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Peter Stamm, *1963; lebt in Zürich und arbeitet in Winterthur als Journalist und Schriftsteller. Schrieb von 1993-95 ca. 300 Texte für den Nebelspalter. Letzte Veröffentlichungen: "Agnes", Roman, 1998; "Blitzeis", Erzählungen, 1999; beide im Arche-Verlag, Zürich/Hamburg.
Peter Stamm
Humor?
Worüber wir lachen
Eine Reihe von explosiv gebildeten Silben von 75 Millisekunden Dauer, die sich im Abstand von etwa 200 Millisekunden wiederholen. Das ist Lachen. Aber worüber lachen wir und worüber nicht? Und warum lachen wir und warum nicht? Warum hat Humor, wer trotzdem lacht? Und warum hat keinen Humor, wer nicht lacht? Wer trotzdem nicht lacht? Wer sich mit Humor befaßt, findet mehr Fragen als Antworten und merkt bald einmal, daß das alles andere als komisch ist.
Als ich geboren wurde, schlug mich der Arzt, damit ich weine. Wer weint, atmet. "Also schön ist er nicht", sagte mein Großvater, als er mich zum ersten Mal sah. Der Bodensee vor dem Spital war zugefroren. So kam ich zur Welt. Meine Kindheit war ereignislos und glücklich. Wenige Fotos zeugen noch von jener Zeit. Ich war seit meiner Geburt etwas schöner geworden, aber auf keinem der Bilder lache oder lächle ich. Ich interessierte mich für die Welt, aber ich fand sie nicht lustig. Ich las viel, wahllos, alles, was mir in die Hände kam. Einmal bekam ich ein Buch mit dem Titel "Tausend tolle Witze" geschenkt. Ich las es in einem Zug, mit großem Interesse, aber ohne ein einziges Mal zu lachen. Ich wurde erwachsen. Ich liebte das Kino, sah mir die besten Komödien an - von Federico Fellini, Woody Allen, Peter Sellers -, aber ich lachte nicht. Wenn ich Paßfotos machen ließ, versuchten die Fotografen, mich zum Lachen zu bringen, indem sie mir blöde Geschichten erzählten oder Grimassen schnitten. Schließlich ließ ich mich nur noch vom Automaten fotografieren. Dann begann ich zu schreiben: Parodien, Satiren, Ulktexte. Gelacht habe ich dabei nie. Andere haben über mich gelacht, vielleicht auch über meine Texte. Aber ich lache über niemanden. Warum sollte ich? Es wird ohnehin zu viel, über zu vieles gelacht. Über Clowns zum Beispiel. Gibt es etwas Öderes als Clowns? Menschen, die mit zu großen Schuhen und bunten Hosen herumgehen, Geigen zertrümmern und sich Leitern um die Köpfe schlagen? Slapstick wird dieser Witz genannt, der "ausschließlich auf dem Bild- und Bewegungsmäßigen" beruht und dessen sich von Buster Keaton über Charlie Chaplin bis zu Laurel & Hardy auch die frühen Filmkomiker fast ausschließlich bedienten. Eines der mächtigsten Werkzeuge der Film- und Zirkusclowns ist die Wiederholung. Wenn in "Diner for one" der Butler über den Tigerkopf stolpert, lacht das Publikum, beim fünften Mal schreit es vor Lachen, beim zehnten Mal wälzt es sich auf dem Boden. Und das jeden Silvester seit ichweißnichtwievielen Jahren. Noch weiter gehen komische Trickfilme, wo vom Publikum erwartet wird, daß es lacht, wenn Tom, die Katze, von Jerry, der Maus, in die Luft gesprengt, verbrannt, zerquetscht, an die Wand geschleudert wird. Grausamkeit ist eine der dicksten Wurzeln des Humors, Schadenfreude seine älteste Form. In ihrem Buch über die San, einen afrikanischen Stamm, der zu den ältesten und ursprünglichsten dieser Erde gezählt wird, beschreibt Elizabeth Marshall Thomas, wie die Buschmänner sich königlich über den Todeskampf eines Springbocks amüsieren. "Sie lachten, schlugen sich auf die Schenkel und hatten überhaupt kein Erbarmen mit dem Tier." Dieses aus unserer Sicht brutale Verhalten erklärt die Forscherin sich und uns damit, daß die San Tiere nicht als empfindende Wesen betrachten, daß sie den Todeskampf als eine Art Schauspiel ansehen. Das ist natürlich blanker Unsinn. Ich habe noch nie erlebt, daß jemand gelacht hätte, wenn beispielsweise ein Auto kaputt ging oder wenn der Computer abstürzte. Schadenfreude ist nicht Freude am Schauspiel der Zerstörung, sondern Freude am Unglück eines anderen lebendigen Wesens. Ganz klar sagt das der Zürcher Psychologieprofessor Norbert Bischof in seinem Buch "Das Rätsel Ödipus": "Triumphgeschrei und Lachen sind einander in mancher Hinsicht analog." Beide seien nach Unverschämtheiten gegen Gruppenfeinde, in schwächerer Form auch bei der Erleichterung nach einem nicht zu starken Schrecken zu finden. Lachen als Geste des Triumphs, als Zeichen der Entspannung nach einem Kampf, nach einem Sieg, den man errungen hat, oder nach einer Niederlage des Feindes. Kinder leben ihre Schadenfreude noch ganz hemmungslos aus. Eine amerikanische Untersuchung hat ergeben, daß sie im Alter von acht bis fünfzehn Jahren am liebsten und häufigsten über das Unbehagen, über Demütigungen und Foppereien anderer lachen. Erwachsene sind nicht viel besser. Zwar lachen sie nicht mehr, wenn jemand auf der Straße hinfällt oder sich die Finger verbrennt - man will ja keinen schlechten Eindruck machen -, wenn sie Witze erzählen oder sich erzählen lassen, sind sie jedoch nicht weniger schadenfreudig als die Kinder. Nur lachen sie nicht über den Mann von nebenan, die Sekretärin des Chefs oder die eigene Schwiegermutter, sondern über abstrakte Witzfiguren: die Blondine, den Ostfriesen, den Mantafahrer. Dann heißt es nicht "Was ist unserem Nachbarn, Herrn Bachmann, als letztes durch den Kopf gegangen, als er mit seinem Wagen in den Brückenpfeiler fuhr?", sondern "Was geht einem Mantafahrer als letztes durch den Kopf, wenn er gegen eine Mauer fährt?" Es ist, wer hätte es gedacht, "der Heckspoiler". Wer darüber lacht, sollte sich Gedanken über seine geistige Gesundheit machen.
Während ich mit ernstem Gesicht durchs Leben ging, wurde rund um mich gelacht, über Dinge, bei denen sich mir die Haare sträubten. Zum Beispiel über einen gewissen Mr. Bean, deutsch Herr Bohne, dessen kleinste Grimasse das Publikum zum Brüllen bringt. Ich wollte nicht arrogant sein, war durchaus bereit, mit dem Strom zu schwimmen. Aber es gelang mir nicht. Ich fand ganz einfach nicht lustig, worüber die anderen lachten. Einmal mehr fühlte ich mich zu spät oder zu früh geboren, in dieser Zeit, in der ein Drittel der Weltbevölkerung der Beerdigung einer englischen Ex-Prinzessin zuschaut und in der das Finalspiel der Fußball-Weltmeisterschaft ungefähr so viel Beachtung findet wie einst die Entdeckung eines neuen Kontinents oder eines Impfstoffes gegen Kinderlähmung. Ich zog mich zurück aus der Welt und vergrub mich in den Bibliotheken. Hier, in den Zeugnissen der großen, alten Kulturen, würde ich wohl einen Humor finden, über den auch ich lachen könnte. Bärtige Herren in Sandalen und weißen Nachthemden, die unter Feigenbäumen Oliven essen und über die Welt diskutieren - so hatte ich mir das alte Griechenland vorgestellt. Worüber Homer und Ovid gelacht hatten, darüber würde auch ich lachen können, dachte ich. Aber worüber hatten sie gelacht? Im Buch "Humor in der Antike" eines gewissen Herrn Karl-Wilhelm Weeber fand ich alte Witze. Zum Beispiel aus der "Witzesammlung des Philogelos" aus dem 5. Jh. n. Chr.: Ein Mann mit stinkendem Atem begegnete einem Tauben. "Sei gegrüßt!" sagte er. Worauf jener entgegnete: "Pfui!" Der Stinker fragte überrascht: "Was habe ich denn Schlimmes gesagt?" - "Gefurzt hast du!" sagte der Taube. Traurig. Ich wandte mich von den Griechen ab und den Römern zu. Eine ernste, eine strenge Kultur. Erbauer großer Städte, Feldherren, Forscher. Männer, dachte ich, die nicht über Fürze lachten. Denkste! Herr Weeber hatte sich viel Mühe gegeben, bei den Römern irgend etwas Komisches zu finden. Bis in die Bordelle hatte er sich vorgewagt, hatte abgeschrieben, was zweitausend Jahre früher die Kunden an die Wände geschmiert hatten: "Fustus hat hier zusammen mit seinen Kameraden gebumst" oder "Am 15. Juni hat Julias Hermeros mit Phileteros und Caphisus gebumst". Römer! Darüber habt ihr gelacht? (Herr Weeber! Das finden Sie lustig?) Plötzlich fand ich es recht einleuchtend und eigentlich auch nicht mehr bedauerlich, daß auch diese Hochkultur untergegangen war. Ich suchte weiter. Irgendwo, in irgendeinem der Hunderttausenden von Büchern der Bibliothek, mußte der Witz stehen, über den auch ich lachen konnte. Ich wählte das Buch der Bücher, die frohe Botschaft, die Bibel, zeitgemäß und schnell zu durchsuchen auf CD-ROM. Im Alten Testament, fand der Computer, wurde neunundzwanzig mal gelacht. Zwar lachten die Propheten nicht über Fürze, dafür nur immer aus Verachtung oder Spott. Im neuen Testament war von "lachen" gerade noch dreimal die Rede. "Selig ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen", versprach etwa der Evangelist Lukas den Unglücklichen. Wie er uns Weinende zum Lachen bringen wollte, schien aber auch er nicht zu wissen. "Vom Lachen mußte ich sagen: es ist sinnlos, und von der Freude: Was schafft sie?", las ich in Prediger 2,2. So gab es also auch im heiligen Land nichts zu lachen.
Die Humorlosigkeit begleitete die Christen durch ihre Geschichte. Wo immer gelacht wurde, griff der Klerus ein, verbot Theater, Tanz und Fastnachtsfreuden. Der Mensch, der Christ, ist nicht auf der Welt, um zu lachen. Wer in der Kirche des Mittelalters trotz der harten Holzbänke vor Langeweile einschlief, wurde mancherorts gar vom Küster mit einem Knüppel aufgeweckt. Zwar entdeckten die Priester den Humor irgendwann als taugliches Mittel, die Gläubigen bei der Stange zu halten, aber ihr Humor war nicht viel erquicklicher als der Knüppel des Küsters. Martin Luther war einer der frommen Scherzkekse und ulkte frei nach dem Motto "Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz" drauflos. Einige Kirchbesucher fanden das wohl lustig, aber wer will es ihnen verübeln, in einer Zeit, in der die einzige Abwechslung im grauen Alltag aus Pestepidemien und dreißigjährigen Kriegen bestand. Während in Europa noch über fröhliche Fürze gelacht wurde, kursierten im arabischen Raum schon vor der ersten Jahrtausendwende Witze, wie sie ähnlich noch heute erzählt werden: Einmal betrat Dschuha das Haus und traf die Sklavin seines Vaters schlafend an. Da legte er sich zu ihr. Sie bemerkte die Bewegung und erkundigte sich: "Wer ist das?" Darauf Dschuha: "Sei still, ich bin mein Vater." oder: Ein Bekannter berichtete Dschuha von einem sehr fernen, heißen Land, dessen Bevölkerung wegen der Hitze nackt herumgehe. Da sagte Dschuha verwundert: "Merkwürdig! Wie kann man dann dort die Männer von den Frauen unterscheiden?" Als sich die braven Christen auf ihren Kreuzzügen im Morgenland damit vergnügten, die Heiden abzuschlachten, muß ihnen der eine oder andere dieser Witze zu Ohren gekommen sein. Jedenfalls sind einige der Eulenspiegel-Geschichten nichts anderes als eingebürgerte Witze aus dem Orient. Folgende Anekdote aus dem zwölften Jahrhundert war so haltbar, daß sie bis heute dem irischen Dichter George Bernhard Shaw angedichtet wird: Der hässliche Amarah ibn Akil sagte: "Bei Gott, ich werde eine schöne Frau zum Weibe nehmen, damit mein Sohn ihre Schönheit und meine Schlauheit erbt." Er vermählte sich mit einer schönen, doch einfältigen Frau, und sie gebar ihm einen Sohn, der ihre Einfalt und seine Hässlichkeit besaß.
George Bernhard Shaw. Ein Name, den man sich merken muß. Seit Molière schrieb wohl niemand mehr so langweilige Komödie wie Shaw. Aber wie soll ein Mensch auch komisch sein, der überzeugter Antialkoholiker, Nichtraucher, Vegetarier und noch dazu Sozialist ist. Tausendmal oder vielleicht auch nur hundertmal komischer sind die Theaterstücke seines Landsmannes Oscar Wilde, schwul, arrogant, sinnesfreudig. Shaw erhielt den Nobelpreis, Wilde wurde wegen seiner Homosexualität ins Zuchthaus geworfen. Warum Shaw nicht komisch war? Weil er mit seinem Humor die Menschen zu besseren Staatsbürgern machen wollte. Ich sage nicht, Humor solle nicht politisch sein. Aber politischer Humor ist nicht dazu da, das Gute aufzubauen, sondern das Schlechte niederzureißen. Die besten Satiriker sind die Anarchisten, die jede Form der Herrschaft von Menschen über Menschen ablehnen. Die besten politischen Witze sind jene, die nichts anderes tun, als sich über die Mächtigen lustig zu machen. Wie dieser, im Internet kursierende: Hannelore Kohl kommt in ein Eisenwaren-Geschäft und verlangt ein Stück Draht. "Wofür brauchen Sie denn den Draht?" fragt der Verkäufer. "Ich habe den Schlüssel im Wagen stecken lassen - und muß nun mit dem Draht die Tür öffnen." Der Verkäufer, neugierig geworden, geht mit. Hannelore biegt den Draht und versucht, das Fenster zu öffnen. Drinnen sitzt Helmut und gibt Anweisung: "Links, mehr links - etwas rechts..." Ob politische Witze wirksam sind, ist umstritten. Der deutsche Kabarettist Werner Finck zweifelte daran und meinte, wer über die Tyrannen lache, wehre sich nicht gegen sie. Am Ende der Nazizeit sagte er selbstkritisch: "Ohne unsere Witze hätten sich die Leute früher gewehrt." Der Schriftsteller Arthur Koestler hingegen meint, Diktatoren fürchteten Witze mehr als Bomben. Ein paar Witze können kein Regime stürzen, aber sie können die Macht des Staates untergraben, können eine Diktatur, einen Diktator schwächen. Fürchteten sich die Mächtigen nicht vor dem Lachen ihrer Untertanen, hätten sie nicht so viele Satiriker und Humoristen einsperren oder gar umbringen lassen. Politischer Humor muß den Mächtigen weh tun. Aber gerade da liegt das Problem in der Demokratie, in der das Volk die Macht hat und sich selber unterdrückt. Der Satiriker muß für das Volk gegen das Volk schreiben. Dabei beißt er dauernd die Hand, die ihn füttert. Er ist in der selben Situation wie einst der Hofnarr, der vom Fürsten dafür bezahlt wurde, sich über diesen lustig zu machen. Dauernd war der Hofnarr, dauernd ist der Satiriker in Gefahr, daß das Publikum genug davon hat, über sich selbst zu lachen, und ihn zum Teufel schickt. Darum werden Narren nicht reich, nicht glücklich, nicht alt. Darum lachen sie nicht und ärgern sich, wenn andere über ihre Worte lachen, statt sie ernst zu nehmen. Der Satiriker sei ein gekränkter Idealist, sagte Kurt Tucholsky. Er nahm sich das Leben, als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen. Andere Komiker soffen sich zu Tode, so der berühmte Hofnarr Gundelding, dem sein Herr, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I, schon zu Lebzeiten einen Sarg in Form eines Fasses zimmern und darauf schreiben ließ: Hier liegt in seiner Haut, halb Schwein, halb Mensch, ein Wunderding. In seiner Jugend klug, im Alter toll; des Morgens wenig Witz, des Abends immer voll. Ein Chef fragte mich einmal, warum ich immer ein so ernstes Gesicht mache. Ich verstand die Frage nicht. Ich "machte" das Gesicht nicht ernst. Es war einfach so. Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, weshalb er immer lache, aber ich fragte ihn nicht. Stattdessen fragte ich mich selbst, warum ich nicht lache. In der Zeitung fand ich auf Anhieb vier Gründe: erstens war ein Nobelpreisträger gestorben, zweitens hatte sich in Baton Rouge ein Student zu Tode gesoffen, drittens hatte ein Hochwasser in Pakistan neunzehn und viertens in Thailand ein anderes siebenundzwanzig Todesopfer gefordert. Weitere Gründe lagen auf der Hand: draußen regnete es fünftens seit dem Morgen, ich hatte sechstens schon wieder zu viel geraucht und wurde siebtens von der Frau, die ich liebte, nicht wieder geliebt. Achtens hatte ich mir im Hallenbad einen hartnäckigen Fußpilz aufgelesen. Neuntens fand ich das Leben überhaupt recht schrecklich, und zehntens war es auch kein Trost, daß der Tod die einzige Alternative ist. Bei zehn hörte ich auf zu zählen und fragte mich, weshalb überhaupt irgendwann irgendjemand lache. Lachen, erfuhr ich in Büchern, die ich zu Rate zog, ist eine primitive Art der Kommunikation, dient ähnlich wie Schreien, Stöhnen oder Weinen dazu, anderen unsere Seelenverfassung mitzuteilen. Affen lachen und vielleicht auch niedrigere Tiere. Bei den Menschen lachen vor allem die Frauen. Lachen, hieß es weiter, scheine etwas mit Dominanz und Unterwerfung zu tun zu haben. Wobei der Lachende sowohl Überlegenheit als auch Unterwerfung ausdrücken könne, je nachdem, wie er lache. Die Forscher hatten herausgefunden, daß Menschen in Gruppen dreißigmal häufiger lachen als allein. Und daß - zum Beispiel bei Parties - achtzig Prozent der Lacher vollkommen normalen Äußerungen folgten, wie: "Schaut, da kommt Walter" oder "nett, dich zu sehen". Nur jeder fünfte Lacher folgte auf eine humoristische Bemerkung. Ob jemand laut lache oder keine Miene verziehe, erfuhr ich schließlich, habe nichts mit seinem Humor zu tun, sondern nur mit seinem Temperament. Lachen ist ansteckend wie Gähnen und Schreien. Bei vielen TV-Shows werden deshalb statt guter Pointen Lacher ab Tonband verwendet, die ebensogut funktionieren und erst noch billiger sind. Nach dem 1. Weltkrieg waren sich selbst erfolgreiche Jazzmusiker wie Louis Armstrong nicht zu schade, Platten zu produzieren, auf denen zwischen den Musikstücken Gelächter zu hören war. Wie ansteckend Lachen sein kann, zeigte sich 1962 in Tanganijka, wo in einer Mädchenschule eine Lachepidemie ausbrach, die sich über eine ganze Region ausbreitete und ein halbes Jahr andauerte. Die Epidemie erfaßte vor allem Menschen der Unterklasse, die nach Kontakt mit bereits "Erkrankten" unter mehrminütigen bis mehrstündigen Lachattacken litten. Die Erkrankung dauerte nie länger als zwei Wochen und hatte keine anderen Symptome als hysterisches Lachen. Bei der Bevölkerung der Dörfer löste die Epidemie große Angst aus. Bei den Betroffenen jedoch hinterließen die Lachattacken - obwohl sie oft mit schweren Bauchschmerzen einhergingen - meist lustvolle Gefühle. Das war die Lösung. Lachen ist nichts anderes als eine lustvolle Krankheit, als eine primitive Sprache. Eine Sprache, die ich nicht verstehe und nicht spreche. Mit Humor hat das überhaupt nichts zu tun, auch wenn viele Menschen auf Humor nicht anders zu reagieren wissen, als mit Lachen. Lachen ist nur eine, die einfachste Reaktion auf Humor. Was aber ist Humor?
"Das ist Humor", sagte Kurt Tucholsky einmal, "durch die Dinge durchsehen, wie wenn sie aus Glas wären." Das ist zwar ein schöner Satz, hilft uns aber nicht viel weiter. Weiter hilft uns hingegen, was der Düsseldorfer Lachexperte Willibald Ruch sagt: "Komisch ist alles, was nicht unseren Erwartungen entspricht." Dieses Unerwartete beschreibt Arthur Koestler als ein plötzlicher Sprung von einer auf eine andere Ebene. Er zitiert dazu folgenden Witz aus einem französischen Film: Ein junger Mann zum Vater seiner Geliebten: "Ich möchte Sie um die Hand ihrer Tochter bitten." Der Vater: "Warum nicht. Den Rest haben Sie ja schon gehabt." Hier ist mit "die Hand ihrer Tochter" einmal die Ehe mit der Tochter, das andere Mal die wirkliche Hand als Körperteil gemeint. (Ich weiß, der Witz wird nicht besser durch die Erklärung, aber er ist hier ja sozusagen nur das Meerschweinchen.) Der Witz besteht also darin, daß der junge Mann und der Vater dasselbe sagen, aber nicht das Gleiche meinen. Aller Humor funktioniere nach diesem Schema der zwei Ebenen, sagt Koestler, allerdings nicht nur nach diesem Schema. "Wenn ein Komiker eine Geschichte erzählt", schreibt er, "versucht er bei seinen Zuhörern eine Spannung aufzubauen, die aber nie den erwarteten Höhepunkt erreicht. Die Pointe schneidet wie eine Guillotine durch die logische Entwicklung der Geschichte." Die Spannung, die sich in den Zuhörern aufgebaut habe, entlade sich dann im Lachen. Deshalb gehe es in Witzen auch so oft um von vornherein spannungsgeladene Gefühle wie Brutalität, Neid und Sexualität. Typisch dafür ist der (ich glaube jüdische) Witz des Provinzlers, der seinen Kollegen nach einer Parisreise in allen Details seinen Besuch im Bordell schildert, den Empfang, wie er eine Frau kennenlernt, welche Kleider, welche Unterwäsche sie trägt, wie sie ihn mit ins Séparée nimmt. Als die Spannung ihren Höhepunkt erreicht hat und die Kollegen endlich wissen wollen, was denn nun geschehen sei, meint er nur lakonisch: "Der Rest war wie bei uns zu Hause." Brutalität, Aggression ist Bestandteil von fast allen Witzen, in praktisch jedem Witz kommt ein Dummer, eine Dumme vor, auf dessen oder deren Kosten der Witz gemacht wird. Dieses brutale Lachen sei eine "vorübergehende Betäubung des Herzens", sagte der französische Philosoph Henri Bergson. Insbesondere beim Lachen über sich selbst kann diese Betäubung auch den Schmerz des eigenen Unglücks für einige Momente vergessen lassen. Als Robert Gernhardt eine Geschichte über einen widerlichen Rollstuhlfahrer schrieb, hagelte es Leserbriefe von Nichtbehinderten, die den Autor als Menschenverächter beschimpften. Gleichzeitig meldeten sich drei Behinderten-Zeitschriften. Sie wollten den Text nachdrucken. Mel Brooks, der sich rühmt, in seinem Humor keine Grenzen zu kennen, sagt über die Figuren seiner Witze: "Wir können die Blinden nicht auslassen. Sie leiden wie die Sehenden." Es mag schmerzen, wenn man ausgelacht wird. Aber im Grunde heißt, über jemand zu lachen, ihn ernst zu nehmen. Es gibt Witze, die so geschmacklos sind, daß sie nicht erzählt werden dürfen. Aber es gibt keine Themen, keine Gruppe, über die keine Witze gemacht werden dürfen. Ein geschmackloser Witz über Blondinen ist nicht besser als einer über Juden. Ein guter Witz hingegen - egal, was sein Thema ist - ist eine Hilfe, das Leben zu meistern. Das wissen gerade die Juden, die trotz jahrhundertelanger Verfolgung ihren Humor behalten haben. "Der jüdische Humor ist aus unserer Geschichte entstanden", sagt der Rabbiner Henry Sobel, "wir mußten lachen, um zu überleben." Humor zu haben, heißt nach Gene Perret, einem amerikanischen Gagschreiber, der unter anderen für Bob Hope und Bill Cosby gearbeitet hat: 1. die Dinge so sehen, wie sie sind, 2. sie zu erkennen, wie sie sind, und 3. sie zu akzeptieren wie sie sind. Viel mehr als mit Lachen hat Humor mit Ehrlichkeit zu tun. Mit Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, mit Distanz zum eigenen Schicksal. Der humorvolle Mensch steht (mindestens zeitweise) über sich und seinen Problemen und sieht aus der Distanz die Probleme in ihrer wahren Größe. Aus der Entfernung wirkt oft lächerlich, was aus der Nähe als bedrohlich erschien. Wir lachen und weinen über die selben Dinge. Die großen Komödien befassen sich mit den selben Themen wie die großen Tragödien: mit Liebe und Tod. Aber im Gegensatz zum tragischen Helden, der sich gegen sein Schicksal wehrt und dabei untergeht, spielt der komische Held dem Schicksal einen Streich und entkommt. Der komische Held, schreibt Conrad Hyers in seinem Buch über das "Komische Heldentum in einer tragischen Welt", sei eine ernsthaftere Figur als der tragische. Gerade weil er kein Held ist, siegt er. So beenden die Frauen in Aristophanes Komödie "Lysistrata" den Krieg nicht durch Tapferkeit, sondern ganz einfach durch einen Sexstreik. Humor, sagt Arthur Koestler, hat viel mit Kreativität zu tun. Und mit Gelassenheit, wie das fälschlicherweise gekreuzigte Jesus-Double Bryan aus dem Monty-Python-Film "The Life of Bryan" beweist, der statt zu verzweifeln singt: "Allways look at the bright side of life." "Die Komödie findet sich mit der Willkür und der Verworrenheit des Lebens ab", schreibt Conrad Hyers, "indem es diese als Teile des Abenteuers Leben akzeptiert." Der "Wizzard of Id", ein amerikanischer Comic-Magier, sagt in einem Zeitungs-Strip: "Ich habe ein Mittel für die ewige Jugend gesucht. Jetzt habe ich ein Mittel gefunden, das zwar die Jugend nicht erhält, das aber macht, daß es einem völlig egal ist, wenn man älter wird. Ich nenne es Cognac." Ebensogut hätte er das Mittel Humor nenne können. Auch wer Humor hat, wird älter, auch wer Humor hat, stirbt irgendwann. Aber der Humor hilft ihm oder ihr, in einer Welt, die doch eigentlich recht schrecklich ist, ein bisschen Würde zu bewahren und dem allmächtigen Schicksal dann und wann die Zunge herauszustrecken. Ich lache heute nicht häufiger als früher. Noch immer versuche ich, mich den Dingen zu nähern, statt mich von ihnen zu distanzieren, suche noch immer etwas, von dem ich längst weiß, daß es nicht existiert. Nur manchmal gönnt mir mein Charakter eine Pause, trägt mich davon und läßt mich über mich und meine Umgebung lachen. Das sind die Momente, in denen ich mich am weitesten von meinem Ziel entfernte habe und mich ihm doch am nächsten fühle. Dann erscheint mir das Leben - wie E. M. Cioran es ausdrückte - "wie ein Unheil, das nicht gekannt zu haben mich untröstlich machen würde."
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