entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 29:
..Krieg

Laure Wyss, *1913 in Biel; lebt in Zürich. Journalistin und Buchautorin, Mitbegründerin des Tages-Anzeiger-Magazins. Letzte Veröffentlichungen: «Schuhwerk im Kopf», 2000; «Rascal. Gedichte», 1999; «Briefe nach Feuerland. Wahrnehmungen zur Schweiz in Europa», 1997; «Weggehen ehe das Meer zufriert. Fragmente zu Königin Christina von Schweden», 1994 (alle im Limmat Verlag).

Laure Wyss

Das Echo der Zeit

Das Echo der Zeit ist auf Sendung, bleibt unentwegt auf Sendung. Wie und wo, so frage ich mich, sind unsere eigenen Echos der Zeiten, die wir jetzt durchleben? Mir scheint, wir sind wie gelähmt seit dem 11. September, erschrocken über eine neue Dimension der Untaten. Und über die Katastrophenmeldungen, die folgten, eine nach der andern.

Wie nahe gehen uns eigentlich alle diese Nachrichten? Treffen Informationen noch unsere eigene Existenz? Oft laufen sie wie ein Film über unseren Bildschirm, eine Realität aus zweiter Hand wird uns serviert.

Die Welt ist eine virtuelle Welt geworden, sie verschiebt unsere Wahrnehmungen, sie hilft unserer eigenen Trägheit, nicht mehr genau zu sehen, zu hören, zu wissen, worum es sich handelt. Es handelt sich doch um Gewalt und um Gegengewalt. Wir können uns nicht mehr herausreden mit der Feststellung, dass es immer so war und immer so sein wird. Umso weniger, als wir täglich, in nächster Umgebung, Gewalt erfahren: Gewalt auf unseren Straßen, Überfälle im Dunkeln oder am helllichten Tag, Gewalt im Schulhof, Vergeltung mit der Faust, mit der Waffe in der Hand.

Haben wir uns so leicht daran gewöhnt, dass Gewalt Gegengewalt erzeugt und wieder Gewalt auslöst, dass wir mit Schweigen mitmachen, alles hinnehmen als fatales Schicksal. Auch die Uneinsichtigkeit, die Unvernunft von Regierungen - sagen wir es offen - die grandiose Dummheit von Regierungen, die nicht wissen, wie mit dem Terrorismus umgehen, weil sie nicht einsehen, wie er entsteht.

Ich muss Ihnen gestehen, ich selber bin spät erwacht, habe mich erst richtig aufgeregt und empört, als Flugzeuge über Afghanistan flogen und Bomben abwarfen. Dabei bin ich ein Leben lang gegen den Krieg gewesen, weil ich mich genau daran erinnere, wie es war, als er am 1. September 1939 anfing. Ich wohnte damals unter eigentlich glücklichen Umständen in der schwedischen Hauptstadt, in Stockholm, wenn auch verängstigt durch den immer mächtiger werdenden Nationalsozialismus mit seinen Uniformen, seinen Waffen, seinem immer lauter brüllenden «Siegheil». Und auch in Angst um meine Freunde dort, Flüchtlinge, Vertriebene, Papierlose. Ich werde die Stimme des Menschen nie vergessen, der,

als ich den Telefonhörer abnahm, nur drei Worte sagte, an jenem 1. September: «Bomber über Warschau». Und ich wusste: Jetzt ist der Krieg ausgebrochen. Es war der Anfang des 2. Weltkriegs. Ich habe seit jener Zeit mir vorgenommen: Nie mehr Krieg, Krieg ist das Schlimmste, das es gibt. Man muss jeden Tag antreten gegen einen Krieg, gegen die Gewalt, auch wenn man selber schwach ist. Aber die Verhinderung von Gewalt, die Vermeidung eines Krieges, das muss unsere Gedanken beherrschen, unser tägliches Tun beeinflussen und durchdringen bis in die Zehenspitzen.

Was alles habe ich zu wenig getan, alle diese Jahre? Das ist mir in den Sinn gekommen, als Bomben auf Ärmste fielen, auf Flüchtlinge - und sie töteten.

Gestern hat Helen, eine Freundin aus meinem Quartier, ans Küchenfenster geklopft und mir ein Gebäck gereicht, das sie auch für ihr eigenes Geschäft bäckt und von dem sie weiß, dass ich es gern esse. Beide kennen wir es aus den Zeiten der Not: Es ist Zwieback mit dicker süßer Kondensmilch bestrichen, geriebene Haselnüsse darüber gestreut, im Ofen kurz überbacken. Wir reden davon, dass wieder Krieg ist, dass es ein Krieg ist, der gemacht wurde. Dann sagt Helen: «Ich backe jetzt gegen den Krieg.»

Wir lachten, wir gaben uns die Hand, wir hatten Tränen in den Augen.

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