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Lars Reyer, *1977 in Werdau/Sachsen; lebt in Leipzig und (manchmal) Münster. Beruf: Student am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.
Veröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften (45revolutions p.m.; Volksfest, wort-Art, Federwelt); im Internet (u.a. Kehrricht.de, Leselupe.de); Anthologie «Netzflüchter» in Kürze.
Lars Reyer
Im Uferschlamm
Übern See zischte ein Vorhang aus Wolkenseide; das Bratpfannen-
gesicht des Mondes zerlief halb im Wasser; Kresco blickte mich still an, und unsere Schritte stoppten unbeholfen im grauen Ufergras (der lehmige Boden klebte trotzdem an unseren Schuhen. (Gras auf Lehm iss einfach ein Verbrechen: am besten gleich alles wegbrennen und Asphalt draufmachen!))
«Das müssen Sie sich mal vorstellen: in zwanzig Jahren hat sich nichts geändert, hier!» Sein spitzes Schopenhauerprofil stieß durch den Berberteppich der Nacht. «Seit zwanzig Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen. Die Rückkehr hätt ich mir auch schenken können: meine Erinnerung deckt sich ja völlig mit dieser Realität» und: er rammte entrüstet seine Absatzferse in den Dreck; besann sich aber gleich wieder, als ob er ein Kapitalverbrechen begangen hätte, und faltete das Kinn betroffener in den Wind.
«Für Sie, als Großstadtkind, muss das ja alles ganz lachhaft sein.» Er gurgelte kehlige Laute aus dem Trichter seines Halses; im Nacken, überm Mantelkragen, huschten strichige Hautschnecken in alle vorhandene Richtungen: «Aber das Katastrophalste, was es gibt, iss ne Heimatstadt mit 20.000 Insassen drin, die sich beide nienie verändern; die Stadt und die Insaßen!» Und er machte ein katastrophales Gesicht zu seiner säuerlichen Rede. Der Knochenschädel im aschenen Himmel oben hatte ne ganz kalkige Farbe bekommen; flogen auch gleich zwei Wildgänse drüber, dass es aussah wie n direkter Raketenbeschuss.
Mehrere Trauerweiden (vier oder fünf würd ich sagen; aber bei der Dunkelheit sah mans nicht genau...) henkten ihre Häupter ins opheliasche Grab; drüben, am andern Ufer, zerschnitten Karpfen floßig die Wasseroberfläche: und glucksten dabei so geräuschvoll rum, dass mans nicht überhören konnte. «In dieser Umgebung gilt Zolá als Stamm von afrikanischen Buschmännern (?: wegen der Ähnlichkeit mit Zulu wohl; Kresco war doch wieder mal der Beweis, dass man mit über sechzig noch geistige Höchstleistungen vollbringen kann.); und wenn man von Wittgenstein spricht, denken die gleich alle an?n österreichisches Skigebiet.» Er wehte herum: und riss seinen hauchdünnen Schatten hinter sich her. Sein Schritt randalte jetzt auffällig schnell; er hielt sich nur schwer im Zaum und es wunderte mich, dass keine Entrüstungsfunken aus seinen Körperöffnungen schlugen aha; ´s sollte wohl einmal rundrum gehen, um?n See; lief ich folglich hinterher: und hatte einen kurzen Sprint einzulegen (aber was soll man machen?; als apprentice, sozusagen.)
Korkiger Morast quetschte sich unter unseren Füßen nach allen Seiten; legte sich um unsere Schuhe und bemalte sie mit expressionistischen Mustern. Es jaulte stellenweise rindsledern: Stadtschuhe auf Landboden. (In Millionenjahren wird jemand unsere ausländischen Fabrikate als fossile Abdrücke aus tiefsitzenden Gesteinsschichten rausscharren!; wenn nichts dazwischen kommt...) «Ich weiß schon gar nicht mehr, warum ich Sie überhaupt hierhin mitgenommen hab», hob er wieder, im bekannt-geschätzten Professorenton, an; «aber vielleicht lernen Sie mich besser verstehen, wenn Sie sehen, wo ich groß geworden bin.» Und: er trat auf einen morschen Lindenast von Anacondaumfang, dass es krachte wie zum Jüngsten Gericht; sogar die Fläche des Sees zuckte hellhörig zusammen; vieleviele Mondsprenkel wellten sich kurios durcheinander und zogen sich wieder zurück: Wolken.
«Überstürzen wolln wir auch nichts; jetzt iss es ja sowieso sinnlos, was zu erkunden. Morgen, bei Tageslicht, begutachten wir die Stadt oder vielmehr das, was sich hier so nennt.» Liefen wir also ohne Investigationszwang weiter. Kresco zwirbelte am Kinnbart (, der auffällig dostojewskien glitzerte, in diesen Lichtverhältnissen); steckte die Hände in sämtliche Taschen; und schien sich bereit zu machen für eine beruhigtere Spaziergangszweithälfte.
Eine Windmob stürmte uns entgegen, wedelte an uns herauf, um uns herum; fauchte uns auch borstig in die Gesichter: und zerfiel dann in etliche Luftpatronen. Klirrte zu Boden, (obwohls ja ganz grasig-lehmig war, komisch.) «Zur vorbereitenden Lektüre kann ich Ihnen allerdings nichts empfehlen.» Er gestattete einem verhaltenen Lächeln über sein Antlitz zu zucken; bevor er wieder bittrer wurde. «Hier ist Feldforschung der einzige Weg zur Erkenntnis; aber vielleicht wollen Sie ja eine kleine Anekdote hören», er machte eine denkende Pause (überlegte wohl, ob Anekdote das passende Wort war) und fuhr mit bleiernen Zügen fort, «damit sie morgen dann nicht völlig nackt dastehen?» Ich wollte natürlich. (Die Anekdote hören, nämlich); und bedeutete ihm mit schmal-sachten Gesten meinen Willen.
: «Wann genau sind Sie geborn?» Ich musste ihm die 77 zugeben, und kam mir ein wenig koyotenhaft vor, ob solch geringer Lebenserfahrung. «Und ihre Eltern?» 38 & 43; und er machte ein lebhaft-
erstauntes Augengekreise. (Ja; ich darf meine Alten Herrschaften mit Recht <alt> nennen!) «Na, dann haben die das ja auch noch alles erleben müssen; bis der Russe dann endlich Schluss gemacht hat mit dem hirnlosen Gejohle von Blut & Boden.» Ich nickte stumm, erinnerte mich an entsprechende Erzählungen/Berichte; wir schwiegen kurzatmig, bevor wir uns gemeinsam darüber wunderten (nicht zum ersten Mal übrigens), ob der einhodige Hitler wohl immer noch als Prototyp für <den Deutschen> stehen kann. Eher ja, als nein.
«Die Innenstadt hier iss schon seit Jahr und Tag rot gepflastert; genau wie alle Häuser übrigens: nur roter Klinker. Dem geistigen Klima diametral entgegen gesetzt.» Ein Knirschen im Unterholz schlich sich an uns heran und verschluckte das <diametral>. Geschah uns recht; (wer in solcher Umgebung Fremdworte benuzt, wird gefressen!) Nachtaktive: Igel, auf der Jagd nach Nacktschnecken oder maulgerecht proportionierten Kleinstschlangen; es raschelte nun unaufhörlich (welche Kämpfe da vonstatten gehen mochten!) Kresco ließ auch halbaufmerksam den Blick schweifen, war aber nicht mehr aus der Ruhe zu bringen; kannte das schließlich alles zu gut (uns Stadtkindern redet man ja sonstwas ein, wenns irgendwo knackt und blökt. (n bisschen Angst produzieren erleichtert so manche elterliche Erziehungsarbeit.))
«Als ich so ungefähr 7 war (das hörte sich an wie: <als ich 2 Öltanker war...>), bin ich immer zum Bäcker in die Stadt rein gegangen, hab immer dasselbe gekauft. Der wusste schon, wenn er mich sah, wieviel er wovon bereitzulegen hatte. Und unterwegs, nach Hause, hab ich dann immer schon ein Milchbrötchen gegessen.» Er machte einen Mund wie zwölf Ochsentreiber, (was gar nicht zum Verzehr eines Milchbrötchens passen wollte (: sein Gaumen tastete sichtlich in der Erinnerung; ob er was Geschmackliches hervorzauberte, konnt ich beim besten Willen nich erkennen.))
«Früher hatte?s hier auch eine Synagoge; mitten drin in-der Stadt: n paar Schritte nur von dem katholischen Riesenungeheuer (eine der ersten-größenwahnsinnigsten Christenkultstädten des Westmünsterlandes; mit lauter Gold & Prunk & strafend-blickenden Heiligenbildern drin: ich hatte mich selbstverständlich rudimentär schlau gemacht) entfernt; wenn man sich das heute so vorstellt, wirkt das schon?n bisschen eigenartig. Aber damals, als Kind, kam ich da fast täglich dran vorbei: auf meinem Weg zum Bäcker.» Er kramte nach irgendwas, in den Höhlengewölben seiner Taschen: wurde aber nicht fündig. (eine weitere gescheiterte Expedition...) Ich erzählte ihm nicht, dass ich schon heute morgen, im hiesigen Lokalblatt von der Synagogentragödie (das stand da wirklich!!) gelesen hatte. Wie die miesesten Verbrechen doch im Nachhinein immer so gedreht werden, dass so gut wie alle als Helden dastehen! Zur Wiedergutmachung (sic!) hatte man schon vor Jahren den bekannt-fünfzackigen Stern mit hellem Granit ins rote Pflaster eingearbeitet; beim ehemaligen Synagogenstandort. Jetzt sollte endgültig <klar Schiff> gemacht werden, und drei vorzeigbare Sandstein-Stelen waren schon bestellt; die würden dann als Geste der Versöhnung auf drei auserwählte Zacken des Sterns gepflanzt. (wie einfach das doch geht, sich so von?n wenig Schuld zu befreien: einfach in Naturalien abzahlen, sind ja genügend davon vorhanden...)
Was glotzte der plötzlich so frageäugig!: der Mond nämlich. Aus seinen Ohren qualmte schwammiger Rauch; das Tal seiner Stirn kraterte großflächig; war förmlich aufs Belauern versessen, der Kerl (wollte wohl nichts verpassen, hier unten.) Und die zwei verstreuten Menschlein, zwischen Uferschlamm und Alufolie des Wassers, fuhren auch gleich fort: erzählen (Kresco); zuhören und lernen (ich). Zuvor schlich sich aber noch ein weiterer Nachtschwärmer, hagestolzenen Gepfots, durchs seesäumige Getrüpp; helle Augen fuchsten; es knurrte bibern auf; und verschwand wieder: seinen opulenten Barockschweif hinter sich herziehend, als wär das Ding aus Federn zusammengebastelt. (Falls s <Meister Reinecke> war, dann einer von der ganz durchtriebenen Sorte...)
Auf der Gegengeraden: der See vollführte eine irrsinnige Biegung (bei deren Schneiden jeder Rally-Weltmeister jäh versagt hätte!); und wir rotierten gehorsam herum. Es schien jetzt der letzte Streckenabschnitt zu warten; Kresco sprach auch gleich komprimiert-schneller. «Jedenfalls komm ich eines Tages in die Stadt, das genaue Datum ist mir unglücklicher Weise entfallen; es war aber auch zu schrecklich, als dass sich einer noch auf sowas hätte konzentrieren können.»: trotzdem formte er rasch ein entschuldigendes Gesicht, er wusste eben zu gut um meine Versessenheit auf Zahlen und Daten... «Da sah?s erst aus, als hätte jemand leere Flaschen zerschlagen, oder Einmach-Gläser; ziemlich viele Scherben, aber relativ verstreut, so richtig ausgedünnt verteilt, überall. Als ich dann um die Ecke bieg, in die Straße mit den Geschäften, den Lebensmittelgeschäften auch; da seh ich, was wirklich passiert ist. Alles kaputt; jedes zweite oder dritte Geschäft hat ja damals jüdischen Familien gehört.» Er stopfte seine Blicke in den Schatten; wandte sich zu den blau-schwarzen Baumbergen, die sich jetzt links von uns hingestellt hatten. (?Dreckiges, westfälisches Kaff!?; kam mir Dürrenmatt wortgewaltig ins Gemüt. (Ich musste aber sofort sachlich-nüchtern weiterdenken: morgen mal das genaue Datum dieses «Ereignisses» herausfinden. Die werden doch selbst hier sowas wie n historisches Stadtarchiv haben!))
«Und hinten, am Straßenende, wo der Kirchplatz mit dem Brunnen davor anfängt, stand nur noch die verkohlte Ruine (von der Syna-
goge...musste er nun nicht mehr erwähnen); und weils nicht völlig, bis auf den Grund abgebrannt war, zerhackten da noch welche den kümmerlichen Rest. Und wie eifrig die bei ihrer Sache warn.» Mit erstickter-bestimmter Zunge: «Den Bäcker hatte?s natürlich auch erwischt. Ich hab ihn nichma mehr selber gesehn; nur seine Tochter, die älter war als ich, saß vorne aufm Treppenaufgang, mitten im Scherbenhaufen von dem riesigen Schaufenster. Die ganze Hausfront war ja verglast gewesen. Drinnen rumorte?s noch, weil sie so schnell wie möglich alles zusammen packten, was noch übrig war. Ich bin dann ohne mit jemandem zu sprechen umgekehrt und die vier Kilometer nach Hause gelaufen; wir wohnten ja außerhalb.»: und stocksteife Ruhe . Jedes Knacken echote sich mehrfach aus allen Windrichtungen selbst an; ging übers Wasser und verpuffte schwächlich.
«Und Ihnen ist nichts passiert, ihrer Familie?»: der Felsklotz meiner Stimme! Ich kam mir vor, wie jemand, der auf einer Trauerfeier die Witwe fragt, ob sie morgen mit ihm ins Kino gehen will. (Zum Glück kannte Kresco mich; und blinkte mir aus faltigen gewieften Augenränder entgegen.)
«Als ich nach Hause kam, war schon alles fertig verpackt. Am
selben Tag sind wir noch zu unsern Verwandten nach Rotterdam gefahren. Mein Großvater hatte zwar protestiert; der wollte nämlich bleiben, weil er glaubte, ihm könne nichts passieren.» Und: eine fordernde Mimik in Richtung Kresco werfen. (Jetzt wollt? ich natürlich auch wissen, warum der alte Mann sowas glauben konnte!) «Einmal kam so ein NsdAP-Wicht zu uns ins Haus, was der genau wollte, weiß ich bis heute nich. Mein Großvater war aber ein stattlicher Mann; der hat den einfach am Schlawittchen gepackt und übern Zaun geworfen. Seitdem hatten wir nichts mehr mit denen zu tun gehabt; aber sicher ist sicher; und am Ende iss er doch mit uns gegangen.»
Die zerfurchten Ränder der Natur: die letzten Meter legten wir noch wortlos zurück. Einige Vögel Frühaufsteher schrien ihre Morgenlaudatio in die Welt; und der erste Lieferwagen des gerade-zu-sich-gekommenen Tages saugte sich, hundert Meter entfernt, übern Asphaltteppich seinem Ziel zu. Im Osten zerfledderte sich der Himmel in helleren Farben. Kresco warf noch einen abschätzenden Blick auf meinen Wagen (die rostige Kaschemme; jaja ich weiß, aber?s rollt immerhin noch!); ließ sich von mir der gefahrlosen Fortbewegung in solchem Vehikel erneut versichern; bevor wir schließlich-endlich einstiegen. Vier, höchstens fünf Stunden Schlaf: und dann dieses Kaff mal kaltblütiger unter die Lupe nehmen!!
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