entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 26:
..Schmerz. Männlich. Weiblich
Clemens Umbricht*1960 in Reiden/LU; lebt in Waldkirch/SG. Letzter Gedichtband: «Der eine, der andere», Sabon Verlag, St. Gallen, 1997;

Lyrikpreis der Literaturzeitschrift «orte» 1997. Demnächst erscheint der Gedichtband «Alonsos Lächeln».


Clemens Umbricht

Die Reisetasche

Drei oder vier Kontinente

in den Seitenfächern

und ein paar größere Inseln,

die nicht ins Handgepäck passen.

Eine leichte Baumwollhose,

T-Shirts und ein Moskitonetz.

Ein leinener Schlupfsack

und für den Fall der Fälle

ein Katzenhalsband,

um in den billigen Hotels

die Läuse fernzuhalten.

Die Zahnbürste, natürlich,

und etwas gegen zu viele Touristen.

Ausreichend Unterwäsche,

ausreichend Lektüre?

Und ein Reiseziel, an das er glaubt.

Eigentlich sollte er längst unterwegs sein.

Aber wichtiger ist ihm

das Ein- und Auspacken

mit immer größerer Präzision.


Überall dieselben weißen Zügel,

derselbe Wissensdurst,

Pferdeschädel und Tonkrüge.

Das gründlich inszenierte Ich

im freien Fall der Erkenntnis.

Hier auf dem Docht einer Kerze

ein Eisläufer, dort der Glasbläser,

der sich selbst erdacht hat,

mit großer Bedeutungsbereitschaft

und unsichtbar wie der Schubkarren

des Gehilfen des Meisters.

Diesseits der Bildbetrachtung,

im Innern der Sprechblase,

knackt leise die Apokalypse,

ein minimaler Druckunterschied,

kaum wahrnehmbar für Betrachter

aus einem anderen Jahrhundert.

Ein holländischer Maler, denke ich,

mitten im Leben und anderswo,

kehrt zurück als holländischer Maler,

kehrt zurück und verschwindet

samt Butzenscheiben, Fischöl und Kandare.



Das Fenster steht still,

die Dunkelheit ist unterwegs.

Während die Passagiere

einander zunicken,

fährt der Zug in einen Tunnel ein,

und es wird hell draußen.

So war die Sonne nicht gemeint,

ruft eine ältere Dame

und wechselt das Abteil.

Der Mann, der hinter mir hustet,

sieht müde aus.

Erkenntnis ist für ihn kein Wort,

sondern ein Streichholz.

Zwischen abgründiger Erregung

und freudigem Schaudern

essen die Kinder Schokolade.

Sobald der Zug den Tunnel verlässt,

ist alles wieder so, wie es zuvor war.

Die Umstände fordern,

dass nichts, was zutrifft, wahr ist;

die Aufzählung ist nicht abschliessend.

Jede Ähnlichkeit mit sich

oder anderen

haben sie sich selbst zuzuschreiben.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
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