entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 30:
..Farbe


Peter Stobbe, *1951 in Büdingen D. Studium der Psychologie, Slavistik und Philosophie. Tätigkeit als Maler, Schriftsteller und Publizist. Leitung des Studiengangs Bildende Kunst in Luzern. Letzte Veröffentlichung: «Nach Delft gehen», Libelle Verlag 2001.

Peter Stobbe

Farben essen und trinken

Ich esse Farben. Sie schmecken nach Bildern, die nicht mehr gemalt werden müssen. Es sind Idyllen. Trotzdem. Idyllen sind Abwendungsgegenden. Sie wenden sich ab vom Gemalten. Beim Farbenessen zeigen die Dinge nicht ihre Rückseiten, und man meint, einer Art Naturduft zu begegnen. Man findet Baum-DNS-Stränge, grün und braun. Es könnten Verstecke gewesen sein oder geflochtener Horizont. Im zusammengesetzten Licht hört man ein beiläufiges Versickern von Stunden: Streifschatten und kristalliner Schorf, Nester aus Luftpigment. Der nämliche Ort hinter den Schatten, das Gemalte. Trotzdem das Gemalte.

Öl, Aquarell (eher wässrig, Wasserfarbe, aber immer noch rückt der Malkasten aus dem Kaufhaus Farbe heraus, dünn zwar und immer dünner, ganz im Gegensatz zur Mast des Öls). Ich bin konzentriert (zusammengefügt und aufmerksamer als sonst). Ich nehme teil. Eine Stunde vergeht schnell. Das Farbenessen ist eine zusammengefügte Konzentration. Farbzusammenhänge fügen sich ohne Einspruch. Zum Schluss sieht es so aus, als wäre es fertig, das Bild. Bild ist der falsche Ausdruck für das, was es gegeben hat. Es ist eine Möglichkeit, aber eine Möglichkeit ist kein Bild. Am Bild, wenn es eines wäre, bin ich ohne Interesse. Es wäre eine falsche Teilnahme, eine falsche Verbindung zwischen dem Ding, das da entstanden ist, und mir. Etwas Unbrauchbares hätte sich ergeben. Ich will etwas zum Betrachten haben. Ich verbringe Zeit mit dem Betrachten. Das Betrachten malt weiter, ohne wirklich einzugreifen. Das Betrachten malt Dinge, die im Betrachten fortgehen und wieder zurückkommen. Sie verändern sich in ihrer Abwesenheit. Es sind essbare Nomaden-Satelliten.

Ich trinke Farben. Die Milch hat ein anderer ausgegossen. Sie kommt als Paket ins Haus. Zu zweit muss man es in den Keller zu den Farben tragen. Milchflächen sind es, 140 cm in der Höhe, 120 cm breit, die Kochhaut am Rand befestigt, wird sich also nicht mehr bewegen, bleibt. Die Milch fließt trotzdem bis an Gerätschaften heran, Gerätschaften mit Armen und Drehungsmomenten. Es findet nicht im Freien statt (kein Gras, kein Erdteppich), sondern in einer Milchhalle kurz vor den Flözen. Kohlenstaub ist durch Gänge geblasen worden. Links und rechts neben den Gerätschaften Farbstellen, diffuse Feuchtgebiete, das Malmittel macht das Farbentrinken schnell – ein geschmeidiges Gleiten auf einer Milchhaut. Deswegen gibt es die Farbstellen. Es ist der Geruch in Bewegung geratener Gerätschaften. Die Milch macht mich satt, Kohle wärmt. Ich höre den weichen Gleitfluss der Milchhaut und ihr Anschwemmen. Ich rieche Gerätschaften mit Abständen dazwischen für die Milch.

Ich trinke Farben schluckweise. Ihre Mischung erfolgt im Magen. Ich sehe nicht, wie sie ineinander schwimmen, wie sie sich mischen und sammeln in einem See voller Boote. Magenboote, auf denen Matrosen in eine noch kältere Arktis fahren. Ich pisse die Magenboote weg als Regenbogenflüssigkeit.

Ich kaue die Farben nicht. Sie rutschen einfach herunter. Im Spiegel sehe ich den eingefärbten Rachen. Weil die Mandeln fehlen, vollzieht sich der Rutschfluss des Pigments ungebremst. Die Zunge mischt vor. Die Farbe verbleibt im Körper.

Das Idyllische am Verzehr von Farben ist der Aufenthalt im Freien. In Wäldern. In der Natur. Farbesser liegen sogar am Rande von Gebirgswiesen und am Ufer von Gewässern. See- und Bergessen finden statt im Einklang mit Wind und Wolken.

Indischgelb schmeckt nicht nach Indien. Ei-Tempera ist nahrhafter als Acryl. Ölfarbe liegt schwer im Magen. Aquarellfarbe aus Porzellan-Töpfchen geleckt, ergibt Impressionen. Turner hat Farbe gegessen. Natürlich hat er das. Hieronymus übrigens auch. Bacon hat sie getrunken. Richter kann damit überhaupt nichts anfangen, hat er gesagt. Blau ist zäh, auch wenn davon bloß gekostet wurde mit vorsichtig eingetauchter Zunge. Blau bleibt zwischen den Zähnen hängen. Beim Ausspucken kommen Kügelchen heraus. Blau kommt nicht mehr in Frage.

Trinkfarben – Weiß und Grün. Solange Weiß trinken, bis das Grün leer geworden ist. Mit einem Zettel dran: War mal grün. Weil Weiß schließlich weiß geblieben ist.

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