entwürfe - Zeitschrift für Literatur
.Ausgabe 23:
Sport

Michael Gamper, *1967, Oberassistent am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Seit 1993 auch als Mitarbeiter der Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung tätig, arbeitet derzeit an einem Habilitationsprojekt zum Problemzusammenhang von Literatur und Masse.

Michael Gamper

Wiederholung der Wiederholung. Sport-Literatur als Diskurskritik

I
Mit dem ihm eigenen Talent zur griffigen Schürzung einer Problemlage hat sich Marcel Reich-Ranicki 1964 zum Verhältnis von Sport und Literatur geäußert:
Der Sport und die Literatur sind nahe Verwandte, die sich zu sehr ähneln, um sich aufrichtig lieben zu können. Vielmehr wetteifern sie miteinander und bekämpfen sich insgeheim. Es sind im Grunde feindliche Brüder. Denn die Literatur und der Sport appellieren auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln an dieselben fundamentalen Gefühle. Viele große Motive, mit denen sich die Literatur seit Jahrtausenden befaßt – Heldentum, Leidenschaft, Solidarität, Neid, Ruhmsucht – dominieren auch in den Sportwettkämpfen, nur sind sie hier ungleich einfacher, primitiver, oberflächlicher, direkter. Viele Elemente, die die Literatur dem Leser zu bieten hat oder jedenfalls bieten möchte, kann er im Stadion finden – ohne Verschlüsselung, ohne Intellekt, ganz und gar unkompliziert.1
Reich-Ranicki konstatiert eine Konkurrenzsituation von Sport und Literatur - eine Einschätzung, deren Konsequenzen auch für die vorliegenden Überlegungen leitend sein sollen. Der Literatur-kritiker begründet den Antagonismus damit, daß beide Bereiche inhaltlich gleiche Themen behandeln und ähnliche Bedürfnis-se der Rezipienten abdecken würden - signifikanterweise unter- schlägt sein Vergleich formale Elemente fast gänzlich und läßt auch den unterschiedlichen gesellschaftlichen Status von Kunst und Sport beiseite. Diese beiden Aspekte aber werden im Zentrum dieses Beitrags stehen, der zeigen soll, daß ein wesentlicher Teil der deutschsprachigen Texte Sport weniger als gestaltbares Thema aufgreift, sondern vielmehr sich kritisch auf die transportierten Werte und Anmaßungen des Sport-Diskurses be- zieht. Literarische Texte «erzählen» mithin nicht von einer fiktionalisierten Sport-Welt, sondern sie beziehen sich auf Äußerungsformen, die dem Sport als Praxis zwar nicht eigen sind, die sich in Form Diskurs gewordener ideologischer, ökonomischer und politischer Interessen aber an ihn anlagern. Die elaboriertesten Texte über Sport, so lautet meine These, sind solche, welche die handlungsorientierte Praxis des Sports un- be- achtet lassen und sich ganz auf die Kritik an den trivialen, weil durch rigide Regeln dominierten Narrationen und Wertevermittlungen des Sportdiskurses beziehen.
Dieser Sachverhalt verdankt sich zu wesentlichen Teilen der weitverbreiteten Skepsis der Intellektuellen gegenüber dem Sport, eine Problemlage, deren Elemente in den 1920er Jahren in paradigmatischer Weise zusammentreten. Die Irritation über die Popularität und die soziale Reputation körperlicher Leistungen ist sehr einprägsam im 13. Kapitel von Robert Musils Mann ohne Eigenschaften gestaltet. Der Protagonist Ulrich nimmt sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben, nachdem er in der Zeitung gelesen hat, daß nicht nur Fußballern und Boxern, sondern auch einem Rennpferd das Attribut «genial» zuerkannt worden ist. Ulrich wird dadurch die Erosion einer Wertehierarchie vor Augen ge- führt, die geistige Fähigkeiten höher einschätzt als körper- liche und die den Besitz von Eigenschaften wichtiger findet als deren Anwendung.2 Bietet im Mann ohne Eigenschaften die Zer- setzung traditioneller Vermögensklassifizierung die Voraussetzung für eine Neuordnung der Beziehungen auf dem Feld von Intellekt, Sinnlichkeit und Gefühl, so ist in der zeitgenössischen Publizistik dieser Vorgang oft eindeutig negativ beurteilt worden. «Uns kann, wenn das so weitergeht, / kein Geistesskrupel mehr verwirren! / Der Mensch der Zukunft ist Athlet!! Der Bizeps wächst, es schrumpft das Hirn!!!»3, dichtete beispielsweise Max Schill in der Weltbühne von 1926, und auch Alfred Polgar sah in seinem Querschnitt-Beitrag Der Sport und die Tiere angesichts der überlegenen körperlichen Leistungsfähigkeit der Tiere das spezifisch Menschliche im Sport gefährdet:
Dabei wäre noch anzumerken, daß die großen Geschicklichkeiten, die der große Sport erfordert, erst dann sich voll auswirken, wenn sie dem Sport-Treibenden unbewußt geworden sind, wenn er seinen Körper dahin gebracht hat, im richtigen Augenblick automatisch das Richtige zu tun. Auch solcher Automatismus stellt eine Art Umwandlung von Geistigem in Körperliches dar. [...] Nichts ist umsonst; und jedem das Seine! Man schwimmt nicht wie ein Fisch und läuft nicht wie ein Wiesel, ohne etwas spezifisch Fischiges bzw. Wiesliges erworben, und dafür etwas spezifisch Menschliches abgegeben zu haben.4
Aber eben, die sarkastische Ironisierung des Sports vermochte ebenso wenig wie die verächtliche Marginalisierung als «Spaßvergnügen aufgeregter Skatvereine»5 die Bedrängnis zu vermindern, in die der intellektuelle Sektor durch die Leibesertüchtigung gekommen war. Eduard Bertz jedenfalls referierte in seiner Philosophie des Fahrrads von 1900 einen Zeitschriftenartikel, nach dem der Verfasser in Berlin innerhalb von acht Wochen bloß 92 büchertragenden Menschen, aber immerhin 2417 Personen mit Lawn-Tennis-Schlägern und mehr als 50?000 Radfahrern begegnet sein will.6 «Aber der Gelehrte ist keine Attraktion, er übt keine Anziehungskraft aus», erklärte der Journalist und Buchautor Willy Meisl 28 Jahre später diese beredte Statistik und stellte trocken fest: «Die Namen der ersten Athleten sind heutzutage bekannter als die der größten Dichter.»7
Aus diesen Belegen, sowohl aus den besorgten Stimmen der Parteigänger des Geistes als auch aus denjenigen der neutralen Beobachter, geht hervor, daß die Popularität des Sports als eine wahrgenommen wurde, die auf Kosten der öffentlichen Wirkung von Schriftstellern und Intellektuellen erreicht worden war. Dies hat dazu geführt, daß der Sport mitunter heftig diffamiert worden ist, womit man einen Diskurs über Sport zu neutralisieren trachtete, der durch die intensivierte körperliche Betätigung die Geburt eines «neuen Menschen» erwartete. Die Hoffnungen des Expressionismus hatten in den zwanziger Jahren Aufnahme in sportpublizistische Entwürfen gefunden, die das Ideal eines Geist und Körper im Gleichgewicht haltenden Individuums postulierten. Meisl etwa berief sich auf die «hellenische Harmonie», die es in der Gegenwart durch den Sport zu restituie- ren gelte. Den ewigen «Zusammenhang von Natur und Kunst, Na- tur und Kultur, jene Übereinstimmung von Geistes- und Körperpfle- ge» wiederzugewinnen, war sein Ziel, nachdem in der jüngeren Vergangenheit dem Geist eine zu große Bedeutung zugemessen worden sei.8 Auch der Schriftsteller Frank Thiess erwartete vom Sport die Realisierung der angestrebten «Totalität», die Beantwortung der «große[n] und Jahrhunderte lang gestellte[n] Frage nach der synthetischen Bindung beider Prinzipe» von Körper und Geist. Anstelle des alten Dualismus erwartete Thiess die «neue Lehre von der schöpferischen Spannung zwischen heterogenen Polen», die nicht bloß dadurch verwirklicht werde, «daß der nur geisti- ge Mensch sich verkörperlicht, sondern dadurch, daß gleich- zei- tig der nur körperliche Mensch sich vergeistigt». Gelänge die praktische Umsetzung dieser Ideen, würde «die fast erschüttern-de Isoliertheit der Geistigen in unserem Jahrhundert aufgehoben»9, mithin das sich in der Weimarer Republik verschärfende Intellektuellen-Problem gelöst.
Mit solchen Konzepten konnte etwa der Schriftsteller und Publizist Paul Kornfeld gar nichts anfangen. Im 1930 erschienenen Essay Sport sah Kornfeld nicht die Gefahr, «daß der Mensch den Körper vergessen könnte», sondern befürchtete vielmehr, «daß er glaubt, nichts anderes zu sein als ein Körper».10 Er hielt das Sechstagerennen für «etwas vollkommen Blödes», die «Anbetung des aus allen Zusammenhängen gerissenen Körpers» gar für den «Sturz in die grobschlächtige Idiotie», für den «Ausbruch eines Massenwahnsinns». Seine vernichtende Kritik des Sports steht im Kontext eines Kulturpessimismus, der als das «geistige Merkmal dieser Zeit» nur den «allgemeinen Relativismus» auszumachen vermag. Die Aufgabe der Intellektuellen sei es, «diesen ganzen Irrsinn» nicht nur zu durchschauen, sondern auch gegen ihn anzukämpfen. Kornfeld brandmarkte die Feigheit und den Scheinradikalismus von Schriftstellern, Lehrern und Hochschulprofessoren, die es nicht wagten, sich dem «Sturm der Dummheit» entgegenzustellen. Auch «auf die Gefahr hin, allein zu bleiben», müßten sie dies aber tun, meinte Kornfeld.
Kornfeld bediente sich in seiner Frontstellung gegen den Sport bei völliger inhaltlicher Entgegensetzung im wesentlichen der gleichen formalen Mittel wie seine publizistischen Gegner, um die eigene Meinung durchzusetzen. Er hielt einen Monolog, der die Argumente der Gegner nicht aufzunehmen, sondern bloß abzuschmettern wußte, und der sein Konzept ebenso auf Eindeutigkeit ausgerichtet hat wie die Anhänger des Sports. Kornfeld unternahm es nicht, den monolithischen Block des Sport-Diskurses aufzubrechen, er setzte ihm bloß einen anderen, auf Grund des unsicheren gesellschaftlichen Ortes des «frei- schwe- benden Intellektuellen» (Karl Mannheim) freilich fragileren entgegen, der fast zwangsläufig an der Oberfläche des robusteren Kontrahenten abprallen mußte. Die Expansions-Ge- schichte des Sports gegen Ende der Weimarer Republik und erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg gibt anschaulich Auskunft darüber, daß die Kornfeldsche Strategie denn auch wenig erfolgreich war. In der Folge soll nun aber der Blick auf ein Konzept geworfen werden, das sich in Bezug auf seine gesellschaftliche Wirkung weniger ambitiöse Ziele gesetzt hat. Im Zentrum sollen Strategien der Literatur stehen, welche sich gegenüber der Rede über Sport in unterminierender Weise verhalten haben.

II
«Herr Kurt Doering, wohl Sportredakteur des Lokal Anzeigers, Olympia-Berichterstatter, sagt in einem Aufsatz der die Bedeutung des Fünf- und Zehnkampfs würdigt: man müßte in dieser Ka- te- gorie einen Preis für den Vollkommenen Menschen ausschreiben. Denn nicht nur die größte Vielseitigkeit des Körpers gehöre dazu, sondern auch die höchste geistige Konzentration, Auffassungsgabe usw.»11 Robert Musil hat seinen Tagebuch-Eintrag vom 4. August 1932 nicht weiter kommentiert. Wohl aber hat er gegenüber seiner Quelle entscheidende Änderungen vorgenommen, die, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, ein bezeichnendes Licht auf seinen Umgang mit Sportnachrichten werfen. So verwandelt er den Verfasser des Zeitungsartikels, Kurt Doerry, etwas nonchalant in einen «Kurt Doering», als spiele es keine Rolle, wer da schreibe. Und weiter mißachtet er, daß Doerry den Titel des «Vollkommenen Menschen» nur innerhalb des Rahmens der Olympischen Spiele vergeben wollte.12 Man kann Musils Ungenauigkeit als Flüchtigkeit abtun, man kann sie aber auch als bedeutungsvolles Versehen lesen. So entsteht dann der Eindruck, es sei ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit am Werk gewesen, der den Gedanken des Journalisten eher als Beleg einer Zeittendenz denn als genuine Idee eines einzelnen Autors einschätzte und der wuß- te, daß im Zeitungsartikel die einschränkende Geste der Formulierung den umfassenderen Anspruch nur notdürftig verdeckt. Die Notiz beinhaltet so eine Entstellung zur Kenntlichkeit im Akt des Wiederschreibens, welche die einzelne Rede über den Sport als Teil eines umfassenden Diskurses versteht, der durch fortlaufende Wiederholung seiner Bestimmungen gesellschaftliche Macht ausübt. Eine Macht, die sich auf die Verheißung stützt, durch körperliche Betätigung könne die Menschheit erneuert und verbessert werden.
Musils Verfahren, so lautet die These dieses Aufsatzes, ist signifikant für den Umgang der Schriftsteller mit den Anwartschaften der Sportpublizistik in der Weimarer Republik. Die literarischen Texte sind oft «reflektierende Wiederholungen», welche die Vorlagen aufnehmen und in bestimmter Weise erweitern und verändern. Sie greifen Elemente des Sportdiskurses auf, stellen diese mit den formalen Eigenheiten literarischer Textproduktion neu dar und machen so auf Defizite und nicht bedachte Aspekte der postulierten Konzepte aufmerksam. Diese spezifische Funktionsweise von Sporttexten steht in einem allgemeineren Kontext der ästhetischen und gesellschaftlichen Moderne, innerhalb derer Verfahren variierender Reproduktion seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts an Bedeutung gewonnen haben. In dem Maße, in dem Kapitalismus, Industrialisierung und Bürokratisierung gesellschaftliche Verhaltensweisen homogeni-siert, «normalisiert» und damit identisch wiederholbar gemacht haben, widersetzten sich die Avantgarde-Bewegungen durch permanente Innovation im Habitus des Auftretens und in der künstlerischen Ausdrucksweise den dominanten Normen.13 Die Nachäffung, Überzeichnung und Neukontextualisierung automatisierter Verfahren im Bereich der sozialen Praktiken wie auch im Feld der Diskurse sind so für die moderne Kunst und Literatur konstitutive Momente, welche die traditionellen Formen der Satire und der Ironie pluralisiert und radikalisiert haben. Das Zusammentreffen von Sport und einer avancierten Form von Literatur ist in dieser Perspektive besonders brisant, da der Sport seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu den wichtigsten, auf Wiederholung zielenden normalisierenden Körperdressur-Praktiken ge- hört, dies aber freilich kaschiert durch dominante diskursive Bestimmungen im Zeichen von Natürlichkeit, Lebenssteigerung und Freiheit von gesellschaftlicher Überformung. So behauptete etwa Thiess, der Sport sei «ein Mittel zur Befreiung des Naturhaften, Dämonischen, eine kulturgeschichtliche Ventilation», welche die «Balance zwischen den Polen Körper und Geist, Natur und Werk» herstellen und dem Menschen so die «richtige und sin gemäße Staffelung seiner Kräfte wie von selber» erlauben sollte.14
Wie Literatur durch «reflektierende Wiederholung» den Sport-Diskurs aufzubrechen vermag, läßt sich exemplarisch an zwei Tex-ten von Marieluise Fleisser demonstrieren. Marieluise Fleisser hat 1927 den Text Sportgeist und Zeitkunst. Essay über den mo- der- nen Menschentyp verfaßt, der sich am zeitgenössischen Sport-diskurs orientiert, Pathos und Terminologie des Expressio-nismus mit der Brechtschen Hochschätzung des Sports vereinigt und den «Sportsmann» als «Repräsentant des modernen Zeitgefühls» be- greift. «Sportgeist» sei die «aggressive Ein- stellung eines Menschen zu seinem eigenen Körper, wobei er anhand bestimmter schwer zu er- reichender Leistungen die Linie seines natürlichen Körperwider-standes durch seinen Willen zurückzudrängen versucht». Das Resultat sei «Entschlußfähigkeit», die «Sehnen, Muskeln, Ner- ven, Knochen» würden «an das Bringen von Kraft, an Kaltblütigkeit, Kontrolle, Tempo, Durchhalten, Steigerung» gewöhnt. Fleisser empfiehlt die Übertragung der sportlichen «Kampfeinstellung des Lebensgefühls» auf den Bereich der Kunst, die sich «in Form und Inhalt von dem, was die Jugend des Volkes angeht, entfernt» habe: «Setzen wir in unserem Fall statt Körper einmal Geist, werden wir auch am Geist sportlich hart mit uns selber.»15
Nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung dieses Textes er- schien von der gleichen Autorin der Roman Mehlreisende Frieda Geier, der den Körper-Diskurs der Sportpublizistik und damit die eigenen Bestimmungen einer grundlegenden Revision unterzieht.16 Die kritischere Haltung des Romans soll hier aber nicht bloß als Ausdruck der Veränderungen im Leben der Autorin gelesen werden, sondern vor allem als Ergebnis der komplexeren, perspektivierenden Darstellungsmöglichkeiten des Romans. Gerade weil die Elemente des Sportdiskurses nur einen Teilaspekt des verhandel-ten Motivkomplexes ausmachen, werden dessen Bestimmungen durch die Integration in den Roman neu kontextualisiert, so daß die diskursive Formation aus den Fugen gerät, Defizite offenbar wer- den läßt und auch den Blick frei gibt auf das vom Diskurs Ausgeschlossene. Die polyperspektivische Struktur des erzählerischen Textes, so wird nun zu zeigen sein, läßt es zu, verschiedene Leibkonzepte zu repräsentieren, und durch die dynamische Erzählhaltung wird es möglich, Ausschlußbewegungen in formale Dimensionen zu übersetzen. Eine explizite Kritik am Sportdiskurs kann ausbleiben, weil die Wiederkehr der Elemente des Sportdiskurses im Text nicht bloße «Wiederholungen» sind, sondern «reflektierende Wiederholungen», welche die Ordnung des Diskurses durch Verschiebungen zu irritieren vermögen.
Körperlichkeit erscheint im Roman-Text von Fleisser zunächst als sexuelle Anziehung. Eigentlich liegt zwischen Gustl Amricht, dem in die kleinstädtische Sozialstruktur eingebetteten Tabakwarenhändler und Schwimmer, und der Mehlreisenden Frieda Geier, die als selbständig auftretende Frau eine Aussenseiterposition einnimmt, ein Graben, sie leben in «zwei Welten» (276). Gustl ist Frieda zwar intellektuell unterlegen, sie begehrt ihn aber als «gesund[en] [...] Barbar[en]» (146), als «Kenner der Na- tur», die er sie «in allen Phasen» erleben lässt (143). Die Einsicht in die Getrenntheit entfaltet ein Faszinationspotential, das die beiden antreibt, im Zeichen von Liebe und Sport die Grenze zwischen sich zu überschreiten. Wird Frieda als «sinnenfreudi-ge Frau» geschildert, die sich bei ihrem Freund «auslebt» (192), so ist für Gustl die unrestringierte sinnliche Erfahrung des Körpers jedoch problematisch, da sie mit der christlich-kleinbürgerlichen Moralvorstellung und - wie im folgenden nachgewiesen werden soll - mit dem sportlichen Körperkonzept kollidiert, weshalb er die Verbindung nach einigem Zögern in den of- fiziellen und für ihn kontrollierbareren Status der Ehe zu überführen versucht. Dagegen sträubt sich Frieda, weil sie um ihre Unabhängigkeit fürchtet. Gustl möchte Friedas Erspartes in seinen Laden investieren und sie als unbezahlte Arbeitskraft einsetzen (191f.; 206-213), notfalls will er die widerspensti-ge Freundin mit den «Waffen des Bürgerlichen Gesetzbuches» (213) in die Knie zwingen. Schließlich führt so der Zusammenhang von christlich-kleinbürgerlich-sportlichem Körperkonzept, wirtschaftlichem Interesse und gesellschaftlichem Gesetz zum Bruch der Beziehung.
Der Sportdiskurs spielt in dieser unheilvollen Allianz eine wesentliche Rolle. Auch der Sport ist als Verbindung zwischen den beiden Protagonisten doppeldeutig. Einerseits ist «der Sport [...] jene Eigenschaft, die eine tiefe Unzufriedenheit zwischen ihnen überbrückte» (167), anderseits gefährdet die Beziehung die sportliche Leistung. Gustl «erinnert sich sehr wohl, daß er in den Hoch-Zeiten seiner Leistungsfähigkeit kein Interesse für ein weibliches Wesen aufgebracht hat». (169) Es wird geschildert, daß Gustl wegen der Beziehung zu Frieda das Training vernachlässigt, worauf sein Ansehen im Verein sinkt (158ff.) und er eine schmerzliche Niederlage gegen einen jüngeren Schwimmer erleidet (164f.). Daß sich sexuelles Liebesverhältnis und Sport einander gegenüberstehen, wird deutlich an der Darstellung des sportlichen Körperkonzepts, das die asketischen Tendenzen des Sportdiskurses und damit auch Fleissers eigene Bestimmung von Sportgeist als «aggressive[r] Einstellung eines Menschen zu seinem eigenen Körper» aufnimmt. Die sportliche Grundhaltung zum Leib geht dabei eine enge Verbindung mit der christlich-kleinbürgerlichen ein, was zunächst an der Figur des erfolgreichen Turmspringers Rih erläutert wird. Rih sei «statt kirchenfromm nur eben leibfromm geworden», heißt es (62), womit einerseits der Anspruch des Sports als ein der Kirche vergleichbares geschlossenes Sinnsystem reflektiert, anderseits die Internalisierung des Drills im Sport als Übertragung der Lust- und Sinnenfeindlichkeit der christlichen Re- ligion gedeutet wird. «Der keusche Joseph und die Selbstzucht leuchten von Rihs Gesicht», als er Friedas Beine zufällig im Zug berührt (66).Das «Zölibat» (169) wird auch im Roman zur Voraussetzung großer sportlicher Leistung, und der Verlust der Freundin kann im Training vergessen werden:
Er hat was zugelernt in seiner schlimmsten Zeit: das angeborene Nein, das dem Körper gesetzt ist, zu verachten. Eine Leere ist bei ihm entstanden oder der Teufel im Leib. Er kann gar nicht genug Training hinlegen, um die Wunde in seinem Selbstbewußtsein zu heilen. Er schindet sich ab wie nie zuvor und macht Resultate, auf die er nicht mehr zu hoffen wagte. (316)
Ähnlich wie im sexuellen Erlebnis mit Frieda versucht Gustl auch im Sport eine körperliche Grenze zu überschreiten, indem er die Leistungsschwelle hinausschiebt, ein Unternehmen, das den Körper ganz auf seine motorischen Eigenschaften beschränkt und Sinnlichkeit und Gefühl vom Leib «schindet». Gustl kann mit den «Komplikationen, die ihm von Natur nicht beschieden sind», nicht umgehen (214). Der körperbetonte «Naturbursche» (212), der Gustl durch den Sport, aber auch durch den lustvollen Gebrauch des Leibes geworden ist, behilft sich in seinem existentiellen Konflikt ausschließlich mit sportlichen Praktiken, die dazu führen, daß seine «Natur» um wesentliche Dimensionen beschnitten wird - mit schwerwiegenden Folgen. In zwei Szenen wird die Verarmung, ja gar Pervertierung von Gustls Sexualität unter diesen Umständen geschildert. Gustl versucht zum einen, Frieda durch eine Massage wieder zurückzugewinnen, indem er den sportlichen Umgang mit dem Körper auch auf den sexuellen überträgt. Frieda muß sich «nach dem Kommando» des «Sportkameraden auf den Bauch legen» und sich «Nivea-Creme in die Nackengrube» klatschen lassen. Die geplante Versöhnung scheitert, als der forsche Gustl «allzu kühn wird» (273f.). Zum andern wird ihm der sexuelle Verkehr zum Mittel der Rache. Um an Frieda Vergeltung zu üben, beabsichtigt er, deren minderjähri- ge Schwester Linchen zu vergewaltigen, ein Vorhaben, das in der Fassung von 1931 abgewendet wird. Sportliche Reduktion des Körpers, so zeigen diese Stellen, führt nicht zur Triebhygiene, wie dies erwartet worden war, sondern zur Abdrängung von Sinnlichkeit, die dann unkontrolliert wieder hervorbricht. Dem Ro- man gelingt in diesen Passagen eine kritische Perspektivierung des «Natur»-Begriffs im Sportdiskurs, der durch die erzählerische Entwicklung seine impliziten Reduktionen und Ausschlie- ßungen preisgibt und bis in Extremsituationen hinein auf seine problematischen Konsequenzen hin befragt wird. Signifikanterweise liefert sich Frieda diesem Naturbegriff nicht aus, sondern verficht einen auf die selbstbestimmte Vernunft gegründeten Lebensentwurf. Gustl ist es denn auch «stets aufs neue ein Rätsel, wie wenig sie [d.i. Frieda] den Naturgesetzen unterworfen ist». (275) Der «Sportgeist», die «Kampfeinstellung des Lebensgefühls» aus dem Essay von 1927 bewähren sich im Roman we- der in der Lösung des privaten Konflikts von Gustl noch im praktischen Leben. Gustl hat eben, wie der Erzähler reflektiert, «nur im Sport sich selbst überwunden». (193)
Der Roman freilich beschreibt Gustl nicht als einen Scheitern-den, er stellt im Gegenteil dessen Reintegration in die sozialen Strukturen dar und führt stattdessen den Ausschluß der Frau- en aus der kleinstädtischen Sportlerwelt vor. Nach der ab- gewendeten Vergewaltigung verschwindet Linchen aus dem Text, nach dem (abgewehrten) tätlichen Angriff von Gustls Vereins- kameraden auf Frieda und den verbalen Anfeindungen im Metzgerladen auch diese. Frieda tritt aber nicht nur als erzählte Figur ab, sondern auch als erzählerische Reflektorfigur, die zuvor durch ihre Sichtweise das katholische Provinzpatriarchat und die Sportlerwelt aus einem gegenüber Gustl und dem auktorialen Erzähler verschobenen, kritischen Blickwinkel gezeigt hatte. Gegen Schluß reduziert sich so die multiperspektivische, dynamische Erzählhaltung auf eine einsinnige Wiedergabe der Ge- scheh- nisse. Einher geht dieser Ausschluß mit der (Wieder-)Auf-nahme Gustls in den Männerbund des Vereins. Den «Höhepunkt» der Inszenierung der Männergesellschaft bilden das Schwimmfest und die anschließende Feier, die in einer Schlägerei der Sportler mit einer Gruppe von Maurern und anschließender Verbrüderung endet (341f.).
Das Schicksal Frieda Geiers im Roman ist signifikant und zeich- net die Ordnung des Sportdiskurses nach, der die Frau nur als Randfigur oder als Auszuschließendes hat konstruieren können. Frieda hat früh schon reflektiert, daß ihre Beziehung zu Gustl auch ein Schauplatz des Geschlechterkampfes ist: «Die Männer muß man zugrunde richten, sonst richten sie einen selber zugrunde, hat ihr eine Freundin einmal gesagt. Plötzlich fällt ihr der Satz ein. Die Erkenntnis ist schneidend.» (86) Frieda freilich richtet niemanden zugrunde und läßt sich auch nicht zu- grunde richten. Um ihrer Unabhängigkeit und Eigenständigkeit willen entfernt sie sich aus einem Bereich, der ihr auch die Außenseiterposition nicht einräumen mag - allerdings nicht ohne Wirkung zu hinterlassen. Ihre Figur und ihre spezifische Integration in die Erzählperspektive des Romans haben - unter anderem - die festgefügte Ordnung des Sportdiskurses zu irritieren vermocht.

III
Fleisser hat sich wohl auf einen Sport-Diskurs bezogen, der in Büchern, Broschüren, Zeitschriften und Zeitungen kursierte, ohne dass sie die spezifische mediale Aufbereitung der Diskurselemente thematisiert hat; Merkmale neuer Medien geraten bei ihr ebenfalls nicht in den Blick. In anderen Texten ist aber schon in den zwanziger Jahren darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Sport stets in besonderem Masse eine Symbiose mit den neuesten Medien und ihren Techniken eingegangen ist, so zu- nächst mit der Massenpresse, der Photographie, dem Radio, dem Film und später mit dem Fernsehen. So heißt es beispielsweise in Joachim Ringelnatz? Gedicht Ruf zum Sport, die körperliche Betätigung gebe «Appetit, / Was uns wieder ins verrauchte / Treue Wirtshaus zieht. // Wo man dann die sporttrainierten / Muskeln trotzig hebt / Und fortan in Illustrierten / Blättern weiterlebt.»17 Ringelnatz reflektiert mit diesem lakonischen Schluß, der die Sportler zuerst aus dem natürlich-gesunden Am- biente wieder ins gesellschaftlich-depravierte zurückführt und sie schließlich dem sekundären Erlebnisbereich des Zeitschriftenmediums überantwortet, dass die scheinbare Ursprünglichkeit des Sports stets überformt ist durch Konzepte und - Bilder, die genau jenem medial vermittelten Bereich der Zivi- li- - sation entstammen, dem man mit der Rückkehr zur Natur und zum Selbst eigentlich entfliehen will.
Michel Foucault hat in der identifizierenden Wiederholung des Selben ein spezifisches Machtmittel von Diskursen erkannt.18 Man kann beobachten, daß der Sport-Diskurs sich in spezieller Weise einer Modalität bedient, die sich durch eine geringe Varianz der Äußerungen auszeichnet, die dafür aber immer wieder in gleicher Weise eingesetzt werden. Dies gilt sowohl für die Beschreibung der Praktiken als auch für deren Legitimierung, die seit der argumentativen Grundlegung des modernen Sports durch Pierre de Coubertin und seine Mitarbeiter in der Tradierung durch das Internationale Olympische Komitee mehr oder minder die Gleichen geblieben sind. Diese Eigenheit des Sport-Diskurses geht einher mit dessen Verbreitung in den Massenmedien, deren Tendenz zur Einschränkung der sprachlichen und rhetorischen Vielfalt zugunsten der Wiederholung weniger populärer Elemente stets zugenommen hat. Vor aller kritischen Medien- soziologie hat die Literatur als ein gesellschaftlich institutionalisierter «Gegendiskurs», der aus dem die Spezialdiskurse verknüpfenden interdiskursiven Feld sein Material bezieht, dessen bereits vorhandene Ambivalenz zu steigern versteht und zudem die Diskurse mit dem von ihnen Ausgeschlossenen konfrontieren kann,19 auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht und auch auf dessen Konsequenzen hingewiesen. Als ein frühes Beispiel kann hier Ödön von Horváths Sportmärchen Der Faustkampf, das Harfenkonzert und die Meinung des lieben Gottes angeführt werden, das die diskursive Gewalt der Sportwerbung thematisiert, indem es ein «Zeitschriftlein», das für ein Harfenkonzert werben möchte, Selbstmord begehen läßt, da es sich gegen- über den Sportplakaten kein Gehör zu verschaffen weiß. Die Pla- kate hingegen gelangen durch verschiedene Formen von Auffälligkeit zu Aufmerksamkeit:

!k.o.!!k.o.!!!
heulten grelle Plakate in die Stadt; und der eines übersah, dem sprangen drei ins Gesicht:
!k.o.!!k.o.!!!20
Die Macht des Sportdiskurses verdankt sich, so kann man aus die- ser Passage schließen, nicht nur der Einfachheit des Inhalts und der visuellen und auditiven Aufdringlichkeit der Botschaft, sondern auch der radikalen Beschränkung von Varietät und damit der Form der einprägenden, identischen Wiederholung. Solche Ei-genheiten der medialen Aufbereitung des Gegenstands kommen in den Blick, weil in diesem Sportmärchen nicht wie meist in den an-deren Texten der Sammlung Dinge des Gegenstandsbereichs «Sport», also Sportarten, Ausrüstungsgegenstände oder der- glei- - chen, per- sonifiziert werden, sondern die Vermittlungs- instanzen von Sport bzw. Kunst. In Horváths Text wird die wiederholende Ge- walt nachgeahmt, der Diskurs mit dem von ihm Ausgeschlossenen konfrontiert und so dessen Ausschluß- und Verknappungsmechanismen präsentiert. Die überzeichnende, ironisierende Wiederholung perspektiviert die einschränkende diskursive Praktik der Wiederholung kritisch, indem sie deren Funktionsweise bewußt macht.
Wird bei Horváth Kritik am Sport-Diskurs als zwar in ihren Konsequenzen unbarmherzige, in der formalen Darbietung aber noch vergleichsweise liebevolle Märchensatire dargeboten, radikalisiert sich diese bis zum Ende des Jahrhunderts dramatisch. In Elfriede Jelineks Ein Sp or ts tü ck ist «Sport» zum Kristallisationspunkt der atavistischen Strömungen in der postmodernen Zivilisation geworden. Im Sport sei «dieselbe Ästhetik der Überwältigung» am Werk wie im Krieg; Krieg und Sport werden so als «Massenphänomene von heute» porträtiert, die schließlich auf das «Töten in ?Haufen?» zielen würden.21 In einem Interview mit der Sonntags-Zeitung hat die Autorin diese Darstellungsabsichten bestätigt: «Mein Leben lang war der Sport eines meiner Lieblingshaßobjekte. Wobei ich nicht dagegen bin, daß man sich an der frischen Luft ertüchtigt. Es geht um Sport als Massenphänomen und Sport als aufgeheiztes Medium des Chauvinismus und des Fanatismus - Sport als Krieg.»22 Jelinek nimmt so eine dichotomische diskursive Bestimmung auf, welche die Auseinandersetzung von Intellektuellen mit dem «Sport» seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts dominiert. «Sensationssport» und «Kultursport» hatte 1928 schon Frank Thiess einander gegenüber gestellt. Der «Sensationssport» habe den monetären Gewinn zum Ziel, benötige den Rekord und den Star und bedürfe der Massen als (zahlende) Zuschauer. Die «Kultur» depraviere in diesem «großindustriellen Unternehmen» zur «Zivilisation», gefördert würden die niedrigsten Instinkte des Menschen: «Ge- nußsucht», «Sensationslust», «Blutgier».23 In Jelineks Stück tritt nun die Reflexion auf die mediale Vermittlung hinzu, welche die Verquickung der Diskurse von Sport, Krieg, Natur, Ge- sundheit, Religion etc. organisiert und deren Rezeption auf die Bedürfnisse der Massen einstellt. So soll etwa laut Regieanweisung der Autorin der Chorführer «mittels Oberstecker mit dem Sportkanal verbunden sein und alle interessanten Sportereignis-se oder die neuesten Ergebnisse» entweder mündlich verkünden oder indem «er es auf Tafeln schreibt, die er hochhält, oder, etwas teurer, mittels Leuchtschrift, die man eingeben kann wie in einen Computer oder eine Schreibmaschine». In einer anderen Szene soll die Sphäre des präfigurierenden Symbolischen im Hintergrund durch ein Foto von oder durch Filmsequenzen mit Arnold Schwarzenegger erzeugt werden.24
Der Sport ist als «eine Organisation menschlicher Unmündigkeit» gerade darum so gefährlich, weil er via Bildschirm sich millionenfach in dieser Eigenschaft reproduziert.25 Die audiovisuellen Medien bewirken nicht bloß die scheinbar endlose Wiederholung der immergleichen Botschaften, sondern sie verkoppeln auch die sportiven, kriegerischen, nationalistischen etc. Diskurse zu einem Normalität erzeugenden mediopolitischen Superdiskurs. Dieser funktioniert nicht nach dem Prinzip der semantischen Verknüpfung von Spezialdiskursen, sondern auf der Basis des bloßen Ineinander- und Durcheinanderschüttelns von Signifikantenhaufen aus verschiedenen thematischen Töpfen.26 Auf diese Tendenz der massenmedialen Inszenierung von «Sport» reagiert Jelinek mit ihrem «Sprachtheater», das den traditionellen dramatischen Dialog auflöst zugunsten einer Dialogizität des Textes, der als Schnittpunkt verschiedener Diskurse einzelnen Figuren heterogene Zitatkonglomerate und Redeweisen in den Mund legt. Die meisten Figuren sprechen so nicht wie Personen, sondern wie Fernsehlautsprecher, und gerade diese Ablösung der Sprache von den Sprechenden zielt auf einen wirkungsästhetischen Differenzeffekt, der das bloß Wiederholte als Wiederholtes kenntlich macht. Ein Sp or ts tü ck ist die Inszenierung einer Inszenierung, die im Reflexionsmedium der Literatur mit sprachlichen und performativen Mitteln den avancierteren Medien den Spiegel vorhält.
Aus dem Rahmen solcher konsequenter Diskurs- und Medienkritik fallen Ror Wolfs Fußballcollagen heraus, die im «wiederholenden» Verfahren der Montage zwar Wiederholungspraktiken technischer Medien reflektieren, die aber den Sport und seine Repräsentationen auch als Mittel der Freisetzung von Phantasie und als Stoff für die Utopie der kleinen Leute verstehen. Wolf se- ziert in seinen Büchern Punkt ist Punkt (1971), Die heiße Luft der Spiele (1980) und dem erweiterten, beide Publikationen vereinigenden Band Das nächste Spiel ist immer das schwerste (1982) das Sprachmaterial aus Reporter-, Fan- und Fußballersprache und setzt es neu zusammen, wobei er vor allem auf komische Ef- fek- te aus ist. Und gerade in der Komik der Collagen liegt denn auch ihre vieldeutige Beziehbarkeit, die teils zur liebevollen Porträ- tie-- rung, teils zur satirischen Charakterisierung neigt. Wiegt in den Fangesprächen die Authentizität des Materials die trivialen Narrationen auf und entdeckt der Collageur in den Äußerungen der Anhänger eine der Öffentlichkeit entzogene Experten- kultur, so sind die Zusammenstellungen von Radioreporter-Stimmen Veranschaulichungen einer Signifikantenschwemme, die sich um die diskurslose Praxis des Fußballs legt und in der Repetition der wenigen, sich gleichenden Formeln ein vielschichtiges Phänomen trivialisiert. Dabei ist es die Umsetzung des gesprochenen Wortes in Schrift, die diese Einsicht fördert. Was im Radio nur mo- menthaft präsent ist und deshalb stets durch weitere Worthülsen erneuert werden muß, ist auf dem Papier räumlich vorhanden, auf jeden Signifikanten kann im Leseakt vorwärts- oder rückwärtsschreitend wieder Zugriff genommen werden. Durch diese in der Technik einfache, in der Realisierung aber aufwendige literarische Collagepraxis dokumentiert Wolf einerseits den Fußball als ein komplexes, kollektives Drama, an dem verschiedene, un- terschiedliche Gruppen mit je spezifischem Wissen und einer je spezifischen Sprache teilhaben, zeichnet aber anderseits auch die Ritualisierung des Spiels in den Sprachgesten nach. Darüber hinaus zeigt er, wie im rhetorischen Nachvollzug des auf das Spielfeld-Geschehen eingeschränkten Blicks sich eine durch die Eigenheiten des Mediums Radio gesteuerte, stark reduktionistische Diskursivierung des Fußballs ereignet. Diese Entwicklung, durch das audiovisuelle Medium Fernsehen noch beschleunigt und radikalisiert, lässt Ror Wolfs Fußball-Bücher als elegische Be- legsammlungen einer untergehenden Kultur erscheinen. Literatur bewährt sich hier nicht nur als kritischer Kommentar zum Sport als einem beherrschenden diskursiven Phänomen des 20. Jahrhunderts, sondern auch als Aufbewahrungsort eines Wissens und einer kulturellen Praxis, die sonst wohl ganz dem Vergessen anheimfallen würde.


1 Marcel Reich-Ranicki: Betrifft Literatur und Sport. In: M.R.-R.: Nichts als Literatur. Aufsätze und Anmerkungen. Stuttgart 1985. S. 18-21, hier S. 20.
2 Robert Musil: Gesammelte Werke. Hrsg. Adolf Frisé. 2 Bände. Reinbek bei Hamburg 1978. Band I. S. 44-47.
3 Max Schill: Sportwoche in Berlin. In: Die Weltbühne 22 (1926), 2.Halbjahr. S.393.
4 Alfred Polgar: Der Sport und die Tiere. In: Der Querschnitt. Juni 1932, -
S. 392f., hier S. 393.
5 Theobald Tiger (d. i. Kurt Tucholsky): Olympiade. In: Die Weltbühne 24 (1928). 2. Halbjahr. S. 280.
6 Eduard Bertz: Philosophie des Fahrrads. Mit einem Anhang neu hrsg. von Wulfhard Stahl. Paderborn 1997. S. 89.
7 Willy Meisl: Der Sport am Scheidewege. Mit einem Vorwort von Egon Erwin Kisch und Beiträgen von Frank Thiess, Arnolt Bronnen, Bert Brecht, Heinz Landmann, Carl Diem. Heidelberg 1928. S. 98; 48.
8 Ebd., S. 24f.
9 Frank Thiess: Die Geistigen und der Sport. In: Die neue Rundschau 38 (1927), S. 293–305, hier S. 303f; 305.
10 Paul Kornfeld: Sport. In: P.K.: Revolution mit Flötenmusik und andere kritische Prosa 1916-1932. Heidelberg 1977. S. 229-236.
11 Robert Musil: Tagebücher. Hrsg. v. Adolf Frisé. Neu durchges. und erg. Auflage. Reinbek bei Hamburg 1983. Band 1. S. 721.
12 Vgl. hierzu die Anmerkungen des Herausgebers in Musil. Tagebücher. Band 2. S. 521. Zu Musils Kritik der Sprachbehandlung im Sportjournalismus vgl. auch Der Praterpreis, in: Musil, Gesammelte Werke. Band 2. S. 798f.
13 Vgl. dazu Jürgen Link: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität erzeugt wird. Opladen 1997.
14 Frank Thiess: Die Befreiung des Körpers. In: Thiess: Erziehung zur Freiheit. S. 185-219, hier S. 203. Alle Hervorhebungen in Zitaten, wenn nicht anders vermerkt, im Original.
15 Marieluise Fleißer: Sportgeist und Zeitkunst. Essay über den modernen Menschentyp. In: Dies.: Gesammelte Werke. Hrsg. v. Günther Rühle. Frankfurt a. M. 1994. Band 2. S. 317-320.
16 Marieluise Fleißer: Mehlreisende Frieda Geier. Berlin 1931; Zitatnachweise im Folgenden direkt im Text in einfachen Klammern. Fleißer hat den Roman 1972 für die Gesamtausgabe überarbeitet und ihm den neuen Titel Eine Zierde für den Verein gegeben.
17 Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Hrsg. Walter Pape. Zürich 1994. Band 1. S. 226.
18 Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt a. M. 1991. S. 18-20 und 22.
19 Vgl. Jürgen Link: Literaturanalyse als Interdiskursanalyse. Am Beispiel des Ursprungs literarischer Symbolik in der Kollektivsymbolik. In: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Hrsg. Jürgen Fohrmann und Harro Müller. Frankfurt a. M. 1988, S. 284-307.
20 Ödön von Horváth: Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden. Hrsg. v. Traugott Krischke. Frankfurt a. M. 1988. Band 11. S. 47.
21 So die Aussagen auf dem Waschzettel zur Buchausgabe von Elfriede Jelinek: Ein Sp or ts tü ck. Reinbek bei Hamburg 1998.
22 Sonntags-Zeitung vom 25.Januar 1998. S. 63.
23 Alle Zitate aus Frank Thiess: Zweierlei Sport. In: Meisl, Der Sport am Scheidewege. S. 132-139, hier S. 132f.
24 Jelinek, Sportstück. S. 7 und 75.
25 Ebd., S. 49.
26 Vgl. Link, Versuch über den Normalismus. S. 67f.



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