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Werner Rohner, *1975; lebt in Zürich, Wien und immer irgendwo dazwischen und doch jetzt wieder in Zürich, abgebrochener Student, Dichter und Teilzeitidealist.
Ein zweiter Text von Werner Rohner, «Die Eintagsfliege», findet sich weiter unten (hier klicken!)
Werner Rohner
Sonnenscheinwerkstatt
Ich bin behindert. Richtig behindert, das kann man sogar in meinem Ausweis nachlesen. IV, das steht für Invalide. Ich weiß das, ich bin nämlich nicht dumm, ich weiß nur nicht immer alles, was die anderen wissen. Aber Mutter sagt, dass sei gar nicht nötig, sie habe mich auch so lieb, so wie ich bin. Und ich habe meine Mutter lieb. Ich würde sie sofort heiraten, doch das geht nicht. Dafür habe ich jetzt zwei Freundinnen. Annette und Lisa. In Annette sind wir alle verknallt. Sie ist Leiterin hier im Heim, und eigentlich bin ich auch ein bisschen in Gertrud verliebt, weil sie mir immer so schöne Gutenachtgeschichten erzählt, aber die ist schon zu alt, die will ich nicht als Freundin, und Annette hat schon einen Freund, aber ich bin trotzdem ihr Schatz. Zwar sagt sie das zu allen, aber das ist schon in Ordnung, schließlich ist sie normal.
Lisa ist anders, sie ist wie ich, und neben mir liebt sie nur noch Michael Jackson. Das verstehe ich, ich mag ihn auch. Und wenn Lisa und ich allein sind, dann tanzen wir manchmal ganz nah, und sie flüstert mir Michael ins Ohr. Nur wenn sie wieder irgendwo ein Wehwehchen hat, dann nervt sie, aber dann streiche ich ihr mit der Hand über den Kopf und sage: «Auch wenn die Sonne nicht scheint, du bist mein Sonnenschein», das hilft mehr als all die Pflaster, die ihr Annette aufklebt.
Am meisten aber liebe ich meine Mutter, auch wenn sie noch älter als Gertrud ist. Sie sagt immer, seit sie mich habe, glaube sie an einen Gott im Himmel. Ich weiß zwar nicht genau, was das ist, aber es scheint was Gutes zu sein und blau, denn ich sehe ihn nie, und er soll der Chef vom Osterhasen und vom Weihnachtsmann zugleich sein. Und vielleicht ist er auch noch mein Vater, denn er sei der Vater von allen und sonst habe ich keinen, sagt Mutter. Doch ich weiß, dass jedes Kind einen Vater hat; sie will nur nicht sagen, dass sie vergewaltigt wurde. Aber Verena, meine Schwester, hat es mir erzählt. Sonst ist sie aber meistens gemein zu mir. Sie erklärt mir nichts: Sie erklärt mir nicht, was das heißt, dass Mutter vergewaltigt wurde. Sie sagt, ich sei ein Einfaltspinsel.
Wenn keine von den Frauen, die ich liebe, da ist, und ich nicht in der Werkstatt helfen muss, gehe ich vor das Haus. Dort steht eine Bank, und ich kann die Häuser drüben am anderen Hang sehen. Ganz außen sind sie wieder dabei, ein neues zu bauen. Wie eine lange Schlange, die immer größer wird, sehen die Reihenhäuser aus. Wie ich herkam, war dort drüben noch alles grün, sonst nichts. Und nun haben sie sogar den Fluss unten im Tal in einen riesigen Gips gelegt. Mir gefiel es, wie es war, und mir gefällt es auch, wie es jetzt ist.
Um acht kommen jeweils Markus und Peter und rauchen einen Stumpen, das stinkt, aber sie freuen sich. Markus trägt eine Brille, obwohl er blind ist. Peter singt immer, manchmal hält er eine Banane vor dem Mund, aber meistens singt er ohne Mikrofon und kommt ganz nah und trällert einem ins Ohr. Ich kenne die Lieder nicht, die er singt, vielleicht hat er sie selbst erfunden. Jedenfalls klingt es schön, ich glaube, er hat genauso viel Talent wie Michael Jackson.
Jetzt habe ich Gary ganz vergessen, der sitzt auch immer vor dem Haus, bis er ins Bett muss. Mutter sagt, er sei Autist und deshalb spreche er nicht, aber das stört mich nicht. Er trägt immer einen Ballon bei sich, den er aber nur selten jemandem gibt. Nur manchmal wirft er ihn mir zu und lacht seltsam dazu, ganz ohne Ton. Und in unserem Haus, das schwarzweiß gekachelt ist, geht er nur auf den schwarzen Platten, und manchmal zieht er die Spülung fünfmal hintereinander, dazwischen geht er immer raus, wäscht sich die Hände und geht wieder rein, dann spült er nochmals. Auch wenn er zur Tür raus will, öffnet er sie erst ein paar Mal, und schließt sie wieder. Ich glaube, er will sichergehen, dass sie nicht plötzlich hinter ihm her rennt. Markus Mutter sagt, ein Fluch laste auf ihm. Meine Mutter sagt, Gott hat alle Menschen gleich gern und er straft sie nicht, das tun sie schon selbst. Und manchmal, wenn Gary ganz toll lacht, dann sage ich auch zu Gary: «Auch wenn die Sonne nicht scheint, du bist mein Sonnenschein.» Er reagiert nicht, aber ich bin sicher, dass er mich versteht.
Sogar Edi mag ich, auch wenn er immer flucht. Ich stelle mir dann einfach vor, er sagt in ganz vielen verschiedenen Sprachen «Guten Tag» zu mir. Er will ja nur, dass ihm jemand zuhört. Das ist alles. Aber Edi sitzt nicht so gerne draußen wie die anderen, und um neun müssen wir sowieso ins Bett und dort warten schon zwei Freunde auf mich: Kali, der Elefant aus Plüsch, und Sarander, das Krokodil, das meine Großmutter gestrickt hat. Jetzt lebt sie schon lange nicht mehr, aber Mutter sagt, sie und die beiden Freunde bewachen mich und achten darauf, dass ich nicht von bösen Gespenstern träume.
Zum Frühstück streiche ich mir ein Brot mit Kakaopulver. Jemand muss mir dabei helfen, weil meine rechte Hand lahm ist, und wenn man sie mir zur Begrüßung schütteln will, darf man nicht zudrücken, sonst tut es weh. Eigentlich ist die ganze rechte Körperhälfte nicht ganz so wie die linke, aber irgendwie funktioniert sie auch. Zwar falle ich öfters um, weil ich das Bein nachschleppen muss und nur ganz kurz draufstehen kann, aber es geht schon. Beim Ausflug nehmen sie immer einen Rollstuhl für mich mit, und wenn ich nicht mehr mag, werde ich gestoßen, das ist schön. Auch mit meinem Kopf soll etwas falsch sein, aber ich spüre nichts davon.
Heute müssen wir nicht in die Werkstatt, wir fliegen aus: Wir spazieren auf irgendeine Alp, nehmen aber nur die Wege, die nicht so steil sind, und wenn es geht, auch nicht zu schmal. Als zwei Wanderer mitten in der Straße vor uns stehen und miteinander schwatzen, bittet Annette sie zur Seite, weil Gary nur gehen kann, wenn mindestens zehn Schritte vor ihm niemand im Weg steht. Fabian streckt ihnen die Zunge raus, das ist so eine Art Gruß. Aber die zwei werden wütend und sagen, wenn es nach ihnen ginge, gehörten solche Krüppel alle vergast. Ich frage Annette, was die damit meinen, aber sie schüttelt nur den Kopf und nimmt mich bei der Hand. Ich denke an Bruno, der manchmal furzt, und will nicht vergast werden, denn dann müssen wir immer alle Fenster öffnen, auch wenn es ganz kalt draußen ist, und meistens geht noch was in die Hosen und Annette oder Gertrud ziehen Gummihandschuhe an und gehen mit ihm ins Bad und es stinkt.
Fluchend gehen die zwei doch zur Seite, und wir können durch, aber Annette weint. Ich frage sie: «Warum weinst du? Du musst nicht traurig sein.» «Ich bin nicht traurig, ich bin wütend. Ich bin wütend auf die verdammten Menschen.» Sie flucht etwas hinter den beiden her und weint wieder. «Weshalb bist du wütend auf die Menschen? Wir sind doch auch alles Menschen. Du kannst doch nicht auf alle wütend sein. Das geht ja nicht, du kannst gar nicht mit allen gleichzeitig streiten. Und wenn man wütend ist, will man doch streiten. Bist du auch wütend auf mich?» «Nein, Werner, auf dich nicht.» «Ich auch nicht auf dich. Ich bin nämlich in dich verliebt», gestehe ich und werde rot, obwohl ich ihr das mindestens einmal am Tag verkünde, dann füge ich noch hinzu: «Auch wenn die Sonne nicht scheint, du bist mein Sonnenschein.»
Annette hat sich wieder erholt, aber ich glaube, es hat sie doch sehr traurig gemacht, denn sie hat vergessen, mit uns vor dem Abendessen zu singen. Mir hat es trotzdem gefallen, und nach zwei Stunden Spaziergang sind wir in einem Lokal eingekehrt, und für einmal durften wir koffeinhaltigen Kaffee trinken. Sonst dürfen das nur die Leiter. Bei ihnen sei das eben anders, ich weiß nicht warum, aber sie sind immer lieb zu mir und deshalb dürfen sie von mir aus auch Koffein im Kaffee haben.
Als wir sogar noch einen Bananensplit serviert bekommen, beginnt Manuela zu weinen, aber das ist normal, sie weint jeden Tag ein paar Mal. Es fängt an mit einem Lachen, sie erzählt von ihrem Esel, aber irgendwann, meistens ziemlich schnell, fällt ihr ein, dass er tot ist, und dann weint sie und hört erst wieder auf, wenn Annette ihr sagt, dass sie zu Hause einen neuen haben, dann ist es wieder gut. Ich finde, sie übertreibt, aber ich versteh das auch, schließlich war der Esel ihr Freund, und wenn sie weint, kommt immer Annette zu ihr.
Wieder zu Hause, sind wir alle müde, und niemand braucht Pillen zu schlucken, die nach nichts schmecken, um einschlafen zu können. Es spielt nicht mal mehr jemand Memory. Diejenigen, die nicht direkt nach dem Abendessen ins Bett gehen, setzen sich noch ein bisschen vor den Fernseher. Marlis will wieder einmal etwas anderes sehen und findet, wir seien alle dumm. Sie meint, sie sei etwas Besseres, nur weil sie ein bisschen weniger behindert ist. Dabei kann Natalie weder richtig sprechen noch laufen und niemand findet sie deswegen dumm. Klar, Marlis ist fast gar nicht behindert, aber manchmal rastet sie aus und schlägt wild um sich, sodass wir alle in Deckung gehen müssen. Sie nervt mich und sie nervt die Leiter, vielleicht weil sie nicht einmal ein Tier hat, um mit ihm zu sprechen. Aber diesmal bleibt sie ruhig und nur Marcel ist es egal, was gespielt wird. Einmal wollte er sich tot machen, aber es gelang ihm nicht. Er hat sich eine Schlinge um den Hals gelegt und sie um einen Balken gelegt. Aber er hat vergessen, sie festzumachen, und als er vom Stuhl sprang, kippte dieser um, und er fiel mit der Stirn auf die Kante. Wie wir dazugekommen sind, haben wir alle gelacht, aber er hat geweint und gesagt, er will trotzdem sterben. Seit da hat er eine große Narbe am Kopf, und wenn er fern sieht, fährt er immer zärtlich mit dem Zeigefinger darüber und lacht in sich hinein, als wisse er mehr als alle zusammen. Dann gehe ich manchmal zu ihm und flüstere ihm leise ins Ohr, damit ich die anderen beim Fernsehen nicht störe: «Auch wenn die Sonne nicht scheint, du bist mein Sonnenschein.» Und bevor ich dann zu Bett gehe, schleiche ich mich noch bei Lisa rein, blase ihr einen Kuss von meiner Handfläche zu, und sie schläft weiter.
Eintagsfliege
Werde ich jetzt etwa erwachsen? Bin ich normal, wenn ich mich frage, ob ich mit fünfundzwanzig zu jung für einen Job bin?
Das sind eindeutig Sonntagsgedanken, die Talk-Shows sind rar, und selbst habe ich nun mal keine Probleme. Vielleicht bin ich perfekt, aber selbst wenn: Es ist ziemlich langweilig, ich zu sein. Bloß rumhängen und sich vor der Flimmerkiste hin- und herwälzen, bei den Nachbarn spannen, die ebenfalls fernsehen, oder meinem Herzen zuhören, wie es dumpf in die Matratze schlägt.
Lieber würde ich heute Mutters Sonntagsbraten genießen, aufs Land oder sonst wohin fahren, mich speziell fühlen, mal etwas anderes tun. Doch ich tue, was ich auch sonst immer tue: nichts. Zwischendurch vergesse ich den Rauch meiner Zigarette auszuatmen, so dass mein Mund zu stinken beginnt. Aber trotz meines gepressten Hustens, bleibt der Gestank. Und eben als ich denke, dass es mir vielleicht helfen würde, mich wieder einmal zu verlieben, klingelt es an der Wohnungstür. Welch ein Zufall, denke ich, aber es ist bloß Robin.
«Scheißsonntag» - «Scheißsonntag», grüße ich zurück.
«Was tust du so?», fragt er, und ich zucke mit den Schultern. «Hab gedacht, wir könnten was zusammen machen.» - «Was denn?», frage ich und weiss, dass auch ihm nichts einfallen wird. Er hebt die Schultern und lässt sie gleichgültig wieder fallen: «In der Glotze spielen sie nur Schrott.» Ich nicke, er zieht seine Schuhe aus, und wir hängen uns vor den Fernseher.
Robin ist in Ordnung, glaube ich. Er ist wahrscheinlich der einzige Mensch, den ich an einem Sonntag kennen gelernt hatte. Sprach mich beim Zigarettenautomaten an, erzählte mir irgendwas und kam auf ein Bier mit zu mir. Seither lässt er sich hie und da blicken. Manchmal denke ich, er hat eine schwere Krankheit, ich weiss nicht wieso, könnte ja sein. Jedenfalls ist er o.k.
«Willst du auch was?», fragt er und streckt mir seine mit bunten Pillen verzierte Handfläche entgegen. Schön sieht sie aus, seine Hand. Ich nehme mir welche und tue, als ob ich sie schlucke, lasse sie aber in meiner Hosentasche verschwinden. Ich vertrage keine Drogen, davon bekomme ich bloß Ausschlag. Aber das muss er nicht wissen.
Dann sitzen wir da und warten auf irgend eine Wirkung: «Weißt du, ich will noch nicht sterben, aber manchmal hoffe ich, dass die Zeit bis zum Tod schneller vergeht. Ich mein, ich mag das Leben, aber ich weiss nicht so genau, was damit anfangen. Manchmal wünsche ich mir, eine Eintagsfliege zu sein. Ich glaub, das würde mir reichen», sagt er.
Als ich ihn kennen lernte, dachte ich ja erst, er sei Student, weil er manchmal so gescheit sprach. Einer von denen, die dauernd nachdenken und auch noch zuviel darüber reden. Wahrscheinlich haben sie als Kind zu wenig fern geschaut. Und nun sehen sie seltsame Dinge, zeigen einem zum Beispiel, wie das Licht einfällt und was für kuriose Schatten es wirft; wie es kurz bevor die Sonne untergeht, noch einmal leuchtet, und sagen, dass das sei wie bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis (wo auch immer da ein Unterschied sein mag) und ganz einzigartig, wie überhaupt alles, und wie ihnen das erst jetzt klar geworden sei. Und das erzählen sie seit Jahren, immer das gleiche; mache ich sie aber darauf aufmerksam, sehen sie das als Beweis, dass es noch besser ist, als sie glaubten, nur weil es anhält. Wo hatten sie das bloss gelernt, diese Optimisten? Aber Robin ist kein Student, er hat wohl auch keine reichen toten Eltern wie ich: Ich weiss nicht, was er sonst tut.
«Mir ist es lieber, wenn es hell ist. Ich kann in letzter Zeit schlecht schlafen. Es ist schrecklich nur so da zu liegen, in der Dunkelheit, und die Zeit vor sich zu sehen, wie sie schlurft, sich durch nichts hetzen lässt, und manchmal hat sie ein Holzbein, dann klopft sie ständig. - Ich gehe nur noch schlafen, wenn es hell ist. Ist mir lieber so.»
«Weißt du, Sonntags starre ich oft einfach nur vor mich hin, an die Wand oder so. Und ich würde nicht mal bemerken, wenn eine Wespe vorbeiflöge. - Ich starre einfach so an die Wand, einfach so.»
«Was willst du auch mit einer Wespe?», fragt er.
Woher soll ich das wissen, denke ich und sag: «Ich mein ja nur.»
«Weisst du, was mein Problem ist? Ich kann mir nichts vorstellen. Manchmal würde ich mir gerne irgendwas vorstellen und mich davontragen lassen, aber es funktioniert nicht. Kannst du das?»
«Wie meinst du das?»
«Sag mir einfach, was du dir vorstellst.»
«Wenn ich so an die Wand starre, denke ich oft, dass ich keine Lust zum Denken habe, keine Lust zu gar nichts, aber dann stelle ich mir meistens doch irgendwas vor.»
«Was denn?», hakt er nach.
«Irgendwas eben, was mir gerade so durch den Kopf geht, was ich gestern getan hab, was ich tun könnte, wozu ich keine Lust habe.»
«Was genau?»
«Ich weiss nicht, vielleicht, dass ich vor einem Spiegel stehe, eine Zigarette im Mundwinkel und gähnen muss, mir die Zigarette rausfällt, und ich darüber lachen muss.»
«Darüber lachen, das ist schön», sagt er und sieht mich eindringlich an.
Ich mag das nicht, wenn mich jemand so anschaut, so tief, das mag ich überhaupt nicht. Ich hab dann immer das Gefühl, dass er mir was sagen will, es aber nicht tut und trotzdem denkt, dass ich alles verstanden hab, alles. «Das ist nicht lustig», sage ich.
«Ich kann mir einfach nichts vorstellen. Doch manchmal passieren auch mir schöne Dinge, letzthin ist wieder so etwas passiert, einfach so. Ich hab’s vergessen. Ich hätte weinen können, aber ich hab’s nicht getan.»
Ich nicke. Er sieht schön aus. Seine Haare sind ein bisschen fettig, ganz schwarz, er streicht sie sich dauernd glatt nach hinten. Trägt ein weißes T-Shirt mit weitem V-Ausschnitt, so dass man seine Schlüsselbeine sehen kann. Seine Wangenknochen treten stark hervor, er hat was von einem Affen, einem sehr dünnen Affen. Es sieht wirklich schön aus, irgendwie fast elegant, wie er da auf dem Sofa hängt und enge Hosen trägt.
«Manchmal gehe ich auch durch die Strassen, sonntags und stell mir vor, dass sie denken, ich arbeite unter der Woche, ich sei wie sie. Aber ich spiegle mich bloß in den Schaufenstern. Schaue mir mein Sonntagsgesicht an, wie es glänzt.»
Er sagt: «Wenn ich mir nichts vorstellen kann, gehe ich raus und treffe Menschen, spreche mit ihnen, höre zu, erzähle etwas, was mir so passiert und was ich nicht erwähnenswert finde. Ich fühle mich wie eine Prinzessin, die nicht lachen kann und auf den Prinz oder den Narren wartet, der sie erlöst.»
«Ich glaube, nichts tun ist besser als irgendwas tun», sage ich und frage mich, ob das eine Antwort ist.
«Findest du es schön, dass ich da bin?»
Ich schweige. Ich weiss es nicht so genau. «Ich glaub schon.»
Er streicht sich einmal mehr mit den Fingern durch die fettigen Haare, und ich stelle den Ton des Fernsehers an und ab, an und ab. Scheint, als ob es ihn nervös macht. Ich lege die Fernbedienung, auf der ein doofer Pokemonsticker klebt, weg.
«Ich geh dann mal, o.k.?» Keine Ahnung. Ich steh auf und drücke ihm eine Stange Zigaretten in die Hände. Ich habe sie extra für ihn gekauft. Wie immer.
«Soll ich wieder kommen?» Ich glaube, ich nicke. Ich nicke deutlicher.
Die Tür krächzt leise, als er sie öffnet. Der Fernseher surrt stumm, ich sehe Robin nicht nach, höre ihn aber noch. Frag mich, ob ich froh bin, dass er da war. Ob etwas mehr ist als nichts.
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