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Felicitas Hoppe, *1960 in Hameln; lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt erschien bei Rowohlt/Reinbek ihr Roman "Pigafetta".
Felicitas Hoppe
Gelächter
Wo das Lachen aufhört, beginnt das Gelächter, macht sich breit, wo es nichts mehr zu lachen gibt, in den Nischen der Freude am Schaden, die es ausstopft mit Häme, Bosheit und Spott. Das Gelächter geht immer auf anderer Kosten, ganz gleich, wer die Lacher sind. Ob Götter, ob Menschen, ob Teufel, der Gelächterchor zahlt niemals selbst, sondern zahlt immer heim, hält sich schadlos am Schaden, von dem er nicht weiß, daß es schließlich doch nur der eigene ist, und will die ewig offene Rechnung des schlechten eigenen Lebens begleichen. Die Rechnung bleibt trotzdem offen, weil das Gelächter nicht die Muskulatur des Herzens, sondern jene des Bauches bemüht. Man biegt sich und krümmt sich, Horizonte kennt das Gelächter nicht, seine Posaune tönt vertikal, aus der Tiefe von unten oder stürzt aus der Höhe des Himmels herab ohne Aussicht auf Trost und Erlösung. Es läuft durch den Bauch und den Kopf in den Rachen und zwischen zwei Reihen gespitzter Zähne heraus aus dem Mund, und obwohl das Lachen gesund macht, wie man so sagt, lacht man sich immer erst krank und dann tot. Vielleicht rührt daher der Ton des Gelächters, der keine Musik ist, kein Klang, sondern Heulen, Röcheln, das Knirschen von Zähnen am Rand der Verzweiflung. Das Gelächter ist maßlos in jede Richtung, es schließt aus, niemals ein. Zwei Adjektive sind Adjutant: schallend nach oben, unterdrückt nach unten, mit offenem Mund aber hinter vorgehaltener Hand, verschämt und boshaft, leise und laut, wie das kichernde Gelächter eines Gerüchts, das nicht kennt, was es nacherzählt. Nichts ist aber schöner als die Erschöpfung nach dem Gelächter. Sie erfaßt ohne Gnade und Rücksicht den ganzen Körper, erleichtert, entspannt und ist trotzdem nichts als die Ruhe vor weiterem Sturm. Wie damals mein ganz leises Lachen an Großvaters Grab, das nichts anderes war als Verlegenheit und ein letzter Gruß, dann aber unvermutet zu wachsen begann, um schließlich den ganzen Kreis zu erschüttern. Es schwankten im Regen die schwarzen Figuren, und was zunächst nur mein Lachen war, wurde plötzlich Gelächter, lauter Neid auf den Großvater, der seinen Tod schon hinter sich hatte und jetzt vielleicht oben saß oder unten, jedenfalls nicht mehr da war und folglich, von wo aus auch immer, ganz auf uns pfiff. Als sechs Männer Großvaters Sarg in die Grube senkten, war ich noch still und hielt mich an meiner Schwester fest, die an diesem Tag schön war, so schön, daß ich gerne weinen wollte. Aber weil ich den Großvater beweinen mußte, fing ich stattdessen an zu lachen, erst leise, wobei ich mit ernstem Knacken der Knochen gegen die Schwester kippte, so wie der Großvater gegen die Wand seines Sarges und der Sarg gegen die Wand von Großvaters Grube. Dann floß mein Lachen, vielleicht schon Gelächter, vertraulich in meine Schwester hinein, von da aus hinüber auf meine Tante, mit der uns, wie wir damals noch glaubten, nichts verband als ein seidenes Taschentuch. Sie war es, behaupten wir heute, von der aus das Unglück den Lauf nahm. Es pflanzte sich fort in der Kette aus Lachern, als sei es kein Prediger, der vorne sprach, sondern einer, der Witze erzählt in der Wirtschaft. Man kennt das, jeder kennt es und sieht uns schadenfroh dabei zu, wie wir dastehn in der Kette aus Lachern über Lebensgeschichten und Bibelstellen, die zu schlechten Scherzen gerinnen. Der ganze pechschwarze Zaun aus Gästen gerät folglich weiter ins Wanken, bis es schließlich kein Entrinnen mehr gibt, nur noch Kippen und Schwanken, als säßen wir wieder einvernehmlich in geschlossenen Räumen beim Leichenschmaus. Selbst meine Großmutter konnte diesmal nicht Einhalt gebieten. Ihr Gesicht, eine Maske aus weißem Verlust, wie später der Zuckerguß auf den Kuchen, erschien uns im Augenblick überaus komisch, so daß sie am Ende vor lauter Verzweiflung lauter lachte als alle und den Kreis des Gelächters erst durch den wild entschlossenen Händedruck mit dem Prediger schloß, der längst aufgehört hatte, Priester zu sein, um endlich Komplize zu werden. Dann wurde es still. Der Sarg hatte Grund und Boden erreicht, und wir wischten uns mit seidenen Tüchern von Tanten, die reichlich vertreten waren, traurig und gegenseitig die Tränen von Stirn und Gesicht. Nachher saßen wir schweigend und wieder getrennt in der Wirtschaft, in der weder Lachen aufkam noch Gelächter. Durch die doppelten Reihen gespitzter Zähne gossen wir Wein auf die Scham darüber, daß wir die Rechnung doch nicht beglichen haben, daß wir noch immer am Leben sind und nicht wissen, wo unser Großvater ist und von wo aus mit wessen Stimme er uns von nun an verlacht.
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