entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 27:
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Gabriele Detterer, Journalistin, Florenz und Lörrach. Verfasst regelmäßig Reiseberichte für die "Neue Zürcher Zeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Gabriele Detterer

La Partenza (Die Abreise)

Selbst im Hochsommer, wenn Florenz unter einer Hitzeglocke erstickt, weht im Tal hinter den Hügeln eine leichte Brise; es duftet nach getrocknetem Gras und Rosmarin, nach Pinienholz und sonnenwarmer Erde; das Tal ist ländlich und still und so etwas wie eine Schleuse, die einen von einer Ebene auf eine andere hieven kann. Wenn ich durch das Tal fahre, vergesse ich, dass ich eben noch im dichten Stadtverkehr von Florenz steckte, und wenn ich das helle Grün der Pappeln am Fluss und das dunkle Grün der Pinien am Berghang sehe, denke ich, wie hässlich ist doch die Stadt.

Die Straße führt in einer Doppelkurve durch ein Dorf; in der ersten Kurve steht eine Reihe alter Häuser so dicht an der Straße, dass man vom Hauseingang direkt auf die Fahrbahn tritt. Die Fensterläden der Häuser sind immer vorgelegt, die Türen sind zu, nie ist jemand zu sehen; vermutlich sind die Leute weggezogen.

Nur ein einziges der an der Straße gelegenen Gebäude ist bewohnt; die Türe steht immer sperrangelweit offen, so dass man im Vorbeifahren einen Blick hineinwerfen kann. Die Wohnung ist mit Möbeln und mit Kisten voll gestellt. Ohne die Räume betreten zu haben, weiß man, dass darin das totale Chaos herrscht; das Ganze ähnelt eher einer Abstellkammer oder einem Lagerraum und nicht einer Behausung. Dennoch wird das Erdgeschoss bewohnt, und zwar von einem alleinstehenden Mann. Schwer zu schätzen, wie alt er ist, im Vorbeifahren sieht man ihn im Zimmer; manchmal läuft er, ohne auf den Verkehr zu achten, über die Straße. Die gegenüberliegende Straßenseite ist unbebaut geblieben, weil das Terrain zwischen Straße und Hang, der zum Fluss hinunterführt, zu schmal ist; der Streifen reicht gerade aus, um ein Auto zu parken; auf diesem Grasstreifen hat der Mann einen Campingstuhl stehen. Wenn er nicht im Haus ist, oder über die Straße läuft, sitzt er auf dem Campingstuhl und schaut auf die Straße, nie steht jemand bei ihm, er sitzt da und schaut geradeaus, nie dreht er den Kopf nach rechts oder nach links, um dem Verkehr zu folgen. Den Campingstuhl hat er neben einem Unterstand aus Holzpfählen und einem Wellblechdach aufgestellt; im Unterstand rostet ein Deux Chevaux, ein graublauer Kastenwagen, ein Uraltmodell, das man auf den Straßen nicht mehr sieht.

Ich gewöhnte mich daran, im Vorbeifahren den Mann zu sehen und flüchtig zu registrieren, was er gerade tat, oder nach ihm Ausschau zu halten, wenn ich ihn nicht sofort erblickte: er ist immer da, entweder sitzt er am Straßenrand oder er kramt im Haus. Und immer ist er allein, zweifellos hat er ein Problem, denn er ist zu jung, um nichts zu tun, um rein gar nichts zu unternehmen und sich nur in dem kleinen Radius zwischen Haus und dem schmalen Streifen jenseits der Straße zu bewegen.

Als ich an einem Maimorgen in die Kurve einbog, saß der Mann nicht wie üblich am Straßenrand und blickte über die Straße, er werkelte auch nicht im Haus, stattdessen stand er in dem Unterstand vor dem Deux Chevaux, die Motorhaube war hochgeklappt, er beugte sich über den Motorraum und war zum ersten Mal in eine Arbeit vertieft. Von da an bastelte er Woche für Woche an dem Wagen herum. Den ganzen Sommer über ging das so; am Straßenrand und neben dem Deux Chevaux lagen verstreut Werkzeuge, Ersatzteile, Kisten, Koffer, Plastiktüten, diverse Gaskocher, einmal auch schwarz lederne Autositze, und für ein paar Tage stand ein aufgespannter, hellgelb verblichener Sonnenschirm neben dem Wagen. Die Motorhaube blieb immer oben; selbst nachts ragte die blecherne Haube wie eine Rampe in die Höhe.

Eines Tages war die Motorhaube wieder unten und ein beschriftetes Schild aus Karton steckte hinter dem Scheibenwischer. Der Abbruch der Arbeit kam so unvermutet, dass ich im Vorbeifahren gar nicht las, was auf dem Karton stand. Deshalb fuhr ich auf dem Heimweg weit langsamer als sonst in die Kurve, um die Schrift auf dem Schild lesen zu können: "PARTO" stand da in schmalen, steilen Lettern geschrieben, "ich reise ab".

Das Gegenteil war der Fall. Der Mann fuhr nicht weg, sondern saß wieder, wie früher, auf dem Campingstuhl und schaute geradeaus über die Straße. Er tat nichts anderes. Von Woche zu Woche verwahrloste er mehr: Das Haar hing ihm in fettigen Strähnen ins Gesicht, ein dunkler Bart bedeckte die Wangen, die Jeans waren fleckig und speckig, das Shirt grau und verschmutzt. Er saß an der Straße neben dem Unterstand mit dem Auto und dem Schild "PARTO", und es schien, dass er wirklich abgereist war, auf seine Weise und mit seinen Mitteln, dabei verschwand das, was von ihm zurückgeblieben war, unter einer Schicht aus Dreck und Staub und Schmutz, den die vorbeifahrenden Wagen aufwirbelten.

Eines Abends bog ich von der Straße ab und fuhr zum Dorfplatz. In der Bar fragte ich nach dem Mann, wollte wissen, warum sich niemand um ihn kümmerte, irgendetwas musste man doch tun! Ich erfuhr, dass er der einzige Sohn eines schon lange verstorbenen Marktfahrers war, der mit Textilien gehandelt hatte und ständig unterwegs gewesen sei. Dass sich der Sohn merkwürdig verhielt, hätte der Vater kaum mitbekommen, der Junge sei auch intelligent genug gewesen, um nach Abschluss der Schule Bankkaufmann zu werden. Jeden Morgen sei er mit seinem Alfa nach Florenz zur Arbeit gefahren. Eines Tages hätte er ohne ersichtlichen Grund die Arbeit aufgegeben, das Auto verkauft und sich den alten Citroen zugelegt, und wenn man ihn fragte, warum er nicht mehr arbeitete, antwortete er, dass er ein großes Projekt geplant habe. Man glaubte, er wolle wegziehen, aber als das nicht geschah, vermutete man, dass er in das Haus, das sein Vater ihm hinterlassen hatte und das am Rande des Dorfes stand, ziehen würde, aber auch das hatte er nicht vor, stattdessen räumte er das Haus des Vaters aus und schleppte die guten Möbel, Stück für Stück, in sein Loch an der Durchgangsstraße. Er blieb in seinem Loch wohnen, obwohl es dort laut ist und dreckig und der Wohnraum so beengt ist, dass man nicht auftreten kann.

Nachdem man mir diese Geschichte erzählt hatte, fragte ich, ob man nicht doch etwas für den Deprivierten tun müsse; "aber warum denn! - Sie sehen doch, dass er ganz gut alleine zurecht kommt!" - wehrten die Männer, die in der Bar standen, mein Ansinnen ab und erklärten, dass der Einzelgänger von seinem Vater genügend Geld geerbt hätte und dass man ihn am besten in Ruhe ließe. Und so gewöhnte ich mich daran, den Einsamen im Vorbeifahren am Straßenrand sitzen zu sehen, immer eine Spur dunkler und immer mehr verloren.

An einem Montagmorgen im Oktober saß er, wie jeden Tag, auf dem Campingstuhl am Straßenrand, aber das war ein anderer Mensch! Nicht wieder zu erkennen! Die Haare waren frisch gewaschen, klebten nicht mehr wie eine schmutzig schwarzgraue Kappe am Kopf, man hatte ihm die Haare so kurz geschnitten, dass die hohe Stirne sichtbar wurde und auch die Augen, die bislang von der Haarmasse verdeckt gewesen waren; der ungepflegte Bart war weg, die Haut glatt rasiert; er saß da auf dem alten Campingstuhl in einem weißen Hemd und einer hellbraunen Hose, lehnte sich zurück und rauchte lässig ein Zigarillo, ganz wie ein Signore, der sich nach getaner Arbeit einen schönen Tag macht; er wirkte zum ersten Mal vergnügt, die Augen blickten wach, der unbewegte Gesichtsausdruck war verschwunden.

Ich vermutete eine Wandlung seines Gemütszustandes, so etwas wie eine Spontanheilung, und dachte, dass der dunkle Schub, der ihn umnachtet hatte, vorüber sei, und dass er jetzt vielleicht wieder so etwas, was wir ein normales Leben nennen, aufnehmen könnte. Vielleicht würde man ihm künftig im Vorbeifahren zuwinken, oder kurz anhalten, um mit ihm ein paar Worte zu wechseln, was bislang unmöglich gewesen war. -

Als ich am Abend zurückkam, war der Mann weg, der Campingstuhl war weg und die Tür zum Haus war zu. Nur der graublaue Deux Cheveaux stand noch da, und hinter dem Scheibenwischer steckte das Schild "PARTO". Auch am nächsten Tag und am übernächsten Tag blieb der Mann verschwunden. Er war tatsächlich weggegangen, hatte wahrgemacht, was so lange angekündigt worden war.

Wochen später hielt ich im Dorf, um in der Bar an der Piazza Zigaretten zu holen. An der Kasse bemerkte ich beiläufig: "Die Sache mit dem Verrückten an der Straße unten hat ja glücklicherweise ein gutes Ende genommen!" - der Barbesitzer stutzte und die Gespräche am Tresen verstummten; niemand sagte etwas, bis einer der Männer das Schweigen brach und entgegnete: "Ja, schon!", damit war diese Geschichte vom Tisch, und man fuhr fort, über andere Dinge zu reden. Ich steckte die Zigaretten ein und ging.

Am darauf folgenden Samstag sprach mich im Coop ein Unbekannter an.

Ich schob den voll bepackten Einkaufswagen durch den Laden, als sich mir ein Mann in den Weg stellte, - "Haben Sie nicht neulich in der Bar nach Cosimo gefragt?", fragte er mich mit leiser Stimme, es war offensichtlich, dass es ihn große Überwindung gekostet hatte, auf mich zuzugehen.

"Ja, es ....", entgegnete ich überrascht und wollte hinzufügen, dass mich das Verschwinden des Verrückten beschäftigt hatte, aber da unterbrach er mich schon und fuhr hastig fort - "Wissen Sie, man hat Cosimo weggeschafft, und wissen Sie warum? - weil er auf einen Jugendlichen losgegangen ist!", - und als ich nachhakte, wie es dazu gekommen sei, erzählte er, dass der Junge die Straße entlanggeschlendert sei; als er an dem verwahrlosten Irren vorbeigekommen sei, hätte er nur freundlich gefragt: "Ciao Cosimo, quando parti?", - da sei der Verrückte aus dem Campingstuhl aufgesprungen und habe wie ein Wilder auf den arglos Fragenden eingeschlagen und dabei geschrien, "ich war in Rom, in Paris, in New York, in Sydney, in Moskau, capito! Ich war überall, capito! Hast du nicht gemerkt, dass ich längst zurück bin!" -

Wenn nicht Autofahrer gehalten hätten, um den außer sich geratenen Wahnsinnigen zu bändigen, wäre es dem Jungen übel ergangen.

"Man musste Cosimo wegschaffen, es blieb nichts Anderes übrig!", schloss der Mann seine Rede, "man hat ihn in einen guten Anzug gesteckt, die Haare geschnitten, den Bart abrasiert, ihm irgendetwas versprochen, und dann weggebracht", - "aber wohin denn?", fragte ich neugierig, denn seit langer Zeit schon, seit dem Inkrafttreten des Psychiatrie-Gesetzes in den 70er Jahren, waren alle psychiatrischen Anstalten aufgelöst worden; damals hatte man auch in Florenz das geschlossene Areal "San Salvi", auf dem psychisch Kranke therapiert worden waren, dicht gemacht. "Wohin hat man ihn gebracht?", - fragte ich nochmals und wartete darauf, dass der Mann, redselig wie er war, antworten würde, aber er antwortete nicht, sondern sah mich nur mit einem merkwürdig verlegenen, verzweifelten Gesichtsausdruck an, "also dann, jetzt wissen Sie es", sagte er schließlich und verschwand zwischen der Regalreihen.

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