|
Heidi Werdenberg, aufgewachsen in Basel, mehrere Jahre in Chicago, Cambridge (GB) und Allschwil (BL). Lebt als Schriftstellerin und English Teacher/Royal Society of Arts in Schlieren (ZH). Zuletzt die Romane «Anständigkeiten» und «Staccato-Frauenleben». Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Romanprojekt «Eastbound».
Heidi Werdenberg
Sommer über Kiew
Sattes Grün, so weit das Auge reicht, vom breiten Strom genährt, und in den die Stadt umschließenden Wäldern das Blitzen goldener Klosterkuppeln. Unter geschlossenen sonnenwarmen Lidern entzünden sich Feuerringe, die in silbrig aufleuchtende Coronen übergehen. Die Pupillen schlagartig aufgerissen, kreisrund und dunkler als Pech, schwarze Löcher, an deren Rändern sich lichterhelle Pfeile und Reifen jagen, ein kaleidoskopisches Farbenspiel wie einst in der Kindheit durch Druck auf die Augäpfel hervorgerufen, ein inszenierter Feuerbrand, vielleicht schon die Netzhaut ablösend.
Sommer über Kiew.
Den Schweiß von der erhitzten Stirn wischen, die schweren Füße im Wasser kühlen, sich mit einem Seufzer der Erleichterung unter einen Baum legen und sich wohlig der Erschöpfung hingeben. Ersteres ist möglich, risikolos wie anderswo auch. Du fährst mit der Hand über die nasse Gesichtshaut. Alles andere tust du aber noch immer auf eigene Verantwortung und mit Angst in den Knochen. Nur wenige liegen am goldenen Strand. Der Dnjeper hat sandige Ufer, Flussstrände. Auf erhöhten Holzliegen setzen die Badegäste ihre Haut der Sonne aus. Noch umhüllt Radioaktivität wie feines durchsichtiges Zellophan die Stadt, präsentiert sich genau so glänzend und strahlend wie dieser makellose Sommertag. Ins Wasser wagen sich jetzt, nach Jahren der Vorsicht, die ersten Sehnsüchtigen, wie magisch angezogen vom legendären Fluss. Wasser fließt, sagen sie, fließt von uns weg, fließt ab, und wir haben doch nur dieses eine Leben. In den fülligen Kronen der Bäume hängen überreif die Träume. Es schwirrt und summt, zirpt, flügelt und sirrt. Und im Blätterdach verborgen nimmt Amor die Pfeile aus dem Köcher, leise, aber gezielt. Und die Liebe fällt aus dem Laubversteck hinein in den weichen Sand, ins Wasser, auf die Straße, in die glühenden Körper, fällt in rote Köpfe, dampfende Gehirne und aufgerissene Herzen wie in gepflügte Felder. Die Stadt flimmert.
Sommer über Kiew.
Das Leben lodert bis in die Nervenenden, das Verlangen brodelt in plötzlich zu eng gewordenen Blutbahnen, rasend, brandrot wie die später untergehende Sonne über dem gewaltigen Strom. Und die Männer und Frauen springen mit einem jähen Schrei der Begierde in die Fluten, hinein in kochendes Kupfer, in Rausch und Sinneslust, tauchen dann mit wild fuchtelnden Armen immer wieder auf wie aus Fieberschüben, mit jagendem Puls, geweiteten Pupillen und nassglänzender Haut, liebesverseucht bis in die Gene. Brandhexen und Feuerteufel schüren die Flammen.
Sommer über Kiew.
Hier brennt er so lichterloh, dass ihn einige nicht überleben werden.
Wenn die Liebe einfährt in fremde Städte, gelten umgekehrte Vorzeichen. Theoretiker werden zu Praktikern der ganz anderen Art und erleben physikalische Gesetze in der Anschauung, die Anziehungskraft zweier Körper beispielsweise. Sie erfahren das Theorem des Lebens, das einzige Teoroma, das Spaß macht, wie die Kiewer meinen, teorema schisni. The facts of life.
Renate folgt Wolodja als stille Betrachterin, genießt seine Nähe. Wenn er ihr von sich aus etwas mitteilt, ist sie eine aufmerksame Zuhörerin, die auch gelegentlich Fragen stellt. Ansonsten schweigt sie, möchte ihn nicht behelligen. Sie will ihn nur betrachten, immer wieder, gründlich und ohne Scheu. Sie taumelt wie auf Watte, ist nicht festgemacht in den Räumen, die sie zusammen als Besucher schlendernd begehen. Sie hat nur Augen für seine Person, hält ihn fest in der Helle einer sonnendurchfluteten Fensterfront, in der Kühle einer steinernen Treppenflucht, in der Eingangshalle im Gegenlicht, in einem dunklen Korridor oder im Halbschatten der Parkanlage. Sie beugt sich mit ihm im miefigen Museumssaal über einen Bildausschnitt, ohne das Motiv zu erkennen, weil sie nur sein Gesicht im Profil wahrnimmt, einen Charakterkopf mit markanten Zügen, hält fest, was sie sieht, saugt sein Bild ein, als habe sie die Gewissheit, am späteren Abend das Augenlicht für immer zu verlieren, wüsste um die Diagnose ihrer Krankheit: Netzhautablösung nach Spiralentaumel. «Die Schlacht um Kiew», liest Wolodja. «1943. Lüteschsker Brückenkopf.» Sie kann ihn sich als Partisane vorstellen mit zerschlissenem Hemd in unwirtlichen Wäldern. Er kritzelt etwas in eine in Leder gefasste Schreibmappe in Taschenformat, Notizen fürs Reisetagebuch. Im Lesja Ukraijnka-Museum zwingt sich Renate zum Wachsein. Sie schreibt ihrerseits einige Anmerkungen über das Leben der Volksschriftstellerin, bekannt als Tochter des Prometheus, in ein kleines, schmales Wachstuchheft, um damit die Reportage über den Mathematiker Kongress etwas aufzulockern. Dann wird es dunkel um sie, und ihr Fuß stockt.
Oder aber es passiert das Gegenteil. Wenn Wolodja sie wie zufällig berührt, wenn sie nebeneinander hergegehen in den Ausstellungshallen der Geschichte, oder wenn er auf dem Dnjeper-Boot ihre Hand hält und sein Atem ihre Wange streift, dann sind ihre Augen auf einmal wie zwei Löcher, durch die die Welt einfällt, scharfe Bilder plötzlich, aber um ein Vielfaches vergrö-
ßert projiziert. Da stürzen unangekündigt Reize wie durch Trichter in ihr Sehorgan und füllen ihren Kopf; Szenen eines Gemäldes, eine Schlachtformation mit galoppierenden dampfenden Pferden oder ein üppiger Frauenkörper, ein einzelner Schenkel, pralle blau schimmernde Brüste und runde Hüften. Oder der Strom, auf dem sie fahren, macht sich bemerkbar als sich kräuselnde Wellen, und es zeigt sich plötzlich übergroß ein benetzter Uferstein, Moos überzogen und petrolfarbig glänzend. Oder das Grün eines Laubwalds fährt in sie ein, dunkles wohltuendes Grün, in das sie lautlos absinkt wie in einen schattigen idyllischen Weiher, dann eine einzelne Fichtennadel, furchterregend und mächtig, ein bewachsener Pfahl auf einer Richtstätte. Irgendwie ist Renate aus den Dimensionen gefallen, ist alles zu intensiv und von gigantischem Ausmaß.
Später entdeckt sie in der Wangenlandschaft Wolodjas, oberhalb des Backenknochens und abseits des Bartes, ein feines Härchen, das die Rasierklinge vergessen hat, zu erreichen. Und wenn sie auf die Hand blickt, die sie festhält, wächst der Mond seines Daumennagels. In der Abgeschiedenheit des Hotelzimmers hoch über der Stadt steigt sie in seine Bauchfalte wie in ein neues Forschungsfeld, türmt sich vor ihren kurzsichtigen Augen sein schwellendes Geschlecht auf wie zu einem jener bizarren Gebilde im Tuffsteingebirge Kappadokiens, stengelt sich hoch zu einem stramm gewachsenen Pilz mit aufgesetztem zurückgestülptem Hut. Die Natur spielt immer wieder mit gleichen Bildern in beweglichen wie in steinernen Körpern. Wo seine Haut herber wird, fast ein wenig ledrig, greift sie nach seinen Rundungen, die sich in ihrer hohlen Hand anfühlen wie zwei chinesische Jadekugeln von ockergelber Farbe, aber wärmer und weicher, die sie behutsam hin- und herschiebt mit sanftem, kaum merklichem Druck und die ihr nach fernöstlicher Überlieferung den Blutdruck stimulieren und das Herz aktivieren sollen.
Magnetotherapy Health and Happiness Balls steht auf der Anleitung für die zur Auslieferung in den Westen bestimmten Geschenkpackungen, made in Beijing. Wer die Bälle knetet, so Li Shizhen, berühmter Arzt der Ming Dynastie, erwirkt gute Gesundheit und ein langes Leben. Auch Wolodjas Pretiosen kommen mit Gütesiegel, sind Lebensspender, aber sie produzieren keinen musikalischen elektronischen Gag aus der Knopfbatterie. Und doch, da gibt es Rhythmen und Melodien, kommt Tempo in die Bewegungen ihrer Körper, branden ein Raunen und Rauschen in ihren Ohrmuscheln, endet dieses Spiel, auch wenn sie keine Silbe Englisch sprechen und gänzlich wortlos werden, unweigerlich in balling und spitzen animalischen Schreien.
Sie denkt nicht an die Reportage über die Mathematiker, nicht an Mann und Kinder. In ihrem Kopf steht nur diese Leidenschaft, die sie zu einem Ende bringen muss. Vielleicht ist im Anstaltsjargon bereits eine wissenschaftliche Bezeichnung für ihresgleichen erfunden worden - endocrinological runaways. Hormonelle Ausreißer.
Und so wird sie sich wohl nachher wie Anna Karenina unter den Zug werfen müssen, das Gesicht von Wolodja ganz dicht vor Augen, ehe die Räder sie überrollen werden.
|
|
|

|