entwürfe - Zeitschrift für Literatur

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Gianni D'Amato, *1963; lebt in Zürich. Er arbeitet als Projektleiter am Schweizerischen Forum für Migrationsstudien in Neuchâtel (Schweiz). Buchveröffentlichung: "Vom Ausländer zum Bürger. Der Streit um die politische Integration von Einwanderern in Deutschland, Frankreich und der Schweiz" (LIT Verlag 2001).

Gianni D'Amato

Let's Merge

"Authentizität ist out, Fusion ist in", mit dieser Schlagzeile machte vor nicht allzu langer Zeit das im Berliner Tiergarten gelegene Haus der Kulturen der Welt auf sein neues Ausstellungsprogramm aufmerksam. Nicht mehr das urspüngliche Südafrika der Zulus, das Tibet der Mönche und das Peru der Azteken soll den Besuchern mit Ausstellungen, Vorträgen und Musikdarbietungen nähergebracht werden, sondern das Augenmerk werde künftig auf Formen des kulturellen Zusammenschmelzens in Europa gerichtet sein. Algerische Rapper in Paris, türkische Schriftstellerinnen in Berlin, pakistanische Drehbuchautoren in London und italienische Jodler in Zürich hinterfragen mit ihrem Blick uns lieb gewordene Sehnsüchte nach heil gebliebenen, homogenen authentischen Kulturen, die es wohl so nie gegeben hat. Die Schnittstelle zwischen dem Fremden und dem Eigenen in unserer unmittelbaren Nähe wird so zum Thema der Berliner Institution.

Was dem weltgewandten Flaneur seit jeher an New York faszinierte, was die Leserin an Hanif Kureishis London fesselte: Die Verflechtung verschiedener Welten in einer weltörtlichen Stadt, die Eroberung des Andersseins und der wechselseitigen Anteilnahme, um sich selbst besser zu verstehen, ist seit Jahrzehnten auch auf dem europäischen Festland zu beobachten. Nur fehlten uns bislang die Begriffe, um das soziale und kulturelle Feld zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsort der Migranten zu verbinden.

Diese Phänomene des Verschmelzens, des Hier- und Da-Seins, werden in der angloamerikanischen Wissenschaft neuerdings als Cross Cultural Identity oder Transnationalismus beschrieben. Bei uns rufen Bezeichungen wie "Ausländer" oder "Immigrant" hingegen ein Bild voller Brüche und Defizite hervor. Verstaubte politische und soziologische Kategorien wie "Assimilation" und "Integration", unter deren Vieldeutigkeit sich viele Geister sammeln können, um weiterhin Menschen auszuschliessen, verhindern, dass neue Entwicklungen überhaupt erkannt und verstanden werden.

Migranten neigen heute mit Hilfe moderner Kommunikations- und Transportmittel immer leichter dazu, Netzwerke, Aktivitäten und Lebensmuster zu schaffen, die sowohl ihre Gast- als auch ihre Herkunftsgesellschaften umfassen. Diese Art zu leben, ermöglicht ihnen, nationale Grenzen zu überwinden und damit zwei verschiedene Gesellschaften zu verknüpfen. Nina Glick Schiller, Linda Basch und Cristina Blanc-Szanton, drei Forscherinnen aus New York, haben in einem fulminanten Artikel ("Transnationalismus: Ein neuer analytischer Rahmen zum Verständnis von Migration", in: Transnationale Staatsbürgerschaft, hrsg. von Heinz Kleger, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1997) einen wissenschaftlichen Rahmen entwickelt, in dem sich die "Identität" von Menschen untersuchen lässt, die durch ihre Mobilität motorisierte Bindeglieder zwischen den Kulturen geworden sind.

Als Kinder des globalisierten Weltkapitalismus sind die Transmigranten - so der neu gefasste Begriff - überwiegend als einfache Arbeiterinnen oder Arbeiter tätig, sie haben aber ein komplexes Leben mit vielschichtiger Identität. Machen sie Karriere, überbrücken sie "ethnische" und "nationale" Barrieren versiert.

In einem Beispiel der Verfasserinnen kann dieselbe Person ein Treffen der US-Bürger einer "ethnischen Gruppe" besuchen, als New Yorker aufgerufen sein, mit dem Bürgermeister von New York über die Entwicklung "unserer Stadt" zu sprechen, und in der nächsten Woche "nach Hause" fahren, nach Haiti, St. Vincent oder auf die Philippinen, um als überzeugter Nationalist über die Entwicklung "unserer Nation" zu sprechen.

Eine Migrantin mag in einer multiethnischen Versammlung beten, die sich selbst als eine gewöhnliche Gemeinschaft in Christo versteht, eine Versammlung für "racial empowerment" besuchen, die schwarze oder asiatische Identitäten betont, und auf dem Neujahrsball der "eigenen" ethnischen Gemeinschaft tanzen. Dieselbe Person kann seinen oder ihren Kollegen Gefolgschaft auf einer Gewerkschaftsversammlung schwören und trotzdem Geld nach Hause schicken, um Besitz zu kaufen und Landeigentümer zu werden.

Der Eindruck, dass in der heutigen globalisierten Wirtschaft keiner der zur Auswahl

stehenden Bezugsorte genügend Sicherheit bietet, veranlasst Migranten zur Strategie, sich verschiedene Optionen offen zu halten, um die in einer Gesellschaft erreichte Position in soziales, politisches oder wirtschaftliches Kapital in einem anderen System zu übersetzen. Diese Form des Transnationalismus stellt eine Herausforderung an unser gegenwärtiges Verständnis von Nation dar. Die Möglichkeit, Minderheiten, die aufgrund ihrer Herkunft spezifische Bindungen haben, Teil unseres republikanischen Verständnisses von Nation werden zu lassen, wird von vielen Skeptikern abgelehnt. Solidarität und Koexistenz über die eigene Gruppe hinweg halten sie für abstrus. Mehrfachidentität führt in ihren Augen zu illoyalem Verhalten und Verrat. Spezifische Bindungen machen daher jemanden rasch zur Zielscheibe ausschließender Kritik.

Ist in Amerika die Sensibilität für diesen Wandel schlicht größer, weil die Vereinigten Staaten als Einwanderungsland eine längere Erfahrung mit Migranten haben und europäische Staaten keine Einwanderungsländer sind? Mitnichten. Nicht Prärien und weites Land zeichnen eine Einwanderungsgesellschaft aus, sondern die Verfügbarkeit von Institutionen und Gesetze, welche die Immigration regeln und die Migranten als potenzielle Bürger behandeln. Deutschland und die Schweiz haben seit dem letzten Jahrhundert genau wie Frankreich massive Einwanderungsströme erlebt, die ersten beiden Staaten haben sich lange geweigert, diese Tatsache als Erbe anzunehmen. Erst seit kurzem scheint ein Wandel einzutreten. Deutschland hat ein neues Staatsangehörigkeitsgesetz und diskutiert eine aktive Zuwanderungspolitik, in der Schweiz werden ähnliche Vorlagen demnächst zur Abstimmung kommen.

Frankreich akzeptierte seinen Status als Einwanderungsland nur unter dem Vorzeichen der Assimilation. Außerdem war in den Vereinigten Staaten die Einwanderung nicht immer liberal: Kurz nach der Russischen Revolution wurden restriktive Einwanderungsgesetze erlassen, welche die Einwanderung von Juden, Ost- und Südeuropäern erschwerten. Dieser rassistisch begründete Isolationismus wurde erst 1965 im Gefolge der Bürgerrechtsbewegung mit einer liberalen Einwanderungsreform beendet. Seither setzen sich die Bundesregierung und mächtige ethnische und wirtschaftliche Interessenverbände dafür ein, dass die Vereinigten Staaten weiterhin ein Einwanderungsland bleiben, das die Neuzuzüger schnell als Bürger naturalisiert. "Immigration dynamisiert unsere Wirtschaft", meint Frank Sharry, Lobbyist der Immigrantenorganisationen in Washington D.C., "und was gut ist für die Wirtschaft, ist gut für Amerika. Überdies bin ich der Meinung, dass die Vereinigten Staaten die Pflicht haben, wie schon zur Zeit unserer Großväter, alle Menschen aufzunehmen, die dies wünschen. Diese Offenheit hat Amerika groß gemacht."

Dieser engagierte Pathos findet die nüchterne Unterstützung des "Wall Street Journal".

Die Neoliberalen vertreten zur Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität, zur Senkung des Lohnniveaus und zur Schwächung der Gewerkschaften eine vehemente Politik weitgehend offener Grenzen. Trotz der unbestreitbaren handfesten Interessen verpflichtet der Status der USA als universalste Nation der Erde auch zu symbolischen Handlungen. Wo sonst wäre es möglich, dass nach einem Attentat der Dijhad auf die Twin Towers in New York der damalige Präsident Clinton die Vertreter der islamischen Gemeinden ins Weiße Haus einlud und öffentlich bekundete, der Islam sei eine amerikanische Religion? Dieser Einbezug ist nur denkbar, weil die USA ihren Gesellschaftsvertrag als Willensbekundung verstehen. Wenn sich Amerikaner als gute Bürger verhalten, ist es gleichgültig, ob sie ihre herkünftlichen Bezüge beibehalten, da der Pluralismus eine Grundlage der amerikanischen Bürgergesellschaft ist.

Obwohl es französische Eliten mit Sicherheit abstreiten würden, entspricht Frankreich zumindest in der Aufnahmebereitschaft am ehesten dem amerikanischen Modell. Italienische,

polnische, jüdische und maghrebinische Namen zeugen davon, dass 18 der 50 Millionen Franzosen von Leuten abstammen, die im Zeitraum von drei Generationen nach Frankreich eingewandert sind. Wie nirgends sonst in Euopa prägen diese Menschen - le creuset français - den Alltag, die Medien, Film und Fernsehen. Sie haben Frankreich nach dem Krieg mitaufgebaut. "Frankreich ist in seiner Selbsteinschätzung trotz der rechtsextremen Front National nicht rassistisch", meint John Crowley, seit Jahren im Nationalen Forschungsrat in Paris tätiger Brite. "Nicht die Hautfarbe oder die Herkunft entscheidet über den Ausschluss", sagt er, "sondern ob die Einwanderer die französische Kultur akzeptieren. Wer diese anerkennt, dem stehen alle Wege offen." Nicht der Wille, zur Nation dazuzugehören, ist in Frankeich entscheidend, sondern die Sozialisation. Das republikanische Dogma besteht zwar darauf, Einwanderer lediglich als Individuen zu behandeln und keine Gruppenzugehörigkeit anzuerkennen. Dafür ist die Aufnahme ins französische Bürgerrecht relativ einfach und erfolgt für dort Geborene nach einer Willensäußerung automatisch mit Volljährigkeit.

Die doppelte Staatsbürgerschaft ist in Frankreich kein Problem. Viele Jugendliche aus dem Maghreb, aber auch Portugiesen und Spanier sind Doppelbürger und besonders aktiv, wenn es darum geht, Bürgerrechte zu verteidigen. "Obschon viele Franzosen die Maghrebiner und Afrikaner, aber auch die Portugiesen und Spanier auf der Straße als andere empfinden, weigern sich die Behörden, von ethnischen Gruppen zu sprechen. Einmal eingebürgert, gelten sie als integriert und verschwinden aus den Statistiken. Deren soziale Lage kann nicht mehr eruiert werden", beklagt Patrick Simon, Forscher am Demographischen Institut in Paris.

In Frankreich macht denn auch nicht die Aufnahme in die Bürgerschaft Probleme, sondern die durch Armut und Deindustrialisierung erzeugte Hoffnungslosigkeit. Kein Film bezeugt dies besser als Kassovitz' "La Haine". Doch es geht auch anders: in dem im 20. Arrondissement gelegenen Belleville zum Beispiel. In einem der kosmopolitischsten Wohnquartiere von Paris, in dem Franzosen neben sephardischen Juden, Maghrebinern und Asiaten arbeiten und wohnen, klappt das Zusammenleben. Patrick Simon, der mehrere Studien zu diesem Quartier verfasst hat, erklärt, welche Bedingungen notwendig sind, damit der Multikulturalismus - ein Unwort in Frankreich - funktioniert: "Die ethnischen Ladenbesitzer und derjenige Bevölkerungsteil des Quartiers, der dieses nach außen darstellt - gut ausgebildete Professionelle -, haben einen Konsens und ein Klima geschaffen, welche alle, die dort wohnen, zu Gleichberechtigten macht. Das macht es dort selbst Wählern der Front National schwer, in der Öffentlichkeit für den Ausschluss einer bestimmten Gruppe zu plädieren."

Ähnlich pulsierende Quartiere mit kultureller Vielfalt gibt es auch in Deutschland und der Schweiz. Kreuzberg in Berlin, die Kreise vier und fünf in Zürich genügen, um mit ihren türkischen Märkten, spanischen Geschäften, italienischen Restaurants und afrikanischen Lebensmittelläden die Farben einer bunten Stadt zu evozieren. Mit ihrem Einsatz und ihrer Arbeit tragen die Migranten zum Wohlstand in ihren Aufenthaltsländern bei. Sie arbeiten hart, sparen viel und schaffen Arbeitsplätze. Dennoch werden diese Menschen in der deutschsprachigen Öffentlichkeit häufig als Sozialproblem abgehandelt oder als bedrohlich für die öffentliche Sicherheit dargestellt. So hat unlängst der deutsche Spiegel frohlockend das Ende der multikulturellen Gesellschaft verkündet und vor desintegrierten islamistischen Jugendlichen der dritten Generation gewarnt.

Nicht so scharf, aber in der Tendenz ähnlich gelagert, warnte das Zürcher Integrationsleitbild vor der mangelnden "Assimilation" der allzu fremden Fremden. Weniger beredt fallen darin die Vorschläge zur Verbesserung der politischen Teilhabe aus. Ein Manko, das in der neuesten vom Bund angestrengten Bürgerrechtsdiskussion zum Glück behoben worden ist. Denn wenn wir weiterhin im gleichen Tempo einbürgern, werden wir in 50 Jahren noch von der fünften Ausländergeneration lesen können, die es zu integrieren gelte, weil sonst unsere Gesellschaft auseinander falle - ein fertiger Nonsense.

Die Darstellung der Transmigranten als Randständige wird dem Einsatz dieser Menschen nicht gerecht, besonders wenn hierzulande positive Identifikationsfiguren im kulturellen Leben noch selten sind. Sicher ist es hart, sich an einem fremden Ort ein neues Leben aufzubauen, zumal Fremde ohne großes Vermögen an den

wenigsten Plätzen der Welt gern gesehene Zeitgenossen sind. Aber Migranten können über ihre Netzwerke ihre Angelegenheiten sehr wohl selbst regeln. Sie können sich aber nicht politische Teilhaberrechte verleihen, die sie als Gleiche unter Gleichen anerkennen.

In Deutschland ist trotz des gängigen Vorurteils, das Blutrecht verlange nach deutschen Vorfahren, um deutscher Staatsangehöriger zu sein, das Staatsangehörigkeitsgesetz mit einem Regelanspruch auf Einbürgerung für junge Ausländer und der automatischen Einbürgerung der dritten Generation (jus soli) kürzlich stark liberalisiert worden. Hingegen wird die doppelte Staatsbürgerschaft in der Bundesrepublik nach wie vor problematisiert. Von Migranten der zweiten und dritten Generation, die in Deutschland aufgewachsen sind, werden Loyalitätsbezeugungen erwartet, die für Deutsche in Osteuropa allerdings nicht gelten.

Die Schweiz hat in dieser Frage weitaus pragmatischer gehandelt. Seit 1990 besteht die Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft und seither steigt die Einbürgerungrate. Dennoch könnte viel mehr gemacht werden, denn es gibt in der Schweiz keine erleichterte Einbürgerung für die "zweite" und "dritte" Generation. Die sonst gepriesene direkte Demokratie hat als Instrument der Populisten diese Option zwei Mal verunmöglicht (1983, 1994). Zwar gibt es ein Konkordat der einbürgerungsliberalen Kantone, aber der sonst wertvolle Föderalismus schafft in dieser Frage die reine Herrschaft der Willkür. Wer in einer Gemeinde ohne Weiteres Aufnahme fände, wird in der anderen zum Objekt des Zweifels.

Mit Sozialarbeitern und Gefängniswärtern lässt sich eine moderne Gesellschaft unter wirtschaftsglobalen Bedingungen allein nicht regeln. Demokratische und liberale Gesellschaften müssen zumal in der Frage von Zugezogenen zu ihren fundamentalen Idealen stehen. Das Ideal der demokratischen Partizipation muss für alle Mitglieder unserer Gesellschaft gelten, die hier leben und unseren Wohlstand sichern. Ganz bestimmt muss dieser Anspruch für jene anerkannt sein, die bei uns geboren, unsere Schulen besucht haben und keine andere Gesellschaft als die Unsrige kennen. Diese Jugendliche sind - anders als der Begriff der "Ausländer der zweiten Generation" glauben machen will - nicht bewusst ausgewandert, sie müssen aber die Konsequenzen des Entscheids ihrer Eltern ein Leben lang mittragen und rechtlos bleiben - für Demokraten ein anstößiger Zustand. Das liberale Ideal indessen verpflichtet uns zum Respekt vor der Vielfalt der Individuen - sonst würden wir nicht an einem europäischen Haus bauen, sondern an einer fortgeschrittenen, bunterkunten Form der Apartheid.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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