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Tim Krohn, *1965; lebt als freier Schriftsteller und Präsident des Schweiz. Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verbands in Zürich. Am 11. März hat in Stans seine Bühnenfassung der «Quatemberkinder» Premiere, im August erscheint bei Eichborn, Berlin der Roman «Irinas Buch».
Tim Krohn
Wal gefüllt
Große Wale im Ganzen zu bekommen, ist schwierig. Kleinere Arten wie Mörderwale erhält man in meeresbiologischen Versuchsanstalten. Es ist bei diesen Arten darauf zu achten, daß das Tier ein genügend großes Bauchvolumen aufweist. Um den Wal zuzubereiten, ernährt man ihn einige Tage mit Milch und frischen Kräutern je nach Saison und achtet darauf, daß das Bassin regelmäßig gereinigt wird. Ist der Wal so von innen heraus gereinigt und gewürzt, wird das Wasser im Bassin vollständig ausgewechselt und mittels Tauchsiedern zum Kochen gebracht. Sollte der Wal hierbei nochmals Exkremente oder, über geplatzte Blutgefäße an Augen oder Lunge, Blut verlieren, sind die koagulierten Rückstände sorgfältig zu entfernen und notfalls das Wasser nochmals auszuwechseln. Mit üblichem Kochsalz versetztes Süßwasser ist für die Zubereitung des Wals besser geeignet als Meerwasser.
Eine schonendere Art, den Wal küchenfertig zu machen, besteht darin, ihn aus einem Bassin, das seinen Bedürfnissen entsprechend temperiertes Wasser enthält, direkt in ein anderes, mit siedendem Wasser angefülltes, springen zu lassen. Auf diese Weise wird auch fortdauerndes Schreien verhindert; es wird nichts weiter zu hören sein als ein pfeifendes Geräusch der durch das Luftloch entweichenden Luft, wie man es von der Zubereitung von Hummern oder Langusten her kennt.
Während einer Stunde ohne weitere Zutaten garen. Regelmäßig Schaum und allfälliges Fett abschöpfen. Hierzu eignet sich am besten ein feinmaschiges Netz oder ein Kescher, wie sie in der Fischerei verwendet werden. Sobald sich kein Schaum mehr an der Oberfläche absetzt, ein Drittel des Kochwassers durch Weißwein ersetzen (am geeignetsten ist ein trockener Riesling). In ausreichenden Mengen gestiftelte Mohrrüben, Frühlingszwiebeln oder Schalotten, einige Rosmarinstauden, Lorbeer, nach Belieben etwas Wacholder und genügend Pfeffer in ganzen Körnern beigeben (eine Mischung von einem Drittel schwarzem und zwei Dritteln grünem Pfeffer hat sich hervorragend bewährt). Sechs bis acht Stunden am Siedepunkt simmern lassen; die Festigkeit des Fleisches regelmäßig durch Einstechen der Bauchdecke unterhalb der Brustflossen prüfen. Wenn die Zinken einer Tranchiergabel sich mühelos ins Fleisch versenken lassen, das Wasser aus dem Bassin ablassen und den Wal sorgfältig auf eine auf dem Bassinboden befindliche Servierplatte so absenken, daß das Tier auf den Bauch zu liegen kommt. An der Servierplatte befestigte Stahlösen erleichtern das Auftragen.
Das Applizieren des Jonas geschieht durch den Rachen. Sollte dieser sich als zu eng erweisen, sind der After des Wals schonend auf die entsprechende Größe zu erweitern und Darm und Magen zu entfernen. Der Jonas kann in Betstellung, am ehesten knieend, in Aspik schwimmend in die Bauchhöhle des Wals verbracht werden. Effektvoller ist es allerdings, einen lebenden Jonas zu verwenden, der in den Gewändern des Papstes mit Soutane, Spitzhut und Zepter den Wal bei Tisch von innen her tranchiert, um schließlich durch eine in die Flanke des Tieres geschnittene Öffnung in Form eines Domtores, ein Tischgebet vortragend, vor die Gesellschaft zu treten und Stücke des Wals auf Platten zu servieren. (Es sollte nicht vergessen werden, den lebenden Jonas mit Sauerstoff zu versorgen, damit die Gäste nicht nach vergeblichem Warten selbst Hand an den Wal legen müssen, um ihren Hunger zu befriedigen.)
Die Platte schließlich, auf der der Wal serviert wird, sollte nicht zu stark geschmückt sein. Ein kleines Meer von Petersilie, einige kleinere, bunt schillernde Fische und, in zwangloser Anordnung, einige wie zufällig verstreute Kirchengesangsbücher tun dem ästhetischen Auge des gebildeten Betrachters Genüge.
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