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Werner Baur, *1953 in Nenzingen/Kreis Konstanz. Studium der Medizin und Ethnologie. Lebt und arbeitet in Freiburg/Breisgau. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (zuletzt in «entwürfe» Nr. 24, Dez. 2000) und
Anthologien. Im Oktober 2000 erschien ein Roman mit dem Titel «Havanna» bei Skarabäus (StudienVerlag) in Innsbruck.
Werner Baur
Schmerz. Fernes Weh.
Meine Schwester weint. Sie hat den Mund weit offen, alle oberen Zähne sind zu sehen. Sie liegt zwischen Schlittenspuren im Schnee und schreit. (Lautlos. Dann laut.) Meine Schwester sollte jetzt tief Luft holen und die Luft anhalten. Ich sage es ihr. Sie macht es nicht. Dann könnte sie mit der Luft den Schmerz wegdrücken, vom Bauch weg unter die Haut, und sie müsste nicht mehr schreien.
Der dicke Ingo hat sie vom Schlitten gestoßen. Ich will den dicken Ingo angreifen. Er setzt sich auf mich. Mit seinem Gewicht drückt er die Luft aus mir heraus. Ich kann die Luft nicht anhalten. Die Luft zappelt im Hals. Der Schmerz bleibt im Bauch (der Schmerz wartet dort). Zwischen Bauch und Hals sitzt der dicke Ingo. Ich bekomme keine Luft und Angst und schreie. Der Schrei nimmt den Schmerz mit sich hinaus und geht mit ihm im Schnee spazieren. Gib auf, fordert der dicke Ingo.
Mädchen wissen nicht, dass man einen Schmerz unter der Haut verbergen kann. Sie halten nicht die Luft an wie Jungen. Deshalb haben Mädchen eine andere Haut. Ihre Haut ist dünn, unsere ist rot. Wir schneiden mit Messern in die rote Haut unserer Handflächen. Die Haut ist dick. Es tut nicht weh. Wir drücken die Handflächen gegeneinander und schwören. Das Blut zwischen unseren Handflächen ist warm. Dort muss dann Jod hin.
Erst wenn Männer etwas verlieren, tut es weh. Wenn sie ein Bein oder einen Arm verlieren. Bei der Arbeit oder im Krieg. Männer können Arme und Beine im Feld verlieren. Frauen bleiben ganz. Frauen tragen Schuhe mit hohen Absätzen. Wenn sie sie lange tragen, tun ihnen die Füße weh. Männer tragen Erfrierungen an den Füßen. Die haben sie davongetragen. Ihnen tut die Stelle weh, wo nichts mehr ist, wo etwas nicht mehr weitergeht. Dort hilft kein Jod. Jod brennt den Schmerz weg, aber nur, wenn er frisch ist. Den Männern tut weh, was nicht mehr vorhanden ist, was sie in der Ferne verloren haben, Arme und Beine, die im Feld geblieben sind. (Fernweh überfällt sie). Phantomschmerz, sagen sie. Er kommt vom Wetter und vom Luftdruck. Wenn ich daran denke, meine Schwester zu verlieren, tut ebenfalls eine Stelle weh, die nicht da ist oder die ich nicht erreichen kann. Wo meine Mutter kein Jod hintun kann.
Ich ziehe den Schlitten, auf dem meine Schwester sitzt, heimwärts über das Feld. Meine Schwester weint. Sie hat keinen Grund. Sie hält sich den linken Arm. Sie wird den Arm nicht verlieren. Sie wird ganz bleiben. Der Schnee auf dem Feld funkelt. Er funkelt endlos. Ich ziehe mit meiner Schwester auf dem Schlitten in den Schnee. Meine Füße durchbrechen die funkelnde Schneekruste. Mit jedem Schritt sinke ich etwas tiefer ein. Vielleicht werde ich Erfrierungen davontragen. Vielleicht werde ich bald ein Bein verlieren.
Gib auf, fordert der dicke Ingo.
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