entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 30:
..Farbe


Harald Braem, *1944 in Berlin. Professor Diplom-Designer, Professor für Kommunikation und Design an der FH Wiesbaden, Direktor des Kultur-Instituts für interdisziplinäre Kulturforschung. Sein Buch «Die Macht der Farben», F.A. Verlag München, 3. Auflage, 2001, hat sich zum Standardwerk entwickelt. Fernsehfilme, Rundfunksendungen, zahlreiche Veröffentlichungen.

Harald Braem

Die Rückkehr der Seele oder warum Rot heute out ist


«Die Farbe Blau macht für das Auge eine sonderbare, fast unaussprechliche Wirkung. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der von uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blau gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.» (J.W. Goethe)

In der Romantik wurde das Lebensgefühl der Epoche durch die Symbolfarbe Blau, idealisiert in der «blauen Blume», verkörpert - von Novalis in seinem Roman «Heinrich von Ofterdingen» (1802). Sie wurde zum Synonym einer Weltsicht, in deren Mittelpunkt die Einheit einer beständig spürbaren, magisch wirkenden Natur stand. Im krassen Gegensatz zum leidenschaftlich aufflammenden Rot des Feuers haben immer die unendlich blauen Weiten des Himmels und des Wassers gestanden. Im Urlaub etwa – mit den «blauen Jungs» – aufs endlose Meer hinausträumen, in die unbegreiflichen Weiten des Himmels hinein... Blau ist eine Farbe, die Sehnsucht weckt; sie ist zeitlos, entspricht der ganzheitlichen Realitätsauffassung unserer rechten Gehirnhälfte und ist eng mit dem limbischen System (unserem alten, «emotionalen» Gehirn) verbunden. Kein Wunder, dass viele Religionen bis hin zur lkonographie der christlichen Malerei im Blau das Wirken göttlicher Kräfte erkannten. Im Orient wie im gesamten Mittelmeerraum wurden und werden noch immer die Türen und Fensterrahmen blau gestrichen, um den Beistand guter Geister aufs Haus zu beschwören. Aus dem gleichen Grund wurden die Säuglinge in blaue Tücher gewickelt. Heute, in unserer patriarchalisch gefärbten Welt, in der die «aktive», männliche Farbe Rot dominiert, wird Hellblau nur noch kleinen Jungs zugeordnet. Rote Autos beispielsweise werden subjektiv als schneller eingeschätzt, sie passen besser in eine auf Konkurrenzkampf ausgerichtete Ellbogengesellschaft. Die Romantik ist passé, könnte man nun sagen, die Zeiten einer gefühlvollen, ganzheitlichen Weltsicht vorbei. Wir haben uns heute mehr oder weniger bedingungslos der linken Gehirnhälfte mit ihrer digital-analytischen Betrachtungsweise untergeordnet. Im rapide wachsenden technischen Fortschritt ist kein Platz für Emotionen. Oder etwa doch? Existiert nicht latent ein «Unbehagen an der Kultur», eine Sehnsucht «zurück zur Natur», zur verlorenen Ganzheitlichkeit unseres Seins? Das visualisierte Gefühl von Sehnsucht und Ruhe, Treue, Zuverlässigkeit, Ganzheitlichkeit und Verbundenheit mit der «Alleinheit» drückt sich am deutlichsten in der Farbe Blau ans. Blau ist die Farbe des Gemüts, der Herzenssprache, der Seele. Als Wassily Kandinsky, Paul Klee, August Macke und Franz Marc die Künstlergruppe «Der blaue Reiter» gründeten, beschrieben sie die Farbe ihres Manifestes so: «Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in die Unendlichkeit, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem... Blau ist konzentrierte Bewegung.»

Der Begründer der anthroposophischen Bewegung, Rudolf Steiner, meinte: «Wie Gelb das Ausstrahlende ist, so ist Blau das Einstrahlende, das in sich Zusammenziehende.» Ganz ähnlich schätzen moderne Farbpsychologen die Wirkung dieser Farbe ein: Blau ist eine tiefgründige und feminine Farbe, die eine ruhige, entspannte Atmosphäre schafft. Sie wird von Erwachsenen bevorzugt und drückt eine gewisse Reife aus, die jedoch an Kindheitserinnerungen hängt. Blau steht in Verbindung zum inneren, geistigen Leben. Es möchte sich nicht verschwenden, wie Rot das tut, sondern will mit Liebe erfasst werden, nicht mit ungestümer Spontaneität. Die Tiefe in Blau kündet von würdevoller himmlischer Feierlichkeit, wo rationale Erwägungen ignoriert werden. «Je dunkler das Blau ist, umso mehr zieht es uns in die Unendlichkeit» (Jean Paul Favre, André November). Wundert es uns also noch, wenn Industrie und Werbung diese Qualitäten plötzlich für ihre Produkte entdecken und ganz bewusst auf den «Antitrend» zum modernen hektischen Leben setzen? Nivea tat es ja immer schon und hat durch das Blau eine starke Bindung zu einer markentreuen Konsumentenschicht erreicht. Die Deutsche Bank ebenso. Neu ist aber die Lust der Autofahrer an Blau. Nicht nur zu großen Fahrzeugen passt die Farbe, alle Kleinwagenhersteller in Deutschland bieten inzwischen verstärkt Blautöne an. Blau boomt, neben dem farbpsychologisch nahe verwandten Grün, und verdrängt massiv die bisherige Lieblingsfarbe Rot aus dem Straßenbild. Ein anderes interessantes Beispiel sind Zigaretten. Nahezu alle Marken präsentieren ihre Packungen in hohem Rotanteil und dominieren mit diesem Signal den Markt. Eine blaue Schachtel - etwa Gauloises - war hierzulande unüblich und schmeckte daher nicht. Nun kommt ausgerechnet die gute alte Gauloises im neuen blauen Gewand daher und sichert sich auf Anhieb einen Schacht in jedem Zigarettenautomaten - leise und unauffällig, als sichtbar gewordener Kulminationspunkt einer sich langsam, aber beständig vollziehenden Entwicklung: Zigarettenautomaten sind Seismographen gesellschaftlicher Trends. Wie sieht dieser Trend aus? Viele Menschen, ob Autofahrer, Raucher oder Creme-Nutzer, sind im Dauerstress müde geworden und der sie aggressiv anspringenden Farbe Rot überdrüssig. Blau also als aktuelle Trendfarbe, als Indiz für einen sich anbahnenden gesamtgesellschaftlichen Paradigmen-Wechsel? Es scheint tatsächlich so, denn das Phänomen Blau greift um sich. Was drückt sich mit dieser Kulturkritik aus? Man lehnt die Welt der materialistischen, allzu deutlichen Erscheinungsformen als zu aufdringlich und oberflächlich ab, man negiert die linke Gehirnhälfte, die für eine solche rational betonte Sichtweise verantwortlich ist. Statt dessen wird die im Geheimen wirkende Kraft der Ganzheit, die ganzheitliche Struktur der rechten Hirnhemisphäre als das uns wirklich und tiefgreifend Bewegende, als Gegengewicht zu unserer emotionsverarmten Zeit aufgebaut. Je stärker die Sachzwänge der modernen Neuzeit werden, desto mehr wächst auch der nostalgische Wunsch nach einer heilen, mit der Seele erfassbaren Welt. Blau, das lange Zeit als ausgesprochen «weibliche» Farbe galt, das auch heute noch viele Frauen dem «männlichen» Rot vorziehen, wird übrigens zusehends auch von Männern akzeptiert. An dieser Tatsache macht sich das Aufbrechen erstarrter Rollenklischees bemerkbar. Nicht erst seit der «Unisex»-Blue Jeans und der Frauen- und Friedensbewegung (die Blau und Rot zum transformierenden Violett mischten) wissen wir, dass wir alle, jeder Mensch, typisch «männliche» und «weibliche» Seiten der Seele besitzen, auch wenn diese mitunter recht unterschiedlich verteilt und ausgeprägt erscheinen. Noch sind die medizinischen Auswirkungen der Farbe Blau auf das Nervensystem nicht restlos erforscht. Wir wissen nur, dass das Betrachten von Blau über den Nervus Vagus beruhigenden Einfluss auf alle körperlichen Vorgänge ausübt. Der Organismus wird auf Erholung und Schonung eingestellt. Haben wir das nötig? Offensichtlich ja, wie die Untersuchungen im Marktgeschehen und im Bereich der Massenkommunikation beweisen – offenbar sogar weitaus stärker, als bisher vermutet. Es sei daher die Prognose erlaubt, dass wir in naher Zukunft einen Siegeszug der Farbe Blau erfahren werden. Vielleicht zu spät, denn Astronauten im All sahen die Erde bereits nicht mehr als «blauen Planeten», sondern durch die zunehmende Umweltverschmutzung in der Atmosphäre vergraut. Aber wir wollen ja nicht gleich schwarz sehen...

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