entwürfe - Zeitschrift für Literatur
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Daniel Schwartz (*1955) ist regelmässiger Mitarbeiter der Schweizer Kulturzeitschrift «du» und Mitglied der Fotografen-Agentur Lookat. Er arbeitet weltweit als Fotojournalist, zuletzt in Osttimor. Sein neustes Buch «Delta» (Thames and Hudson, Scalo, S.E.I 1997) beschäftigt sich mit Bangladeshs Weg aus der Krise, Burma unter der Militärdiktatur, Kambodschas Suche nach Frieden, sowie mit der ökologischen und politischen Entwicklung in Vietnam.

Daniel Schwartz
Indochina – Schatten und
Hinterlassenschaften

Im April 2000 jährt sich zum 25. Mal der Tag, an dem Saigon fiel. Als der nordvietnamesische Panzer Nr. 843 am 30. April 1975 die Tore des Präsidenten-
palastes durchbrach, besiegelte er eine für die USA demütigende Niederlage, mit deren traumatischen Auswirkungen die Supermacht auch heute immer noch nicht umzugehen weiß. Jüngstes Zeichen dafür war die Angst vor amerikanischen Opfern im Kosovo-Krieg.
Die drei Staaten des früheren Französisch-Indochina – Vietnam, Laos und Kambodscha – haben hingegen immer noch real Opfer zu beklagen. Die von den schonungslosen amerikanischen Bombardements zerstörten Länder sind heute wieder grün und die meisten Trümmer beseitigt, doch der Krieg ist für sie noch nicht zu Ende. Immer noch wurden und werden Kinder geboren, die an Krebs leiden, verursacht durch Entlaubungsmittel und andere giftige Niederschläge; immer noch werden junge Menschen von Blindgängern verstümmelt oder getötet. Sie sind die Opfer eines Krieges, den sie nicht kennen.
Doch nicht nur die Menschen haben mit den Folgen des tragischen Stellvertreterkrieges zu kämpfen, auch auf staatlicher Ebene wird nach Rezepten gesucht, um mit dem Erbe eines generationen übergreifenden Krieges fertig zu werden, der nicht zuletzt auch ein Bürgerkrieg war.
Vietnam wurde in jüngerer Zeit zwar als aufkommender Tiger-Staat Asiens betrachtet, doch einige seiner Reformen sind steckengeblieben. 5% Wirtschaftswachstum reichen kaum aus, um all die jungen Vietnamesinnen und Vietnamesen zu beschäftigen, die jetzt in den Arbeitsmarkt eintreten. Ein wirtschaftlich und politisch bedeutendes Handelsabkommen zwischen den USA und Vietnam kam 1999 nicht zustande, weil einige Mitglieder der Kommunistischen Partei befürchteten, daß zu enge Handelsbeziehungen mit dem alten kapitalistischen Gegner die Grundlage des ökonomischen und politischen Systems in Vietnam gefährden könnten.
In Kambodscha nahmen die ultramarxistischen Roten Khmer am 17. April 1975 Phnom Penh ein und verübten in der Folge einen Völkermord. 1979 hatten ihre Grenzverletzungen zur vietnamesischen Invasion in Kambodscha geführt – und zu einem Bürger- und Minenkrieg, der sich bis zu den von der UNO finanzierten Wahlen von 1993 hinzog. Der Tod ihres Führers Pol Pot im Jahr 1998 besiegelte schließlich das Ende der Roten Khmer. Über einen möglichen Völkermord-Prozeß gegen die überlebenden Roten-Khmer-Führer wird jetzt zwischen der UNO, den US-Behörden und dem gegenwär tigen kambodschanischen Herrscher Hun Sen diskutiert. Dieser hatte sich, noch bevor er die Wahlen von 1998 gewann, mit einem Coup die Herrschaft über ein Land gesichert, in dessen verarmten ländlichen Gegenden unentdeckte Landminen wohl noch auf Jahre hinaus Menschen töten werden.
In Laos versuchte das neue kommunistische Regime nach seiner Machtübernahme von 1975, «den neuen sozialistischen Menschen» mit dem buddhistischen Konzept des asketischen, selbstlosen Menschen, der für eine höhere Existenz arbeitet, zu verbinden. Parallel dazu sollte die Landwirtschaft kollektiviert werden, was jedoch eher zu einer Festigung der traditionellen bäuerlichen Wirtschaftsformen als zu ihrer Veränderung führte. Mitte der 80er Jahre wurden Reformen zur Liberalisierung der Wirtschaft eingeleitet, aber die Abhängigkeit von ausländischer Hilfe ist zu stark, als daß ein selbständiger Weg Erfolg haben könnte. Neuere Infrastrukturprojekte sind nun eher darauf angelegt, Laos als Transitkorridor nutzbar zu machen, als die Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen. Zu dem liegen beispielsweise in der Ebene von Jars immer noch Blindgänger aus dem Luftkrieg der CIA, die Kinder verstümmeln - Kinder, die auch in Gärten spielen, deren Umzäunung oft aus den Hüllen jener Bomben gemacht sind, die mit ihren aktiven Sprengkörpern nach so vielen Jahren noch immer plötzlichen Tod bringen können.


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Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
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