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Marascha D. Heisig, 1967; lebt in Leipzig. Diplom-Psychologin, Dr. phil., Sachbuchautorin, Managementtrainerin, Coach, neuerdings Studentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Marascha D. Heisig
Indigoblau
Nur diese eine Firma stellt Indigoblau her, und wer hätte gedacht, dass aus dieser Mode-Erscheinung eines Tages tatsächlich einmal ein Dauerrenner werden sollte, die Bluejeans, und wer hätte gedacht, dass sich in ihrer Faltenstruktur einmal Spuren lesen ließen, ähnlich der Physiognomie der Lachfalten, Zornfalten, Traurigkeitsfalten, Grübchen, die Verhaltensforschern so manche Schlüsse ermöglichten, immerhin können geübte Menschen erkennen, ob wir die «echten» oder die «falschen» Gesichtsmuskeln anspannen, wenn es zu lachen gilt, denn es gibt eine Art zu lachen, die sich im Gesicht festfrisst und sich in es hineinkrallt, wie Eisblumen sich über Gräsern festfrieren, und so konnten heute also Täter ertappt werden, und die Art der Jeans, Falten zu werfen und an jenen Falten ihr Indigoblau auszubluten, Falten, die jeden Schnellwaschgang überlebten - vielleicht sollte man seine Jeans doch öfter bügeln, wenn man daran so einfach identifiziert werden konnte, oder es sollten endlich mal Faltencremes für Jeans erfunden werden - war wohl eigenartiger und einzigartiger als die Gene, und vor allem konnte man schneller auf sie zugreifen, man brauchte keine Haare von Tätern mehr auf Teppichen zu suchen, nein, das ging jetzt einfacher, und manchmal hatten die Täter ja ohnehin eine Glatze, aber diese riesige Firma, die hatte ihr Monopol etabliert, und wer hätte gedacht, dass das Indigoblau der Täter einst an ihren Maschinen klebte, und hätte es mehr Konkurrenz gegeben, wer weiß, vielleicht könnte man dann heute die Täter nicht an ihren Falten in der Hose erkennen, und wer weiß, vielleicht hält sich die Einheitshose deswegen so, weil sie im Laufe der Zeit so einzigartig wird, und das muss man schon sagen, ist doch eine Sache, die sich im Leben meistens andersherum verhält.
Ich kann nicht sagen, ob ich gerne in der S-Bahn sitze oder nicht, und ich tue es auch nicht allzu oft, weshalb ich selbst mich glücklich schätze, meistens, wenn ich auf sie zurückgreife, bin ich aus Not dazu gezwungen, denn dann muss ich entweder zum Hauptbahnhof oder von ihm weg mit meinen schweren Taschen, oder es regnet, oder es ist furchtbar kalt, oder ich will einen kurzen Rock anziehen, und die Frisur meiner Haare soll sich um keinen Millimeter durch Fahrtwind, Regen und Wetter verschieben; sitze ich dann aber in der S-Bahn, so wie jetzt gerade, dann weiß ich nicht, ob ich noch schnell etwas aus der Tasche greifen soll, lohnt es sich noch, ist die Zeit noch lange genug, um ein Buch herauszuholen oder den Termin nachzuschlagen, oder soll ich eine Zeitung von den Sitzen, die manchmal dort liegen
bleibt, an mich nehmen, und dabei fühle ich mich nicht selten wie ein Dieb und achte darauf, dass niemand es so genau mitbekommt, wenn ich mir eine solche bereits abgegriffene nehme, um noch einen Gedanken daraus zu erhaschen, meistens hatte ich ohnehin keine eigene bei mir, und wenn ich dann mitlese bei meinem Nachbarn - Nachbarn möchte ich die eigentlich gar nicht nennen, die da neben mir zu sitzen kommen, Nachbarn sollten im Mindesten mir eine Erklärung abgeben, warum sie in meiner Nähe sind - und seine auch zu meiner mache, dann rümpfen die die Nase oder wenden sich ab, ziehen die Zeitung ein Stück weiter zu sich, falten sie extra klein, nur damit ich nicht mit hineinschauen kann, nicht, dass sie nicht wussten, dass fünfzig Prozent der hier kurz Reisenden eben dasselbe lesen, wenn man überhaupt jemals dasselbe lesen konnte - nein, die Zeitung gehört ihnen ganz alleine, das war ihr kleiner Lichtblick und ihre kleine Intimität, ein Raum, der sich vor einem auffaltet und im Mindesten einmal zwei Wände erobert und erbaut, ja, im Wände-Hochziehen sind wir Meister, und ich lese nun einmal schneller, als meine Gedanken sich dagegen wehren könnten, mir mitzuteilen, dass ich im Moment doch gar nicht lesen will, denn wenn ich bei anderen mitlese, fange ich unwillkürlich an zu glotzen, auf die Zeitung zu starren, und wenn die Leute dann ihre Zeitung wegziehen - wobei ich doch nur das lese, was sie gerade nicht lesen, weil ich doch die Rückseite davon lese, denke ich, die müssten sich so fühlen, als könnten meine Blicke durch die Zeitung brennen und zu lange auf ihren Hosentaschen und Reißverschlüssen haften bleiben, ja, auf fremde Zeitungen glotzen hat etwas von die Zeitung aufschneiden und dem anderen durch sie hindurch aufs Genital stieren, etwas, das man sowieso immer tut, und diese Blicke empfängt man auch immer, wenn man sie gerade glaubt, nicht wahrnehmen zu dürfen, und dieses Zeitungsspiel erinnert mich an früher, an die Schule, als Sabina ihren Arm aufstützte, damit ich nicht sehen konnte, was sie schrieb, und so reagieren die Leute heute auch, als wolle ich was von ihnen klauen, wenn ich ihr wiedergekautes Wissen stehle, wenn ich ihnen in die Zeitung hineinleuchte, dabei interessiert es mich bei dieser Fahrt doch nur, wie lange die Leute brauchen, um, bevor sie wohl oder übel aussteigen mussten, ihre Zeitung zusammenzufalten, in der Tasche zu verstauen, etwas in der Tasche zu suchen, ein Taschentuch vielleicht, in welchem Tempo sie aufstehen, sich die Hose hochziehen, den Schuh sauber reiben oder den Knopf vom Jacket mit ungelenkigen Fingern schließen, einen Fussel vom Mantel wegstreichen, sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht werfen, sich umschauen, ihren bis vor wenigen Sekunden noch besetzten Sitzplatz aufgeben, den sie für wenige Minuten ihren Besitz und ihr Eigentum nennen durften, und den sie jetzt anderen hinterlassen oder für diese unbekannten Anderen räumen müssen, indem sie ihn noch einmal ins Visier nehmen, sie könnten ja etwas vergessen haben, in die eine Richtung blicken, in welche sollen sie nun gehen, wo war die Schlange am kürzesten und sie am schnellsten, wo mussten sie am wenigsten warten, konnten draußen den Wechsel der Fahrtrichtung wieder wett machen, welche liegt wohl dem Heim am nahesten, oder gehen sie gar nicht nach Hause sondern zu ihren Liebhabern, und wo sind am meisten Leute, und wie rückt sie den Mantel zurecht, und greift er sich noch einmal zwischen die Beine, um die Hose wegzuziehen, die die Eier einklemmt, zumindest für ein oder zwei Sekunden mehr als nur Beinfreiheit spüren, ah!, und ich frage mich, wie viele Bewegungen ein Mensch braucht, bis er aufsteht und losgeht, sich umschaut, sich für die Richtung entscheidet, dabei die wichtigsten Utensilien, als seien sie sein einziges Hab und Gut, zusammenrauft, Plastiktüten und Lacktaschen und Aktenkoffer und Hüte und Trenchcoats und Schals, je nachdem wie warm es war, wie lange sie brauchen, um den Schirm zu suchen, ihn zu vergessen, zurückzukommen, wie viele Regentropfen auf dem Schirm noch zu sehen sind, wie viele Sekunden vorher sie aufstehen, um die Treppen zum Ausgang hinunterzugehen oder hinaufzugehen, warum fahren sie in den doppelstöckigen Bahnen oben oder unten, warum blicken sie nicht zum Fenster hinaus in die Landschaft, sondern vergraben sich in ihre Zeitungen, und welches Haus auf der Strecke oder welcher Baum sagt ihnen dennoch, dass sie genau jetzt aufstehen sollen, manche bleiben ja sitzen, bis der Zug hält und springen dann in Windeseile auf, ohne sich umzublicken, andere stellen sich schon lange vorher in die Schlange und warten auf das Öffnen der Türen, warteten sie, wenn sie doch schon dort waren, und dann noch die Frage, wer denn jetzt den Knopf zum Öffnen drückt, die draußen oder die drinnen, und wie sieht man sich dabei an, und die meisten Menschen tun dies so, als seien sie nicht hier, sondern schon dort, und ich kann nicht aufhören zu fragen, ob sie dann überhaupt sind.
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