entwürfe - Zeitschrift für Literatur
Ausgabe 24:
Post
Aly Berlen; lebt in Berlin.

Aly Berlen
Acht Gedichte


Die Worte bringe ich nach Hause. / Ein Wasserfall voller Sterne. / Am sonnigen Tisch werde ich dir / nette Gedichte schreiben, / Ist nicht ein Gedicht Eros's Schwester? /
An Zahl meiner Worte / schrieb ich an Götter im Norden; / einen kurzen, aber lesbaren, Brief, / wie ein indischer Papagei, / sehr wortgewandt! / 0, die Dichter / ohne Dach über dem Kopf / mit Tränen im Auge / haben es immer eilig, /
die ungeduldigen Dichter! / Haben wir nicht mal zusammen / Goethes Verse gelesen? – / Nein, gesungen!



Einsamkeit

Das Licht / kann nicht durch die Fensterscheibe; / die Wehmut / klopft an meines Herzens-Tür?/ Was habe ich hier? / Außer ein Fenster, Richtung nirgendwo/ und ein Star auf dem Nachbarbaum! / Sonntags / in Abwesenheit vom Briefträger / und Müllmann / in der Einsamkeit sage ich oft zu mir: / «Hier bist du frei!» / Eine Insel / ohne Sand, ohne Palmen. / Merkwürdig, sogar der Spiegel/ erkennt mich nicht wieder./ Liebe Wehmut! – Ziehe deine Schuhe an, / Ich habe etwas vor!



Metaphern

Schlaf niemals betrunken / und sei nicht überheblich, /
wenn die Kinder auf dem Spielplatz dich grüßen! / Barfuss wie Wind, der Vergessenheit Kampf erklären. / Es ist noch lange kein Weltuntergang, / wenn der Teufel am Fluss angeln geht. / Die Kühe denken nicht ans Ziel / und verstehen die Blicke der Passanten nicht. / Sonntagszeit ist nicht verkäuflich. / Was soll ich dem Feuer anziehen, / wenn es über die Kälte jammert? / Man muss nicht in den Wald gehen, / um Lügen ins Ohr zu flüstern. / Unzählige Fische sind im Wasser
ertrunken. / Die Göttin, die uns mit ihren Songs / unterhielt, ist schon lange gejagt worden.



Romance

Die Blumen am Bach sind ausgewandert. / Der Nachtvogel hat sich verflogen. / Als er an meiner Fensterscheibe klopfte, / wollte ich ihn mit Versen füttern. / Zerkleinertes Brot für Tauben unterwegs. / Ihr Federkleid bestand aus tausenden von Stücken. / 0 du alte verräucherte Stadt / mit der Stimme des Muezzins / und mit dem Klang der Kirchenglocken /
und der Stille der Synagoge. / In welcher Sprache muss man weinen, / hier, in dieser Stadt? / Was für einen Reiz hat der Herbst, / dass die Bäume sich so nackt ausziehen? / Tausende rote Äpfel haben sich / an Bäumen erhängt. / Die Granatäpfel platzen / durch die Reife auf. / Der Himmel donnert und blitzt, / während die scheue Sonne sich erschreckt.



Freude

0 wie nah ist die Freude! / Ein imposanter Fels lächelt in
der Sonne. / Wir suchen bunte Schmetterlinge / und trinken Tee mit Würfelzucker im Mund. / Ich lege einen blauen Kiesel auf ihre Brust. / Die Welt ist alt wie ein langer Kuss, / und als die Frau die Feder fand, / kannte keine ihr Augenlid. / Sie – wie ein langer Weg, / und er – wie ein Weglagerer.



Ein Ausflug

Zu Besuch beim Vegetarier. / Es gibt Brot, Käse, Tomaten und Basilikum. / An der Flussbiegung: Schmetterlinge,
Rebhühner und Fenchelsträucher. / Ein Hund bellt! /
Wir trinken Tee, mit Fischen, die keine Vorurteile haben. / Der Kaugummi, geklebt am Tellerrand, / die schlimmste Tat; / die grünen Gurken grob abschälen / und fauler Buddha verpasst den letzten Zug. / Er isst den Fisch und sagt nicht mal: / «Koste mal!» / Die Wespe verließ den Obstgarten / und flog in den Buchladen.



Exil

Ich frage den Vogel im Käfig: / «Wann ist hier Morgendämmerung?» / Mein Name begleitet die Schwalben. / Die Tränen der hundert Jahre Einsamkeit / ließen uns keine Zeit fürs Gespräch. / Stille – ein Springbrunnen zwischen / zwei Sehnsuchten! / Wir verfolgten Cäsar, aber kamen / nach Rom / und blieben als Gast bei Gott. / Wir saßen unterm Pflanzentopf / und redeten über den Wald; / und was half der Edelstein / von Salomos Ring? / Durch Mineralwasser fühlten wir uns / sogar betrunken.



Brief

Der Poststempel auf dem Brief heißt: / Unbekannt! / In welcher Sprache soll ich dir wieder / schreiben?/ Ich, / mit bunten Luftballons. / Ich sehe dich nicht mal zufällig / auf der Straße in der Stadt. / Auf einen Zettel male ich ein Boot / und werfe es in den Bach; / oder schreibe einen Brief und kaue ihn! / schreib mir, und sag, / warum unser Name nicht / in heiligen Büchern steht.


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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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