entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 29:
..Krieg

Barbara Hampel, *1951, lebt in Thalwil, unterrichtet in Zürich, Lyrikband «Laubgesicht», Gedichte und Prosa in Anthologien, Zeitschriften, NZZ, Basler Magazin u.a.
(Diese Texte fanden in der gedruckten Ausgabe keinen Platz mehr)

Barbara Hampel


Die Kriege sind die geschichtlichen Offenbarungen

der versuchten Siege nach menschlichem Ermessen.

Die Heimlichkeiten der Überlegenheit sind unheimlich,

geheimnislos sind sie und sorgen stets für Ernüchterung

ohne ihre Sorge um die Geschichte, die über Einzelne

hinausgeht. Wer nicht bloß stehen kann, stellt sich bloß.

Tötungen lassen keinen Weg offen. Sie hoffen nicht

auf die Freiheit der anderen und bleiben gefangen

in eigenen Vorstellungen und im Hassen. Diese Tat

wird zur Hauptsache. Wer sie bestätigt, betätigt sich

an der Vernichtung derer, die man für nichtig erklärt.

Wer Vielfalt nicht aushalten kann, will Richtiges verwalten.

Wer spielt mit in diesen Inszenierungen? Das Theater

hat auf kleinen und großen Bühnen das Stück noch

nicht abgesetzt. Der Spielplan programmiert die Jahre.

Lebensjahre. Jahrzehnte. Jahrhunderte. Die Evolution

ist geduldig. Sie steckt Vorschläge und Rückschläge ein.

Wer bleibt der Entwicklung, der freien, nichts schuldig?


Die Gesellschaft ist

Eine offene Wunde,

Isolationshaft, Machenschaft

gegen gemeinsames Leben.

Einzelstreben bis in

den Turmbau des Eigentums,

der Ruhm häuft sich

vor dem Trümmerhaufen

der Sprache.


Babel weint sich aus

an der Schulter

neuerer Städte,

die gebeugt bleiben

vor der alten Versuchung.

Keine Erfindung,

die diesen Namen

zunichte werden lässt,

keine Zulassung

einer anderen Richtung.

Wozu, sagt die Prüfung,

hab ich Geschichte

gemacht? Man lacht

über meine Trauer und

baut mir noch einen Turm.


Verlorene Zeit, ein Wettlauf Krieg

um den Frieden, der diese

Ungleichgewichte nicht trägt,

wer erträgt die Frage nach

Wichtigkeiten, die dem Mangel

entkommen durch keine Hintertür?

Zuviel zu haben und zu stark

sich zu schützen, macht

die Mächtigen schwach.

Krach liegt in der Luft

und nimmt den Atem.



Nachkrieg

1

Die Verlegenheit um den Geist.

Geld mauert Zustände ein.

Wohlstände im eisigen Lachen.

Wie herzlich ist der Stacheldraht?

Wer sich im Anblick verletzt,

wird hellhörig über Distanzen.

Das Wort geht auf die Straße

Und schweigt. Es streikt.

2

Wo haben wir

haben wir versagt

haben das Sagen

wir haben

wo haben wir

nichts mehr

zu sagen?

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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