entwürfe - Zeitschrift für Literatur
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Jacqueline Moser, *196; lebt und arbeitet in Basel.


Jacqueline Moser

Annabella

Annabella hatte festes dunkelbraunes Haar, das ihr dick und schwer auf den Schultern lag. Rena hatte blondes kurzgelocktes Haar und einen dicken Bauch. Das Restaurant des Kaufhauses lag im fünften Stock. Von dort aus hatte man einen herrlichen Blick über die Stadt. Das heißt, wenn man mit etwas Glück einen Fensterplatz erwischte. Während der Mittagszeit war dies so gut wie aussichtslos. Bunte Menschenschlangen drängten sich mit gefüllten Tablars durch die schmalen Gänge, unruhig ausschauhaltend nach einem freiwerdenden Platz. Anders für die Angestellten, im hinteren Teil, neben der Rolltreppe, waren die Tische für sie reserviert. Meine Schwiegereltern hatten schöne Ferien, sagte Rena und häufte die gebratenen Kartoffeln auf die Gabel. Annabella blickte kurz auf. Das Essen war sehr gut, fuhr Rena fort und streifte sich eine kleine Locke aus dem Gesicht. Annabella murmelte etwas Unverständliches. Sie drückte den kleinen Löffel in das dickflüssige Joghurt ein und beobachtete interessiert, wie die weiße Masse über den Rand des Löffels quoll. Rena erzählte von den Ferien der Schwiegereltern, von dem frisch gebauten Haus, von der ausgewählten Garderobe und dem kippbaren Mistkübel in der Küche. Annabella hatte eine kurzärmelige Bluse an, und ihre Arme lagen nackt und zerschunden auf dem Tisch. Gelegentlich warf jemand beim Vorbeigehen einen versteckten Blick auf Annabellas Arme. Doch Annabella bemerkte davon nichts. Rena umwickelte das Stück Birnenkuchen mit einer Papierserviette und ließ es in ihre Schürze fallen. Flink stand sie auf und ging mit aufrechtem Gang, das Tablar auf ihrem Bauch, zum Band. Annabella ging hinter Rena her. Kurz darauf schnitt Annabella mit dem Messer die durchsichtigen Riemen auf, packte die Gläser aus dem Papier und stellte sie in das Regal. Rena saß hinter der Kasse und fuhr mit dem Plastikbügel über die Preise. Nicht mehr lange, lachte sie. Annabella kam mit der Rolltreppe aus dem Sous-Sol. Draußen war es bereits am Eindunkeln. In ihrer Stofftasche hatte sie eine Portion Reissalat und zwei Tomaten fürs Abendbrot, und an ihrer Hand baumelte ein kleines mit einer Schnur umwickeltes Paket. Der Metzger hatte es neben der Schneidmaschine aus dem unteren Fach geholt, wo er es für sie den Tag über aufgehoben hatte. Zu Hause öffnete Annabella vorsichtig die Haustür und hängte den Mantel an die Garderobe. Mit einem kleinen Brr Brr auf den Lippen streckte sie den Kopf ins Wohnzimmer. Leise trat sie auf Zehenspitzen in die Küche. Unter dem Tisch auf ihrer roten Strickjacke lag Kater Boubou und leckte sich mit seinem rosaroten Zünglein die Pfoten. Ludovit stand mit Clemens vor dem Tabakgeschäft. Seit Clemens mit seiner Frau und den beiden Mädchen in dasselbe Quartier gezogen war, trafen sie sich gelegentlich. Hie und da sahen sich die beiden jungen Familien am Samstag beim Einkaufen, an einem Sonntagnachmittag im Gartenbad, oder die Wege von Ludovit und Clemens kreuzten sich nach der Arbeit am Abend auf der Straße. Manchmal blieben sie beieinander stehen und wechselten ein paar Worte. Ludovit und Clemens waren als Jungen in derselben Klasse gewesen. Damals hatten sie nicht gerade viel miteinander zu tun gehabt. Aber sie hatten sich gemocht, und als einmal unversehens das Winnetou-Portemonnaie von Clemens in der Turnhallengarderobe auf der Bank gelegen war, hatte es Ludovit in seinen Hosensack gesteckt und sich davongemacht. Clemens hatte nun eine attraktive Frau, zwei nette Kinder, einen Wohlstandsbauch und einen dicken Geldbeutel. Vermutlich würde er sich nicht einmal mehr an das Winnetou-Portemonnaie erinnern können, dessen Verschwinden er, der Häuptling der Apachen, so heftig beweint hatte, daß die ganze Schule deswegen in Aufruhr geraten war. Ludovit hätte es damals am liebsten sofort wieder zurückgegeben, natürlich ohne den roten Zehnfrankenschein, was leider nicht möglich war. Ludovit erinnerte sich gelegentlich noch daran, wenn er sich von Clemens verabschiedete und über die Straße ging. Dabei mußte Ludovit ein wenig schmunzeln, wenn er an den Jungen dachte, der die beiden darauffolgenden Stunden seine feuchte Hand nicht mehr aus der Hosentasche genommen hatte, aus lauter Angst, das Portemonnaie könnte ihm aus Versehen aus der Tasche fallen und er wäre im Nu seine zugefallene Beute wieder los. Hätte Ludovit Clemens aufklären sollen? Was sollte ein Geständnis, das keines mehr ist, nach so vielen Jahren, nun als Erwachsene. Und Ludovit hatte deswegen nicht die Laufbahn eines Diebes eingeschlagen. Aber vielleicht würde er die Geschichte einmal seinem Sohn erzählen, ja, vielleicht würde er sie Milan einmal erzählen. Mitten im Einkaufszentrum stand ein kleiner Mann mit spitzem Kinn und buschigem grauem Haar. Er trug einen dunklen Anzug und hielt seine Arme vor der Brust verschränkt. Er stand kerzengerade da und brüllte aus Leibeskräften ein Gebet. Die Leute blieben stehen und starrten diese seltsame Erscheinung verwundert an, andere gingen grinsend an ihm vorüber, und wieder andere taten so, als würden sie Alfons Knup weder sehen noch hören. Ein Teil der Leute im Einkaufszentrum kannte den kleinen Mann. Oft sprach er oder schrie irgend etwas vor sich hin. Alfons Knup beendete das Gebet und sagte, wie es sich gehörte, Amen. Dies sagte er so laut, daß es auch der Letzte im Einkaufszentrum verstand. Alfons Knup verbeugte sich und ging zwischen den Leuten, die um ihn herumstanden, durch. Er schlenderte an den Gemüseauslagen entlang und blieb vor einem Korb stehen. Er nahm einen Cicorino rosso in die Hand und betrachtete ihn. Der Cicorino ist ganz frisch, sagte die Verkäuferin. Und was kann man damit machen? fragte Alfons Knup. Risotto al Cicorino con vino rosso, zum Beispiel, antwortete die Verkäuferin und auf seine Frage, wie man denn so etwas kocht, erklärte sie ihm, wie das geht. Alfons Knup hörte der Verkäuferin interessiert zu.

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