Clemens Umbricht*1960 in Reiden/LU; lebt in Waldkirch/SG. Letzter Gedichtband: «Der eine, der andere», Sabon Verlag, St. Gallen, 1997;
Lyrikpreis der Literaturzeitschrift «orte» 1997. Demnächst erscheint der Gedichtband «Alonsos Lächeln».
Clemens Umbricht
Die Reisetasche
Drei oder vier Kontinente
in den Seitenfächern
und ein paar größere Inseln,
die nicht ins Handgepäck passen.
Eine leichte Baumwollhose,
T-Shirts und ein Moskitonetz.
Ein leinener Schlupfsack
und für den Fall der Fälle
ein Katzenhalsband,
um in den billigen Hotels
die Läuse fernzuhalten.
Die Zahnbürste, natürlich,
und etwas gegen zu viele Touristen.
Ausreichend Unterwäsche,
ausreichend Lektüre?
Und ein Reiseziel, an das er glaubt.
Eigentlich sollte er längst unterwegs sein.
Aber wichtiger ist ihm
das Ein- und Auspacken
mit immer größerer Präzision.
Überall dieselben weißen Zügel,
derselbe Wissensdurst,
Pferdeschädel und Tonkrüge.
Das gründlich inszenierte Ich
im freien Fall der Erkenntnis.
Hier auf dem Docht einer Kerze
ein Eisläufer, dort der Glasbläser,
der sich selbst erdacht hat,
mit großer Bedeutungsbereitschaft
und unsichtbar wie der Schubkarren
des Gehilfen des Meisters.
Diesseits der Bildbetrachtung,
im Innern der Sprechblase,
knackt leise die Apokalypse,
ein minimaler Druckunterschied,
kaum wahrnehmbar für Betrachter
aus einem anderen Jahrhundert.
Ein holländischer Maler, denke ich,
mitten im Leben und anderswo,
kehrt zurück als holländischer Maler,
kehrt zurück und verschwindet
samt Butzenscheiben, Fischöl und Kandare.
Das Fenster steht still,
die Dunkelheit ist unterwegs.
Während die Passagiere
einander zunicken,
fährt der Zug in einen Tunnel ein,
und es wird hell draußen.
So war die Sonne nicht gemeint,
ruft eine ältere Dame
und wechselt das Abteil.
Der Mann, der hinter mir hustet,
sieht müde aus.
Erkenntnis ist für ihn kein Wort,
sondern ein Streichholz.
Zwischen abgründiger Erregung
und freudigem Schaudern
essen die Kinder Schokolade.
Sobald der Zug den Tunnel verlässt,
ist alles wieder so, wie es zuvor war.
Die Umstände fordern,
dass nichts, was zutrifft, wahr ist;
die Aufzählung ist nicht abschliessend.
Jede Ähnlichkeit mit sich
oder anderen
haben sie sich selbst zuzuschreiben.
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