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Michael Spittler, *1962 in Berlin; hat nach einem Germanistik- und Philosophiestudium sechs Jahre lang als PC-Supporter gearbeitet und schreibt als Journalist und freier Autor seit drei Jahren über Computer und neue Technologien. 1991 erschien seine Kriminalroman-Parodie «Das Un-Glück» beim Paranoia City Verlag, Zürich (zusammen mit Constantin Seibt). Er lebt zur Zeit in San Francisco.
Michael Spittler
Gebrauchsanleitung
OK! Sie konnten also nicht widerstehen! Sie sind ins Auto gestiegen und rausgefahren in die Vorortwildnis. Mit schlechtem Gewissen haben Sie die Lagerhalle des Computer-Discounters betreten. Sie haben sich einen Hextium VII 1200 GHz mit 528 MB RAM, 33 GB Harddisk, 19-Zoll-Monitor und Farbfotodrucker gekauft, für nur Fr. 7'999.- inklusive einem Jahr Garantie. Und dieser Gebrauchs-
anweisung. Dann wollen wir mal nicht so sein und Ihnen erklären, wie man mit dem Ding umgeht. Doch erwarten Sie nicht zuviel. Wir haben die Kiste zwar gebaut. Gerade aber, als wir anfangen wollten, sie auf Herz und Nieren zu prüfen, kamen diese Leute in den grauen Anzügen vorbei, faselten etwas von Lieferterminen und nahmen uns den Prototyp weg.
Sie haben es geschafft, Ihre Kisten von der Rücksitzbank aus dem Auto zu wuchten, ohne die Tür abzureißen. Sie haben die Schlepperei in den fünften Stock ohne Herzinfarkt überlebt. Sie haben es sogar geschafft, mit Schere, Messer und schließlich Drahtschneider alles auszupacken. Jetzt sitzen Sie mit übelriechenden Plastik- und Metallteilen inmitten des Verpackungschaos. Das ist bereits die erste Lektion: Computer produzieren Müll. Und dort, wo Sie ihn hinstellen wollen, ist niemals genug Platz. Außerdem befindet sich die Steckdose an der gegenüberliegenden Wand, und das Verlängerungskabel ist 10 Zentimeter zu kurz. Erwarten Sie bitte auch nicht, daß sich alle wichtigen Bedienungselemente auf der gut zugänglichen Vorderseite befinden. Pustekuchen. Computer wollen verkabelt sein, und je moderner sie sind, desto mehr Kabel gilt es, zu einem unübersichtlichen Knäuel irgendwo zwischen Wand und Rückseite des PCs zu versorgen. Was an diesen Kabeln hängt, verstreuen sie am besten wahllos auf Ihrem Schreibtisch. Tastatur, Maus, Internet-Videocam, Modem, Lautsprecher und was sonst noch zu Ihrem Komplett-Set gehört, sind beim Arbeiten sowieso immer im Weg.
Hier ist die ultimative Anleitung, welcher Stecker in welche Buchse gehört:
- Stecken Sie Stecker Nummer 1 mit dem Ende nach vorne bitte in Buchse Nummer 1,
- Stecken Sie Stecker Nummer 2 mit dem Ende nach vorne bitte in Buchse Nummer 2,
- Stecken Sie Stecker Nummer 3 mit dem Ende nach vorne bitte in Buchse Nummer 3,
und so fort.
Einfach, oder? Was, Ihre Kabel sind nicht nummeriert? Das muß uns wohl durch die Lappen gegangen sein. Keine Panik: Nummerieren Sie sie einfach selbst, schön der Reihe nach. Seien Sie froh, daß Sie sich von Ihrem Händler keinen Computer-Bausatz haben andrehen lassen. Dann nämlich würden Sie jetzt über der Bauanleitung grübeln und die Bedeutung von Sätzen wie «Connect the cable from the KL header to the keylock switch (if supported) on the front panel of your PC case (only models ATI-133 to BTW-5), without strangling the PCI graphics adapter» zu interpretieren versuchen.
Alles angeschlossen? Dann drücken Sie doch mal den AN-Knopf. Sie wissen nicht, wo der ist? Dann haben Sie einen Macinquatsch gekauft: der hat keinen. Er schaltet sich selbst ein und aus, wenn er Lust dazu hat. Dafür dürfen Sie hier zu lesen aufhören. Ein Mac erklärt sich ja bekanntlich von selbst. Wenn er Lust dazu hat. Für alle anderen gilt: Der AN-(und AUS-) Knopf ist groß, ergonomisch geformt, mehr oder weniger farbig und meistens in Kniehöhe platziert, damit Sie ihn möglichst leicht per Zufall während der Arbeit treffen können.
Sollte die Maschine jetzt nicht nur einen kurzen Knall und ein gewittriges Knispeln von sich geben, weil die Sicherung durchgeflogen ist, dann atmen Sie auf und beobachten Sie, was auf dem Bildschirm passiert. Nichts? Nur seltsame Buchstaben rieseln herab? Keine Panik, das ist normal. Erst, wenn nach einer halben Stunden noch immer nichts passiert, sollten Sie sich allmählich Sorgen um Ihre Sehfähigkeit machen. In den meisten Fällen jedoch bedankt sich die Maschine nach minutenlangem mysteriösem Gurgeln mit einem Piepston. Mit einem, wie gesagt. Hören Sie mehr als einen, dann ist ihr Computer kaputt. Ernsthaft kaputt. So kaputt, daß er nicht einmal mehr einen Piepston von sich geben kann. Auch Sie können hier zu lesen aufhören. Danke, daß Sie so lange mitgemacht haben, und vielleicht bis später mal.
So. Die sind wir los. Jetzt wird es gemütlich. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie DAS SYSTEM arbeiten. DAS SYSTEM darf bei der Arbeit nicht gestört werden. DAS SYSTEM wird Ihnen ernsthafte Schwierigkeiten machen, wenn Sie es bei seinen mysteriösen Gurgelgeräuschen unterbrechen. DAS SYSTEM weiß sich zu wehren. DAS SYSTEM ist überall. Wir haben Sie gewarnt. Wenn Sie morgen einen toten Fisch vor Ihrer Haustür liegen haben, dann beschweren Sie sich nicht bei uns.
Das Warten lohnt sich. Schließlich dürfen Sie, wenn DAS SYSTEM mit Ihnen fertig ist, endlich dieses wunderbare, kleine graue DING in die Hand nehmen, das mit Kabel 312 irgendwo am PC hängt und verheißungsvoll neben der Tastatur liegt. Andere nennen es DIE MAUS, aber Hand aufs Herz: Würden Sie eine Maus in die Hand nehmen wollen? Dann schon lieber Ihr DING. Sollten Sie Ihren PC vor allem zum Spielen gekauft haben, dann dürfen Sie vielleicht später auch noch den KNÜPPEL halten. Aber das setzt Körperstellungen voraus, die wir in dieser Anleitung nicht erklären können. Fürs Erste spielen Sie mal mit Ihrem DING. Streicheln Sie es. Lassen Sie es langsam unter Ihren Fingern hin und her gleiten. Ja. So. Fühlt sich gut an, gell? - Und? Reagiert er? Bewegt er sich? Den Cursor meinen wir. Falls nicht, ist Ihr System impotent. Vielleicht sollten Sie versuchen, einen Treiber zu laden oder so. Davon verstehen wir leider nichts. Fragen Sie Ihren Nachbarn, der sich immer damit brüstet, wie viele Websites er schon designt hat. Oder rufen Sie unsere Gratis-Hotline an: 0800 666 666. Nachdem Sie sich aufmerksam alle Optionen angehört haben, wählen Sie eine Null, um mit dem nächstmöglichen verfügbaren Helpdesk-Mitarbeiter verbunden zu werden. Genießen Sie die Warteschleifenmusik. Zwischen 8 und 12 spielen wir Barbara Streisands Greatest Hits, gefolgt von Peter Maffays letztem Comeback-Album und Schuberts Unvollendeter in einer speziellen 1000-Hertz-Telefonversion. Fluchen Sie bitte nur leise, denn Ihr Anruf wird zwecks Verbesserung unseres automatischen Supportsystems aufgenommen.
Die Maschine läuft, die Maus bewegt sich, ab und zu hören Sie sogar ein Geräusch, was nun? Jetzt brauchen Sie Software. Jede Menge Software. Tatsächlich solche riesigen Mengen an Software, daß sowohl Ihr Arbeitsspeicher als auch Ihre Festplatte daran ersticken werden. Um einen lächerlichen kleinen Brief zu schreiben, brauchen Sie ein Programm wie Mikroschrott Word, das knapp eine halbe Million Befehle kennt und mehrere hundert Megabyte Ihrer Festplatte verschlingt. Und Sie wollen ja nicht nur Briefe schreiben. Sie wollen Ihre Persönlichkeit mit individuellen Schriftarten ausdrücken, Ihre Adressen verwalten, Ihr Bankkonto in den Griff bekommen, Bilder malen, Photos bearbeiten, Musik komponieren, Computerspiele spielen, im Internet einkaufen, eine Homepage erstellen und nicht zuletzt mit der Welt per E-Mail in Kontakt treten. Sie wollen Ihren PC nicht nur als Arbeitstier, einen Freund fürs Leben, der Ihnen stets unter die Arme greift. Und zwar am liebsten auf Knopfdruck.
Software hat einen Nachteil: Man muß sie installieren. Das ist an sich nichts Aufregendes: Man kopiert Daten von einer CD-ROM oder Diskette auf die Festplatte, meldet sie beim SYSTEM an und startet sie mit einem Mausklick. Doch die Hersteller von Software sind Programmierer, und Programmierer sind keine normalen Menschen. Programmierer beschäftigen sich den ganzen Tag lang damit, coole Pop-Up-Animationen und noch coolere Rollovereffekte und die obercoolsten Soundeffekte zu kreieren, damit Sie ständig daran erinnert werden, daß es Ihre Software ist, die durch den Computer rauscht. Programmierer verschwenden ihre Zeit nicht damit, herauszufinden, ob Ihr Programm auch tut, was es soll - und ob es nach der Installation nicht alle anderen Programme zum Absturz bringt. Und versuchen Sie bitte erst gar nicht, einmal installierte Software wieder zu entfernen - sie wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen, gelöscht zu werden, und reißt dabei meistens einen guten Teil DES SYSTEMS mit in den Orkus. Niemals aber, unter keinen Umständen, verändern Sie auch nur irgend eine Kleinigkeit ihres SYSTEMS. Das dürfen nur PC-Supporter, und die kosten pro Stunde dreihundert Franken.
Selbst, wenn Ihre Software funktionieren sollte, heißt das noch lange nicht, daß Sie etwas damit anfangen können. Zu viele Knöpfe, Schaltflächen, Buttons, Icons, Menübefehle, Untermenübefehle, Tastenkombinationen, Eingabefelder, Listenfelder, Links, Kontextmenüs und Scrolldown-Leisten locken mit verborgenen, verheißungsvollen Funktionen. Sie benötigen sie alle; selbst, wenn es nur darum geht, einen Brief zu schreiben. Zum Glück hat Ihre Buchhandlung um die Ecke eine Auswahl an Lehrbüchern mit Namen wie «Das ultimative Word-Kompendium» oder «Mein erster Brief am PC - Schritt für Schritt erklärt». Manche davon sind sogar weniger als tausend Seiten dick und bereits für unter hundert Franken zu haben. Sie werden von Leuten geschrieben, deren Traum es ist, James Joyce «Ulysses» bezüglich Seitenanzahl, Bedeutung des Inhalts und Leseschwierigkeit zu übertreffen.
Doch vermutlich haben Sie gar nicht bis hierhin weitergelesen. Bravo! Sie haben die zweite Lektion gelernt: Wer seinen PC verstehen will, muß ihn benutzen. Machen Sie Fehler. Versuchen Sie nicht, zu verstehen, was oder warum es schief läuft. Probieren Sie es einfach noch einmal. Freuen Sie sich an jeder Kleinigkeit, die klappt. Baden Sie im Gefühl, dazuzugehören. Denn auch Sie sind jetzt modern, sind wieder jung und dürfen wieder mitreden. Jedenfalls in den nächsten drei Monaten, bis die nächste PC-Generation erscheint und ihre High-End-Maschine nur noch wertloser Schrott ist.
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