<%@ Language=VBScript %><% Session("bgcolor") = "#283090" %> entwürfe - die literaturzeitschrift der schweiz <%'rechtes oberes farbiges Feld %>
entwürfe - Zeitschrift für Literatur
.

Heiko Michael Hartmann, *1957; lebt als Jurist und Autor in Berlin. 1997 erschien sein erster Roman «MOI». Sein nächstes Buch, «Unterm Bett», erscheint im Frühling 2000 bei Hanser.


Heiko Michael Hartmann

Lachen

Ein humorvoller Mensch, dachte ich, als ich es das erste Mal hörte. Dumme, großzügige Ahnungslosigkeit! Im nachhinein kommt es mir vor, als hätte ich damals eine Würgeschlange, die sich von hinten langsam um meinen Hals schlingt, "Liebling, bist du's?" gefragt. Ich werde verrückt. Ich werde verrückt, oder ich verkaufe meine Wohnung. Als Student habe ich bei einer Theatergruppe mitgespielt, ich liebe Beckett, Kafka, Chaplin und Woody Allen - niemand kann mir vorwerfen, ich hätte keinen Sinn für Humor. Im Gegenteil! Ich lache ständig. Für mich ist der Humor ein Beweis für die innere Größe, ein Triumph und Höhepunkt der Menschlichkeit. Jederzeit, bei jeder Gelegenheit, ausnahmslos. "Mit Humor!" - so würde ich sagen, falls mich jemand fragen sollte, wie ich sterben will. Also bitte! Über alles darf man lachen, selbst über das Schlimmste. Nur nicht so wie meine Nachbarin. Haha! Das ist kein Lachen, das ist ein Halsgebrüll, ein Schlundkrakeel, schlimmer als ein Tierschrei. Haha! Faß, dachte ich später, es als die Aktivität einer Apparatur auf, die Autogeräusche, die durchs Fenster dringen, erträgst du ja auch. Aber es gelang nicht. Haha! Wenn sie bei ihrem Lachen nur wenigstens feste zeitliche Abstände einhalten würde. Jede halbe Stunde, jede viertel Stunde, meinetwegen sogar alle drei Minuten - selbst das würde mir schon helfen. So wie es jetzt ist, kann es jedenfalls nicht weitergehen. Sie lacht, dann ist es ruhig, sie lacht wieder, dann gleich nochmal und nochmal, dann wieder nichts, dann - man wird verrückt davon. Manchmal sitze ich wie gelähmt neben der Wand und höre. "Nicht zu Hause", atme ich auf. Dann plötzlich, als hätte sie die ganze Zeit darauf gewartet - Haha! Selbst nachts hört sie nicht auf damit. Nicht jede Nacht, nein, natürlich nicht, sie sucht sich die Nächte für ihr Lachen genau aus. Als ich etwa einmal ein wichtiges Vorstellungsgespräch hatte, hat sie in der vorangehenden Nacht gelacht. Jetzt holst du die Polizei, habe ich mir damals gesagt. Natürlich hab ich's nicht gemacht. "Sie lacht?" hätte der Polizist am Telefon gefragt - und gelacht. Es gibt keine Tätigkeit, die von vornherein als entschuldigt gelten darf, auch das Lachen nicht. Oder ist das vielleicht in Ordnung, wenn ein Autofahrer, der ein kleines Kind überfährt, danach anhält, aussteigt und - Haha! - lacht? Alles steht in einem Zusammenhang, auch das Lachen, und wenn es, wie bei meiner Nachbarin, keinen zu haben scheint, entzieht es sich noch lange nicht der Beurteilung. Im Gegenteil! Das Zusammenhang- und Grundlose ist ja beim Lachen meiner Nachbarin gerade das, was mich aufbringt. Sieht sie fern? Liest sie ein Buch? Wird sie gekitzelt? Man weiß nichts, nur das Lachen ist zu hören. "Über was", möchte ich sie einmal fragen, "lachen Sie? Sagen Sie es!" "Sind Sie", würde sie antworten, "verrückt? Das Lachen gehört zu meiner Intimsphäre." Und das Hören nicht? Überall wird jetzt geredet, überall gelärmt, überall gelacht. "Gehen Sie doch", wird einem gesagt, "in den Wald, dort ist es still." Ich will aber nicht in den Wald. Ich will in die Zivilisation. Hätte ich mir andernfalls eine Eigentumswohnung gekauft? Die gehört dir, habe ich gedacht und bin eingezogen. "Klagen Sie doch", hat einmal jemand zu mir gesagt, dem ich von der Nachbarin erzählt hatte. Klagen! "Na schön", würde der Richter sagen, "dann lachen Sie halt einmal vor." "Haha!" "Sie lügt! In Wirklichkeit ist es viel schlimmer." Lächerlich. "Die Gerechtigkeit ernst nehmen!" so heißt es heute im Gerichtssaal, "gelacht wird in der Wohnung." Dabei gehörte das Lachen sogar einmal zu den gerichtlich festgesetzten Todesstrafen. "Hurensohn!" riefen die orientalischen Hirtenrichter dem Delinquenten zu. "Salz auf deine Fußsohlen!" Dann wurden die Ziegen geholt. In Japan halten sich noch heute lachende Frauen aus Anstand die Hand vor den Mund. Doch bei uns - "das Lachen als solches", wird gesagt, und soviel ist wahr, daß man ohne Abstraktion über nichts sprechen kann. "Wir fassen alles in einem einzigen Begriff zusammen, dann haben wir es jederzeit parat." Welcher Schaden damit angerichtet wird! Als seien solche Gurgellaute, wie sie meine Nachbarin hervorbringt, etwas Gesundes, Fröhliches, Erlaubtes, als gebe es keinen Schein, als seien Begriffe, bloß weil sie ständig benutzt werden, glaubwürdig. "Sie schreit. Ein schrecklicher, verzweifelter, erschütternder Schrei. Er hört sich an wie ein Lachen." "Sie schreit?" würde der Polizist antworten. "Wir kommen sofort." Bitte! Einmal habe ich mir sogar überlegt, ob ich die Nachbarin umbringen darf. Nicht tatsächlich, juristisch, das ist verboten. Rein gedanklich, ideell, im Sinne einer begrifflichen Klarstellung. Ich bin der Meinung: Ja. Am liebsten würde ich dazu eine Garotte benutzen. Zuvor wird meine Nachbarin ermahnt. "Betrachten Sie", wird gesagt, "das Lachen als eine Befreiung. Wovon? Vom Ernst des Lebens!" Dann kommt ihr Hals in die spanische Würgeschraube hinein, und sobald wieder ein leichtfertiges, nicht befreiendes, also sinnloses Lachen aus ihm herauszudringen versucht, wird gewürgt. Es geht nicht anders. Ohne dieses schöne Bild vom Gleichgewicht der Kräfte, müßte ich verzweifeln. Eine einseitige, bedenkenlose Willkürherrschaft, wie sie das Lachen in der Wohnung meiner Nachbarin ausübt, bereitet jedem empfindsamen, hilflosen Ohr eine unerträgliche Qual. "Was war das?" frage ich mich beim kleinsten Geräusch. "Hat's gelacht?" Wie lange noch? Ein angeborenes unlogisches Lachen verliert sich ja nicht, es hält an bis zum Ende. Mit welchen Folgen für die Nachbarn! Seit Wochen habe ich nicht mehr gelacht. Das Lachen ist mir vergangen, es ist mir zuwider geworden. Nachbarin! Ist es das, was du willst? Mit dem eigenen Lachen das der anderen unterbinden? Paß bloß auf! Der Mißbrauch des Lachens führt ins Nichts! Manchmal habe ich auch schon gedacht, eine Versöhnung sei noch möglich. Ich würde mein Lieblingshemd anziehen und mich kämmen. Dann klingle ich bei ihr. "Guten Tag," würde ich sagen, "ich bin Ihr Nachbar." Und wenn sie dann lacht? Mitlachen würde ich. "Sie", sage ich, "sind ja eine! Selbst jetzt, wo ich gekommen bin, um unsere unterschiedlichen Gemüter einander anzunähern, empfangen Sie mich mit einem herausfordernden, unüberlegten, vorschnellen Lachen. Wie kommen Sie dazu? Wahrscheinlich liegt es an Ihrem Gehirn, wir Menschen sind verschieden. Dennoch müssen wir aufeinander Rücksicht nehmen, schon der Platzmangel und die leichte Bauweise der Wohngebäude sprechen dafür." "Ja", antwortet sie und zeigt mir ihre Wohnung. "Man kommt kaum durch. Sehen Sie nur! Alles voller guter, geistreicher, ironischer Bücher. Immer wieder reizen sie mich zum Lachen. Leider habe ich eine Stimme, die dem hohen Anspruch der Bücher nicht gerecht wird. Hören Sie mal: Haha!" "Dafür habe ich Verständnis. Die Natur kommt an die bemerkenswerten Leistungen des menschlichen Denkens oft nicht heran. Zwar ist sie in ihrer langjährigen Entwicklung schon sehr weit gediehen und bildet insofern eine gute körperliche Grundlage für jede Art der geistigen Betätigung. Doch für sich genommen, pur sozusagen, macht sie eher einen gröblichen, gedankenlosen Eindruck. Nehmen wir nur all die Pflanzen und Tiere, die von höheren Möglichkeiten nichts wissen und immer nur ans Fressen und die Vermehrung denken. Leider gibt es auch unter den Menschen viele, die sich außer den ihnen am nächsten liegenden Neigungen zu nichts verpflichtet fühlen. Selbst das Lachen, diese wunderbare höchste Möglichkeit, scheint ihnen bloß irgendeine Ausscheidung zu sein, die recht oft abgehustet werden muß." Dann nehme ich meine Nachbarin an der Hand. Wir lachen kurz, gehen zum Fenster und bewundern die Sonne oder, falls die Nacht hereingebrochen ist, den Mond. "Wie", sage ich, "den Himmelskörpern sind wir unseren Nachbarn ausgeliefert. Ein Umzug hilft wenig, denn Nachbarn gehören zum Wohnen einfach mit dazu. Freilich können sie sich in einer merkwürdigen Überraschung auch als feine, zarte Seelen herausstellen, die - entgegen dem ersten groben Anschein - ihr Lachen als einen wohlüberlegt zu rationierenden Ausdruck ihrer inneren Anmut auffassen." Dann legen wir einander die Arme um den Hals, küssen uns und - Unfug! Diese Nachbarin ist ausgedacht. Meine wirkliche Nachbarin hat angeklebte Fingernägel, kaut Kaugummi und trägt allein im rechten Nasenloch drei Ohrringe. Haha! Ihr Lachen ist im Grunde nur die Spitze eines Eisbergs. Haha! Niemand lacht anders, als er lebt. Trotzdem denke ich manchmal: Sie ist es gar nicht. Zumindest nicht allein. Eine einzelne Nachbarin kann sich dieses grauenvolle, tendenziöse, neuzeitliche Lachen gar nicht ausdenken. Wie das Wahrzeichen einer ganzen Epoche wohnt meine Nachbarin neben mir. "Wer am stärksten lacht, wird am besten gehört" - so lautet das Motto, nach dem sie lacht. Als ob das Lachen zum Hören da sei und das Denken zum Sprechen. Ich zum Beispiel lache am liebsten still in mich hinein. Das reicht mir völlig aus. Nur einmal habe ich so laut gelacht wie meine Nachbarin, vielleicht sogar noch lauter. Es war aber auch gar kein Lachen, sondern nur eine Demonstration. "Haha!" habe ich gemacht, damit meine Nachbarin sich ihres eigenen "Haha!" bewußt wird. Sie wurde es aber nicht. "Haha!" kam es bald darauf zurück, ohne daß es sich wie eine Antwort anhörte. Entweder ist ihr die Ironie so fremd, daß sie sie selbst in der ruppigsten, rohesten Form nicht erkennt, oder sie hat sich mit ihrem ständigen "Haha!" schon taub gelacht. Daß das Lachen zur Selbstverstümmelung führen kann, zeigt, daß es sich von anderen gut angesehenen, in Wirklichkeit mehrdeutigen Aktivitäten, nehmen wir das Begehren, das Begreifen und alle anderen Formen der Lust, kaum unterscheidet. Alles ist großartig, alles ist schrecklich. Natürlich habe ich auch schon überlegt, ihr zu schreiben. "Liebe Nachbarin", könnte es heißen, "hören Sie mit dem Lachen auf, sonst erschlag' ich Sie." Wahrscheinlich würde sie darüber nur lachen. Eine fremde Verzweiflung anzuerkennen, dazu ist sie gar nicht mehr in der Lage. "Allenfalls", würde sie sagen, "bin ich selbst das Lachopfer. Dann wäre ich wie jede andere Süchtige zu behandeln, also mit Rücksicht und Einfühlungsvermögen, Erschlagen gehört nicht dazu." Es gibt keinen Ausweg. Entweder sie stirbt von selbst, oder ich werde ein vom Lachen ruiniertes Leben führen müssen. Wie jeder andere erworbene Fluch treibt der einer Eigentumswohnung sein quälendes Doppelspiel mit mir: Hoffnung oder Befürchtung - anders vermag ich über die Zukunft nicht nachzudenken.


.
Herausgeber: Verein "entwürfe für literatur", Zürich
© Texte: "entwürfe für literatur", Autorinnen und Autoren
.