entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 26:
..Schmerz. Männlich. Weiblich
Annette Mingels, *1971 in Köln, lebt in Neuchâtel und arbeitet am germanistischen Institut. Rezensentin für die Tageszeitung «Der Bund». Letzte Veröffentlichung: «Das Spiel mit dem Spiel im Spiel. Gefährliche Schachpartie in Dürrenmatts Dramenfragment ‹Die Sekretärin›», literaturwissenschaftlicher Text in: Koslowski/Kotte/Sorg: Berner Almanach, Band 3: Theater, Bern: Stämpfli, 2000.

Annette Mingels

Tiefe

Hundert kleine Ecken hätte man an dem Diamanten zählen können, so kunstvoll war er geschliffen, und fast erwartete sie, dass sie sich im Stein spiegeln oder zumindest in eine endlose Tiefe schauen könnte. Aber immer zeigte sich bei längerem Hinschauen, dass dies nicht der Fall war; egal wie man den Stein hielt, man konnte immer bis auf den Grund schauen, und der war die eigene Haut.

Sie schaute ihn von der Seite an, wie er da sass und sich mit den anderen am Tisch unterhielt. Wie er die Gabel in der linken Hand hielt und das Messer weggelegt hatte, als sei es ein überflüssiges Requisit, das zum Essen nicht benötigt würde. Mit der freien Hand unterstrich er seine Reden, immer wieder fuhr er durch die Luft; einmal deutete er auf sie, sie bemerkte es und wusste nicht, worum es ging. Aber sie lächelte, vorsichtshalber. Vom hinteren Ende des Tisches empfing sie ein Augenzwinkern, doch sie hätte nicht sagen können, von wem.

Die Hauptspeise wurde abgetragen, und sie schaute neben ihren Teller auf ihre Hand, die wie nicht zu ihr gehörend auf dem Tisch ruhte, sich von Zeit zu Zeit kaum merklich zusammenzog und leicht zuckte. Er hatte sie angesprochen, und sie hatte zurückfragen müssen, und er wiederholte es, doch wichtig war es nicht, wie sich dann herausstellte. Sie hatte, wie sie fand, mit korrekter Antwort zur Unterhaltung beigetragen.

Als der Nachtisch kam, aß sie das Eis, bevor es zerschmolz, und die Feigen daran knackten bei jedem Biss. Sie mochte das sehr. Zu ihrer Rechten saß eine Kollegin ihres Mannes, langes braunes Haar um-

rahmte ein schönes Gesicht, das zu altern begann, erst um die Augen herum, bald wohl auch um die Lippen, von denen die obere schmaler als die untere war. Manchmal hatte sie gemeint, dass der Blick der Frau zu ihr herüberglitt, doch jedes Mal, wenn sie zurückschaute, zum Lächeln, Augenbrauenhochziehen, Schmunzeln oder Nicken bereit, merkte sie, dass nicht sie der Blick traf, sondern ihren Mann. So lächelte sie manchmal ins Leere, an einem alles verstehenden Gesicht vorbei, vorbei an einem unmerklichen Zusammenziehen der Augen, einem hauchdünnen Kopfnicken, einem leichten Wölben der Lippe, einem Pressen des Kinns, das nicht ihr galt.

Kaffee und Espresso durfte sie nicht trinken, wenn sie die Nacht nicht wach liegen wollte. Wein hingegen half beim Einschlafen. Als sie soviel getrunken hatte, dass sie aufstehen und zur Toilette gehen musste, schaute sie zuerst, ob sie eine Kette aus Händen hinter ihrem Stuhl würde zergliedern müssen, aber das war nicht der Fall, und so ging sie mit unmerklichem Taumeln ihren Weg. Hin und zurück.

Beim Abschied vor den Taxis und auf der Fahrt dann fanden sie es einen sehr schönen Abend. Im Fond schmiegte sie sich an ihren Mann, der zu reden aufgehört hatte und einen Arm um ihre Schulter legte. Ihre linke Hand ruhte auf seinem Bein, und durch den Stein sah sie wie in unendlicher Tiefe das Dunkel seiner Hose.

Zurück zur Homepage

.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.