entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 29:
..Krieg


Christoph Geiser, *1949 in Basel. Abgebrochenes Soziologie-Studium, journalistische Tätigkeit. Seit 1978 freiberuflicher Schriftsteller. 1999 mit einem Stipendium der Stadt Bern sechs Monate in New York. Von April bis September 2000 Stadtschreiber in Dresden. Lebt in Bern. Neueste Veröffentlichungen: «Kahn, Knaben, schnelle Fahrt», eine Fantasie, Nagel & Kimche 1995, «Die Baumeister», eine Fiktion, ib. 1998.

Christoph Geiser

Jetztzeit – oder: Die riskante Kurve

Hätte, überlegten wir uns, Atta, der Attentäter, seine Maschine, das Flugzeug, dieses Zeug, im letzten noch möglichen Augenblick, als Manöver des letzten Augenblicks, wies in der Sprache der Seefahrt heißt, hochgezogen, in den strahlblauen Himmel – im Reflex des Zurückschreckens vorm Aufprall, dieser Wucht der Gewalt – Reflex jedes Steuermanns: Ausweichen! Dem Hindernis, diesem Zeug – doch, fragten wir uns, wohin dann mit dem Zeug? Das den Himmel verschmiert; den stahlblauen; über all dem in den Himmel gewachsenen Zeug – landen hattest du nicht lernen wollen; starten brauchtest du nicht: Die wollen doch alle so hoch hinaus, hinauf, da hinein und hinauf, in die x-te Etage womöglich, um dort, nackt & mit Boxhandschuhen womöglich – und – schon hätten wir den Augenblick, den letzten, verpasst; die Kurve gekratzt, die riskante. Hände am Steuer; nicht Autopilot in dem Augenblick; versteinten Gesichts.

Ein Kurz-Schluss. Fremd-Körper zwischen den Polen. Der Plus und Minus kurzschließt. Die Übermittlung der Börsendaten in Jetztzeit, lesen wir, wird – jetzt – unterbrochen. Die Börsendaten vor Augen in dem Augenblick? Die Jungfraun vom Paradies? Das Paradies? Die Unterbrechung der Jetztzeit. Mönch am Meer, in dem Augenblick. Gesichtslose Gestalt, hinter sich die äußerste Zungenspitze kaum mehr festen Lands – Schiff, das in die Ewigkeit zu fahren scheint –, vor sich die entgrenzten Elemente; grenzenlos, entfesselt; fast nichts Unterscheidbares mehr; Trugbilder. Eine Erscheinung, zwischen den Horizonten, die kippen? Gott? Roter Riese, Weißer Zwerg, Schwarzes Loch. Pergamon-Fries. Das Desaster der Körper-Teile. Nicht mehr zu restaurieren. Grauer, lichtloser Schrott. Ein ästhetisches De-

saster. Ground Zero: Als wärs zum Gedenken an Hiroshima & Nagasaki. Das Grounding der Giganten – ein Bild für den Klassenkampf, lesen wir, über die christlichen Festtage verbunkert mit Peter Weiss «Ästhetik des Widerstands» zur Unzeit, diesem Desaster aller Diskurse des Widerstandes in Jetztzeit, Desaster des Widerstandes!, in unsrer lichtlosen, wie konspirativen Berliner Hinterhaus-Wohnung – nicht angeschrieben sind wir, noch nicht ausgeschrieben – ein gigantisches Desaster! Ambulance-Desaster, Car-Desaster, Tuna-Fish-Desaster, Black&White-De-

saster, Electric-Chair-Desaster in einem. Das Desaster der Jetztzeit als Ästhetik des Widerstandes in Jetztzeit. Andy Warhol: ein Kurz-Schluss. Die Ästhetik des Desasters als Widerstand; und 's wär womöglich der letzte noch mögliche in dem Augenblick –

Die Ästhetisierung des Elektrischen Stuhls, in Variationen & in Serie. Die Ästhetik Hollywoods als Reality-TV.

Und realiter – ja, wer wetzt da & jetzt – was sollte er sonst denn, als wetzen, soweit es nur die Schicklichkeit erlaubt: Über der Stirn, auf dem sorgsam pomadisierten Haar, die Sonnenbrille, die elegante, schwarze, lichtschützende, denn der Septemberhimmel, wir sagtens, ist strahlend. Ein strahlender Tag! In der Hand das Aktenköfferchen, das minimale, schmale. Das Hemd ist nicht mehr zu retten, das weiße. Der Anzug: ruiniert. Ascheregen. Pompeji. Das brennt womöglich Löcher in die Jetztzeit. Die Lackschühchen? Der Termin? Das Geschäft? Verbrannt! Alle Termingeschäfte verbrannt. Break! Sozusagen. In der Jetztzeit. News Break. Aus dem Tag wird nichts, dem strahlenden. Es werden keine Austern gegessen heut, egal welchen Stils, nackt & mit Boxhandschuhen, in der x-ten Etage, denn die x-te Etage gibt es nicht mehr. Staub! Ascheregen. Dreck. Desgusting! Nicht Panik im Gesichtsausdruck des hier im Augenblick des Entwetzens festgehaltenen Brokers, Entsetzen nicht, nicht einmal Schrecken: nur Desgust. Die spezifisch anglosäxische Form von Dégout. Ekel. Vorm Dreck. Keine Nausée. Es graust ihm – ohne Grauen. Phantasiellos. Kein Vorstellungsvermögen für das Grauen, keine An-Schauung vom Grauen, nur ja nichts anschauen jetzt, ohne Anschauung entwetzt. Seine Anschauung? In God we trust? Weils auf jedem Geldschein steht? Und 's würd durch Wiederholung, in Serie quasi, glaubhafter? Denn 's wär die Welt-Währung schlicht? Die Anschauungen des hier in einer Staubwolke vorm Staub-Sturm in vergleichsweis kleinen Schrittchen & wie in Rücklage, soweits nur die Schicklichkeit erlaubt, entwetzenden Borkers, Desgust im Gesicht, interessieren uns nicht; möge er sie für sich & seinesgleichen behalten, auf seinem vergleichweis winzigen Eiland, dem locker (vom Hocker) gebauten, entwetzt; verschont verschone er uns, den vielfältigen Rest der Welt, mit seiner Einfalt; seinem Eiland; seiner Welt-Währung; der Übermittlung von Börsendaten in Jetztzeit.

Eine Woche lang, wissen wir mittlerweil, wird er uns, den Rest der Welt, verschonen mit Jetztzeit. Ein Loch in der Jetztzeit. Der Countdown der Schweigeminuten. Und – danach? Danach?!

Der Braun vom Staub wie verschneit, das Antlitz unterm Helm vor Erschöpfung entspannt, auf der Photographie zum Denkmal versteint – da sitzt er und schläft noch im Sitzen. Traumlos, gedankenlos, bewusstlos. Das Gesicht in die Hand gestützt, das freundliche, schöne, entspannte. Der Schlaf der Vernunft, der vernünftige. Da gibts nichts mehr zu träumen. Zu retten? Was noch zu retten ist... aufräumen vor allem; nach allem. Immer wir, gell? Am Ende seid doch immer ihr dran, als Helden, die letzten noch möglichen. Solln sie doch aufpassen, Herrgottnochmal... meinst du nicht? Kleinkriminelle abknallen, in Variationen & in Serie, im Stress der Fangquoten (von Rambo Rudi verordnet), aber kein Sicherheitsdispositiv für die Türme; so ungeheure Türme hinknalln, leichthin: Und jetzt sind sie hin. Es kann doch immer wat 'runterfalln! Kluge Köpfe, meinst du, schützen sich, im Schlaf der Vernunft noch unterm Helm – und so sollte halt, wer permanent Krieg führt gegen Hütten, und wärs auch ein einfältiges Bombardement mit Börsendaten in Jetztzeit, sich vorsehen, damit seine Paläste nicht abbrennen, womöglich wie urplötzlich, aus heiterem Himmel und bis auf den Grund. Wozu denn, fragst du dich? Im Schönheits-Schlaf der Vernunft? Gibt es zum Beispiel... frag nicht!... die Nudelsuppe? Angezapft, als Kost-Probe, womöglich von Mama Bin Laden; wozu gibts Wanzen aller Arten; Geruchs-Proben fürn Spürhund; Einwohnerkontrollen in schweizerischer Manier(lichkeit); Meldepflicht, kontinental-europäisch. Fragen... frag nicht lang!... Gehören oder gehörten Sie je einer terroristischen Vereinigung an? Iuauso! Natürlich nicht. Ja, wozu denn gibts... frag nicht! Schlaf!... Spotlights? Schlafentzug... wach auf!... Lügendetektoren? Strom? Strom... träum nicht! Schlaf!... denn... schon lässt Erich grüßen; vom roten Wedding; ich lieb euch doch alle! Und/oder Berija. Von jenseits des Schlafes, die Briederchen!, wie Ungeheuer ausm Schwarzen Licht, wos mutmaßlich weder heiß ist noch kalt. Der eine altershalber dahin geraten schlussendlich – schlauer Fuchs, der noch den Dachs legt (nicht aber den DAX) –, umständehalber der andere: standrechtlich.

Ist euch doch nicht so unbekannt da drüben, McCarthy zumindest ... dir?! Nicht im Traum, schöner Feuerwehrmann! Schlaf! Ein Desaster halt, wie so viele – künftige – auch. In God we trust?

Berlin, am 31. Dezember 2001


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