entwürfe - Zeitschrift für Literatur
Ausgabe 24:
Post
Andrea Pfalzgraf, *1960; Fernseh- und Pressejournalistin in Zürich, schreibt derzeit an einem Drehbuch über den Fraumünster-Postraub.

Andrea Pfalzgraf
Posträuber

Der Anruf
In der Hand einen Traum von einem Spitzendessous. Im Kopf das eigenartige Gefühl einer überfüllten Festplatte. In der Handtasche unerbitterliches Vibrieren.
Das familiär anmutende Zeichen meines Dazugehörens zur allzeit abrufbaren Welt. Der sowieso viel zu teure BH fällt zu Boden, kaum hab ich die Taste gefunden. Das Kästchen rutscht mir auch fast aus der Hand, die Verbindung ist miserabel, aber ich weiß sofort: «Er ist es.»
Später werden mir einzelne Kollegen tatsächlich vorwerfen, in ein amouröses Verhältnis verwickelt zu sein mit X. Wie absurd diese Fantasie ist, könnte ich allerdings in dieser Minute nur schwer beweisen. So wie ich mich gerade jetzt benehme in der Dessousabteilung des Nobelwarenhauses. Das gute Stück aus glänzender Seide achtlos am Boden. In der Hand, schwitzend, das Mobile. Meine aufgeregt scheppernde Stimme stellt die dümmste aller Fragen: «Wo bist Du?»
Das typisch kindische Gebaren der Verrückten, der Verliebten. Falsch. Es gibt sie nämlich noch, die andere Variante. Die Aufregung ist echt. Da gibt es keinen Zweifel. Gleichzeitig muss ich über mich selbst lachen. Ich drücke mich zuhinterst in eine Umkleidekabine. Ziehe den Vorhang und ahne, in diesem Moment bin ich auf der anderen Seite. Auf der Seite des Verbrechens. Getrieben von Neugier und in der Hoffnung, die Leitung rund um den Erdball möge für einmal erhalten bleiben. Für einmal, genau jetzt. «Ich will mit dir reden». – «Ja gut, wie geht es dir?» – «Naja, du kannst es dir ja vorstellen.» Nichts, aber auch gar nichts kann ich mir vorstellen. Oder vielleicht doch. Habe ja auch schon entsprechende Filme gesehen. Uns trennen mindestens 20000 Kilometer und eine Straftat. Genau genommen, 53 Millionen Schweizer Franken.
Natürlich will ich das Interview machen, aber er ist mir plötzlich fast zu nahe, ich strecke den Hörer ein wenig weg von meinem Ohr. Dann ein Knacken, aufgeregtes «hallo, hallo» meinerseits, viel zu laute Stille plötzlich.
Zwei Tage später, Nachtessen mit Freundinnen, angeregtes Gespräch. Einigkeit über die Geschlechterfragen, sattes Wohlfühlgeplänkel, das aufsässige Klingeln aus der achtlos am Boden liegenden Umhängetasche fast überhört. So nebenbei schnell antworten, routiniert eben, allerdings die Stirn in Falten geworfen, schließlich wars gerade eben so gemütlich. «Ja????» und dann zusammenzucken. ER wieder. Schnell eine ruhige Ecke, Schlafzimmer der Freundin, Türe zu. Fragen rund um den Erdball. Wieder will er reden. Endlich erzählen. Seine Wirklichkeit los werden. Wieder klappt die Verbindung nicht. Wieder die Unzulänglichkeit der vernetzten Welt. Hätte ihm gerne zugehört, ihm, dem Posträuber auf der Flucht.

Der Besuch
Hätte doch nicht die dunkle Bluse anziehen sollen. Schon auf der Fahrt im Postauto wird es mir warm. Regen war angesagt, jetzt ein unverhofft blauer Nachmittagshimmel, die Sonne zeichnet in voller Kraft helle Schweißränder unter meine Arme. Die Tasche ist schwer. Gefüllt mit Früchten. Mitbringsel für den Posträuber Y in der Abteilung B4. Ich habe ihn am Prozess beobachtet. In 20 Minuten werde ich ihm im Besuchsraum zum ersten Mal gegenüber sitzen. Ihm 2 Stunden zuhören, wenig Notizen machen. Einen Entwurf dieser Persönlichkeit skizzieren, die ich kennenlernen und verstehen lernen will. Auch er schwitzt. Es ist kühl. Mich fröstelt hinter den verschlossenen Türen, dem Panzerglas. Die Welt, die Vögel, die Sonne, alles scheint plötzlich sehr weit weg.
Er redet ununterbrochen. Bei fünf Stunden Besuchszeit pro Monat will er möglichst viel loswerden, jetzt. Er freut sich über den Besuch. Das hat er bereits in seinem Brief angekündigt «...ich habe heute Ihren Brief erhalten, er war wie ein kühler, frischer Wind an einem heißen Sommertag». So schreibt kein Posträuber, dachte ich, erstaunt und plötzlich ziemlich neugierig. Neugierig auf diesen Menschen, der mehr als 5 Jahre im Gefängnis eingesperrt sein wird. Diesen unscheinbaren, etwas farblosen und düster erscheinenden jungen Mann, der am Berufungsprozess immer in der dritten Person sprach, wenn er von sich erzählte. So, als hätte diese Figur, die beim sogenannten Jahrhundert-Postraub die Hauptrolle gespielt haben soll, nichts, aber auch gar nichts mit ihm zu tun. Dieser Mann ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Er sitzt mir gegenüber, ringt anfänglich um Worte. Versucht auszuloten, wer sich da für ihn interessiert. Misstrauisch seine Augen hinter der modischen Brille.
Ich höre zu. Nur abgelenkt durch das Kind eines Mitgefangenen. Es sitzt mit seiner Mutter am Nebentisch und plaudert munter. Die Eltern halten die Hände ineinandergekrallt, die Münder verschlossen. Das Kind erzählt, Geschichten. Ich höre die Geschichte des Posträubers. Eine von mindestens 10 Varianten. Schließlich waren sie eine große Gruppe. Tragisch, komisch manchmal, unglaublich und absurd. Von krimineller Energie sprach der Staatsanwalt am Prozess, replizierten die Medien am Tag danach. Ich weiß noch immer nicht genau, was damit gemeint ist. Hier sitzt ein junger Mann. Das Etikett Posträuber hat sich in seine Haut gebrannt. Dieses Mal wird er nie mehr loswerden. Lebenslänglich. Er hat längst kein Geld, enorme Schuld(en) und vor allem eines: Angst. Und Scham. Er schämt sich vor seiner ehemaligen Arbeitgeberin, der Post.
Er hat sie verraten, wurde ihm vorgeworfen. Er empfindet das inzwischen selber so. Dafür sitzt er hier. Strafe muss sein, findet er. Aber nicht so. Auch darüber erzählt er lange. Seine Stirn glänzt dabei. Er hat Angst vor den Mitgefangenen, sie sehen in ihm den cleveren Ganoven, haben seine Millionen schon unter sich aufgeteilt. Er aber würde nichts lieber tun, als das Geld der Post zurückgeben. So könnte er später wieder mit geradem Rücken am Postschalter einen Brief aufgeben. Davon träumt er.
Ich muss durch die Schleuse, bekomme meine Schuhe, meine Tasche, meine Identität wieder zurück. Die Sonne hilft nicht gegen das Frösteln. Warum schaut der Postautofahrer so seltsam?





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