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Reto Caluori, *1970; arbeitet im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern. Ein Beitrag zur intellektuellen Biografie Niklaus Meienbergs erschien von ihm kürzlich im Band Nachfragen und Vordenken. Intellektuelles Engagement bei Jean Rudolf von Salis, Golo Mann, Arnold Künzli und Niklaus Meienberg, Zürich (Chronos ) 2000.
Reto Caluori
Vom literarischen Stoff
zum Konfliktstoff
Der Briefwechsel zwischen Niklaus Meienberg
und Otto F. Walter
Niklaus Meienberg und Otto F. Walter galten zu Lebzeiten als zwei sich politisch nahestehende, im übrigen aber sehr ungleiche Autoren. Ihre unveröffentlichten Briefe aus den Jahren 1973 bis 1983 geben Einblick in eine spannungsgeladene Beziehung, deren Konflikte in persönlichen Motiven aber auch in einem entgegengesetzten Literaturverständnis motiviert waren.
Im Roman Die Verwilderung, den Otto F. Walter 1977 veröffentlichte, taucht eine Figur auf, ein ehemaliger Achtundsechziger-Aktivist namens Blumer, von dem es heißt: «Möglich, er ist oder war Journalist, geschieden, siebenunddreißig; zwei Kinder Sohn und Tochter leben bei ihrer Mutter in Luzern. Seit der Scheidung vor sechs Jahren wohnt er in Zürich,
in Paris, in Annency und unterwegs, auch in der BRD, meist bei Frauen. Er nennt sie seine Freundinnen. Leben, zumeist schlecht leben, tut er von Reportagen, von einem mittleren Bucherfolg seiner Untersuchung unter dem Titel ?Chronik einer Provinz?, ab und zu einem Auftrag für Studio Zürich.» Diese Beschreibung war so offenkundig an Niklaus Meienberg angelehnt, dass die zeitgenössische Leserschaft kaum umhin konnte, ihn hinter der Figur Blumers zu vermuten. Der Roman bestätigte diesen Eindruck später, um ihn gleichzeitig zu differenzieren: «Warum nicht Ich sagen? Warum Blumer vorschieben mit seiner zur Hälfte erfundenen, zu einem Viertel von N. M., zu einem weiteren Viertel von mir weggeholten Biografie, mit Gefühlen und Gedanken versehen, die längst nicht alle die meinen sind?» Vom starken Eindruck, den die Begegnung mit Niklaus Meienberg bei Otto F. Walter hinterlassen haben muss, zeugte in der Verwilderung außerdem noch eine dritte Textstelle ein in den Montageroman eingearbeitetes Bruchstück einer Meienberg-Reportage.
Verzögerte Unterstützung
Kennengelernt hatten sich die beiden 1973, als Niklaus Meienberg seine bereits im «Tages-Anzeiger Magazin» erschienenen Reportagen in Buchform publizieren wollte. Auf der Suche nach einem Verlag wandte er sich zunächst an Luchterhand, doch erreichte ihn aus Darmstadt bald eine freundliche Absage: «Lieber Herr Meienberg, mit Vergnügen habe ich Ihre Portraits gelesen, Portraits auch einer Struktur. Wenn ich dennoch befürchte, dass wir von Luchterhand her nicht das richtige Startforum für Ihr Buch bereitstellen können, so hat das zu tun mit dem Umstand, dass dieser Verlag in allen deutschsprachigen non-fiction-
Bereichen ausschließlich auf BRD festgelegt ist und schon im Lektorat der Mangel an Sinn für diesen Typus von Schweizer Literatur da ist noch. Sorry!» Unterschrieben hatte diesen Brief Otto F. Walter, der sich damals aus der Verlagsleitung des Luchterhand Verlags zurückgezogen hatte, jedoch weiterhin als Heraus-
geber und Berater für das literarische Programm
tätig blieb. Er dankte für das Vertrauen und zeigte sich überzeugt, dass Meienberg «für dieses so reizvolle Projekt» schnell den richtigen Verlag finden werde. Indessen erhielt dieser auch von weiteren renommierten Verlagen einen abschlägigen Bescheid. Anfangs 1974 einigte er sich mit der linken Zürcher Verlagsgenossenschaft, wechselte dann aber schleunigst auf ein größeres Pferd, als sich der neu lancierte Verlag Suhrkamp Zürich interessiert zeigte. Doch auch diese Vereinbarung führte nicht zu einer Publikation, da der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld kurz darauf das geplante Schweizer Programm aus politischen Gründen sistierte. Immerhin brachte dieser Entscheid Meienbergs Buchprojekt ins öffentliche Gespräch, und damit wurde es für den Luchterhand Verlag wieder zum Thema.
Im Herbst 1974 besuchte Meienberg Otto F. Walter
im solothurnischen Oberbipp. Man einigte sich auf eine Startauflage von 6000 Exemplaren und darauf, dass Peter Bichsel das Vorwort schreiben sollte.
Anschließend bemühte sich Walter nicht zum ersten Mal , dem Darmstädter Lektorat einen jungen Schweizer Autor schmackhaft zu machen: «M. der ?Schweizer Kisch?, nicht allerdings ein ?rasender?, vielmehr ein lächelnder Zeitgenosse, der wie beiläufig mit fast liebender Hand sehr heisse Stoffe aufhebt und sie listig ?harmlos? beschreibt, gestützt auf akribische Recherche.» Der Verlag ließ sich überzeugen und nahm die Reportagen aus der Schweiz auf bezeichnenderweise ins literarische Programm und nicht in den «non-fiction-Bereich», von dem zu Beginn die Rede war.
Verleger, Freund, Kollege
Der Reportageband wurde zum Bestseller. Besonders Die Erschießung des Landesverräters Ernst S. führte in der Öffentlichkeit zu heftigen Debatten und hielt den Titel über Monate im Gespräch. Noch im gleichen Jahr erschien die zweite Auflage, und die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Autor und Verlag trug weitere Früchte. 1976 brachte Luchterhand Das Schmettern des gallischen Hahns heraus, eine Auslese von Meienbergs seit 1968 erschienenen Frankreich-Reportagen. Ein Jahr darauf erschien eine erweiterte Einzelausgabe des Ernst S.
Doch die Zweitverwertung bereits publizierter Texte ließ sich nicht unbeschränkt weiterführen, insbesondere auch, da Niklaus Meienberg unter dem Eindruck einer formalen Stagnation litt. In einem ausführlichen, sehr persönlich gehaltenen Brief vertraute er sich dem zwölf Jahre älteren Otto F. Walter an: «Das Reportage-Schreiben (obwohl ich weiss, dass es politisch wichtig ist) fängt mir an zu stinken. Ich habe so ein Gefühl, in dieser Form könne ichs nicht mehr weiter bringen. Habe gegenwärtig eine grosse Sache über Valentin Oehen (Nationale Aktion) und den Econe-Spaltpilz Monsignore Lefebre auf dem Webstuhl. Aber was soll das alles, ich möcht jetzt ein anstän-
diger Lyriker werden, über den nicht immer wo wüst geschimpft wird! Möcht auch einmal geliebt werden, oder.»
Mit dieser Absichtsbekundung war Walter nicht mehr nur als Kontaktperson zum Verlag angesprochen. Dass sich ihre Beziehung allmählich zur Freundschaft entwickelte, dokumentieren die Briefe im Wechsel der Anrede, im Übergang zu einem vertrauten Ton, auch in der Schilderung persönlicher Erlebnisse und intimer Erinnerungen. Inhaltlich zeigt es sich daran, dass sich die beiden Schriftsteller offen über die eigenen Schreiberfahrungen zu äußern begannen und am Schreiben des andern Anteil nahmen. So erkundigte sich Meienberg im Sommer 1976 nach dem Erscheinen von Otto F. Walters Verwilderung: «Wann kommt Dein Roman? Möchte ihn dann besprechen; vor allem prüfen, ob die Töff-Details fachgerecht gemacht sind!» Diese
Bemerkung mag heute Schmunzeln machen, weil sie den visuellen Kontrast zwischen dem Motorrad fahrenden Reporter Meienberg und dem Schreibtischintellek-
tuellen Walter in Erinnerung ruft. Mit ihr hatte Meienberg aber zugleich eine poetologische Divergenz markiert, und in dieser Hinsicht war sie durchaus ernst gemeint. Eine genaue Recherche und die Faktizität der Beschreibung erachtete er für die Glaubwürdigkeit eines Textes als fundamental. Seiner Meinung nach konnten einzig sie einem Text Relevanz verleihen. Dem stand mit Walter ein Autor gegenüber, der formalen Kunst- und Eingriffen eine eigene Wertigkeit zumaß und selber intensiv mit literarischen Mitteln arbeitete. Dass die Bedeutung dieser Differenzen über den Bereich des Literarischen hinausgingen, zeigte sich im Oktober 1978, als sich Meienberg zu einem Artikel zu Wort meldete, in dem unter anderem Walters Verwilderung als politisch vorbildliche Literatur bezeichnet worden war. Meienberg war da anderer Ansicht. Nicht von den fiktionalen Gesinnungsromanen eines Walter Vogt, Walther Kauer oder eben eines Otto F. Walter versprach sich Meienberg gesellschaftliche Sprengkraft, sondern ausschließlich von «literarischer Präzisionsarbeit», der Beobachtung des Konkreten, Banalen und Alltäglichen. Von der gröbsten Kritik nahm er Otto F. Walter zwar aus, was aber blieb, war der Vorwurf der politischen Harmlosigkeit.
Verschüttetes Herzblut
Meienbergs Lyrikerambitionen konkretisierten sich Ende 1979, als er sich ernsthaft um die Publikation seiner Gedichte zu bemühen begann. Er wandte sich an seine Kontaktperson beim Verlag, den Kollegen Walter: «Geschätzter Ottof! Hier ein Weihnachts-Geschenkli ganz verschiedenes, im Abstand zu lesen, neu gesichtet, über 15 Jahre hin entstanden und sicher nicht ganz der hermetischen, von Fringeli und anderen Pingeli propagierten Gedicht-Norm entsprechend... Salut und bis bald, und sag mir mal irgendwann wie Du das findest. Titel dieser Gedichtsammlung: Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge». So forsch das auch klang, muss Meienberg doch Zweifel gehegt haben, dass Walter an seiner Lyrik Gefallen finden würde. Tags darauf sandte er einen Brief hinterher, in dem er ihn um eine sorgfältige Prüfung bat: «Lieber Otti, habe Dir mein Herzblut geschüttet es muss nur noch geordnet werden. Verspritz es nicht ohne Meditation!» In diesem Brief äußerte sich Meienberg zudem erstmals zur Blumer-Figur in Walters Verwilderung und tat kaum verhalten sein Missfallen kund: «Im Jahre anno Domini 79 war ich übrigens, man nennt das: jeter au mauvais sort! (= die Zukunft bösartig vorwegnehmen) oft in einer der letzten Verwilderungs-Phasen, verflucht! Ich habe Dich ja immer davor gewarnt, mir solche Zukünfte anzuhängen!» Das bezog sich auf den Suizidversuch Blumers, an dem sich der unter wiederkehrenden Depressionen leidende Meienberg besonders stieß.
Otto F. Walter ließ sich mit der Antwort Zeit,
sei es, dass er beschäftigt war, sei es, dass er sich
vor dem Bescheid scheute, den er dem Freund zu geben hatte. Denn so viel Bewunderung er den Reportagen Meienbergs entgegenbrachte, so wenig konnte er dessen Gedichten abgewinnen. «Lieber Niklaus, ich habe Deine ?Erweiterung der Pupillen? gleich über Neujahr gelesen und wiedergelesen. Das ist jetzt 5 Wochen her; noch immer bist Du ohne Antwort. Diese gewiss üble Verzögerung drückt meine Ratlosigkeit aus; meine Unsicherheit, auch meine Angst Dich zu verletzen.» Bei aller Behutsamkeit, mit der Walter den Brief zu Beginn formulierte, ließ er zuletzt doch keinen Zweifel an seinem Urteil aufkommen und riet Meienberg, das Lyrikprojekt aufzugeben: «Die Versform bringt einen Anspruch mit sich, selbst für?s Pamphlet; auch als schriftstellerische Figur stellst Du einen Anspruch dar, ob Du willst oder nicht. Daran mißt sich das, und an der Intention der einzelnen Stücke. Daran gemessen wirken die Verse bleich und stumpf.» Otto F. Walter war sich im Klaren, was
dieses Urteil bedeutete. Zu gut kannte er Meienberg, um zu wissen, dass dieser die Absage nicht einfach so hinnehmen würde. Er fügte hinzu: «Was ich dir hier so unzulänglich und übrigens gewiss viel zu pauschal sage, schreibe ich nicht als Verlagsmensch. Ich sag?s Dir auch auf die traurige Gefahr hin, dass Du auf mich jetzt sauer wärst in ja nun immerhin schon fast alter Freundschaft als Dein Otto F. Walter.»
Rigorose Massstäbe
Meienberg beantwortete die Absage umgehend. Und im Gegensatz zu Walter, der ihre Beziehung in die Kategorien von Verlags- und Freundesdinge zu trennen suchte, reagierte Meienberg mit einer Totalisierung, in der er Walter nicht nur Verrat an ihrer Freundschaft, sondern auch eine falsche politische Haltung sowie ein bürgerliches Literaturverständnis vorwarf. Ebenso machte er in diesem Brief deutlich, was er von der Blumer-Figur hielt: «Lieber Otti, vielen Dank für Deinen schönen Bericht. Ich erinnere Dich daran, dass Du bereits mein erstes Manuskript ab-
gelehnt hast mit einer ähnlichen Begründung (ich habe den Brief noch; am besten publiziere ich ihn mal zusammen mit dem neuen Brief) und es erst publiziert hast, als es (durch den suhrkamp-Skandal) einen Marktwert bekommen hat. Du hast Dich nicht gescheut, meine Biographie (oder was Du dafür hältst) in Deiner Verwilderung zu benützen. [?] Salut! Du hast mir weder einen Freundesbrief, noch einen Verlegerbrief geschrieben. Du bist ein schematisch denkender Mensch, in Sachen Literatur-Formen. Was nicht in die herr-
schende Mode passt, lehnst Du ab: bis es erfolgreich wird. [?]. Damit bist Du auch sofort integriert,
literarisch und politisch, auch wenn Du Dir einbildest, ein Rebell zu sein.»
An dieser Stelle hätte eine Auseinandersetzung über literarische Formen und politische Haltungen einsetzen können. Aber Otto F. Walter, beleidigt, wollte in diesem Ton nicht mit sich reden lassen: «Lieber Niklaus, Du warst auch schon besser. Deinen Brief find? ich ehrlich kein Glanzstück. Recht hast Du natürlich insofern, dass ich, wie leider alle unsere Kollegen und überhaupt die Linke, vor Deinen rigorosen Massstäben sowohl moralisch wie menschlich, politisch und wohl auch literarisch total versage. Versuchen wir?s zu tragen.»
Für Walters aufgesetzten Gleichmut hatte nun allerdings Meienberg kein Gehör. Dieser Ton stand stellvertretend für ein Ungleichgewicht, das Meienberg ganz grundsätzlich missfiel. «Lieber Otto, [?] Wegen unserem Verhältnis: Es hinkt. Du kannst über meine Manuskripte befinden, ich nicht über Deine. Das nennt man hierarchisch. Das muss ich akzeptieren, wenn ich an Dich als Verleger gelange. Immerhin finde ich, dass verschiedene Stellen in Deinen Manus-
kripten, wenn Du dieselben strengen Massstäbe anlegst wie in Deinem ersten Brief bez. meiner ?Gedichte?, nicht hätten gedruckt werden können. [...]. P.S. Gewissensfrage: Würdest Du die Lyrik Deiner Schwester drucken? Die ist etabliert und allgemein anerkannt als Lyrikerin. Ist sie wirklich so gut? Ich habe den Eindruck: wenn Du meine Poesie ablehnst, so hat
das auch damit zu tun, dass ich Dir politisch zu weit gehe, zu bösartig bin.»
Verhandelt wurde da längst nicht mehr nur die Ablehnung der Gedichte. Nachdem ihm Walter die Anerkennung als Lyriker verweigert hatte, grenzte sich Meienberg in politischer, literarischer und zum Schluss auch in persönlicher Hinsicht ab. Als Walter, mit einer Lungenentzündung zuhause im Bett liegend, nicht umgehend reagierte, doppelte Meienberg nach: «Lieber Otto F. Walter, Es isch mer ärndscht. Ich lasse mir nicht auf die Kappe scheissen, auch von Otto F. Walter nicht.» Abermals zählte er die strittigen Punkte auf und abermals fehlte der Verweis auf die Blumer-Figur nicht: «Du hast meine Biographie verwurstet in der Verwilderung [?] Ich erkenne mich darin nicht wieder. Der Porscht hat nichts mit meiner wirklichen Person zu tun, sondern mit dem, was Du Dir, unorientiertermassen darunter vorstellst.» Schließlich drohte
er: «Außerdem werde ich, wenn Du Dich nicht meldest und alles totschweigst, die Sache in die Öffentlichkeit bringen.» Für Walter war der Dialog damit gescheitert, eine weitere Zusammenarbeit undenkbar: «Dein jüngster Brief. Du gehst da entschieden zu weit. [...] Dass unsere Freundschaft auf eine solch schwachsinnige Weise und unter überaus seltsamen, mir unverständlichen Erpressungsversuchen Deinerseits kaputtgemacht werden könnte, habe ich eigentlich nicht gedacht. Eins hast Du geschafft: ich werde von jetzt an alles, was Du schreibst, hervorragend finden. Und was die Verlagsdinge anlangt: bitte, wende Dich zukünftig direkt an den Verlag.» Die Beziehung zwischen den beiden war an einem Tiefpunkt angelangt. Meienberg forderte von Luchterhand seine Rechte zurück und brachte den Gedichtband 1981 beim Zürcher Limmat Verlag heraus, wo er den Anfang einer engen und erfolgreichen Zusammenarbeit begründete.
Nachträglich hat Meienberg seine Ankündigung wahr gemacht und in seinen Texten verschiedentlich auf die Ablehnung der Gedichte durch Walter hingewiesen. Einen Seitenhieb enthielt namentlich das Gedicht, das den umstrittenen Lyrikband einleitete: «Degoûtiert / von der Politik / kriech ich in die Poesie / zurück [...] Garstig / die öffentlichen Dinge / Herzensabgründe / sind gemütlicher/ rentabler / verkaufen sich tifig [...] Poetry! Lyrik! die Leier! zur Hand endgültig / wie Otto F. Walters / Schwester Silja / (Zürcher Kulturpreisträgerin) [?].»
Öffentlicher Schlagabtausch
Der Briefwechsel war zum Erliegen gekommen, jedoch bedeutete dies nicht das Ende der Auseinandersetzung. Diese wurde nun aus der privaten Korrespondenz in einen öffentlichen Bereich verlagert.
Mit dem Erscheinen von Walters Roman Das Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht war 1983 der
Anlass gegeben, auf die literarischen Differenzen zurückzukommen. Der Disput drehte sich erneut um
die Frage, ob sich die gesellschaftliche Realität mit fiktionalen oder mit dokumentarischen Mitteln besser kritisieren lasse. Im Rahmen der so genannten
«Realismusdebatte», die 1983/84 in der Zürcher
«Wochenzeitung» ausgetragen wurde, warf Meienberg Walter vor, mit seinen fiktionalen Arbeiten hinter der Wirklichkeit zurück zu bleiben. Ihm missfiel insbesondere, dass der von Walter behauptete Wirklichkeitsbezug im Roman nur indirekt zum Ausdruck kam, etwa wo «Schweizer-Zeitung» stand statt «Tages-Anzeiger». Otto F. Walters Erklärung, wonach er sich durch die Fiktionalisierung an ein «mögliches Grundmuster» annähern und dadurch nicht nur den Einzelfall, sondern eine gesellschaftliche Tendenz darstellen wollte, ließ Meienberg nicht gelten. Vielmehr beschuldigte er Walter, dass dessen Fiktionalisierung einzelner Elemente der Wirklichkeit keine gründliche Recherche vorausgegangen sei, und deshalb die Grundlage für eine als Muster dienende Gestaltung gesellschaftlicher Zustände fehle: «Um exemplarisch werden zu können», lautete der zentrale Einwand, «müsste das Dokumentarische aber präzis gewesen sein.» Diese Argumentation ähnelte Meienbergs 1978
erschienener Kritik der Verwilderung nicht zuletzt darin, dass Meienberg Walters fiktionalisierenden Techniken die politische Wirksamkeit absprach,
die er der eigenen dokumentarischen Schreibweise zubilligte.
Otto F. Walter fühlte sich von Meienbergs Artikel persönlich angegriffen und warf ihm in seiner ebenfalls in der «Wochenzeitung» veröffentlichten Replik ein arg limitiertes Literaturverständnis vor: «Wäre möglich, dass NM den Unterschied zwischen einer Sommernacht und dem ?Sommernachtstraum?, oder den Unterschied zwischen einer Lokomotive und der ?Lokomotive? von Jean Tinguely nicht erkennen kann? [?] Wäre möglich, dass da noch immer ein hierar-
chisches Weltbild in NM's Kopf verheerend herumgeistert, dass ihm verbietet, die unendliche Fülle von Wirklichkeit auch im Imaginären, Phantastischen und Träumen als wirklich anzuerkennen?» Brüskiert von der als unsachlich empfundenen Kritik ging Walter dann dazu über, Meienbergs polemischen Ausführungen als persönliche und deshalb uninteressante Obsession abzutun. «NM und ich waren nicht allein Genossen, wir waren Freunde. Das hat sich vor etwa fünf Jahren geändert. Seither bin ich ab und zu Objekt seiner Vernichtungsprosa. Ich frage mich, warum er mit diesen immer wilder gewordenen Überschlägen seiner zerstörerischen Energie um meine Zuwendung, um meine Anerkennung kämpft? Ich frage mich, warum er nun seine Anstrengungen verdreifacht, um mich und meine Kreativität auf die schlichten Muster seiner Ordnung zu verpflichten?»
Nachdem die «Wochenzeitung» Walters Entgegnung veröffentlicht hatte, wandte sich Niklaus Meienberg letztmals in einem privaten Brief an den Kollegen. Mit Walters Art der Kritik war er gar nicht einverstanden: «Lieber Otti, was soll das? Was bringt Dir diese Aufregung? [?] Meine Kritik bezog sich auf Dein Buch, sie war für jeden Leser, der das Buch kennt, nachvollziehbar oder ablehnbar auf Grund des Buches. Über Dich als Person, Deine Psyche, Deine intimen Schwächen und Stärken, habe ich nichts geschrieben. In Deiner Duplik, welche die Woz abgedruckt hat, versuchtest Du mich hingegen zu psychiatrisieren nicht sehr geschickt, finde ich. Argumente zur Sache brachtest Du nicht.» Den Vorwurf, an ihrer in Brüche gegangenen Freundschaft schuld zu sein, wies Meienberg in einer Nachbemerkung zurück: «Bitte rede oder schreibe nicht mehr von unserer vergangenen ?Freundschaft? (oder was Du dafür hältst) ohne gleichzeitig
zu erwähnen, wer sie zur Sau gemacht hat: nämlich
Du mit Deiner grässlichen N.M.= Blumer-Figur; und mit Deiner pauschalen, schnoddrigen, schnell hingefetzten Ablehnung meines vorletzten Buch-Manuskriptes (O-Ton Walter: Wer Gedichte macht, muss sich an gewisse Regeln halten). So verhält sich ein Freund nicht.»
Dieser Brief beendete die Korrespondenz zwischen Niklaus Meienberg und Otto F. Walter endgültig. Eine Fortsetzung fand hingegen die poetologische Diskussion. Auf Einladung der «Wochenzeitung» trafen sich die beiden im April 1984 zu einem Streitgespräch. Fast macht es den Anschein, als hätte es diesen öffentlichen Rahmen gebraucht, um diesmal die Auseinandersetzung auch auf inhaltlicher Ebene zu führen.
Erstaunlicher Weise zeigten die beiden viel Verständnis für die Person und das Schreiben des anderen. Sie anerkannten sich als zwei Schriftsteller, die aus ihrem jeweiligen persönlichen und regionalen Erfahrungsraum schöpften und mit ihren Texten auf unterschiedliche Weise Partei ergriffen. Sie waren sich einig, dass dabei die Fakten stimmen müssen, aber auch, dass ohne literarische Methode nenne man sie «logische Fantasie» (Meienberg) oder «Fiktionalisierung» (Walter) kein Text gelingen könne.
Literarische Verfahren und reales Unbehagen
Bei soviel Einigkeit stellt sich die Frage, ob der literarische Konflikt nicht schlicht von persönlichen Beweggründen motiviert war, sich namentlich als Meienbergs Rache für die Zurückweisung seiner Gedichte erklären lässt. Allerdings lässt die Debatte auch den umgekehrten Schluss zu, dass nämlich das disparate Verständnis davon, in welchem Verhältnis Literatur und Wirklichkeit zueinander stehen, ursprünglich dafür verantwortlich ist, dass die Freundschaft Schaden nahm. Gegen Ende des Streitgesprächs kamen die beiden auf die Figur Blumers in
Walters Verwilderung zu sprechen. «Ich fühlte mich reduziert auf eine Rolle, in etwa die des intellek-
tuellen Töffahrers», meinte Meienberg. «Ich habe dort das Gefühl gehabt, dass Du Dich gar nicht richtig interessiert wenn Du schon N.M. schreibst , wie ich wirklich bin» Die Blumer-Figur war, wie die früheren Äußerungen Meienbergs belegen, für die Dynamik des persönlichen Konflikts nicht un-
erheblich. Begonnen mit der kritischen Bemerkung in einem Brief von 1979, als ihre Beziehung noch nicht von der Zurückweisung der Gedichte belastet war, rezipierte Meienberg die Figur Blumers als dokumentarische, die von Walter als fiktionale konzipiert worden war. In der in die Realität zurück projizierten Person Blumers konnte sich Meienberg nicht wiedererkennen doch statt direkt auf dieses Unbehagen einzugehen, reagierte Walter wiederum mit einem literarischen Verfahren. In einer Szene des Schlafwandler-Romans wird ein ähnliches Verhältnis zwischen einem Autor und einem Journalisten rekapituliert: «Als Wander ihm seinerzeit von seinem Romanprojekt erzählte und beifügte: Übrigens beute ich dich aus, ich meine: deine Lebensgeschichte, war Peter zunächst, wie Wander schien, sogar ein wenig stolz gewesen. Später, im letzten Frühjahr, als er das Manuskript las, hatte er dann doch verärgert reagiert. Wie Wander dazu käme, ihm einen Selbstmord anzudichten? [?] Du nimmst meine Biographie, höhlst sie aus und füllst deine eigenen Geschichten und Gefühle hinein. Wander, geht man so mit Freunden um?» Das (Konflikt-)Verhalten von Walter und Meienberg verhielt sich analog zu ihrem jeweiligen Literaturverständnis: Während Otto F. Walter seine Erfah-
rungen mit Meienberg zweimal literarisierte, ignorierte Meienberg zweimal den fiktionalen Rahmen und las die Romantexte als konkrete, dokumentierende Schilderungen. Vielleicht weil er außer dem Realen nichts gelten ließ, neigte er dazu, hier auch das Imaginäre für wahr zu nehmen.
Zwangsläufig sind sich Walter und Meienberg auch später noch regelmäßig begegnet, in Diskussionsrunden, an Lesungen, Literaturtagen und ähnlichen Schauplätzen. Doch die Freundschaft war zerbrochen und der Schriftwechsel eingestellt, mit einer Ausnahme: Meienberg machte es sich zur Gewohnheit, Walter jeweils ein gewidmetes Exemplar seines neusten Buches zukommen zu lassen. Darin versuchte er, das zerschlagene Verhältnis wieder zu kitten: «Für Otto F. Walter in der Hoffnung, dass wir wieder etwas voneinander sehen / hören / schmecken / riechen», setzte er 1985 auf das Vorsatzblatt. Und fast schon entschuldigend schrieb er 1989: «Für OttoF, mit dem man streiten und den man trotzdem (oder deswegen!) schätzen kann.»
Die zitierten Dokumente sind Bestandteil der im SLA aufbewahrten Nachlässe von Niklaus Meienberg und Otto F. Walter. Die Zitate aus der Realismusdebatte stammen aus: Wochenzeitung (Hg.): Vorschlag zur Unversöhnlichkeit, Zürich 1984.
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