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Fotobeitrag:
Martin Bruch *1961 in Hall/Tirol; lebt und arbeitet in Wien. Seit 1996 dokumentiert der an Multipler Sklerose erkrankte Martin Bruch seine Stürze aus dem Rollstuhl. Zuerst mit einer "Lomo" und später mit einer Einwegkamera. Alle Fotografien sind unmittelbar nach der Sturzsituation entstanden. Im Haymon-Verlag sind unter dem Titel "Bruch-Landungen" 307 farbige Sturz-Fotogafien publiziert worden.
Martin Bruch
Bruchlandungen
Lieber Martin,
5.10.2000
ich schreibe Dir aus Paris - bzw. Berlin heute, auch wenn es gestern gerade eben noch Paris war, wo Du mich auch geweckt hattest, morgens um acht, so wie heute auch, in Berlin. Morgens um acht, um meinen verschlafenen Ärger durch Dein Lachen zu töten, und mein Lachen, das Du mir immer entlockst mit den neuesten Resultaten vom Marathon in Wien, den Du auch dieses Jahr wieder stolz als Letzter beendet hast. Paris - die Stadt, wo Du mich seit Monaten, Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten besuchen kommen wolltest, wegen dem Lift in meiner Wohnung und den Treppen am Montmartre, die nicht nur dem französischen Kino seit Jahrtausenden eines seiner beliebtesten Dekors liefern, sondern Dir und Deinem Rollstuhl eine geradezu mythische Herausforderung für eine wilde Abfahrt, mit der obligaten Bruchlandung am Ende, geboten hätten. Du hattest mir das Foto zur Landung versprochen, ich, von schräg unten, mit entsetztem Gesicht ob des Bruchs vieler Einzelteile, die da möglicherweise am unteren Ende der Treppe warteten - nicht wissend, wie unendlich zäh solche Martins sein können - bruchfest eben, wie damals die guten alten Tassen aus Bakelit aus der DDR. Diesen Unfall haben wir nun also verpasst, leider, wegen meinem Umzug nach Berlin und weil Du erst den Marathon fertig fahren musstest und weil du ja auch sonst immer wieder ganz schöne Sturzorte fandest - die Bilder in Deinem Buch beweisen es und zeugen von der präzisen Gewalt des Zufalls - und nutzen damit eine der Hauptfunktionen, die die Fotografie wirklich und mit Perfektion auszuüben vermag. Was Deine Bilder einzigartig macht, ist nicht das Medium, sondern die Idee dahinter, der konstante Perspektivenwechsel und das Festhalten der Reaktion des verblüfften Individuums, das Dich, das Opfer, das eben eine Perspektive eingenommen hat, die auf eine Katastrophe hindeutet, bestaunt. Momentaufnahmen des Außergewöhnlichen, das durch seine Repetition natürlich wieder banal wird - das Außergewöhnliche, das nur für die eine Seite des am Ereignis teilnehmenden Mitspielers außergewöhnlich ist. Dies führt zur vertrackten Situation, dass der Verblüffte oder besorgte Beobachter selbst zum beobachteten Objekt des erneut verunglückten, verunglückensgewohnten Martins wird. Diese Form von Mehrfachverwunderung führt zu einer Art comedie humaine aus der Perspektive eines Dackels und hat einen leisen Hang zur Ironie - einer Ironie, die warm die Augen öffnet.
Ironie - ganz ohne Zynismus - steckte übrigens auch in unseren Hochzeitsfotos, die ich die Ehre hatte, von Dir und Reinhilde machen zu dürfen - den besten Hochzeitsfotos, die mir je geglückt bzw. die einzigen, die mir nicht vollkommen missraten sind.
Das lag, lieber Martin, nicht an meinen fotografischen Künsten, sondern am Charme der Situation. Deine Hochzeit war die ideale Hochzeit überhaupt - ohne Standesamt, ohne Pfaffen, ohne Gäste - eine Hochzeit, die auf keinem Papier steht, außer auf dem Fotopapier, und die einzige Unterschrift, die gezeichnet wurde, war eine geistige - die Absichtserklärung, einander zu mögen. Dass dabei die Katzenaugen an den Rädern Deines Rollstuhles leuchteten wie Feuerwerk und die Nacht durch die Langzeitbelichtung und das merkwürdige Neonlicht ganz in Grün getaucht war, konnte die Tatsache, dass Du das bestsitzende Mascherl von ganz Wien trugst und Reinhilde im weißen Kleid heller leuchtete als der Mond, nur noch verstärken. Am Tag dieser Fotos war ich an einem Punkt großer fotografischer Müdigkeit angelangt - das Sehen in Bruchteilen von Sekunden hatte ich bis zum Überdruss satt - und dann kam da dieser Bruch, im doppelten Sinne des Wortes: Du führtest mir neu vor Augen, dass man Dinge auch aus dem einfachen Grund sehen und fotografieren kann, weil es sie gibt, man sie mag oder auch erleidet und vielleicht im fotografierten Zustand etwas besser verstehen kann. Verstehe also diesen Brief auch als ein ganz großes Dankeschön - Sehen ist halt eben mehr, als nicht die Augen geschlossen zu halten. Wünsche unterdessen das Beste von allem und wenn Stürze, dann möglichst weiche Landungen und hoffentlich, wenn Du zu liegen kommen solltest, wenn immer möglich eine Perspektive, die Dich etwas Wundersames sehen und lachen lässt, sei umarmt - es grüßt Dich herzlich
Felix von Muralt
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