entwürfe - Zeitschrift für Literatur
.Ausgabe 23:
Sport

Gudrun Herrbold, *1967 in Leverkusen, lebt und arbeitet in Berlin als Schauspielerin und Regisseurin. 1998/99 «La grande vie» (Theaterprojekt mit Juristen und inhaftierten Frauen an der Volksbühne, Berlin 2000) «Boxerinnen» (Koproduktion) «Hope&Glory», Theater Neumarkt/Theaterhaus Gessnerallee, Zürich; «reich&berühmt», Podewil, Berlin.

Gudrun Herrbold

Boxtagebuch

7. Oktober 1999
1. Treff mit Boxtrainer Kalle Pahl
Beim 2. Anlauf an diesem Tag, jemanden vom Post S.V., Abteilung Boxen zu erwischen, gelingt es mir schließlich: ich frage mich unter ungläubigen Gesichtern der trainierenden Boxer zum Büro durch, und da steht Kalle Pahl vor mir: nackt bis aufs Feinrippunterhemd.
Kalle sieht aus wie im Film: gedrungene, stiernackige Figur, ein altes Kindergesicht mit wachen, hellen Augen, vielen grauen Haaren auf Brust und Rücken und eine Stimme, die laut, tief und rau tönen kann.
Ich stelle mich vor, und seine Nacktheit scheint ihn nicht zu stören. Erst 1–2 Minuten später zieht er sich langsam an.
«Wie alt biste?» fragte er mich. «32» – «Na, da ist es für den aktiven Wettkampfsport zu spät.» Kurz und bündig erklärt er mir, was ich brauche: Bandagen und Mundschutz. Erzählt mir von Esther, der boxenden Künstlerin, die seit über einem Jahr bei ihm trainiert, als ich ihm von meinem Vorhaben erzähle, ein Stück über Boxerinnen zu machen. Kalle hat schon mal für den Film gearbeitet, erzählt er stolz.
Auf Anhieb ist er mir sympathisch und mit ihm sein Büro, das über und über mit Urkunden, Fotos und Todesanzeigen von Boxern behängt ist. Auch die Halle ist schön: klein, aber hell und nicht muffig. Alles in allem ein absoluter Volltreffer.
Wir verabschieden uns duzend: also Kalle, bis Montag.


Montag, 11.10.1999
1. Boxtraining im Post S.V.
2 Frauen sind außer mir in der Damenumkleide: die beiden Polizeischü- lerinnen, von denen mir Kalle auch erzählt hat. Beide sind gerade fertig mit dem Training und für mein Vorhaben eher uninteressant: Typ kurzhaarige Sportlerin, wenig kommunikativ.
Ich laufe mich mit den Jungs im Park ein, die ein Mördertempo vorlegen. Ich kopple mich ab und laufe mein Tempo: bloß keinen fal- schen Ehrgeiz! Danach trainiere ich in der Halle mit Alex, ein großer, ruhiger, sympathischer Typ, der zufälligerweise heute auch zum ersten Mal hier ist.
Wir bekommen einen eigenen Trainer: Holger – Ex-Boxer und Physiothera- peut. Der schleift uns eine Stunde lang: Boxschrittstellung, Medizinballtraining, Partnerübungen.
Er korrigiert sehr gewissenhaft und genau unsere Haltungen.
Ich habe das Gefühl, daß er sich mehr auf den Mann, auf Alex konzentriert. Ich stelle viele Fragen, um seine Aufmerksamkeit auch auf mich zu lenken – es klappt. Er begutachtet scharf unsere abgelatschten Schuhe und die Haltungsfehler. Ich kom- me mir vor wie ein Bewegungs- idiot: Becken kippt zu stark ins Hohlkreuz, Füße nach außen. Ob ich schon mal in physiotherapeutischer Behandlung war, fragt mich Holger streng. Na, das fängt ja gut an. Trotz allem fühle ich mich gut nach dem Training. Kalle sagt ein paar aufmunternde Worte zwischendurch: Nicht so verkrampft, nimms spielerischer. Also Kalle, bis nächsten Montag.


21. Oktober 1999
4. Boxtraining
Heute gibt es einen «Neuen», und ich komme mir schon fast wie ein alter Hase vor. Bei den Partnerübungen arbeite ich zum 1. Mal nicht mit Alex, sondern mit Gregori. Der war mir immer schon ein bißchen unheimlich, und ich weiß jetzt auch warum: Seine Augen fixieren nichts Bestimmtes in meinem Gesicht, er hat etwas Verschlagenes, Un- - - be- rechenbares, ganz anders als Alex, der sehr «gerade» ist. Er zielt nicht direkt auf meinen Kopf, da er weiß, daß die Übung ein rechtes Ausweichen meinerseits ist, zielt er bewußt an die Stelle, wo ich in seinen Schlag reinlaufen muß.
Das macht mich total sauer. Holger korrigiert ihn zwar streng, aber wenn Holger nicht hinschaut, macht Gregori es wieder. Als wir tauschen, und er ausweichen muß, schlägt er mir andauernd auf die Brust.
Beim Sandsacktraining danach haue ich richtig zu, bis Holger zu mir kommt und sagt: «Du mußt hier nichts beweisen!»
Insgesamt fühle ich mich unwohl und bin nach dem Training ziemlich aufgewühlt. Zum 1. Mal war das Eis sehr dünn und ich verstehe, wie sauer man werden kann, wenn man von seinem Gegner so gedemütigt wird.


25. Oktober 1999
5. Training
Durch die lange Nacht mit Till bin ich heute ziemlich K.O.
Trotzdem raffe ich mich zum Training auf. Zum 1. Mal machen wir Training mit dem Springseil. Kalle blafft mich an: «Nicht das Kinderseil, Gudrun, du mußt das schwere Plastikseil nehmen.»
Damit geht's tatsächlich besser, und ich scheine zwischendurch zu fliegen, obwohl es mir nach ein paar Schlägen immer wieder zwischen die Beine gerät und ich neu ansetzen muß.
Beim Reaktionsspielchen mit dem Medizinball, bei dem man sich blitzschnell umdrehen muß, um den Ball zu fangen, krieg ich ihn erstmals voll aufs Auge. Danach habe ich Angst und ducke mich schon, während ich mich umdrehe, was natürlich zur Fol- ge hat, daß ich ihn verfehle.
Das ist das Ziel: keine Angst vor Schmerzen zu haben, sich ab- zu- rich- ten, nicht auszuweichen. Stehenzubleiben und hinzuschau- en.
Bei den Bewegungsabläufen der Schlag- und Schritt- kombinationen habe ich für Sekunden das Gefühl, es läuft von alleine, mein Körper macht die Bewegung, der Kopf denkt nicht mehr so stark mit, ob Beine und Arme richtig koordiniert sind. Diese Sekunden produzieren ein Glücksgefühl, das süchtig machen kann.
Dies ändert auch meine gesamte Haltung: Bei den Partnerübungen schaue ich Alex und Jörg ganz anders an, habe mehr körperliche Sicherheit. Der Blick bleibt beim Gegner, ich fühle mich freier im Körper, konzentriere mich mehr auf die «Psychologie» des Gegenübers. Konditio- nell ist es aber das Gleiche wie immer: ich bin völlig kaputt.
In der Um- kleide tröstet mich Esther: das wird auch immer so bleiben. Sie raucht und trinkt weiter und meint, das wäre konditionell nicht das Problem.


Donnerstag, 27. Oktober 1999
Haareschneiden bei Elke Teesenwitz
Elkes Frisiersalon, tiefstes Neukölln.
Elke ist eine quirlige Enddrei- ßi- gerin, Leopardenbody, aber nicht zu prollig, offenes Wesen, sehr ge- sprächsbereit. Erzählt von ihrer Boxtrainerinnenkarriere, die 1. Frau in Deutschland, die dazu zugelassen wurde. Damals war sie 31, und ak- tiver Wettkampfsport war 1994 für Frauen noch nicht erlaubt.
Frauen, sagt sie, haben potentiell die gleichen Bewegungsmuster wie Männer, und wenn sie richtig gut trainiert sind, könne man sie beim Kampf nicht voneinander unterscheiden. Das Handwerk sei eben enorm wichtig. Sie selber hat 4 Monate gepaukt: Ernährungsberatung, Trainingsaufbau usw.
War ein ziemlicher Medienrummel damals um sie, und stolz zeigt sie mir ihr Büro, das voller Fotos hängt: Elke mit ihren Jungs, Elke mit Herbert Grönemeyer, Elke mit Axel Schulz und an- deren, mit teilweise unbekannten Amateurboxern. Daneben ge- rahm- te Zeitungsausschnitte. Sie liebt es, außerhalb des Trainings, bei öf- fent- lichen Boxauftritten, in Minirock und Pumps aufzutreten. Der Ama- zonenlook ist nicht ihr Ding. Bei einem Wettkampf gab?s dessoustragende Nummernboys, das hat sie sehr genossen. Der «Neuen Re- vue» gegenüber hat sie mal geäußert, daß sie sehr auf Boxkörper stünde, seitdem kommen die Leute in ihren Laden und fragen sie, wen sie den in letzter Zeit «vernascht» hätte.
Elke ist selbstbewußt, wenig kokett, und Gleichberechtigung ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Sport war immer schon ihr Ding, sie hat 2 Brüder und einen sehr sportlichen Vater, als Kind ist sie immer alleine aufgestanden und hat Mu- ham- mad Alis und Fraziers Kämpfe gesehen.
Auch über sie ist schon im Fernsehen berichtet worden: 1 Mal von einem Mann und 1 Mal von einer Frau. War ein Riesenunterschied: Der Mann hat sie nicht ernst genommen und dämliche O-Töne verwendet, die Frau hat sehr respektvoll über sie berichtet. Während unserem Gespräch wäscht, schneidet und fönt sie mir die Haare und raucht spindeldürre Zigaretten in Kette.
Nachts in Neukölln hat sie schon mal 2 Kerle zusammengeschlagen, die sie blöd angemacht haben, da hätte sie gewußt, daß sie keine Hemmschwelle mehr hat, zuzuschlagen.


Donnerstag, 4.11.1999
Eine Woche kein Boxtraining mehr gemacht, da am Montag das Volksbühnengastspiel war. Meine Kondition wird trotzdem immer bes- ser, auch die Dehnung, ich komme jetzt fast in den Spagat. Kalle hat heute ein Spitzen-T-Shirt an: ich bin für Gleichberechtigung steht auf seinem beleibten Bauch. Konterfei ist ein Männergesicht mit einer Gurkenscheibenmaske, Werbung der Zigarettenmarke HB.
Er will mir alte DDR-Boxstiefel schenken, findet aber meine Größe nicht. Beim Training mit Holger im Ring merke ich sehr schnell, daß ich eine Woche nichts gemacht habe: Mein Körper muß sich die Schlag- und Schrittkombinationen richtig erarbeiten, sie laufen nicht so automatisch wie beim letzten Mal.
Immer wieder mahnt Holger das Mitgehen im Oberkörper an, ich arbeite zuviel aus der Hüfte, was bei ihm immer wieder ein Schmunzeln hervorruft. Auch das Kinn nehme ich zu hoch, so daß die Dec- kung nicht mehr stimmt. Außerdem krampfe ich in der Schultern, der Grund für meine regelmäßigen Nackenschmerzen nach dem Training. Trotz der vielen Fehler spüre ich wieder den Spaß, zuschlagen zu können.
Das satte klatschen meiner Boxhandschuhe auf Holgers Pratzen zeigt an, daß der Schlag stimmt und präzise sitzt – all das weckt jedes Mal ein Hochgefühl in mir. Vor dem Training zum 1. Mal ein langes Gespräch mit den beiden Polizeischülerinnen: die eine hat heute von Nicole, die ich noch nicht kenne, einen Hacken auf die Wange bekommen. Fast Stolz zeigt sie mir den blauen Fleck, der sich langsam bildet.


19. Februar 2000
Betriebsausflug des Boxerinnen-Teams zum Weltmeisterschaftskampf von Regina Halmich

Am Nachmittag vor dem Kampf mit Susan «Kaffeeklatsch» mit Ralf Morgenstern geguckt. 4 Hausfrauen diskutieren über das Frauenboxen: nicht nur totales Unverständnis, sondern Ekel und Abscheu auf allen Seiten. «Das ist doch total unästhetisch!», ist der gemeinsame Te-nor. Eine, mit einem penetranten österreichischen Akzent, echauffiert sich minutenlang: «Jahrelang haben wir als Frauen gegen Gewalt ge-kämpft, und jetzt steigen diese Verräterinnen in den Ring und schlagen sich blaue Augen.»

Abends im Estrelle-Hotel, Berlin-Neukölln. Zuschauermassen drängen sich durch die Eingangshalle. Die meisten sind sofort als Box-Fans identifizierbar, die Bekleidungs-Codes sind eindeutig und stellen ihr eigenes Klischee in den Schatten: kurze Haare, schwarzer Rolli mit Goldkette und Anzug bei den Männern, blonde Strähnchenstufenschnitte und High-heels bei den Frauen. Die Welt im Estrelle ist eindeutig: hier sind Männer Männer, Frauen Frauen, Funktionäre Funktionäre und wir tapfer irgendwo dazwischen rum. Als wir in die Halle kommen, die ca. 2000 Leute faßt, laufen die Vorkämpfe schon. Ein äl- te- rer, schwarzer Boxer kämpft gegen einen jüngeren Weißen.
Ein groteskes Bild: der Schwarze ist offensichtlich von Universum Box-Promotion als «Fallobst» gekauft worden. Dies ist dem Boxer total be- wußt und er untergräbt den Kampf mit Spezial-Einlagen: Kuß- hände für die Zuschauer und kleine Tanzschrittchen zwischendurch bringen den jüngeren Kontrahenten ziemlich aus dem Konzept. «Geh doch zu- rück in den Busch», ruft ein seriös angezogener Herr vor mir dem Schwarzen zu.
Der nächste Kampf ist schon Regina Halmich gegen Victoria Varga aus Ungarn. Keine große Ankündigung seitens des Moderators, der durch den Abend führt. Wie ein weiterer Vorkampf stehen die beiden Boxerinnen plötzlich im Ring. Als einzige Inszenierung werden die Hym- nen gespielt und Fahnen des jeweiligen Landes von den Nummerngirls geschwenkt, unter denen die Zuschauerfavoritin schon längst feststeht: Zizi, eine langbeinige Brünette, die sich besonders tief bückt, wenn sie in den Ring steigt.
Beide Boxerinnen, Gewichtsklasse Jr. Fliegengewicht, wirken ex- trem zierlich und fragil. Durch die Vorkämpfe der Männer hatte man den Ring mit ihrer Größe und Ausdehnung besetzt. Die beiden Frauen wirken dagegen wie ver- irrte Liliputanerinnen. Das ändert sich schlagartig, als sie anfangen zu boxen: obwohl Regina Halmich eindeutig überlegen ist, merkt man, daß die Ungarin sich dem Kampf stellt, kein «Fallobst» ist. Beide boxen konzentriert und ernsthaft, schnörkellos. Der einzige Show-Aspekt sind die goldenen Boxershorts von Regina Halmich, die man aber im Kampf schnell vergißt. Durch ihr technisch hochwertiges Bo- xen wird es sehr ruhig im Saal. Man schaut ihnen konzentriert zu. Daß sie Frauen sind, interessiert in diesem Moment nicht mehr. Dies bleibt so, bis in der 4. Runde die Ungarin durch einen Körpertreffer, vermutlich Leberhaken, ausgeknockt wird.
Regina Halmich ist erneut Weltmeisterin. Dies scheint die Zu- schauer nicht besonders zu begeistern oder zu interessieren. Die meisten kommen auch erst jetzt in den Saal, da nun die hochkarätigen Männerkämpfe anfangen. Auch die TV-Live-Übertragung von Premiere-World startet erst jetzt. Die ganze Inszenierung ändert sich: der Moderator, bis dato eher nüchtern, läuft zu seiner möglichen Höchstform auf. Lichtsterne wandern durch die Halle und bleiben an der Decke hängen. Die Musik wird hochgezogen, die Hauptkämpfe der Männer fangen an.


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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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