entwürfe - Zeitschrift für Literatur

..Ausgabe 25:
..Filz

Irène Meier, *1951. Lic. phil. I, Journalistin BR. Arbeitet als Kunsthistorikerin, Journalistin und Redaktorin, bevorzugt zu den Themengebieten Architektur, Design, Textilien und Kunst.

Irène Meier

Designexperiment Filz

Nach der Legende soll der Filz so entstanden sein: Die Schafe in der Arche Noah hätten im engen Boot wegen der Wärme und der Mangelernährung einen Teil ihrer Wolle verloren. Auf dieser sei dann uriniert und herumgetrampelt worden. Am Tag der glücklichen Landung der Arche blieb schließlich ein dichter Filzteppich am Boden des Bootes zurück ...
Die ältesten Textilien aus Filz werden auf etwa 500 v. Chr. datiert. Sie stammen aus skythischen Grabstätten von Pazyryk in Sibirien. Damit scheint es wahrscheinlich, dass der erste vom Mensch verwendete Wollstoff ein Filz war. Vermutlich ist die Idee dazu aufgrund von Naturbeobachtungen entstanden: Im Frühjahr werfen Wildschafe ihr verfilztes Vlies in Klumpen ab, die eine filzartige Struktur haben. In Zentralasien, wo die Filzherstellung eine Jahrhunderte alte Tradition hat, wird der Stoff seit vielen Generationen nach dem selben Muster produziert. Die Schafe werden im Fluss gewaschen und geschoren. Das Vlies wird anschließend mit Stöcken behandelt, um die in der Wolle hängen gebliebenen Pflanzenteile und Verschmutzungen zu entfernen. Dann wird die Wolle zur Auflockerung der Fasern intensiv geschlagen, daraufhin gleichmäßig ausgebreitet, mit heißem Wasser besprengt und zu einem Bündel geschlungen, das über mehrere Stunden hin- und hergerollt wird. Das so entstandene dichte Gewebe wurde zur Herstellung von Zelten, Teppichen, aber auch von warmer, schützender Bekleidung wie Mäntel, Stiefeln und Hüten verwendet. Auch heute wird Filz noch nach diesem Muster gefertigt, allerdings mit neuen technischen Verfahren: die Handarbeit wird durch Maschinen ersetzt. Ungesponnene Rohwolle wird in der gewünschten Schichtstärke übereinander gelegt und mit einem Baumwolltuch bedeckt. Während das ganze Paket mit Wasser besprengt wird, übt eine Walze gleichmäßigen Druck aus. Die Fasern rollen sich durch diesen Walkvorgang wie kleine Federn auf und verhaken sich aufgrund ihrer schuppenähnlichen Strukturen unauflöslich ineinander. Je stärker sie schrumpfen, desto kräftiger und fester wird der Filz.

Zeitgenössische Gestalter entdecken Filz neu
In den fünfziger Jahren war der sog. Nadelfilz-Teppich, den es in quadratischen Platten zu kaufen gab, der billigste Teppichbelag überhaupt. Hat er dazu beigetragen, dass Filz bis vor kurzem als Billig- und Hässlichmaterial galt? Oder hat Beuys dem Material als außergewöhnlich konzentriertem Energieträger einen solchen Nimbus verliehen, dass es in der Folge Tabu war für die Hände von Modemachern und Designern? Die guten alten Filzpantoffeln gab es immer, doch galten sie als verstaubtes Relikt aus Großvaters Studierzimmer. Heute werden die Filzpantoffeln in Designläden wieder mit Erfolg verkauft: sowohl in althergebrachten Formen wie auch als schicke Neuschöpfungen junger Designer. Es besteht kein Zweifel: Filz ist wieder «in», seine Eigenschaften werden wieder geschätzt, seine Qualitäten neu interpretiert. Denn dadurch, dass Filz nicht gewoben wird, ist es möglich, ihn in fast beliebiger Dicke herzustellen. Seine Ränder fasern nicht aus, er kann folglich einfach in Form geschnitten werden. Zudem kann er nicht nur als flaches Vlies produziert werden, sondern plastische Formen annehmen. Da für seine Herstellung keine großen und komplizierten Webstühle nötig sind, kann er auch von kleinen handwerklichen Produzenten ohne großen Aufwand hergestellt werden.

Drei Sesseltypen - drei Experimente mit Filz
Einer der ersten, der den Filz in allen seinen Facetten erprobt hat, ist der italienische Architekt und Designer Gaetano Pesce (*1939 in La Spezia), der heute in New York lebt. Im Jahre 1987, also ganz unabhängig von Modeströmungen (wie es seine Art ist) hat Pesce den Filz in seiner Sesselserie «I Feltri» für die italienische Firma Cassina in völlig neuartiger Weise eingesetzt. Die ausladenden Sessel, von denen es eine Version mit hoher Rücklehne und eine mit tiefer gibt, entfalten sich als ausladende Throne wie Skulpturen im Raum. Sie sind keine Möbel, die sich diskret anpassen, was auch durch die kräftigen Farben betont wird, die der Architekt ihnen gegeben hat. In die hochlehnige Version kann man sich wie in eine Höhle verkriechen und die schützenden Filzwände um sich herum drapieren. Pesce hat bei seiner Kreation wohl an die traditionellen Nomadenzelte aus Filz gedacht. Das Designmöbel als modernes Zelt? Die Sitzmöbel «I Feltri» reizen den textilen Werkstoff bis aufs Äußerste aus. Die Idee, den geschmeidigen Werkstoff Filz durch eine neuartige Behandlung so differenziert zu verfestigen, dass er gleichermaßen als Möbelgestell wie als Möbelhülle verwendet werden kann, zeugt von Pesces Erfindergeist, der ästhetische wie technische Konventionen stets zu unterwandern sucht. Berühmt geworden sind seine Experimente mit Kunststoffen, denen er neue, andersartige Qualitäten abzugewinnen suchte und den Entstehungsprozess teilweise zu Happenings werden ließ. Für seine Sitzmöbel behandelte Pesce den betont dicken Filz im unteren Teil des Möbels mit Epoxidharz, so dass sich der Sitz zu einem selbsttragenden Element versteift. Der Sessel kommt ganz ohne zusätzliches Traggerüst aus. Die Rückenlehnen sind aus so dickem, zweilagigem Filz, dass sie selbsttragend sind, aber beweglich bleiben. Zudem nützt Gaetano Pesce den Umstand, dass sich der nicht fasernde Filz zuschneiden lässt, ohne dass die Kanten umgenäht werden müssen, zu einem scheinbar dekorativen Element: Die beiden Lagen des Filzes, die in zwei übereinanderliegenden, meist kontrastierenden Farben die Struktur des Sessels besonders zur Wirkung bringen, sind mit losen Stichen befestigt, aber nicht umnäht - wie wir es von Wolldecken kennen.
Neueren Datums ist der Sessel von Louise Campbell, der aus einem einzigen Filzquadrat besteht, das mit Dreiecksformen scherenschnittartig durchlöchert wurde. Das mit Gelatine gehärtete Filzstück faltete die Designerin zu einem nur 4,5 kg schweren Sessel namens «Bless You». Das Möbel ist ein raffiniertes Beispiel, wie mit wenig Masse und Gewicht, aber mit einer ausgeklügelten Materialbehandlung ein außergewöhnliches Designobjekt entsteht. Der Sessel wirkt wie ein versteiftes Schnupftuch, das sich wie durch ein Wunder als filigrane Textilskulptur überdimensional vor uns entfaltet.
Ganz anders mutet der Sessel «Joseph» von Lothar Windels an. In Beuysscher Manier hat der deutsche Designer ungefärbten Filz in mächtigen Wülsten zum wuchtigen Sitzmöbel zusammengefaltet. Die Wülste der Rücklehne sind in diejenige der Sitzfläche hineingeschoben. Der Filz bleibt Filz pur. Außer den Verstrebungen, welche die Filzwogen zusammenhalten, aber selbst kaum in Erscheinung treten, beeinträchtigt kein anderes Material den Gesamteindruck von archaischer Erdenschwere und Wärme. Der Sessel trägt seinen Namen nicht umsonst ... «Der Sessel nutzt die strukturellen Eigenschaften von Filz, die gesamte Struktur ist von außen ablesbar und nicht wie bei konventionellen Polstermöbel versteckt», kommentiert der Designer. Durch den Gebrauch verändert sich der Sessel ständig, indem er sich dem Benutzer anpasst. Allerdings ist der Materialaufwand sehr
groß und der Sessel entsprechend kostspielig. Filz als reines Wollmaterial ist, entgegen einer weithin verbreiteten Meinung, nicht billig - sei er industriell oder handwerklich hergestellt. Und bei «Joseph» wird geradezu verschwenderisch damit umgegangen.

Filz für Designteppiche
Auch bei den Teppichen findet ein Umdenken statt. Nadelfilz-
platten waren einst der Inbegriff für einen billigen, tristen Bodenbelag. Heute gilt der strapazierfähige Filz als edles Material für Designerteppiche der oberen Preisklasse. Zum Beispiel «Go» aus der Kollektion des Schweizer Teppichspezialisten Ruckstuhl AG, der in Platten geschnitten und mit einem schlichten Leinenband zusammengenäht ist. Auch der berühmte dänische Textildesigner Jack Lenor Larsen hat sich auf neue Art und Weise dem Material Filz angenommen und kombiniert es für Ruckstuhl u.a. zu kostbaren Teppichen mit Stickereibordüren. Die Firma bietet auch Filzbordüren für ihre Teppiche aus anderen Materialien an, die an den Ecken von Hand mit Kreuzstichen vernäht werden. Dies suggeriert die «Rückkehr zu den Ursprüngen», welche mit der Filzmode einhergeht, und durch solch betont handwerkliche Verarbeitungen weiter hervorgehoben wird.
Auch die Japanerin Masayo Ave, die in Mailand lebt und am Puls des Designergeschehens ist, nimmt mit ihren Filzteppichen den Trend zu ursprünglichen, alten Materialien auf. Sie verflechtet 7 mm dicke Filzstreifen zu Teppichen mit ausgeprägter Reliefstruktur, welche dem Ethnotrend, den der Filz verkörpert, eine betont schlicht-moderne Form geben.

Ideales Oberflächenmaterial
Für das Experiment mit dem Filz (und die Entscheidung für dieses archaische Material) steht auch das Designerduo Georg Soanca-Pollak und Ulrich Beckert mit ihrem würfelförmigen Hocker «OH! Sitzen auf Filz». Die beiden lassen das Material sein, was es ist: Die simplen quadratischen Filzstücke sind mit den Kanten nach außen vernäht, welche durch eine Kontrastfarbe zum naturmelierten Merinofilz zusätzlich betont werden. Weniger rustikal, sondern sehr fashionable wirken die kleinen Polstermöbel mit Filzbezug von Paola Lenti. Ihre runden oder rechteckigen Hocker und neuerdings auch die kleinen, aus abgeschnittenen Ovalformen kombinierten Schaukelstühle «Dondolo» für die kleingewachsenen Erwachsenen stehen heute in vielen Interieurs, und zeigen auf, dass ihre Bewohner modisch auf der Höhe sind.
Die trockene Oberfläche ohne zusätzliche textile Struktur, welche für den Filz so kennzeichnend ist, wie auch seine Farb-intensität heben die skulpturalen Formen vom Polstermöbeln, wie sie momentan en vogue sind, ganz besonders hervor. Deshalb findet eine weitere filzähnliche Textilsorte wieder häufig Verwendung: Das sog. Tuch, vielfach auch Kavallerietuch genannt, ist ein gewobener Stoff, der nachträglich gewalkt wird, bis er eine filzähnliche Oberfläche aufweist. Der gewobene Stoff zieht sich bei diesem Prozess stark zusammen, verdichtet sich also und wird dadurch sehr strapazierfähig, die Webstruktur ist nach diesem Prozess nicht mehr sichtbar. Nicht zufällig haben Avantgardedesigner wie Brite der Jasper Morrisson für den italienischen Hersteller Cappellini ihre betont skulpturalen Polstermöbel (wie das Sofa «Three» von 1992, das sich in kräftigen Wellen schwingt) mit farbkräftigem, aber in der Oberflächenstruktur neutralem Tuch bezogen. Die plastischen Formen machen diese Möbel eher zu Raumskulpturen als zu Gebrauchsmöbeln. Aber auch klassische Formen kommen in diesem Kavallerietuch gut zur Geltung. Die Seilaz AG Zürich, die in eigener Regie ein Kavallerietuch nach aufwendigem Prinzip herstellen läßt, hat die Kollektion «Les authentiques» des Designers Jean-Pierre Dovat mit diesem Stoff ausgestattet. Eine Kollektion, welche klassische Formen von französischen Innenarchitekten wie Jean-Michel Frank aus den dreißiger Jahren in aktualisierter Form neu aufleben lässt.

Spiel der Gegensätze
Als Material, das den Kontrast «hart - weich» oder «glänzend - matt» und wohl auch «modern - archaisch» verkörpert, ist der Filz gerade in letzter Zeit häufig eingesetzt worden. An der Möbelmesse in Mailand, an der sich die neusten Trends herauskristallisieren, stellte die renommierte Firma Zanotta ein Behältermöbel-System des Schweizer Designers Alfredo Häberli vor, das so durchgestylt ist, dass es auch mit seiner schönen Rückseite mitten im Raum Furore macht. Da es mittendrin stehen kann, möchte sich vielleicht jemand draufsetzen. Also kann
man das Möbel, das mit einer Hochglanzoberfläche in kräftigen Farben gezeigt wurde, auch mit einer dicken Filzmatte ausstatten. Oder ist dabei nur an den ungewöhnlichen Kontrast zwischen der Lackoberfläche und dem grauen Filz gedacht worden? Auch die Tagesliege «01» der deutschen Gruppe (Disain) spielt mit dem Gegensatz: Ein Relief von aufgesetzten, dicken Filzquadraten gliedert die Oberfläche der schnittigen Liege und macht sie zu einem Objekt, das an die Ästhetik der Minimal Art erinnert.
Am eigenen Körper kann man den Filz mit dem Armreif «Maria» hautnah spüren. Auch er lebt vom Kontrast: Außen ist er aus hartem Edelstahl, innen fühlt er sich mit dem genoppten Wollfilz anschmiegend weich an. Das weiß und spürt aber nur der Armreifträger, es ist sein ganz persönliches Geheimnis, sein ganz persönlicher Luxus.
Der Überblick zeigt: Das Material Filz birgt ungeahnte Spannungen in sich und entspricht damit unserer Zeit. Es ist teuer, sieht aber nicht so aus und eignet sich somit für den «Kenner», der sich durch sein Wissen um den Wert des unscheinbaren Objekts von seinem Umfeld abhebt. Filz ist nie spektakulär, wird aber im Verbund mit anderen Materialien aufsehenerregend.

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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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