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Katharina Hacker
Tage
Ein Tag, 5
Die Fenster meines Zimmers sind schmutzig, die Tage werden länger, am grauen Himmel bewegt sich nichts, nicht einmal ein Vogel, ein Krankenwagen stellt die Sirene an, nachts träume ich manchmal, ich wüßte jedes Wort, das ich schreibe, auswendig und wäre mir nicht übel vor Schreck, würde ich lachen.
Vor der Stadt treibt der Nebel des gestrigen Tages über die Felder, durch zerbrochene Scheiben, eingebrochene Dächer; Krähen sitzen wie dunkle Verknotungen in den Pappeln, zwischen den Zweigen einer Buche schaukelt ein zerrissener - Drachen, und das Bedauern steht vereinzelt und schwarz vor Regen auf Wiesen wie Strohballen, die keiner braucht.
Daß er die Stille nicht erträgt, sagt mir einer, die Stille, die wie ein Tier zwischen den Schulterblättern sitzt, sich langsam ausbreitet bis zur Lunge, und plötzlich begreife ich, wie viele viel älter sind oder schon alt, daß es sehr wenige Gründe gibt, nicht an den Tod zu denken und daß ich ihre Angst nicht teile, ihre Müdig- keiten, Demütigungen.
Als ich hier einzog, fand ich jeden Morgen kleine, schwarze Käfer, die nicht davon- krabbelten, sich nicht tot stellten: jetzt sind sie fort, und fast bedauere ich es: ich hatte mich gewöhnt an sie und daran, daß sie sich nicht stören ließen von mir.
Im Schlaf ist der Tod manchmal schneller als alle Träume und schneller als das Erwachen. Am Morgen liege ich immer noch da, die gleiche Brandmauer vorm - Fenster, das gleiche Stück Himmel, ein grauer Lappen, vielleicht ist der Wind draußen warm, vielleicht hört man am Wald- rand, wie feuchte Zweige sich aneinander reiben und sieht in der nassen Erde die Gänge von Mäusen, an Baumstämmen Pilze, groß und blaß wie Totenschädel, vielleicht sieht man im Wald ein Autowrack, das im Sommer Farne und Gräser und Frauenmantel überwuchern.
Aber noch ist es Winter, und nur von drinnen, vom Fenster aus, scheint der Wind warm, nur unten im Hof, in dem es nach Kohle, nach Feuer riecht, und der große Container ist schwarz von verbranntem Müll, Radkappen am Straßenrand, vier Stück, eine Ratte läuft bedächtig den Bürgersteig entlang, über einen einzelnen weißen Schuh mit hohem Absatz wundere ich mich und darüber, daß mir trotz der Kälte Schweiß übers Gesicht läuft.
Als ich zurückkomme, beschlagen die Scheiben in der Küche, ein Marienkäfer liegt auf der Fensterbank, und obwohl er tot ist, freue ich mich darüber und - säubere ihn vom Staub.
Ein Tag, 6
Mittags gehe ich hinunter, Ruß auf den Treppen, schmutzige Zeitungen vom Vorjahr
und auf einer Fensterbank ein Vogelnest. Eine Wohnungstür steht offen, schwingt auf im Luftzug,
dahinter ein kahler Raum, dahinter ein gelbes Hemd am Türgriff, eine Matratze
steht aufrecht an der Wand. Zerkratzt die Stufen, als hätte man schwere Möbel eilig
hinuntergeschleift, und auf dem nächsten Treppenabsatz ein braunes Brett, - zersprungen.
Daß alle ausgezogen sind in dieser Nacht, an diesem Morgen, fürchte ich,
das ganze Haus verlassen, und wer zurückbleibt, wird blindlings
nach Lichtschaltern tasten, und an den leeren Rollen vor den Türen einen Fetzen Papier suchen, auf dem eine Nachricht geschrieben steht.
Manchmal lasse ich für Tage den Schreibtisch, rühre nichts an, setze mich in ein Café,
lese dort, schreibe an fremden Tischen, warte ungeduldig,
daß eine dünne Schicht Staub sich auf den Papieren, Büchern, Briefen bildet, das Holz bedeckt, bis ich mit einem Finger Linien in den Staub zeichnen kann.
Erleichtert höre ich Stimmen, ein Kind plappert, eine Tür schlägt zu; sobald es dämmert, gehe ich hinunter in den Hof, schaue das Haus hinauf und sehe, in fast allen Fenstern brennt Licht, und an zwei Briefkästen stehen andere Namen.
Am Ende vergesse ich den Staub, setze mich an meinen Tisch, fahre mit der Hand achtlos
über die Bücher, Papiere, das Holz, später übers Gesicht,
sehe später im Spiegel die schwarzen Streifen, denke an die weißen, leuchtenden Bahnen der Flugzeuge, die ich vor meinen Fen- s- tern sehr fern aufsteigen sehe, an
die bunten Streifen, die wir uns als Kinder ins Gesicht malten, an unsere Namen: Fliegender Stern. Gro- ßer Bär. Bemerke erst dann, daß ich meinen Plan vergessen habe.
Nachts gehe ich noch einmal aus dem Haus; vor der Eckkneipe liegt auf den - Stufen wie immer der alte Schäferhund, hebt den Kopf nicht, und als ich die grelle Stimme der Wirtin rufen höre, denke ich, daß es Zeit zu schlafen ist.
Ein Tag, 7
Auch als ich zum dritten Mal, zehn Uhr mittlerweile, aufwache, ist es nicht heller geworden, nur eine Täuschung, denke ich, und daß ich nicht eingeschlafen bin, nicht geträumt habe, als wäre in diesem Licht an Schlaf nicht zu denken,
und ich schleppe die Träume hinter mir her und das Entsetzen,
wie Pferde den Fluß herauf Kähne schleppen,
oder Schiffe andere Schiffe.
Zu spät das Licht an diesem Morgen, zu wenig, und mir fällt ein, daß eine Freundin Pappeln aus ihrem Fenster sieht, Eisenbahn- glei- se. seit einigen Tagen erst, und daß Bücher, Sommerkleider noch in den Umzugskisten lagern.
Morgen machen wir dicht, sagt mir die rothaarige Frau im Kaufladen, winkt ab, als ich ihr die Äpfel zum Wiegen reiche. Kaum einer der Läden, die es gab, als ich hier herzog, existiert noch, und ich frage mich, wem die alte Frau mit den weißen Locken die Fotos ihrer Enkel zeigen wird.
Ob man sagen darf, ich habe Angst, fragt Blumenberg in einem Aufsatz, und ich denke an das versteinte Gesicht eines Freundes, an seine Freundlichkeit, das Lächeln, während er arbeitet, die Toten zählt, lebenslang; an die Witze. Geschichten und die Zuversicht eines anderen Freundes, der in Auschwitz war. Darf man sagen, ich habe Angst, fragt Blumenberg, verneint, und ich weiß keine bessere Antwort, aber ich wünschte, er hätte unrecht.
Manchmal sehe ich sie auf der Straße, dick, mit weißen Locken, dem zögernden Gang
der Kurzsichtigen, so spricht sie Passanten an, den Briefträger, einen Bauarbeiter, Kinder auf dem Weg zum Spielen, und kaum einer bleibt stehen.
Daß sie achtzig Jahre alt ist, weiß ich, Omnibusfahrten, Einkaufsfahrten unternimmt fast jede Woche, nichts kauft, daß ihr Hals faltenlos ist wie der einer - jungen Frau, und jedes Mal beäugt sie meine Schuhe, als könnte sie nicht - glauben, daß ich von alleine so groß bin.
Am Nachmittag beginnt es zu schneien; die blinden Fensterscheiben der ausgebrannten Wohnung gegenüber starren in den Hof, wie die eigenen Augen in entsetzlichen Träumen, die Namen und Versäumnisse zu grotesken Geschichten - verflechten, ein Steckenpferd, ein blinder
Korbflechter an einem anderen Ort, vor Jahren, und in die Lider graben sich Zeichnungen ein, wortlos und deutlich,
der tote Nacht- falter mit den akkurat gefalteten Flügeln über der Tür.
Ein Tag, 11
Am Morgen auf der Straße Stühle, ein Kühlschrank, zerplatzte Kartons voller - Kleider und Briefe, ein Radio, die Fenster im dritten Stock stehen offen, nichts Brauchbares, murrt ein Mann, hält eine zerrissene Jacke hoch,
so viele Briefe, Gespräche, Annäherungen, deren Versprechen unbrauchbar waren,
und wie viel man aufbewahrt, als wollte man Land aufschütten, wo Wasser ist oder Sumpf,
als fürchtete man, bald nicht mehr zu wissen, wohin die Schritte setzen, wäre nicht längst
weitergelaufen,
eine Angewohnheit, seltsam wie Telefongespräche mit Übersee, wie die Zehntelsekunde Schweigen, bis man die Stimme des anderen hört,
die Stimme fast eine Angewohnheit, oder daß einer erst abends zum Briefkasten geht, Briefe nachts öffnet, wenn es ganz still ist, kein Laut zu hören, nur das - Messer, das den Umschlag
aufschnei-det,
oder glückliche Gewohnheiten, zu- schauen, während ein Geliebter Kleider zusammenlegt, seinen Mantel zuknöpft, Papier faltet, dabei sehen, wie fügsam Dinge sein können, daß die Leichtigkeit der Ordnungen fast etwas Übermütiges ist
wie manchmal Ameisenspinnen, Computerfehler, Staubsauger oder mehrere Blumen- sträuße zur Unzeit
In der Zeitung steht, daß ein alter Mann seine Frau erschossen hat, die im Krankenhaus lag; wer wäre darauf verfallen, eine Pistole bei ihm zu vermuten, ihn zu durchsuchen,
und wo trug er sie, in einer Tüte zwischen Äpfeln, Taschentüchern, eingewickelt in ein Nachthemd, in der Manteltasche?
Hände haben eigene Gewohnheiten, und wo sich die Finger an den Seiten be- rüh- ren, sind sie rätselhaft wie die Wände eines vertrauten Zimmers, kleine Erhebungen, Flecken dort, wo man längst nicht mehr hinreicht, und auch auf der Haut Flecken, wie Vorboten, die schon verjährt sind, wie Kindergeburtstage, Topf- schlagen oder Der Plumpsack geht um,
und die Tage wandern immer im Kreis, vorbei an den wachsamen Rücken und Köpfen, die sich gleich umdrehen werden oder auch nicht.
Wie die Frau gegenüber, die stundenlang da- sitzt, den Rücken zum Fenster;
manchmal sehe ich sie im Hof, wir nicken uns zu, wechseln kein Wort,
sie trägt eine blaue Tasche, mit der anderen Hand hält sie den Kragen des Mantels, als wäre ihr kalt.
In einer Bäckerei liegen nachts Brote, daneben ein Schild «Attrappen!»,
als würde sonst einer einbrechen, um sie zu stehlen, vier Brote oder fünf,
und meist kennt man die Antworten, wie man die Buslinien kennt und ihre - Routen,
das Geräusch von Regen oder die absurde Traurigkeit dessen, was übriggeblieben ist.
Ein Tag, 14
Hammerschläge vor dem Haus, die Straße abgesperrt, ein Junge rennt vorbei,
der Mann im gelben Mantel reibt sich die Hände, um sie zu wärmen, ein Grinsen neben schmalen Lippen, dünnes Gesicht,
verlangt eine Zeitung, zückt seine Brieftasche, die Finger ärgerlich, als sie das passende Geldstück nicht gleich finden, noch keine Flecken auf dem Mantel, die braunen Haare schütter, zurückgekämmt, als wäre alles schon erledigt.
Abgesperrt die Straße, und eine Frau dreht sich wie rasend um, schreit wütend, aber sie schreit zu spät,
nur noch die Wut; sie dreht sich um, sie wirft mir einen Blick zu, als hätte ich ihr etwas angetan, verstummt, spuckt aus.
Hammerschläge wie Uhren, wie die Zeit, die nicht vergeht, ein Tag
mit schweren Schlägen in den Asphalt getrieben, wie Glas zersplittert,
tote Geräusche, die hetzen, aufrufen zur Jagd, und jede andere Bewegung verstummen lassen.
Und gerade jetzt wird schwerlich einer einen anderen erschlagen, nicht einmal Kain den Abel,
alles zu einem guten Ende, das Unglück ein Versehen, drei Baufahrzeuge, ein Kran,
ansonsten Todesfälle, die sich wie von selbst verstehen, und wer ist schon auf Lügen angewiesen?
Die Stunden schlägt der Hammer in die Straße ein, gleichmäßig wie Bilder, die eine Stadt verströmt, als könnte sie niemals daran sterben,
Häuser, die abgerissen werden, um anderen Häusern Platz zu machen,
ganz fraglos eine Art von Ewigkeit, nur eben geschmeidig, willfährig, die Straßen drehen sich wie Karusselle, wie Kettenschaukeln hoch hinauf, die Ketten reißen, und Jauchzen oder Schreie klingen gleich, die Lust, die Angst, nur bis zum - nächsten Mal.
Gewöhnt daran, daß einer fort ist, an Regenjacken, Laufmaschen, Pla- katwände gewöhnt,
oder daran, daß man morgens ein anderes Gesicht hat, die Augen eines Morgens tot,
an irgend einem Tag Finger wie Sand, wie Schorf,
und dann ein lautes Rufen, Lachen, und daß man selbst den eigenen Tod verliert wie einen Armreif, daß man den Geliebten schon verraten hat, zurückgelassen, taumelt in
Gier und Sehnsucht, als risse man aus einem Buch die Seiten, die Hand schon wieder ausgestreckt.
Ein Tag, 17
Noch einmal Schnee, könnte wohl beruhigt einschlafen im Schnee, man sagt, es wäre ein recht angenehmer Tod,
fast wie im Schlaf, wenn es schon sein muß,
und die Schritte lassen das Zimmer zittern, als wäre äußerste Vorsicht geboten,
als wären sie nicht länger die Fortsetzung eines Spaziergangs, der nicht stattfand,
obwohl noch immer Landschaften im Kopf vorbeiziehen,
auch Namen und Silben jener Namen, die in anderen Wörtern manchmal auf- tauchen,
Münzen, bereit zum Tausch, oder die langsamen Minuten, wenn man nach - Monaten
einen geliebten Menschen sieht, schon wieder fortschickt, und die mit ihm - verbrachte Zeit mischt sich mit seinem Fernsein.
Noch einmal Schnee, die eine Seite des Schornsteins weiß, die andere im Dunkel verschwunden, und in diesem Schnee, verspätet und sehr reinlich, scheinen die Körper, Geräusche erstaunt,
als hätten sie die Richtungen getauscht, als wäre die Richtung
des Falls erst jetzt gewiß, es stünde der Engel da mit seinem Schwert, sehr milde schon
und angewiesen auf ein Ende.
Daß die Helligkeit zu hell ist, die Augen halb verzehrt,
ich frage mich, wann die Zeit aufgebraucht sein wird, und draußen schaufelt einer Schnee, wartet nicht auf den Morgen, schaufelt, als grübe er ein Stück Erde um,
böse klingt das Metall auf dem Asphalt, fast wie ein Ausruf,
daß es gut wäre, diese Nacht zu wachen,
daß es ein Grund ist, sich zu freuen, wenn jetzt nicht Menschen gehetzt,
zu Tode gehetzt verbluten, während andere zusehen, auf ihre Hände achten, schadlos,
und der Schnee häuft sich wie ne- ben einem frischen Grab, sehr reinlich.
Ein Tag und eine Nacht sind eine lange Zeit,
es schneit so friedlich, und angewidert steht er mit seiner Schaufel da,
eine dünne Linie gegen den weißen Schnee, ist seiner Wache überdrüssig,
der Schlaf ist nicht für alle da,
und ist ein angenehmer Tod, wenn es schon sein muß.
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