahrheit heraus. Mit Orange wird geplaudert, mit Türkis gesprochen. Und noch ein wichtiger Aspekt bleibt zu erwähnen: Türkis ist die Farbe der modernen Kommunikationstechnologien und damit natürlich auch die Farbe gegen Technologieängste und -abwehr.
Mit den Jahrtausendwechsel-Farben knetete man unsere Seelen und rüstete sie gleichsam für die kommenden Aufgaben. Der Übergang in eine sich stets weiter beschleunigende Weltordnung globaler Kommunikation und New Economy musste geschaffen werden. Ich bin keine Anhängerin von Verschwörungstheorien. Ich glaube nicht, dass oben genannte Berufsleute uns bewusst zu etwas verführen. Ich glaube eher an eine komplexe Dynamik von Gesellschaft, kollektivem Unbewussten und daraus emergierenden Trends, die dann wiederum von Trendsettern aufgegriffen und zu Mode gemacht werden. Der Prozess verläuft im Kreis (oft auch als ein Recycling des Ewiggleichen). Die hartnäckigeren unter den «Emergenten» aber sind interessant.
Seit letztem Jahr ist alles wieder anders.
Allerdings war die Trendwende vor den schrecklichen Ereignissen im Herbst schon da. Allzu viel Buntheit wurde Einhalt geboten und zu Einfachheit zurückgekehrt: Wohnungseinrichtungen sind heute mit Vorliebe neutral. Die Farben der Computer sind wieder, wie es sich für einen Computer gehört, technoid. Schwarz ist der Inbegriff der Eleganz, und diesen Sommer ist Weiß noch eleganter. Wenn farbliche Akzente gesetzt werden, dann bitte eindeutig. So rot wie das neue Fußball-Stadion von Herzog & de Meuron.
Der intensive Kontrast von Schwarz-Weiß-Rot hat eine besondere archetypische Kraft. Die Farben der Märchen sind so: schwarz wie Ebenholz, rot wie das Blut, das in den Schnee tropft, oder weiß wie die Haut von Schneewittchen. Nahezu überflüssig erscheint die Bemerkung, dass die Polarisierung in fast unheimlichem Maß zu den politischen Erfahrungen der letzten Monate
gehört hat und noch gehört. Und dass die Propagandasprache ausgesprochen schwarz-weiß war und ist: Vom Kampf des Guten gegen das Böse war die Rede, von der Achse des Bösen. Und die Farbe des Krieges war schon immer Rot - genauso wie diejenige des Terrorismus.
Für einmal schwang der Spezialfall Schweiz im internationalen Farbkanon mit. Selten wurde einem so bewusst wie in den vergangenen Monaten, dass die Farbe der Schweizerfahne Rot ist. Im Oktober blieben die Kreuze am Boden, eine Nation geriet in Angst, Wut und Aufruhr. Und jetzt fliegen sie wieder. Röter als zuvor. Das neu für die Swiss-Logos verwendete «Norweger-Rot» ist aggressiver als dasjenige, das die Swissair einst verwendet hat. Die Uniformen der Piloten und Flight Attendants sind schwarz-weiß mit einem Tupfer Rot. Und zu all dem meint Tyler Brûlé lapidar: «Swiss is sexy.»
Das Schweizerkreuz war bis vor kurzem ein Symbol für Konservativismus, Trutzigkeit, eidgenössische Selbstbehauptung in der Alpenfestung. Das war alles andere als sexy. Kann es da genügen, zum Brand aufgepeppt und röter gemacht zu werden, damit die Schweiz wirtschaftlich und politisch wieder abhebt? Klar wurde mir bei diesem Prozess der Verwandlung von nationaler Metaphorik in Verkäuflichkeit vor allem eines: Die Designer sind die neue Avantgarde der Gesellschaft. Ob uns das nun passt oder nicht. Sie geben Produkten, Firmen, Marken ihren Namen und ihre Farbe. Und heute ist Image alles.
Wie schon gesagt, bin ich keine Anhängerin von Verschwörungstheorien. Außer man wandelt sie leicht ab. Es gibt einen Zeitgeist, der sich immer wieder von neuem anschickt, in einer an-deren Farbe in Erscheinung zu treten. So gesehen nehmen die Farbtrends voraus, was Realität und Geschichte wird. Aus der heimlichen Verschwörung des Zeitgeistes wird die Vorahnung der Trendsetter und schließlich die Gewissheit der Zeitgenossen.
|