entwürfe - Zeitschrift für Literatur
Ausgabe 22: Reisen

Kristin T. Schnider *1960 in London.
Letzte Veröffentlichungen: «Ich wollte töten», Ricco Bilger Verlag 1994, «NYSKY», edition miramar Ricco Bilger Verlag 1996, «Besondere Bars und Cafés in der Schweiz», fotografische Impressionen Fotostudio Jan Bartelsmann mit Texten von Kristin T. Schnider, 1999.

Kristin T.Schnider

In Transit

Ich sitze im Bus am Fenster, denn schließlich will ich die Gegend sehen, auch wenn ich nur vom einen Kaff ins nächste, ins übernächste fahren werde, wo ich sowenig zu suchen habe und finden werde wie im ersten. Unsägliche Radiomusik. Der Fahrer spricht einen jungen Mann laut an in einer mir fremden Sprache. «Du keine Kind mehr.» Es riecht nach gemähtem Gras. «Du Erwachsen Billet kaufen!» Der Bus zittert zusammen mit dem leer laufenden Motor.
Der Song, der aus den Lautpsrechern nudelt, bedudelt Piräus. Unwahrscheinlich, daß dies die Heimatstadt des «Du Keine Kind!» jungen Mannes ist, und selbst wenn, käme er kaum aus dieser der schmalzigen Sehnsucht anbefohlenen Allerwelts-Songstadt.
Fadenbegradigt fließt der Schächenbach flach unter Brücke und Bus hindurch. Nach dem erfolglosen Kehr, – Halt vor dem Metzgergeschäft, der Drogerie, niemand steigt zu –, wird es düster und düsterer auf der langen Geraden von Schattdorf weg. Der Fahrer rast. Es wird ein Gewitter kommen. Vor dem Bahnhof in Erstfeld hält er an und läßt uns allein. Dieser Chauffeur, der sich sichtlich für ein Gottesgeschenk fürs «Wybervolch» hält, trägt Haar und Schnauz gelblichgrau als Rahmen für seine flotte Sonnenbrille. Er überläßt uns einem verlogen tremolierenden Tenor. Piräus haben wir längst hinter uns gelassen. Im Fond kommt an: «Silberfäden» und «ma-hai-ne Mutta zahht» und – was? Ich wage nicht, darüber nachzudenken. Fein? Weich? Wir warten ergeben. Ich weiß, daß ennet des Bahnhofsgebäudes die Berge drohend über dem Talstück hängen. Frage mich, woher die frischen Forellen, die das Restaurant auf der anderen Straßenseite anbietet, wohl sein mögen. Der Freitagsfisch, zitronenbeträufelt aufgetischt jeweils, zuunterst im Tal im Urnerhof z?Flüelen, kommt aus Vietnam.
Der Fahrer brettert der Reuß entlang. Sie ist nieder. Eiszeltligrünblau, und ich weiß nicht, was Schwendi, Schwändi, Schwanden, heißt. Silenen tröpfelt hausweise dem Bahngleise nach. Da regt sich nichts.
Er hingegen fährt wie eine Sau.
Amsteg naht. Wo sich absurde rosa Gebilde erheben vor dem Berg, werden bald riesige Löcher gebohrt werden. Baugerät wartet still beidseits der Straße. Beton droht.
Ein baufälliges Haus direkt in einer Kurve, unter überhängendem Fels steht «Zum Verkauf». Ausblick: auf die Garage gegenüber. Der Fahrer treibt den Bus den Berg hoch, Kurve um Kurve um Kurve, weit ausholend. Massive Eisen- und Autobahnbrücken führen hinein in Berglöcher, hinaus. Im Tal ist nichts mehr. Keine Häuser, meine ich, keine Tankstellen, Ställe, einsame Bagger. Gestrüpp flicht sich auf Erde, Bäume krallen sich in den Boden, verdecken die Sicht auf das eisige Wasser des Flußes. Eisenbahnschienen – Autobahnspuren: Schenkel links, Schenkel rechts. Die Baustelle, die sich unaufhaltsam ewig von Ort zu Ort durchs ganze Land allen Straßen nach wie alles und alle schiebt. Anhalten. Einbahnverkehr. Er läßt den Motor aufheulen. Der Bus bebt. Der Bus dröhnt. Ich schwitze. Mächtige Felsen widersetzen sich der Reuß, die eisiger, heller geworden ist. Wir warten. Der Fahrer wartet mit uns. Gegen uns. Eine immense Stahlkonstruktion hängt über dem Fluß, trägt die Behelfsstraße, wir auf ihr, währenddem die wahre Straße Schritt für Schritt geflickt wird.
Endlich erlöst, grünes Licht, fährt der Fahrer wild mit sich selbst um die Wette.
Ich sehe die Gegend nicht mehr. Kurven fahren mir durch den Kopf, der Magen schleudert verspätet nach. Ab und zu bohrt der Chauffeur, laut und deutlich in seinem Rückspiegel zu sehen, in der Nase. Mir wird allmählich übel. Daß der Bus beinahe auf einen am Straßenrand geparkten Bagger geknallt wäre, läßt mich merkwürdig kalt. Ich schwitze.
Alle anderen Fahrgäste sind längst schon ausgestiegen. Allein im Bus. Ihm ausgeliefert. Wenn er schon auf seins pfeift, wird ihm mein fremdes Leben einen Pfifferling wert sein. Der schöne Fahrer.
Zum ersten Mal bin ich diese Strecke gefahren. Zum ersten Mal ohne hundert Mal um eine kleine weiße Kirche, um ein kleines Dorf herumkutschiert worden zu sein in einem Zug Richtung Italien. Er ist blicklos hindurchgerast. Ich habe ebensowenig gesehen. Tankstellen vielleicht, doch, drei, möglicherweise. Das Gewitter ist nicht gekommen.
Endstation und ich steige aus und laufe ziellos und gedankenlos der Straße nach weiter, kein Bus mehr fährt da hoch, umsteigen könnte ich auf ein Bähnchen, will ich nicht, ich laufe, Kurve um Kurve, verlangsamt und doch nicht. Es ist etwas an den Bergen, das in mir den Wunsch erweckt, zu schreien. Ich stelle mich auf das flache Dach eines Lagergebäudes neben einer Garage in einer Kurve nicht weit über dem Bahnhof Göschenen und will schreien, schreien, schreien. Orange Bällchen schweben in Reih und Glied in der Luft quer übers Tal. Ich blicke auf eine Baustelle. Einen öden Steinbruch. Da sind Schienen. Da stehen Flüßiggüterwaggons und Bagger nagen gelangweilt an den Weichteilen des Berges, schaben mit schwerfälligen Schaufeln hier ein wenig, dort ein bißchen. Die Fliege, die sich auf meine Hand setzt, ist bunt und schlank und langsamer als diejenige, die bei mir weit unten im Tal im Zimmer wohnt. Sie ist eine braunköpfige bronzeleibige Bergfliege und ich keine Kuh. Sie fliegt davon. Ich sehe wie der nackte Fels mir gegenüber, jenseits des Bahnhofs, der Baustelle, Wasser läßt, als hätte er ein Leck, er glänzt dunkel, feucht, Sabber fließt träge über sein kantig splitterndes Kinn. Ein Bächlein ist das nicht, kein Wasserfall. Ich starre. «Come back by rain» bedeutet der stumme Fels mir, «wart Du nur, ich kann das Wasser schnell und schneller zischend und schäumend zu dir runterschießen lassen». Bevor Wahnsinn sich einnisten kann hinter meinen ungläubigen, schmerzenden Augen, aufgerieben an Gestein, angekratzt von den all den Felsvorsprüngen, die eben noch an mir vorbeigerast waren, von zurückschnellenden, dünnspitzen Ästen am Straßenrand, krabble ich hinunter. Jetzt. Sofort, schnell. Aber als ob ich es nicht besser wüßte, ziehe ich der Straße nach, nach oben, weiter.
Später im Bahnhofbuffet bekannteres unbekanntes Gebiet. Beiz, brauner Tisch, solide auf allen vier Beinen, vor mir ein Bier, eine Stange, um mich herum leere Tische, bis auf den einen, an dem Bähnler und Busfahrer sitzen und schwadronieren. Allerweltsmusik lügt karibischen Sunshine aus unsichtbaren Lautsprechern. Ich blicke in den Schaum im Glas und gestehe mir ein: ich kann nicht schreien, ich will nur schreien, ich müßte schreien. Jetzt nicht mehr. Ich warte auf den Bus, den nächsten, zurückzufahren durchs erste und nächste und übernächste Dorf, zurück, ich weiß nicht wohin, obwohl ich in diesem Land lebe. Eine Fliege wartet in einem Zimmer, nicht auf mich. Ich werde nicht schreien.
Der erste klägliche, zaghafte, schüchterne Versuch, oberhalb der Häderlisbrücke am Anfang der schrecklichen Schöllenen: ein Fehlschlag. Ich hatte um mich geblickt: da war niemand. Niemand hätte mich gesehen. Flußbrausen, Autos, die sich die weit entfernte Straße hochwinden und lärmen. Niemand hätte mich gehört. Ein leises Krächzen kratzte schüchtern im Hals drin. Steckt fest. Scharrt und schnarrt, fällt hinunter zurück, raschelnd und schabend in mich hinein. Und es nutzt niemals nichts, daß ich schartige Felswände bös anstarre. Eingeschlossen bleiben die Schreie, schmerzend, lautloser Irrstrom, der von Organgefäß zu Organgefäß lichtert, im Kreis springt, rast durch die Adern, als Kugelblitz durch den Magen kullert und zwischen den bescheidenen, nicht sehr soliden Schädelwänden wetterleuchtet.

Auf dem Schiff, während sich das Festland langsam entfernte, – sie hatte sich einen Fensterplatz gesucht und stellte leicht irritiert fest, daß sie sich nun im Heck befand –, dachte sie vage daran, daß Reisen etwas mit einer Bewegung in der Senkrechten zu tun habe. Aufbruch, sich erheben. Ja. Aber auch Stürzen. Niederfallen. Sie saß fest auf einem braunen Plastikstuhl, beide Hände über die Tasche auf ihren zusammengepressten Knieen gelegt. Sie zog sie hastig weg. Sinnlos. Obwohl sie nicht aussehen wollte, als klammere sie sich hilflos an ihre Tasche, legte sie sie wieder darüber, da sie nicht wußte, wohin mit ihnen. Ausnahmsweise wußte sie, wohin sie unterwegs war, ihre Umgebung brauchte sie nicht zu betrachten, sie glaubte, sie zu kennen, sie glaubte sogar zu wissen, weshalb sie unterwegs war, diese Reise einen Zweck hatte.
Das Schiff rollte leicht. «Die Verwandtschaft mit ?rieseln?», dachte sie, «ist vielleicht erst sehr spät in der Geschichte des Wortes «reisen» aufgekommen, vielleicht ist es sogar erklärt in den vergessenen Zeilen des Nachschlagewerkes, das ich aufmerksam lese ohne etwas genau zu verstehen.» Eigentlich fühlte sie sich nicht im Stande, während dieses sechzig oder neunzig Minuten dauernden Momentes zwischen zwei Stücken Landes auf einem Plastikstuhl sitzend, sich an die Herkunft eines Wortes zu erinnern, das, abgesehen von einem Schiff, bezeichnete, worauf sie sich befand. Auf einer Reise. An Hin- oder Herkünften irgendwelcher Art herumzustudieren, ließ in ihr ein Schwindelgefühl aufkom-men, das nichts mit den Bewegungen des Schiffes zu tun hatte; nein, sie sei seefest, dachte sie, es mußte das Denken sein, das, drohte es, in die Tiefe zu gehen, sie ermüdete und bereits hinunterzog. «Später vielleicht in der Zeit des Wortes kam das Rieseln», dachte sie. «Das gefällt mir. Reisen Rieseln. Die Reise. Das Rieseln. Ich reise. Ich riesle. Rieselnd bin ich ein kleiner Riese. Der rieselt, wie es ihm in den Sinn kommt, der hin und her rieselt durch die Gegend, sinnlos, natürlich, die Riesenschritte, die eigentlich zu ihm, seinem Namen gehören, vergessend.»
Es war ihr klar, daß das nicht aufging. Riesen sind Männer. Zu denken, sie müßte richtigerweise eine Riesin sein, ließ sie inne halten, denn sie spürte, daß sie dabei war, mit ihrem Kopf gegen eine linguistische Wand anzurennen. «Ich mag das nicht, das mag ich gar nicht», dachte sie. «Und die Riesin klingt so sehr nach «raisin», was im Englischen Weinbeere heißt, getrocknete, verschrumpelte Traube, nein.» Mit einer abrupten Bewegung, die ihre Irritation verriet, entledigte sie sich des Plastikstuhls und ging mit kurzen, aber bestimmten Schritten zur Tür, die aufs Deck führte. «Es Beeri», dachte sie empört. «Wo soll das hinführen?» Sie lehnte sich an die Reling und ließ sich die Sonne aufs Gesicht brennen. Ihre Tasche drückte gegen ihren Bauch und ihre Hände hatten damit zu tun, ihr Halt zu geben, die eine lag scheinbar locker auf der obersten hölzernen Planke der Reling, die andere umspannte energisch den einen Riemen der Tasche. Ihr Gesicht fühlte sich ledern an vom Wind angezerrt, weichgeklopft von unzähligen Bewegungen, von stetem Reisen, und unbeweglich.
Sie beobachtete mit leiser Verachtung wie das Land zurückwich, flach und bedeutungslos, besprenkelt mit einigen uninteressanten Behausungen; ihr Blick wanderte ohne etwas zu sehen über den Himmel, durchstreifte das Nichts zwischen ihm und dem Wasser. «Um der Wahrheit Genüge zu tun», dachte sie, so überrascht wie stolz darauf, daß ihr diese sprachliche Wendung überhaupt in den Sinn gekommen war, » klingt «Riesin» überhaupt nicht wie «raisin» sonder eher wie «reason». Ich spreche die Riesin weich aus, verschlucke ihr stur das «i» und der «reason» zerquetsche ich schlicht das «o».
Sie sah hinunter auf die See. Nichts an ihr hatte sie je zum Schreien gebracht, dachte sie, würde sie je zum Schreien zwingen. In ihrer Undurchsichtigkeit schien sie ihr auf angenehme Weise undurchdringlicher als Stein, Fels, Berg. Es fiel ihr leicht, den Blick vom Wasser zu lösen.
Der rieselnde Riese ist ein absurdes Wesen. «Weniger absurd,» dachte sie traurig, als sie das Deck verließ, um wieder hinein zu gehen und sich zu setzen, » als eine Riesin, auf jeden Fall. Als Riesin bin ich nichts. Eine Frechheit und Hässlichkeit. Und täte ich Riesenschritte, denn aus sprachlichen Grün-den kann und darf ich keine Riesinnenschritte tun, wäre ich nur eine lächerliche Frau, grotesk, die großen Schritte gehören den Riesen, und diese Wesen gibt es nicht mehr.»
Sie setzte sich wieder in denselben Stuhl, der noch etwas warm war, klammerte sich an ihre Tasche und fühlte sich müde und war erstaunt über sich selbst. Sie schloß die Augen und dachte: «Dann reise ich halt so, wie ich bin, auch wenn ich in diesem Moment nicht sagen könnte, wie ich bin. Oder wer.»
«Vernunft!» dachte sie, leicht gereizt. «Grund! Gründe!» Das Schiff rollte leicht. Bevor sie einschlief, versuchte sie sich vorzustellen, wie sie ankommen würde, als wer, als was, im nächsten Land, in dem sie einmal, wie ihr mitgeteilt worden war, zur Welt gekommen sei, das aber in diesem Moment nichts anderes war als ein Stück Erde, das ihr am Ende ihres kurzen Daseins auf dem Wasser weisse Felsen entgegenrecken würde.

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