entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 29:
..Krieg


Laurenz Bolliger, *1972 in Basel; Studium der Anglistik und Germanistik in Basel und Bombay. Arbeit als Zugbegleiter, Betreuer von Asylsuchenden, Kulturbeauftragter der Erklärung von Bern und Assistent an der Universität Freiburg/Breisgau. Lebt heute in Basel und verdient seinen Lebensunterhalt mit Schreiben und als Velokurier.

Im entwürfe (gedruckte Ausgabe) ist ein anderer Text abgedruckt. Dieser hier (Im Gedenken an die Opfer der Gewalt) musste aus Platzgründen weggelassen werden.

Laurenz Bolliger

Im Gedenken an die Opfer der Gewalt

Woran denken diese
im schwarzen Rücken des Vordermanns
auf die Nasenspitze blickenden Leute?
Erika Burkart

1
Also, drei Minuten, das ist nicht so lange. Aber wenn man bedenkt. Und ich meine, alle diese Leute, das ist schon ziemlich unvorstellbar. Und dann wie dieses Flugzeug einfach in den Wolkenkratzer hineingedonnert ist, einfach verschwunden darin ist es. Wie die Leute überall stehen mit gesenktem Kopf. Woran die jetzt wohl denken? Und warum senken sie eigentlich den Kopf? Man könnte ja auch den Kopf geradehalten und einfach ganz starr nach vorne gucken. Aber das macht niemand, obwohl wir ja nur schweigen sollen, senken doch alle den Kopf. Und die meisten haben auch die Augen geschlossen. Wie lange noch? Noch zwei oder nur noch eine Minute? Aber alle die Leute, die da unter diesen Trümmern sind. An sie sollte ich jetzt denken. Also, ich denke an sie. Ich denke an sie, ich denke an sie. Ob die Menschen um mich herum auch alle an die Leute unter den Trümmern denken? Wahrscheinlich nicht. Der da drüben zum Beispiel, der guckt so albern herum, so unkonzentriert. Der sollte nicht so herumgucken, das macht man nicht. Und dann kann er nicht einmal ruhig stehen, immer muss der seinen rechten Fuß bewegen. Ich sollte an die Leute denken in New York. Ich denke an sie. Ich denke an sie. New York, schon wahnsinnig, wenn man überlegt. Einfach weg, die beiden Türme. Und dabei bin ich doch vor drei Jahren – ist das schon drei Jahre her? Wie die Zeit vergeht! – noch an den Wolkenkratzern vorbeigegangen auf dem Weg zum südlichen Zipfel, von wo man auf Staten Island und die Freiheitsstatue sehen kann. Drei Minuten sind schon eine lange Zeit, aber eben, im Vergleich. Schon extrem. Die sind einfach so zusammengekracht, das hat ausgesehen. Muss wahrscheinlich ziemlich gedonnert haben. Ziemlich! Mein Knie schmerzt wieder, ich sollte – ja, so ist besser. Drei Minuten ganz still stehen, das ist schwierig, man muss immer wieder das eine Bein etwas nach vorne stellen, das entlastet. Wie der immer noch so albern herumguckt, ich meine, so eine blöde Mütze trägt man auch nicht. Da muss man ja albern herumgucken. Uuh, jetzt habe ich gerade nicht an die armen Leute gedacht, die unter den Trümmern sind. Ich denke an sie, ich denke an sie. Ja, ich denke jetzt an sie. Heute abend sollte ich unbedingt wieder Nachrichten sehen, das ist jetzt sehr interessant, was da geht. Wieviele das wohl sind? Die kann man doch gar nicht mehr erkennen, die Leute, die sind doch alle schon. Brutal. Das ist schon ein Ding. Unter diesen Trümmermassen, das, da, hm – Nachher, wenn diese Gedenkminuten vorbei sind, bald wahrscheinlich, muss ich noch schnell schauen, ob die in diesem Laden diesen Milchschäumer haben. Der macht richtig schaumige Milch. Staub überall. Wie das hier wohl aussehen würde? Wenn alles unter einer Staubwolke verschwinden würde? Ah, die Leute bewegen sich wieder. Und das Tram fährt an. Sind die drei Minuten schon um und ich hab gar nicht so richtig an diese Leute gedacht. Aber schon, ich meine – doch, schon.

2
«Karl, wir sollten jetzt still bleiben und mit unseren Gedanken bei den Menschen in Amerika sein. Wegen der Katastrophe.» «Sicher. Aber lass uns erst da vorne unterstehen, es mag gleich anfangen zu regnen.» – Immer weiß er es besser. Seit unserer Heirat weiß er alles besser. Die haben heute morgen im ‹Espresso› gesagt, dass man um punkt zwölf stehen bleiben sollte, und alle Leute standen schon, als wir noch auf dem Zebrastreifen waren. Natürlich mussten wir auf das Trottoir wechseln, sonst hätten wir sehr gefährlich gestanden. Drei Minuten ist keine lange Zeit. Nein, wirklich nicht. Damals, als die Russen in Ungarn einmarschiert sind, da sind wir auch alle stehen geblieben auf der Straße. Das ist schon lange her, neunzehnhundertsechsundfünfzig, das war auch schrecklich. Da gab es aber noch viel weniger Verkehr, heutzutage ist es gefährlich mit den vielen Autos und den Lastwagen. Hoffentlich kann Präsident Busch die Leute finden, die das gemacht haben, dann können sie bestraft werden. Die sollten nicht einfach so frei auf der Straße herumspazieren können, die können uns alle gefährden. Das ist anders als früher. Ich finde es nicht recht, dass Amerika dafür büßen muss, vor allem unschuldige Menschen, weil die Amerikaner doch immer zum Rechten geschaut haben und das auch immer gut gemacht haben. Damals haben wir sie gefeiert, ich weiß es noch genau, neunzehnhundertfünf-undvierzig, alle Leute waren so glücklich und überall hat man lachende Menschen gesehen und alle haben die Fahnen geschwenkt. Und jetzt das. Ist denn das der Dank? Es hat noch nicht zu regnen angefangen, ich wusste es doch, wir hätten gut auch da vorne stehen bleiben können, statt hier unterzustehen. Aber er weiß es immer besser. Wenn er einmal auf mich hören würde, nicht einmal auf den Herrn Doktor Spitteler hört er. Das gehe wieder vorbei, sagt er, aber es ist jeden Morgen dasselbe. Wenn ich ihm nicht auf die Beine hülfe, und dabei sind meine eigenen Beine so schwer. Die Leute haben keinen Respekt mehr heutzutage. Um die Hochhäuser ist es mir nicht so leid, solche gibt es noch viele. Aber die Welt ist nicht mehr sicher, die sind mittlerweile überall. Wie Mäuse. Und dann nagen sie alles an, bis es zusammenbricht. Bei uns auch. Frau Kern hat von einer Ausländerfamilie erzählt im Haus, wo ihr Sohn wohnt, die seien immer so lärmig, und die Kinder ungezogen. Es ist schlimm, man kann gar nichts tun. Ob Karl wohl ist? Ich sollte ihn fragen, vielleicht hat er Schmerzen in den Beinen, ich weiß es nicht. Aber ich sollte jetzt still sein. Das ist auch gut und richtig, die armen Menschen in Amerika. Ist das der Dank? Und dabei ist er so ein netter Mann, der Busch. Das hat auch der Herr Leuenberger gesagt, gestern am Fernsehen. Das ist auch ein netter. Ich muss immer an Max und Moritz denken, wenn ich ihn sehe. Ich sollte Karl stützen, das macht auch keinen Lärm, da sind wir immer noch still. Hier, so, am Ellbogen. Gut. Was schaut er mich so an? Karl? «Lass, ich kann doch stehen. Wir haben auch immer so still gestanden damals im Militär. Manchmal stundenlang.»

3
Es ist zwölf Uhr. Wir bleiben stehen und besinnen uns im Gedenken an die Opfer der Katastrophen in New York und Washington. Eine schreckliche, abscheuliche Gräueltat! Einfach so viele unschuldige Menschen in den Tod zu reißen, unvorstellbar. Und ihre Angehörigen, die jetzt nicht wissen, ob ihre Männer und Frauen, Väter und Mütter, Schwestern und Brüder oder Söhne und Töchter noch leben oder schon – Das ist furchtbar, das erinnert mich an Aussagen von Angehörigen der Opfer, die unter Pinochet in Chile umgebracht und einfach im Meer versenkt wurden. Die sagten, das Schlimmste sei, nicht zu wissen, ob die Verwandten noch lebten oder eben schon – Wenn sie mindestens wüssten, dass sie tot seien. Aber diese Ungewissheit. Schrecklich. Ich finde das gut, dass wir hier alle an die Opfer denken und ihre Familien, die Leute machen Grässliches durch, und bei uns geht alles ganz normal weiter, ganz normal, während dort unschuldige Menschen gestorben sind. So können wir mindestens ein kleines Zeichen setzen und unserem Mitgefühl Ausdruck verleihen, das ist das Mindeste. Obwohl, was nützt es denn? Welche Hilfe bringt unser Schweigen? Natürlich, das ist symbolisch zu verstehen, aber Symbolen sind auch Grenzen gesetzt. Und diese Katastrophe ist so wirklich und so schrecklich, dass mit Symbolen nichts gutzumachen ist. Furchtbar, alle diese Menschen. An einer Hauswand ganz in der Nähe von dort, wo Regula gewohnt hat, hat jemand mit Spray hingeschrieben Auch Schweigen kann Töten. Das ist hart, und das stimmt in gewisser Weise. Aber das ist eine andere Situation, das wäre, wenn man etwas verschweigt, wahrscheinlich, oder wenn tröstende Worte erwartet werden und man das auch weiß, aber trotzdem schweigt. Oder Schweigen als vorsätzlich unterlassenes Handeln. Wir schweigen ja jetzt, um unsere Solidarität und unser Mitgefühl mit den Amerikanern zu zeigen. Das ist etwas anderes. Das ist schon gut. Es ist unglaublich still um mich herum, so still war es hier um diese Zeit möglicherweise noch nie. Es ist schön, dass alle mitmachen bei dieser Solidaritätsbezeugung. Wir sind alle traurig und bestürzt und können es nicht fassen. Was wohl in den Köpfen der Attentäter vorgegangen sein muss, dass die so etwas machen konnten? Die müssen verzweifelt gewesen sein, vollkommen verzweifelt und voller Hass. Das ist eine schwierige Sache mit dem Fundamentalismus. Ob wohl jemand an sie denkt? Menschen wie wir alle. Und ihre Angehörigen? Und die Menschen in islamischen Ländern, auch sie Unschuldige, die sich freuten? Was ist, wenn ich an sie denke? Wer kann mir vorschreiben, an wen ich denke? Ja, genau. – Oder vor einem guten Jahr, als in Indien bei einer Erdbebenkatastrophe mehrere Zehntausend Leute umkamen? Wer denkt an sie? Hätte man da nicht auch Schweigeminuten einlegen sollen? Wie es denen heute wohl geht? Ob dort schon wieder Normalität eingekehrt ist? Und wann wird in Amerika wieder Normalität einkehren? Es ist furchtbar, ich glaube, ich werde heute abend eine Kerze anzünden im Gedenken an all die unglücklichen Menschen überall. Es geht uns so gut hier. Die Leute bewegen sich wieder, wie soll ich jetzt bloß einfach weitergehen? Ich traue mich schon gar nicht mehr aufzugucken.

4
Die stehen ja plötzlich so still. Und die Autos fahren nicht mehr, und die Trams auch nicht. Was ist denn in die gefahren? Was hat das wohl zu bedeuten? – Ah ja! Das ist wahrscheinlich – was hat Katrin heute morgen erzählt? Wie lange geht die ganze Sache? Drei Minuten, glaube ich, ja drei Minuten. Das ist genauso lang, wie es braucht, um ein Dreiminutenei zu machen, deshalb heißt es ja Dreiminutenei. Heißt es überhaupt Dreiminutenei? Wahrscheinlich schreibt man dann korrekterweise Drei-Minuten-Ei. Ja, das sieht besser aus, also wenn ich mir das so vorstelle. Aber das ist ein blöder Gedanke, ich mag keine Drei-Minuten-Eier. Eier sind viel besser, wenn sie um die sechs Minuten lang gekocht wurden, dann ist das gelbe Innere des Eis noch flüssig und schön warm, und das Weiße rundherum ist aber schon hart. Na ja, hart, wie mans nimmt, das ist ja nicht richtig hart. Eher angenehm hart ist das. Mit Mayo. Oder etwas Salz und Paprika. Einkaufen sollte ich auch noch, was überhaupt? Am besten, ich ruf Katrin aus dem Coop an, dann können wir das besprechen – Au weia, das Handy habe ich nicht ausgeschaltet, wenn das jetzt zu klingeln anfängt, das wär ja oberpeinlich. Ich muss unbedingt, oh Mann, wo hab ich es denn – da in der – nein, vielleicht – ah ja, da. So. Besser so, das wäre ja noch, obwohl, es hätte eh niemand angerufen, es müssen ja alle still sein. Wobei, das wissen wahrscheinlich gar nicht alle, ich weiß das auch nur, weil mir Katrin davon erzählt hat. Die hätten gesagt, dass um zwölf alle drei Minuten still stehen sollten und schweigen. Ich weiß nicht, ob das etwas bringt. Wirklich, ich meine – Wo war ich gerade? Ah, einkaufen. Ich kann ja schon einmal planen, was wir essen könnten. Einen feinen Salat vielleicht, so mit Crevetten, das wäre schön, das haben wir nämlich schon lange nicht mehr gegessen. Und Toast dazu, aber mit weißem Brot. Überhaupt, ich verstehe die Leute nicht, die Vollkornbrot nehmen, um ihren Toast zu machen. Das passt einfach nicht, Tamara macht das immer, aber Tamara hat vom Kochen sowieso keine Ahnung. Die nimmt auch immer Austernsoße, wenn sie ein grünes thailändisches Curry macht. Miriam hat mir einmal gesagt, dass man für ein grünes Thai Curry nie Austernsoße nimmt. Die sollte das wissen, die war ja schon einmal in Thailand. Aber Tamara war da noch nie, die hat nur das Gefühl, dass sies genau weiß, weil sie doch mit diesem Typ zusammen war, der einmal unten war. Ziemlich attraktiv eigentlich. Aber wenn jemand Vollkornbrot nimmt zum Toasten? Und danach könnten wir noch etwas Kleines essen, auch leicht, vielleicht ein Stückchen Kalbfleisch mit gedämpftem Gemüse. Es ist ja schließlich bald Wochenende, da können wir schon etwas mehr essen. Und dann gemütlich vor den Fernseher sitzen und einen Film anschauen, ist ja schon kalt draußen, da ist es zuhause am angenehmsten. Was kommt heute Abend? Wahrscheinlich wieder alles voll mit der Geschichte von Amerika. Sondersendungen und so. Schon extrem die ganze Sache. Die haben jetzt richtige Probleme. Wie im Kino, eigentlich, nur stimmt alles, also stimmt – ja, alles ist so –. Aber ich hätte schon mehr Lust auf einen Film. Einen richtigen Film halt.

(Die Bevölkerung in der Schweiz hat am Freitagmittag während dreier Schweigeminuten der Terroropfer in den USA gedacht. [...] In den Zentren breitete sich Stille aus. NZZ, Nr.214, 15./16.9.2001, S. 13) 15. September 2001

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