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Daniel Ganzfried, *1958 in Israel; wohnt in Zürich. Diverse Recherchen, Essays, Kolumnen, Kurzgeschichten in NZZ Folio, DU, Weltwoche und Facts. 1995 erschien der Roman «Der Absender» im Rotpunktverlag Zürich.
Daniel Ganzfried
Die Holocaust-Travestie*
Das Werbeblatt für eine Diskussionsveranstaltung über «Die Schweiz und der Antisemitismus» verhieß interessante Teilnehmer: Binjamin Wilkomirski und den auf diesem Gebiet verdienten Historiker Jacques Picard, außerdem eine frische Schriftstellerin und als Moderator einen Krimi- und Hörspielautor, der sich gerade durch ein besonders einfühlsames Interview mit dem Kinderüberlebenden in einer größeren Zeitung hervorgetan hatte. Neugierig, wie dieser Wilkomirski leibhaftig wirke, setzte ich mich unter die Leute im Parkett. Sicher würden Fragen gestellt. Ich nahm mir vor, den Historiker Picard auf das Problem anzusprechen, dass Amtstellen in der Schweiz nach dem Krieg jüdische Identitäten zum Verschwinden gebracht haben sollten, was in der Erzählung vorausgesetzt und im Nachwort festgehalten war. «Auch ich habe als Kind eine neue Identität erhalten...» Meines Wissens war solches noch nirgends sonst beschrieben worden, auch nicht in Picards eigenem Werk «Die Schweiz und die Juden».
Die Schriftstellerin übernahm es, in wunderbarer Unschuld und lupenrein bühnendeutsch gehaltener Rührung eine Passage aus dem Text vorzulesen, die exemplifizierte, was dem Kinderüberlebenden nach dem Krieg als Schüler in diesem Land, dessen Bürger er auf ominösen Pfaden geworden war, in einem der ersten Schuljahre an Schrecklichem widerfahren sei. Sie hatte die Wilhelm Tell-Stelle ausgesucht: Die Lehrerin, eine rabiate Dame, zeigt der Klasse das Bild. Der Mann legt die Armbrust an. Er visiert den Apfel auf dem Kopf des Jungen an. Als die Reihe am Kinderüberlebenden unter den Schülern ist zu schildern, was die Szene ihm zeige, assoziiert er den SS-Mann: «Er schießt auf Kinder.»
Von der Lehrerin verspottet, seinen Kameraden verprügelt, den Adoptiveltern zum Schweigen gebracht, litt der Knabe Binjamin weiter unter dem Schrecken seiner Vergangenheit in diesem Klima, in dem Juden wie er zwar nicht mehr getötet, dafür aber mit den Mitteln der Verleugnung sonst zum Verschwinden gebracht wurden. «Das gute Leben ist nur eine Falle.»
Wilhelm Tell ist üblicherweise erst in späteren Stufen Unterrichtsstoff. Und Heldengeschichten müssen erst vorgelesen oder zumindest erzählt werden, bevor einem zu ihren Illustrationen etwas einfallen kann. Wie konnte Klein-Binjamin einen SS-Mann sehen?
Dennoch war das Thema des Abends schlagend eingeführt. Die populär gewordene These, unser Land sei, in Komplizenschaft mit dem Dritten Reich, ein Hort des Antisemitismus gewesen und geblieben, auch unter seiner humanitären Maske, erfuhr mit dem Kinderüberlebenden in unserer Mitte eine literarisch bezeugte Leibhaftigkeit. Wie eine süße Krankheit breitete sich Anteilnahme im Parkett aus, wo wir Zuschauer an niedlichen Tischchen saßen, Getränke zu uns nahmen und die Bedienung flink und leise einkassierte, während der Überlebende eingesunken auf dem Podium saß.
Er zupfte am Seidenschal, kratzte eine Stelle zwischen seinen auffrisierten Haaren und blickte mit wässrig gewordenen Augen ab und zu ins Dunkel jenseits aller Anwesenheit. Neben ihm saß der Historiker Picard, der vor lauter Gelehrsamkeit nach diesem Rezital noch hagerer schien und mit seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen den Ernst der Stunde anmahnte. Bald gab der Moderator dem Publikum die Gelegenheit, die aufgestauten Gefühle von sich zu geben.
So ein paar Tische von mir entfernt der Dame mit schulterlangem Haar und Brille. Artig hatte sie ihren Arm in die Höhe gestreckt. Der Moderator blickte in ihre Richtung und nickte mit dem Kopf. Sie erhob sich gewichtig.
«Ich weiß nicht, ob ich diese Frage stellen darf. Und ich will nicht, dass Sie sich noch einmal diesen Schrecken aussetzen...»
Ihre Stimme zitterte. Der Moderator beugte sich zu Wilkomirski, der die Frau traurig anschaute und jetzt nickte. Das schien ihr zu helfen: «Ich hätte Sie gerne gefragt, was Sie bei der Ankunft im Konzentrationslager dachten. Ich meine, wie war das für ein Kind. Was fühlten Sie?» Um Zentner leichter, setzte sie sich.
Wilkomirski gab Auskunft: «Nu... Ein Tor ging auf. Ich sah einen hölzernen Turm. Eine Straße führte hinauf. Überall längliche Häuser aus Holz. Soldaten standen herum. Einer direkt neben mir. Ich schaute ihn an. Fragte, was er da für ein komisches Gewehr habe. Dazu ich zeigte auf das Ding, das hing an seinem Gürtel. Plötzlich er drehte sich um. Hob seinen Arm. In der Faust ein unbekannter Gegenstand. Es zischte mir über das Gesicht. Mein Gesicht war wie entzwei geschnitten. Es war eine Peitsche gewesen. So ich habe begriffen, dass Majdanek nicht ein Spielplatz ist, wie man uns hatte versprochen.» Er sprach kraftlos und wie schon durch den ganzen Film Bergkrauts hindurch in seiner eigenen Art yiddisch entlehntem Singsang. Es schien, als hätte er die Worte hundert Mal vor sich selbst wiederholt. Ich fragte den Mann neben mir, ob ich in seinem Buch blättern dürfe, das er vor sich auf dem Bistro-Tischchen liegen hatte. Nach kurzem Suchen las ich die Stelle. Es waren fast die selben Sätze. Allerdings grammatikalisch korrekt.
Ein älterer Herr wollte wissen, ob es das Kinderheim in der Schweiz noch gebe, wo man ihm die Identität geraubt habe, und die Schule in unserer Stadt, wo die gelesene Szene spielte. «Haben Sie die Lehrerin je zur Rede gestellt?»
«Nein», flüsterte Wilkomirski. «Ich habe nie einen Sinn darin gesehen.»
Der Mann war nicht zufrieden. Er hörte sich an, als würde er sich gleich selber auf den Weg machen. «Wo war es denn?»
«Irgendwo im Jura. Zwischen Hügeln. Mehr weiß ich nicht.» Der Überlebende atmete schwer.
Der Moderator entdeckte eine andere Wortmeldung. Diese ging glücklicherweise wieder zurück in die Jahre im KZ, über die der Überlebende lieber sprach. Er schluchzte nicht mehr und schien an diesen Erinnerungen weniger zu leiden, als wenn er an Kinderheime oder Schulen in der Schweiz denken musste. Das Phänomen war augenfällig: Je näher zur Gegenwart, desto größer wurden die Schwierigkeiten seines Gedächtnisses, umgekehrt proportional verhielt es sich bei Fragen über mehr als vierzig Jahre zurückliegende Ereignisse, selbst wenn sie bis in sein Säuglingsalter reichten. Niemand störte sich daran. Im Gegenteil; sobald ihm hier etwas ins Vage zu kippen drohte, stand das Publikum bei, half mit Sachverstand aus, und wo auch der nichts mehr auszurichten vermochte, mahnte prompt jemand, den Überlebenden nicht zu sehr mit Details zu quälen.
Des Öfteren sprang auch der Historiker mit trocken vorgetragenen Einlassungen über die Politik der damaligen Zeit in die Lücken. Dabei glich es schon fast einer Kunst, wie Picard den seltsamen Umstand anzusprechen vermied, der Wilkomirskis Erzählung erst die Voraussetzung bot, wollte man sie so ernst nehmen, wie es der sakrale Ton während der ganzen Darbietung versprach: «Auch ich habe noch als Kind eine neue Identität erhalten», hieß doch nichts anderes, als dass jüdische Kinder illegal in die Schweiz geschleust, mit falschen, christlichen Identitäten versehen und an reiche, kinderlose Familien verschachert wurden. Dies noch drei Jahre nach dem Kriege, wie die Jahreszahl «1948» in Buch und Film behauptete, zu einer Zeit also, da gerade die letzten Überreste des vernichteten jüdischen Volkes eingesammelt und eiligst nach Palästina verfrachtet worden waren.
Für den Historiker ein Skandal ungeheuerlicher noch als jener eben erst der Öffentlichkeit ins Bewusstsein gebrachte über die «Kinder der Landstraße», wonach die Schweizer Behörden Zigeunerkinder ihren Eltern entrissen und durch Adoption in eine neue, bürgerliche Identität gezwungen hatten. Allerdings wurde bei diesen Kindern die Herkunft nicht gänzlich aus den Akten getilgt, wie es dem Judenjungen vor uns und offenbar andern mit ihm geschehen sein musste, der trotz Hilfe von «unzähligen Spezialisten» nichts mehr hatte finden können als die vorliegende, wie in Bernstein gegossene Erinnerung. Ein Skandal jedenfalls, der bei dem Erfolg, den das Buch zuerst in akademischen Kreisen genoss, gerade die ehrgeizigsten und aufrechtesten Historiker, zu denen Picard zweifelsfrei zu rechnen war, hätte interessieren müssen, und der aus dem Zeugnis eines Kinder-Überlebenden, wie sie in der Fachliteratur hießen, ein Dokument von unschätzbarer Sprengkraft machte.
Doch der Knall blieb aus. Das Miserere ging ungestört über die Zeit. Weder Picard, Mitglied der Bergier-Kommission, noch jemand aus dem fachkundigen Publikum machte Anstalten, diesen revoltierenden Aspekt zu betrachten. Und ich als Laie der Geschichte getraute mich auch nicht mehr, von so viel manifester Sachkenntnis umzingelt. Die Politik gegenüber den jüdischen Flüchtlingen hätte in meinen Augen aber eine substanziellere Anklage verdient, als die ganze Weinerlichkeit sie beanspruchte, damit sie den Tatsachen gerecht und für heute lehrreich würde.
In der Straßenbahn heimwärts beschlich mich der Verdacht, dass es gerade die Aussicht auf einen exquisiten Skandal war, was es den klügsten Leuten angeraten erscheinen ließ, sich dem tüchtig leidenden Autor zur Seite zu stellen. Und einen Skandal versprach er auf alle Fälle. Man reichte seinen Bericht von Hand zu Hand und stimmte erst mal in das Klagelied ein, das in schaurigen Strophen vom eigenen Land sang und endlich über die Grenzen hinaus gehört werden wollte.
Im vorderen Wagen ließen sich Straßenbahnbeamte die Fahrausweise zeigen. Ich stieg aus und spazierte die restliche Strecke nach Hause, in Gedanken noch bei der Inszenierung, die ich eben miterlebt hatte. Es war ein Haufen holocäustlerischen Psycho- und Geschichtsblödsinns. Ganz egal, was es mit der Herkunft des Herrn Wilkomirski auf sich haben sollte.
Und während ich im Bett den Schlaf erwartete, bemächtigte sich meiner schwimmenden Bilder die Vorstellung einer völlig neuartigen Gedenkfeier, die durch die Lande tourte: Die Auschwitz-Kostümierungsshow.
Da wird die größte Fusion in der Wirtschaftsgeschichte des Landes angekündigt. Zwei Großbanken planen ihren Zusammenschluss. Das Problem, dass das Geschäft auch auf dem wichtigsten Finanzplatz New York anerkannt werden muss, eröffnet den Ausweg aus dem Schlamassel. Nicht Einsicht, Weitblick oder gar Besinnung, sondern Boykottdrohungen aus den USA und die düstere Perspektive, wenn sich eine Bewilligung auf ungewisse Zeit verzögern würde, läßt die Akteure in der Schweiz zum ersten Mal von einer «Globallösung» reden.
Sie offerieren zunächst zweistellige Millionenbeträge. Nachdem sie über fünfzig Jahre gebraucht haben, um zu handeln, drängen sie das Komitee auf der Suche nach den nachrichtenlosen Konten zur Eile. Es findet übereinstimmend mit früheren Schätzungen nur die Summe von gegen achtzig Millionen Franken, die mit einem Faktor zehn verzinst werden könnten. Davon stehen höchstens zwischen zehn und zwanzig Prozent im Zusammenhang mit der Vernichtungspolitik der Nazis gegen die Juden. Allein für die direkten Kosten der fünfhundert Revisoren schlagen geschätzte 160 Millionen Franken zu Buche. Insgesamt soll die Sucherei bis zu ihrem Abschluss gegen eine Milliarde verschlingen.
Madison Avenue 501 fordert noch immer mehrere Milliarden Dollar.
Die Banken senden Zeichen aus, dass sie bereit sind, über höhere Summen zu reden, vorausgesetzt, sämtliche Drohungen fallen vom Tisch, und nur per Saldo aller Ansprüche, inklusive Sammelklagen und Auszahlung der herrenlosen Konten.
Auch jenseits des Atlantiks deutet man die Zeichen und will zu einem Abschluss gelangen. Die Unwägbarkeiten eines langen Gerichtsverfahrens bei offenem Ausgang liegen in niemandens Interesse mehr. Die Banken brauchen ihre Fusion, Madison Avenue 501 einen Erfolg, und der New Yorker Senator blickt einer immer noch ungewissen Wiederwahl im nächsten Jahr entgegen. Das Jahr 1997 endet mit der Aussicht, dass unter Mitwirkung aller das nächste besser würde.
Am Schluss steht der Vergleich vor einem Gericht in Brooklyn, New York. Er lautet über 1,2 Milliarden Dollar. Das Licht geht an. Nur ein paar Überlebende der Konzentrationslager stehen noch hinter der Einfriedung und reiben sich verwundert die Augen. Sie haben immer gemeint, es gehe um sie.
Auf der andern Seite dehnt sich bis zum Horizont das Aschenfeld. Wer jetzt zu spät kommt, hat seine Ansprüche verwehrt, ruft ihnen jemand zu. Er zeigt auf einen Haufen Schaufeln. Die Landnahme hat eingesetzt, die Notierungen für Asche ziehen an, sagt er noch, aber da erschallt der Ruf Sammelklagen, jemand anderes schreit Solidaritätsstiftung, Globallösung brüllt das Echo, Holocaustfonds, Volcker-Komitee, Bergier-Kommission, und alles beginnt wild durcheinander zu trampeln. Staubwolken ziehen über das Feld hinweg. Die ganze wunderbare Gemeinschaft ist gehalten, sich den Acker zu erobern. Ihr Verhängnis aber ist, dass die Asche nur umso schneller verfliegt, je heftiger sie alle darauf herumtreten. Dann vielleicht beginnt die Erinnerung, mit dem Blick in die untilgbare Leere, und es wird erzählt werden können, was war und wie es untergegangen ist.
* «Die Holocaust-Travestie» ist ein Vorabdruck aus der im Februar 2002 erscheinenden gleichnamigen Erzählung. In: ... alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie. Mit Beiträgen und Interviews von Daniel Ganzfried, Philip Gourevitch, Imre Kertész, Ruth Klüger, Claude Lanzmann, Hans Saner u.a., Jüdische Verlagsanstalt Berlin. Herausgegeben im Auftrag des Deutschschweizer PEN-Zentrums von Sebastian Hefti.
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