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Gabriele Markus, * 1939. Lebt und arbeitet als freischaffende Schriftstellerin und Gesangspädagogin in Zürich. Drei Gedichtbände. Lyrik und Prosa in Zeitschriften und Anthologien. Einige Gedichtzyklen wurden vertont. Verschiedene literarische Auszeichnungen. Zuletzt erschienen: Anderswo, jetzt - Lenzburger Lyriklesung (Audio-CD, Arsmedia 2000).
(Diese Texte fanden in der gedruckten Ausgabe keinen Platz.)
Gabriele Markus
Geschichte von der Wand
Als sie durch die Wand gegangen war, möglicherweise war es sogar eine Mauer, wurde alles anders. In besagter Wand gab es keine Türe, auch nicht die kleinste Öffnung, und dennoch ging sie hindurch. Wir waren nicht dabei, es gibt keinen Zeugen, wir haben nur ihr Wort, ihre immer gleiche Aussage.
Eines Tages, nachdem sie zuvor jahrelang gegen diese Wand angerannt war, mit bockigen wilden, verzweifelten Anläufen und Sprüngen, ganz zerschlagen sei sie schon gewesen vom ständigen Aufprall, eines Tages, sagt sie, sei sie ganz langsam auf die Wand zugegangen. Ruhig habe sie ihre Beschaffenheit befühlt, mit den Fingerspitzen, mit den Handflächen, mit ihrem ganzen Körper Zentimeter um Zentimeter ertastend wie eine Blinde, lange sei es gegangen, dann habe die Wand auf einmal nachgegeben. Sie habe keinen Widerstand mehr gespürt, ein seltsames, wunderbares Gefühl, nein, gesehen habe sie fast nichts, sie sei einfach in die Wand eingetreten, in der Hoffnung, nicht darin stecken zu bleiben. Die Wand habe immer weiter nachgegeben, Zentimeter um Zentimeter, unheimlich sei ihr schon gewesen, aber sie sei weitergegangen und dann auf einmal drüben angekommen.
Normalerweise sitzt sie, in Decken gehüllt, zusammengesunken in ihrem Lehnstuhl. Allein, inmitten von Menschen, und völlig abwesend. Wenn sie nicht gerade schläft, brummt sie stundenlang unverständliches Zeug vor sich hin, monotone Litaneien, begleitet von immer gleichen Kopfbewegungen.
Nur wenn man sie nach der Geschichte von der Wand fragt, wird sie auf einmal lebendig. Sie richtet sich hoch auf, ihr Gesicht wird hell, und nun erzählt sie Wort für Wort, tadellos verständlich, wie sie damals durch die Wand gegangen ist. Erzählt es immer gleich, in klaren Sätzen, die leicht über ihre Lippen kommen, es ist als ob sie alles sehen könnte in diesem Augenblick, und dass die Wände ihres kleinen Zimmers scheinen nachzugeben. Wir sind drüben, mit ihr und wissen nicht, wie uns geschah.
Das gelbe Haus am Fluss
Das gelbe Haus am Fluss kommt in die Jahre. Man stellt dies erst fest, wenn man ganz nahe davor steht. Der Verputz bröckelt ab. Von weitem sieht es immer noch stattlich aus, wie es sich leuchtend vom grünblauen Wasser abhebt. Ich fürchte mich vor der Rückseite des Hauses, genauer gesagt, ich fürchte mich vor dem Fluss, der unter den Fenstern rauscht. Vielleicht wird er mich holen.
Damals habe ich mich nicht gefürchtet. Ich war sehr klein und konnte noch nicht vernünftig denken, aber ich hatte gute Ohren. Ich hörte Stimmen, die die grossen Leute nicht hörten, weil sie vernünftig geworden waren. Ein Fluss kann nicht reden, sagten sie, aber er redete doch. Manchmal rief er meinen Namen. Ich sass hinter dem Gartenzaun und jauchzte den grünen Wellen zu. Er will mich holen, erzählte ich meiner Mutter, aber sie lachte nur. Eine Träumerin nannte sie mich und verbot mir ein für allemal, über den Zaun zu klettern. Eine Weile passte sie besonders gut auf mich auf, dann vergass sie es. Ich wurde grösser und vernünftiger. Der Fluss rief immer noch, aber ich sprach nicht mehr davon.
Eines Tages, die Mutter war ins Dorf gegangen , sass ich im Garten und spielte. Es war heiss und windstill, in den Blumenbeeten summten die Bienen. Da rief der Fluss meinen Namen. Ich war gerade gross genug, um über den Zaun zu steigen. “Ich komme”, rief ich und kletterte hinauf. Zwei feste Arme packten mich, Mutter war zurückgekommen. Der Fluss rauschte wütend, ich weinte, Mutter schimpfte sehr. Von da an liess sie mich nicht mehr aus den Augen.
Kurz darauf zogen wir in eine andere Stadt. Ich vergass den Fluss und wurde vernünftig. Die Welt war voller Gefahren und Hindernisse, zum Träumen blieb keine Zeit.
Ich wollte nur das Haus wiedersehen, deshalb bin ich heute zurückgekehrt. Im Dorf kennen mich alle, aber ich weiss ihre Namen nicht mehr. Ich scheine noch jung zu sein, doch sicher bin ich mir nicht. Meine Eltern sind mir abhanden gekommen. Nun stehe ich vor dem Haus. Es dämmert schon. Ich höre wie Verputz abbröckelt, oder bin ich es, die da bröckelt? Mein Name fällt ab, ich vergesse ihn sogleich. Wachse ins Haus hinein und durch die Mauern hindurch. Auf der andern Seite der Fluss. Ich warte auf die Stimme und fürchte mich. Ob er mich noch kennt? Wie kann er mich rufen, wenn ich keinen Namen mehr habe? Und wenn er mich ruft, werde ich ihm folgen? Und wenn er mich nicht ruft, wo soll ich hin? Ich, ohne Namen, randlos, ich?
Das Fenster
Geschlossene Fensterläden haben an und für sich nichts Beunruhigendes, man nimmt an, die Nachbarn seien verreist oder schützten sich tagsüber vor der hochsommerlichen Hitze. Seltsam war nur die Art der Geschlossenheit. Hinter den Läden schien sich nichts mehr zu bewegen, kein Uhrzeiger, keine Spinne, nicht einmal die Luft. Fenster haben ihre eigene Sprache, manche wirken beschaulich, andere lebhaft. Distinguiert, fast abweisend die einen, beredt, mitunter sogar geschwätzig die andern. Selbst geschlossene Läden können sprechen, diese blieben stumm.
Zuerst spürte ich nur eine leise Unruhe, redete mir aber ein, sie habe nichts zu bedeuten: Die Nachbarin wird verreist sein, was geht sie dich überhaupt an, du kennst sie ja kaum...
Ein einziges Mal hatte ich mit ihr gesprochen, einige Wochen zuvor, ganz zufällig. Sie wirkte verschroben, einsam, unfroh, umso erstaunter war ich, dass sie mich überhaupt angesprochen hatte. Sie redete viel damals, erzählte aus ihrem Leben, ich empfand Mitleid, vor allem aber Unbehagen, dann vergass ich sie so schnell wie möglich. Die geschlossenen Fensterläden erst riefen mir jene Frau wieder in Erinnerung. Natürlich ist sie verreist, Sommerferien, wer bleibt in dieser Zeit schon hier! Das rote Haus gegenüber hatte von jeher seltsam auf mich gewirkt. Die Bewohner, bunte, unkonventionelle Leute wechseln häufig, ein ständiges Kommen und Gehen, recht ungewöhnlich für unser ruhiges Quartier. Oft wohnen Künstler im Nachbarhaus, meist zurückgezogene Menschen, Eigenbrötler, Originale, auch Tiernarren, mit Katzen, die tagsüber lautlos über die Dachrinne balancieren, frühmorgens dann aber umso eindringlicher an der Haustüre um Einlass bitten. Ab und zu hört man drüben ein Baby schreien, und zu gewissen Zeiten versucht sich ein nicht mehr ganz junger Sänger in schmetternden Vokalisen. Alles in diesem Haus ist lebhaft und verschlossen, anziehend und fremd zugleich.
Als die Fensterläden auch am dritten Tag geschlossen blieben, wusste ich es, aber ich glaubte mir nicht: Du bist verrückt, die Phantasie geht mit dir durch, wieder eine deiner Geschichten, schreib sie auf! Ich schrieb nicht, ich starrte nur auf die Fensterläden. Fragen könntest du wenigstens, irgend einen von drüben. Oder gleich die Polizei holen. Lächerlich, nur wegen geschlossener Fensterläden, das wäre Hausfriedensbruch.
Ich tat nichts, fragte nichts, schrieb nichts. Nachts sass ich dann in unserer dunkeln Küche, das Haus gegenüber starrte mich an. Plötzlich kam es näher, es wollte nach mir greifen, blitzschnell wich ich aus. Jetzt, sagte das Haus. Morgen, dachte ich und ging schlafen. Anderntags war alles vergessen.
Ein Jahr später komme ich mit einem jungen Maler, seiner unwiderstehlichen Katze wegen, ins Gespräch. Er wohnt schon eine Weile im roten Haus, aber wir sind uns bisher noch nie begegnet. Ganz beiläufig dann meine Frage nach jener Frau, ob sie wohl weggezogen sei, und wann. Ach, die Hausbesitzerin, diese mürrische Person. Die sei tot, man habe sie damals in ihrem Zimmer gefunden, ja, ungefähr vor einem Jahr, Selbstmord vermutlich. Mehr wisse er nicht, die Frau sei unbeliebt gewesen, niemand habe sie vermisst. Aber dann sei es ihnen doch unheimlich geworden, diese Stille... Irgend einer habe endlich die Polizei geholt, die Frau sei tot gewesen, schon über eine Woche.
Schuldgefühle? frage ich. Ja, zuerst schon, ein wenig Mitleid sogar. Man hätte vielleicht doch... Aber das sei nun vorbei, das Leben gehe weiter, man könne sich schliesslich nicht um jeden kümmern.
Ich bin daran, ein grosses Aquarell zu beenden, sagt der Maler, wenn es fertig ist, werde ich Sie einladen. Und woran arbeiten Sie zur Zeit?
Ich werde eine Geschichte schreiben, noch heute.
Abends setze ich mich in unsere Küche und starre in die sternlose Sommernacht. Papier und Bleistift liegen bereit. Jetzt, sagt eine Stimme. Morgen, denke ich und schlafe ein.
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