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Judith Kuckart, *1959; lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin und Zürich. Sie erhielt für ihre zahlreichen Veröffentlichungen verschiedene Preise und Stipendien, unter anderen den Rauriser Literaturpreis (1991) und einen Aufenthalt in der Villa Aurora, Los Angeles. Letzter Roman: «Der Bibliothekar», 1998 im Verlag Gatza/Eichborn.
Judith Kuckart
10.
Boulevard Bea Bitterli
(Die junge Moderatorin Bea Bitterli (B) befragt zwei Frauen. Angela Merkel (A), Politikerin, und Elisabeth (E), Königin von England (15331603)
B Darf ich fragen, welches Sternzeichen Sie sind?
A Skorpion
E (...)
B Und Sie?
E (lächelt)
B (lächelt auch) Jungfrau, richtig?
E (...)
B Was ist für Sie die wichtigste Änderung in Ihrem Leben? In Ihrer Position, jetzt?
A Dass ich mit panzerverglaster Limousine zum Supermarkt fahre, die kleinen Portionen für Alleinstehende einkaufe, während draußen der Chauffeur wartet. Und dass an der Kasse die Hausfrauen auf meine kleinen Portionen starren und ich versuche, natürlich zu sein. Ich lebe eben unter der Woche allein.
B Und bei Ihnen?
E Was?
B Die wichtigste Änderung?
E Der Parlamentarismus. Ich liebte die blutige Vergangenheit Englands. Denn ich frage mich: Was verliert der Mensch, wenn einigen Dummköpfen das Leben genommen wird? Die Demokratie und ihr Kapitalismus haben Wohlstand produziert, aber Glück und Freiheit für alle nicht. Und ...
B Und was stört Sie persönlich?
E ... mich stört, persönlich, dass die kleineren Theater bei ihren Inszenierungen heutzutage die Pferde weglassen können.
B Was ist daran so schlimm?
E Mit Pferden hat man eine andere Haltung.
B (zu A) Ist Ihr Mann noch immer so beschäftigt?
A Ja.
B Was arbeitet er?
A Er ist Physiker, wie ich eigentlich auch.
B Sie haben ihn im Studium kennen gelernt?
A Nein, vorher schon, in der Schule.
B Sie sind in Petzow zur Schule gegangen, in der ehemaligen DDR?
A Aber ich bin in Hamburg geboren. In Hamburg.
E Sie sehen sich nicht oft, Ihr Mann und Sie?
A (lächelt)
B Haben Sie ihn eigentlich noch?
A Ich weiß nicht, das weiß ich noch nicht, ich weiß nicht.
B Warum?
A Ich glaube, ich habe mich verliebt. Es könnte sein, ja, es könnte sein, dass ich mich verliebt habe.
E Und Ihre Ehe?
A Ach.
E (zeigt auf A´s Schoß) Warum haben Sie die ganze Zeit diese Zeitung auf dem Schoß?
A Die Ehe ist ein träger Fluss. Dann kommt das Hochwasser der Gefühle und einer bricht aus.
E Aber die Öffentlichkeit? Aber die ständige Beobachtung?
B/E Und die Zeitung?
A Ich habe eins gelernt. Man muss sein Leben nach vorn als Ereignis offen lassen.
E Das ist doch keine Haltung.
B Was soll denn das sein, Haltung?
A Was mit Pferden.
B Möchten Sie in einer anderen Zeit leben?
A Nein.
B Und Sie, hätten Sie in einer anderen Zeit leben wollen?
E Nein.
B Was hat sich Ihrer Meinung nach am deutlichsten geändert?
E Eins: Dass wie der Mensch über die Liebe denkt, nicht mehr sagt, wie er über die Welt denkt.
B Und bei Ihnen?
A Ich habe seit zwei Jahren keine Zeit mehr, Pflaumenkuchen zu backen, wenn die Pflaumen da sind.
B Was ist für Sie authentisch?
A Dass ich noch immer meine Frisur habe, die ich mit vierzehn mir zum ersten Mal in Berlin Friedrichshain habe schneiden lassen.
B Und für Sie?
E Authentisch? Ich spreche sieben Sprachen, habe lange Zeit England regiert, wie Sie wissen, habe Entscheidungen getroffen, die mir schwer gefallen sind, aber erforderlich waren, ja, ich habe sie mit Contenance und klarer Stimme getroffen und vertreten, um das Gesicht zu wahren und das Bild von einer Königin zu sein, das Bild hat die Jahrhunderte überdauert, und in seinem Rahmen hatte ich sowohl Gelegenheit, Zeit und Herz genug übrig, mich zwei oder drei Mal bis über beide Ohren zu verlieben und dabei die zwei oder drei Dinge zu erfahren, die ich heute von mir weiß, denn man muss sich kennen, man muss sich selber kennen, nicht die anderen müssen das, nein, die nicht, denn wie es innen aussieht, geht keinen was an, wissen Sie, denn so war ich nie, wie man heute ist, so verschwommen, mit gespielter ungeschminkter Ursprünglichkeit, die so leicht in enttäuschende Farblosigkeit kippt, ich war nie elastisch genug, die vielfältigen Beschwerden, die zu mir vordrangen, für eine kurzsichtige Politik auszunutzen, ich habe nie persönliche Feinde erfunden, um objektive Missstände zu erklären, ich wusste, die Welt ist grausam eingerichtet, und habe mich schön angezogen, wenn ich ihr entgegentreten musste, was nicht heißt, dass ich mit dieser grausamen Welt im Einverständnis leben wollte, ich habe nur Haltung gewahrt, Haltung, Haltung und versucht, mich zu erinnern; was gilt. Gut, man sagt mir nach, ich sei hysterisch. Besser hysterisch als depressiv, kann ich da nur sagen. Ihre Welt liegt doch tief in einer kollektiven Depression, vor allem, nachdem der letzte Feind weg ist. Seitdem ziehen sie sich Kinder groß, die in Watte gepackt werden, um dann der Wolf ihres Nebenmenschen zu sein. Ich habe auf Kinder verzichtet und auf die Nähe eines Mannes, ich habe niemandem, nicht mir, nicht dem Mann, den ich einmal zärtlich ansah, und auch nicht der Öffentlichkeit eine Ehe zugemutet, und habe auch nie, nie später hysterisch den Verlust von Privatheit beklagt, weil es ein Klischee ist, sich darüber zu beklagen, man weiß doch, was man tut, wenn man es tut, oder, ich musste regieren und nicht vor der Kamera durch Kornfelder laufen, schwimmen, küssen, in weißen engen Hosen flanieren, ich weiß, was sich gehört, und ich bin geschickt, ich weiß, was es heißt, eine Königin, ein Logo, ein Bild, eine Ikone zu sein. Ich weiß, was das heißt, so zu sein. Richtig. Zu sein. Ich esse auch gerne Pflaumenkuchen, aber ich esse ihn, ich rede nicht davon. Niemand braucht, was ich nicht habe, mit mir zu teilen. Ich habe meine Zeit gelebt. Sagen Sie ruhig, das war ja wie im Mittelalter. Die Menschen haben sich am Straßenrand tief verbeugt, wenn ich vorbeikam. Richtig, diese Menschen konnten sich noch verbeugen, deutlich verbeugen und aufrecht danach weitergehen. Hätten die Menschen von heute als meine Untertanen am Rand gestanden, ich hätte nicht gesehen, wer sich verbeugt und wer eh verbogen ist. Ich hätte diese verbogenen depressiven Menschen nicht regieren mögen, und sie hätten mich nicht gemocht. Wie meine Menschen mich mochten und ein Teil meines Kleides waren, das ich durch die Straßen zog. Es stimmt, es war das Mittelalter. Es war eine blutige, es war eine schöne Zeit. Es gab noch Gott. Was ist der Mensch, wenn Gott stirbt, haben wir uns nicht fragen müssen. Bei Ihnen kommt sogar die Frage zu spät. Denn, wo leben Sie? Seit den Sechziger Jahren? In einem beschworenen Individualismus, der ist in Wahrheit eine Art ausdifferenzierte Uniformierung der Gesellschaft. Ein gigantisches Ich- und Verbrüderungs-Angebot, bei dem es sich eigentlich um die mediale Liquidation im Namen der Selbstverwirklichung handelt. Mein Name ist Gitti Gern, was kann ich für Sie tun. Einfacher ausgedrückt. Sie leben im finstersten Süden? Und sprechen so natürlich, aber ohne Kraft, ohne Pathos. Ich aber bestehe auf Queensize, auf etwas, das Drama will, etwas, ein Mensch, das deklamiert und sich in keiner anderen Rede ausdrücken mag. Jemand, der ein Vorbild hat und eins ist. Ein Vorbild hat ein Vorbild. Keinen, keinen ... Wie heißt noch mal das Wort?
B Imageberater.
E Ja, so etwas. Und wie war gleich noch das Wort am Anfang, nach dem Sie fragten?
B Das Wort am Anfang war ... authentisch.
E (lächelt) Stimmt, authentisch, nicht wie früher Gott. Wissen Sie, ich spreche sieben Sprachen. Aber das Wort kenne ich nicht. Ist das, ist das auch ... neu?
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